Das Comeback der Horoskope oder: Why am I so obsessed with me?

17. September 2019 von in

Horoskope waren für mich lange Zeit etwas absolut Lächerliches, das ich lediglich mit den Frauenmagazinen auf dem Gästeklo meiner Mutter in Verbindung brachte. Ich dachte bei dem Wort an Ethno-Muttis, die auch Kristalle für jede Mondphase besitzen, auf Globulis schwören und mit ihren Katzen übers Wetter sprechen. Das ist heute anders.

Ich weiß nicht, wie und wann es passiert ist, aber Astrologie ist jetzt cool. Meine erste Reaktion auf den explosionsartigen Anstieg von Horoskop-Content, der plötzlich meine Feeds flutete, war erst mal Ungläubigkeit. Ist das ironisch gemeint? Ist das irgendein Insider-Joke, den ich nicht mitbekommen habe? Aber es stellte sich schnell heraus: Nein, die meinen das ernst. Instagram-Accounts mit Namen wie „@trashbag_astrology“ oder „@notallgeminis“, die epidemieähnliche Verbreitung von Astro-Apps wie „Co–Star“ und die Tatsache, dass plötzlich gefühlt jeder Blog und jedes Magazin eine eigene Astrologin verpflichtete – es gab keine Zweifel. Ich fühlte mich plötzlich irgendwie unmodern und ausgeschlossen, weil ich bei den Sternzeichen-Bingo-Memes nicht mitreden konnte. Oder weil ich nicht wusste, was mein Aszendent ist und was zur Hölle der eigentlich bedeutet.

 

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Die Renaissance der Sterne

Inzwischen weiß ich, was mein Aszendent ist (Skorpion, Mond im Wassermann, aber was er genau bedeutet, weiß ich immer noch nicht – aber auf jeden Fall: Represent!). Ich musste dazu, leicht beschämt, meine Mutter nach der Uhrzeit meiner Geburt fragen, wohl wissend, dass viele Baby-Boomer-Mütter weltweit in letzter Zeit diese Frage beantworten mussten. Ich lese auch ab und zu wieder Horoskope. Widerwillig – was vermutlich daran liegt, dass ich Jungfrau von Sternzeichen bin, und die sind ja eher rational veranlagt, hab ich gelesen. Aber es geht besser, seit ich mit einem neuen Blick rangehe.

Ähnlich wie bei vielen Phänomenen, die irgendwo auf der Grenze zwischen Psychologie und Hexerei liegen, können einem Horoskope nämlich tatsächlich weiterhelfen – wenn man sie nicht so ernst und wörtlich nimmt. Ähnlich wie bei Tarotkarten oder beim Kaffeesatzlesen muss man das ganze Unterfangen eher als eine Art psychologisches Experiment sehen, das einem dabei helfen kann, seine Struggles und Wünsche besser zu benennen. Und sich in der Welt zu verorten. Darin, so meine These, liegt auch das Geheimnis dieser unverhofften Renaissance der Astrologie, die lange Zeit in verstaubten Tee-und-Steine-Shops vergraben lug.

Die Illusion von Überschaubarkeit

Die moderne Welt, mal wieder. Sie stellt uns durch ihre rapide Veränderung und die totale Vernetzung, die sie mit sich bringt, regelmäßig an den Rand der Existenzkrise. Wer bin ich? Wer will ich sein? Was macht mich aus? Und wie zur Hölle komprimiere ich all das in eine Internetpräsenz (Spoiler: Es ist unmöglich)? Noch nie war es so schwierig, individuell zu sein – und noch nie war unser Wunsch danach gleichzeitig so akut. Da ist es natürlich extrem tröstlich, wenn man sich in etwas so simplem wie einem Sternzeichen repräsentiert fühlt. Sternzeichen unterteilen die Menschheit in grobe zwölf Kategorien und erlauben uns die Illusion von Überschaubarkeit und kosmischer Vorausbestimmtheit. Sie erlauben uns eine neue Methode, uns mit uns selbst zu befassen, ohne dass wir uns dabei selbstverliebt vorkommen müssen. Sie lassen uns verstanden fühlen und suggerieren uns, dass wir nicht alleine sind – egal, wie schrullig wir uns manchmal vorkommen. Hashtag Justvirgothings.

Und wenn ihr jetzt denkt, dass so eine trockene Analyse eigentlich nur von einer Jungfrau (Aszendent Skorpion) kommen kann, dann ist das okay. Denn daran ist nichts auszusetzen. Ganz ehrlich: Wenn Horoskope auch nur einer Person die Wirklichkeit erträglicher machen, dann haben sie eine Daseinsberechtigung. Ich bin sogar ein bisschen neidisch auf alle, die sich so richtig auf die Sterne einlassen können. Denn ein bisschen mehr Überschaubarkeit können wir alle gut gebrauchen.

Bildcredits: Jeremy Thomas, Josh Rangel via Unsplash

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