Die Internetdiät: Das Fazit

7. April 2015 von in

Wie es mir in dieser Woche ergangen ist?

Aufgeschmissen
Als ich letzte Montag, der erste Tag meiner internetbeschränkten Woche, um 18 Uhr das Internet ausstellte, fühlte ich mich automatisch etwas verloren. Ich saß in der U-Bahn vom Büro nach Hause und mein erster Gedanke war „Und wie komme ich jetzt zu BoConcept“? Das Gefühl des Verlorenseins war völlig irrational, da ich mittlerweile München wie meine Westentasche kenne, aber trotzdem fühlt man sich ohne MVV App oder Google Maps ein bisschen wie ein rechtshändiger Tourist, der nur die linke Hand verwenden darf.

Ausschlafen
In diesem Punkt habe ich aus Versehen geschummelt. Mein Plan war, nachwievor jeden Tag um 7 Uhr aufzustehen und statt die Zeit vor der Arbeit mit Beiträgen auf Instagram und verschiedenen Onlinemagazinen zu befüllen (was, wenn man es genau nimmt, große Ähnlichkeit hat zu der Zeit IN der Arbeit), mit Sport oder ähnlichem zu ersetzen. Stattdessen fragte ich mich Dienstagmorgen, als mein Wecker um 7 Uhr klingelte, wieso ich überhaupt aufstehen sollte, wenn ich doch schlafen könnte. Ich war unmöglich aus dem Bett zu kriegen und gönnte es mir, die ganze Woche bis 8 oder halb 9 zu schlafen, zu duschen, Kaffee zu trinken und um 9 das Internet anzustellen.

Gemütlichkeit
Ich gehöre zum Team Minimalismus was Wohnungseinrichtung betrifft und stehe ein bisschen auf den kühlen, etwas ausladenden Touch in einer Wohnung. Für die einen ist gedämpftes, warmes Licht gemütlich oder stimmungsvoll, für mich ist es Licht, das mein Sehvermögen behindert. So fügt es sich, dass in meiner Wohnung weder eine Couch zu finden ist, noch ein Sessel, geschweige denn dunkles Licht. Das habe ich ganz schön vermisst, als ich abends in meiner Wohnung saß und als DVD Fight Club an meinem Küchentisch ansah. Es ist soweit. Ich glaube, ich brauche einen Sessel in meiner Wohnung für Zeiten, in denen ich nicht funktionieren muss oder möchte und gleichzeitig nicht in meinem Bett liege.

Zeit
Was ich vor allem unter der Woche zu spüren und schätzen bekam, kann man im Endeffekt mit einem großen Wort zusammenfassen. Zeit. Ich entdeckte das Bummeln für mich. Ich spazierte in Läden herum, ohne getrieben zu sein, nach Hause zu gehen und noch etwas zu erledigen. Ich trank Tee. Ich sah mir eine Stunde ein Kochbuch an und schrieb mir Rezepte heraus. Ich lebte mit einem einfachen Ausstellen der mobilen Daten nicht mehr für den nächsten Moment, sondern blieb in der Gegenwart. Wenn ich kochte, kochte ich, wenn ich duschte, duschte ich und wenn ich Tee trank, dann gab es in dem Moment nichts wichtigeres, als den Tee aufzubrühen. Wellnessurlaub nichts dagegen.

Entzug
Es gab unter der Woche einen Abend, um genau zu sein den Dienstagabend, an dem ich mein Projekt über alles hasste. Ich hatte einen stressigen Arbeitstag hinter mir, der es mir nicht erlaubte, mal in Ruhe das Internet auswendig zu lernen, mit Freunden zu chatten, Emails zu beantworten oder meine Woche zu planen. Plötzlich war es schon 19 Uhr und ich stellte gehetzt mein Internet aus, wütend auf mich und die Welt. Ich merkte, wie ich dennoch getrieben alle zwei Minuten (das ist kein Scherz) auf mein Handy sah, um enttäuscht festzustellen, dass nichts passieren würde. Ich lief nach Hause, schrieb ein paar SMS und telefonierte mit einer Freundin und meiner Mama. „Jetzt kann ich auch nichts ändern an der Situation, jetzt habe ich nun mal Freizeit, auch wenn ich eigentlich noch so viel zu erledigen habe“, diesen Gedanken sagte ich mir mehrmals vor, bis es okay war und ich mich auf meine freie, internetlose Zeit einzulassen erlaubte.

Das Wochenende
Von Freitag, 18 Uhr, bis Sonntag kein Internet, ich wusste, dass das die größte Herausforderung werden würde. Freitagabend stellte sich schon das erste Problem, nämlich die Abendplanung. Herumtelefonieren war noch nie mein Ding, vor allem, weil ein Anruf mit dem Inhalt „Hey, was machst du heute Abend?“ so viel verbindlicher ist, als eine WhatsApp Nachricht mit derselben Aussage. Samstag hatte ich tagsüber volles Programm, ich traf drei verschiedene Personen und putzte die gesamte Wohnung (hier nochmal das Thema „Zeit“). Der darauffolgende Samstagabend war ebenso kein Problem, da er sich glücklicherweise perfekt fügte. Sonntag – Osterbrunch und Übermüdung in Kombination? Ganz schlecht was meine Abstinenz betraf. Sonntagnachmittags brach ich mein Projekt ab, weil ich keine Energie mehr hatte, mich gegen das Internet zu wehren.

