Handy weg! Die Oma in mir & der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit

19. Februar 2019 von in

Es gibt Momente, in denen fühle ich mich wie eine dieser Omas, die an die „gute, alte Zeit“ zurück denken. Aber seit einigen Jahren kristallisiert sich immer häufiger ein zwischenmenschliches Problem heraus, dem ich nur schwer auskomme. Und das 1. früher nicht so war, 2. in der Zukunft schlimmer wird und 3. jede von euch kennt.

Ich frage mich schon, ob ich übertreibe. Aber egal wie „normal“ es mittlerweile sein mag, ich empfinde es als unhöflich, wenn mein Gegenüber während eines Gesprächs auf sein Smartphone sieht. Vor dem kurzen Blick im Stil von „Ich schau nur, wie viel Uhr es ist“, bin freilich auch ich nicht gefeit. Doch selbst dieser kurze Moment kann jemanden aus einem Gespräch katapultieren. Denn selten bleibt der provisorische Uhrzeit-Blick bei einem Blick auf die Uhrzeit. Notifikationen, entgangene Anrufe, und Mitteilungen von guten Freunden, fesseln die Blicke auf das blaue Licht oft zu lange. Und wie viel Uhr war es jetzt eigentlich nochmal?

Sagen wir, Ranya sitzt Clemens gegenüber. Die zwei treffen sich in ihrer liebsten Kaffeebar, in der sie sich schon viel zu lange nicht mehr getroffen haben. Früher trafen sie sich dort häufig und sprachen über Gott und die Welt. So lange, bis sie vom Kaffee fließend übergehen konnten zum Wein; was der Anlass für die zwei Freunde war, sich dort regelmäßig zu treffen.

Anders als früher treffen sich die beiden nicht mehr so häufig. Die Zeit, du weißt. Wenn sie sich treffen, sieht heute Ranya nervös auf ihr Smartphone, und wendet den „Ich schau nur ganz beiläufig, wie viel Uhr es ist“-Trick an. Dabei weiß sie nicht, wieso sie überhaupt auf die Uhrzeit sehen muss. Schließlich hat sie heute keine Verabredung mehr. Wieso ist es so wichtig, ob es 17 oder 18 Uhr ist?

Clemens spricht währenddessen von einem Kuchen, den er versaut hat, weil er ein falsches Mehl oder so genommen hat. Das weiß Ranya nicht mehr so genau. Zugegeben, die Geschichte war recht fad und weitaus unwichtiger, als das Gesprächsthema davor: Die Trennung von der gemeinsamen Freundin Nadja und ihrem Freund. Ranya hält sich bei der aufbrausenden Debatte mit ihren Blicken auf das Handy zurück.

Doch als sich Clemens thematisch dem versauten Kuchen widmete, konnte Ranya nicht widerstehen. Sie blickte auf ihr Smartphone, und sah neben der Uhrzeit einige verpasste WhatsApp Konversationen. Sie scrollte sich kurz durch den Mitteilungsverlauf um zu prüfen, ob sie etwas besonders Wichtiges verpasst hätte (hat sie nicht).

Währenddessen schloss Clemens die Geschichte mit einer Pointe ab, die Ranya entging. Clemens fühlte sich dumm, aber gleichzeitig wollte er es auch nicht ansprechen und aus einer Mücke einen Elefanten machen. Doch sein Gefühl bleibt: Die eh schon nicht-ganz-so-gute Geschichte über einen Kuchen wurde in ihrer Relevanzlosigkeit an die Spitze getrieben, als ihre kleine, rettende Pointe überschattet wurde von WhatsApp Nachrichten an Ranya wie „Was machst du heute?“, einem Meme, und einem endlosen Gruppenchat. Denn plötzlich war Ranya ganz woanders – für eigentlich gar nichts. Sie hatte weder etwas verpasst, noch über die Pointe lachen können und ihrem Gegenüber ein gutes Gefühl geben, geschweige denn sich an die Uhrzeit erinnern.

Das Beispiel ist nur eine kleine Momentaufnahme und bis heute passiert es mir, dass ich mich wie Ranya verhalte. Oder mich wie Clemens fühle. Aber die Erkenntnis, wie sinnlos diese Blicke auf’s Smartphone sind, führt in mir zu dem Bedürfnis nach Veränderung. Ausflüge auf Instagram, Twitter & co sind in Anwesenheit von Menschen, die sich Zeit für dich nehmen, respektlos.

Und ja, nennt mich Oma, aber es gibt wenig, was mein normalerweise recht niedriges Aggressionslevel in die Höhe schallen lässt, als Personen, die in Kinosälen, oder während Theaterstücken ihr Handy zücken. Ich hasse es. Klebt an eurem Telefon wie ihr wollt, aber macht es in Situationen, die für solche Momente geschaffen sind: Toiletten. Sofas. Öffentliche Verkehrsmittel.

Meine Nase klebt häufig an irgendeinem Bildschirm, aber ich will meine Freizeit nicht mehr mit sinnlosen Push-Mitteilungen verdaddeln. Manchmal bin ich wütend auf mich selbst, wenn ich reflexmäßig mein Handy entsperre, nur weil mein Gegenüber im Café auf die Toilette verschwunden ist. Als würde ich diese kurze Lücke zwanghaft nutzen wollen, um meine Nachrichten zu checken. Oder drei Fotos auf Instagram zu liken. Oder Mails zu checken, obwohl Samstag ist.

Ich will Leerlauf spüren, nach links und rechts sehen und mir denken: „Hach, was ist das gerade herrlich fad.“.

Leerlauf ist etwas sehr schönes, und Aufmerksamkeit schenken ebenso. Die Trennung von Internet und der Realität, ist in meinen Augen genau so wichtig wie die Trennung von Arbeit und Freizeit. Sich Auszeiten zu gönnen und einfach zu sein, ohne Platzhalter, ohne Schlupflöcher.

Und ja, vielleicht bin ich eine Oma geworden. Aber von Omas kann man sich auch mal eine Scheibe abschneiden. Zum Beispiel zuhören. Und Langweile genießen.

 

Foto via Unsplash

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7 Antworten zu “Handy weg! Die Oma in mir & der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit”

  1. Ich bitte hiermit offiziell um Aufnahme in den Oma-Club, die Young-Granny-Association oder wie auch immer das dann heutzutage heißen würde und sage ebenfalls laut „JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!“ zur Langeweile :)

  2. Ich bin leider auch nicht ganz vor diesem wie ich selbst finde sinnlosen Verhalten gefeit und schalte daher, wenn ich mich auf mein Gegenüber konzentrieren möchte, das Smartphone bewusst auf offline. Tatsächlich hab ich für die paar Stunden noch nie was Wichtiges am Smartphone verpasst.

  3. Genauso ist es…. dieses mittlerweile schon zombiehafte Verhalten, ferngesteuerte Gestalten laufen, ihren Blick fest auf ihre Smartphones gerichtet, durch die Stadt.
    Rennen dabei Passanten um, die ihrerseits an ihren Smartphones kleben und es daher auch gar nicht so richtig bemerken.
    Was um sie herum passiert, bekommen sie schon lange nicht mehr mit.

    Beim Ausgehen abends, ob Party, Konzert oder Restaurantbesuch – zu viele Menschen sind den halben Abend mit ihrem Handy beschäftigt, gerne auch mitten auf der Tanzfläche, Nachrichten schreibend und lesend – warum gehen sie dann überhaupt aus dem Haus?

    Mich stören diese Menschen. Für mich gehören sie schon lange nicht mehr dazu. Sie katapultieren sich in meinen Augen ins Abseits des Abends.
    Denn eigentlich wären sie ja sowieso lieber woanders.
    So offensichtlich ist die Botschaft an andere, die zum Hier-und Jetzt-Feiern dort sind.

    Privat treffe ich mich mit solchen Personen nicht mehr, denn ich finde es wie du, Amelie, einfach nur respektlos.
    Vor allem aber finde ich diese Menschen langweilig.

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