Am Wochenende kein Internet zu haben ist eine anstrengende Angelegenheit, da vor allem für Verabredungen WhatsApp so viel besser funktioniert als Anrufe. Unter der Woche war es vor allem abends absoluter Luxus, das Internet auszustellen und einfach nicht erreichbar zu sein, außer für die wenigen Freunde, die tatsächlich mal „einfach so anrufen“ oder eine SMS schreiben und mir einen schönen Abend wünschen. Ich habe mich selten so tiefenentspannt gefühlt und war fasziniert davon, wie schnell diese Entspannung von 100 auf 0 eintreten kann.

Dass ich nicht jeden Abend das Internet um 18 Uhr ausstellen kann, ist in der heutigen Zeit leider klar. Trotzdem möchte ich es regelmäßig machen, auch wenn es erst 20 Uhr ist, und mehr die Quality Time mit mir selbst genießen um nicht mehr so getrieben zu sein. Alles in allem ein schönes Projekt, das mir am Ende des Tages doch deutlich leichter fiel, als gedacht!

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13 Antworten zu “Die Internetdiät: Das Fazit”

  1. Hey Amelie,
    ein mutiger Selbstversuch. Und schon seltsam, dass ich das tatsächlich als „mutig“ bezeichnen muss, aber so ist es heutzutage ja echt. Ich bin auch gerade im Ausland und meine erste Frage war, wo ich eine Handykarte her bekomme, mit der ich auch Internet habe. Eigentlich schon krass, wie abhängig wir von der Erreichbarkeit sind. Jetzt versuche ich hier, mein Handy zumindest hin und wieder mal auszuschalten, aber es ist schwer!
    Ich werde zumindest wie du versuchen, dass ab 19 oder 20 Uhr Schluss ist! :)

  2. Interessantes Experiment! Ich stelle es mir unglaublich anstrengend vor, vor allem was den Wochenendentzug betrifft. Ich glaube das Schwierigste wäre für mich nicht einmal das Nicht-erreichbar-sein, sondern das fehlende Stöbern und Surfen. Ich persönlich liebe es bei den üblichen Verdächtigen ergo Instagram/Tumblr/Pinterest mir Dinge/Personen/Orte anzusehen und neue Impulse oder Ideen zu bekommen. Und das gerade am Wochenende!

    Andererseits geht dabei gefühlt auch immer unendlich viel Zeit drauf, die man anstatt vor dem Handy/Pc auch draußen verbringen könnte (um sich dort inspirieren zu lassen?). Vielleicht werde ich es auch mal mit einem Internetfreienwochenendtag versuchen. Man muss ja klein anfangen.

    Wie gesagt sehr interessant und sehr sympathisch zu sehen, dass man mit seiner Internetsucht nicht allein da steht :)

  3. Sehr interessanter Beitrag, liebe Amelie! Ich merke immer wieder, wie ich verrückt werde wenn ich im Ausland bin und nicht jederzeit über WLAN verfügbar sein kann. Hat man sich allerdings daran gewöhnt ein paar Tage oder nur mal einen Abend „off“ zu sein, ist das wahnsinnig entschleunigend. Ich versuche jetzt auch abends ab einer bestimmten Uhrzeit das Handy bewusst zur Seite zu legen und nicht mehr im schummrigen Licht des Smartphone-Displays im Bett bis 1 Uhr nachts durch den Instagram-Feed zu scrollen.
    Liebe Grüße von Consti :*

  4. Super interessant und toll, dass du das mit uns geteilt hast. Ich kenne das auch nur zu gut und es ist eigentlich schrecklich, dass man immer und überall online und erreichbar sein muss. Und mir geht es auch wie Consti, wenn ich im Urlaub kein Wlan in der Nähe habe, dann flippe ich halb aus. Wichtig ist es, sich einfach „Internet Hours“ zu setzen, so klappt es zumindest bei mir. Liebe Grüße, Fiona

  5. Ich find das Fazit sehr schön geschrieben, weil du weder das eine noch das andere verteufelst und deine Erfahrungen beschreibst. In der Stadt wäre ich schon manchmal aufgeschmissen ohne my MVV App und frage mich immer, wie die Leute das früher gemacht haben. Oder abends etwas mit Freunden planen, da gewinnen wir heute wahnsinnig viel Spontanität mit What’s App.

  6. Schönes Fazit. Danke auch für deine Ehrlichkeit und das Fazit, dass es eben doch nicht so einfach ist. Dennoch, einfach mal wieder Tee trinken und nur den Moment für sich nehmen, dass habe ich mir auch wieder vorgenommen. Es kann tatsächlich ganz hervorragend befreiend sein, einfach mal nicht „allzeit bereit“ erreichbar für jeden zu sein und sich eben dann zu melden, wann man es möchte und nicht, wenn man es muss. Komplett zum Verzicht zwingen will ich mich aber auch nicht, dafür gehört das Internet für mich einfach dazu (ich könnte zB keine DVD gucken, weil ich nur noch Netflix nutze und mich von meinen gepressten Medien verabschiedet habe…)
    Mehr solche Kolumnen und Inspirationen bitte, davon les‘ ich gerade bei euch (neben euren wunderbaren Outfits) einfach zu gerne, weil man sich Intellektuell ernster genommen fühlt, als von den durchschnittlichen Frauenzeitschriften ;-)
    Liebe Grüße

  7. Wirklich ein interessantes Projekt und noch interessanter, über deine persönlichen Erfahrungen zu lesen. Ich kann deine Ausführungen total gut nachvollziehen. Einerseits toll, nicht permanent für jedermann erreichbar zu sein, andererseits gehört das Internet für mich zur festen Abendplanung, Serien schauen etc.
    Eine Möglichkeit wäre, nur das Handy Internet abzustellen, so bist du immerhin nicht mehr via WhatsApp erreichbar, kannst aber noch am laptop surfen ;)

    Viele Grüße
    Marie

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