Ich vermisse euch, auch wenn ich neue Freunde habe

20. März 2019 von in

Hier in Köln bin ich eigentlich nie alleine. Aber ich bin oft einsam. Ich wohne mit drei Jungs zusammen, deren Freunde hier auch ein- und ausgehen und die auch ein bisschen zu meinen geworden sind. Mit ihnen komme ich gut klar, wir lachen oft über dieselben Witze, sind trotzdem sehr unterschiedlich, kochen gemeinsam, trinken Kaffee und fahren zusammen in die Innenstadt. Wir gehen feiern und führen nachts tiefgründige Gespräche über das Leben. Trotzdem fehlen mir meine alten Freunde, die sich mittlerweile in Deutschland verteilt haben.

Bei unserer ersten WG-Party werde ich dem Freundeskreis vorgestellt, und ich versuche, wie jeder es tun würde, der gemocht werden will, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Meine größte Herausforderung: Nicht zu still sein, nicht zum passiven Zuschauer werden. Einer spricht mit mir über mein Studium, über das Mathemodul, zu dem wir beide angemeldet waren. Warum wir uns da noch nie gesehen haben, ist ja komisch, meint er. Weil ich noch nie da war, sage ich. Er lacht. Das ist gut. Ich lache auch.

Dann rede ich mit jemandem, der mir direkt sagt, Small Talk sei überhaupt nicht sein Ding. Sehr sympathisch. Ich sage, er solle nur raushauen, was ihn beschäftigt. Wir reden über Zugfahrten, ungeduldige Menschen und darüber, dass er bei der Bundeswehr arbeitet. „Komm mir jetzt ja nicht mit posttraumatischen Belastungsstörungen!“. „Versprochen“, lache ich. Das Gespräch mag ich. Dann dreht er sich kurz zur Seite und sagt, man solle ihm keinen Rauch ins Gesicht blasen, sonst könne er sich auch selbst ne Kippe anzünden. Wieder sehr sympathisch. Die Party ist irgendwann vorbei, und ich gehe ins Bett. Das hab ich doch ganz gut hingekriegt, denke ich.

Bei den nächsten Malen lerne ich die Namen den Gesichtern zuzuordnen und habe schon meine Insiderthemen mit verschiedenen Leuten. Sie lassen mich spüren, dass sie mich dabei haben wollen. Ich verleihe Bücher, leihe mir welche aus, lache mit anderen über unsere soziale Inkompetenz – manchmal auch bis die Luft wegbleibt. Ich kann eigentlich immer mit irgendwem über das sprechen, was mich beschäftigt. Wir spazieren durch die Nacht, trinken Wein, essen billige Tiefkühlpizza und philosophieren herum.

Wenn ich krank bin oder Unterleibsschmerzen während meiner Periode habe, macht mir mein Mitbewohner sogar warme Brühe und eine Wärmflasche. Wir hören komische Podcasts, schauen Serien und gehen dann irgendwann schlafen. Es ist doch alles schön. Aber wieso bin ich dann trotzdem manchmal so einsam, dass ich genau zwischen ihnen sitze und mich frage, was los mit mir ist.

Weil ich sie vermisse. Meine Freunde, die ich in meiner Heimat kennenlernte und die dann mehr Heimat wurden als es ein Ort schaffen würde. Die Freunde, die ich früher fast jeden Tag gesehen habe, mit denen ich ein bisschen erwachsener geworden bin. Die Freunde, die ich so liebe. Die meine pubertäre Phase, meinen Liebeskummer, meine jahrelangen Schwärmereien, meine Dummheiten, meine Konflikte, Ängste, Enttäuschungen, Träume und Hoffnungen kennen. Nicht, weil ich ihnen all das erzählt hätte. Sondern, weil sie mich in den Arm genommen haben, wenn ich dachte, ich bekomme zwischen meinen Tränen keine Luft mehr. Weil sie mir gegenübersaßen, wenn wir uns vor Lachen den Bauch hielten. Weil sie mein Grinsen sahen, wenn ich von jemandem geschwärmt habe. Weil sie neben mir saßen, wenn ich frech war und aus dem Klassenzimmer geschmissen wurde. Weil sie mich ansahen, wenn ich verschlafen in der Tür stand. Und so verbinde ich alles mit meinen Freunden. Denke ich an meinen ersten Schwarm, habe ich nicht nur ein Bild von seinem Grinsen vor meinem Auge, sondern auch die Szene, wie ich eine Nachricht an ihn verschicke, das Handy meiner Freundin zuwerfe und mich danach in ihr Bett verkrieche. Denke ich an meinen Lieblingsfilm, denke ich daran, wie sie und ihre Mutter ihn mit mir schauen und wie wir alle bei den Liedern mitsingen.

Ich vermisse es, dass sie samstags vorbeikommen, damit wir zusammen brunchen. Und ich brunche auch mit meiner WG, aber es ist nicht dasselbe. Sie wissen nicht, dass ich einfach noch müde bin, wenn ich so still bin. Dass mir etwas übel ist, wenn ich nichts esse. Dass mich laute Geräusche und lautes Schreien stört. Dass ich kein Morgenmensch bin.

Ich vermisse es, mit meinen Freundinnen Erinnerungen zu verbrennen, die wir nicht mehr haben wollen. Ich vermisse es, gemeinsam Auto zu fahren und „Total eclipse of the heart“ von Bonnie Tyler zu grölen. Letztens fragte ich einen Bekannten hier, ob wir das in einer Karaokebar singen. Er kannte den Song nicht.

Ich habe vor ein paar Tagen eine Freundin gefragt, ob sie sich mit mir anfreunden würde, wenn wir uns erst jetzt kennenlernen würden. Sie sagte, sie glaube nicht. Aber das ist ja die Sache mit der Freundschaft. Also einmal, dass man ehrlich ist. Aber viel wichtiger: Dass man einander nicht fallen lässt, weil man gerade unerträglich ist oder weil einen momentanes Verhalten stört oder man denkt, es gäbe nur das Jetzt. Denn es gibt eben nicht nur das Jetzt. Es gibt auch das was war und wo man auf so wunderbare Weise bewiesen hat, dass man da ist, wenn man gebraucht wird. Und wenn man nicht gebraucht wird und man einfach immer da ist irgendwie. Dann kommt auch wieder die Zeit, in der sich alles dreht und wendet. Und wer dann noch zusammenhält: Das sind Freunde.

Wenn ich meinen neuen Freunden etwas von meinen alten Freunden, die mehr wie meine Familie sind, erzähle, verstehen sie mich und sind für mich da, auch wenn es etwas schwierig ist. Und wenn ich sie fragen würde: „Wollen wir Freunde sein?“ bin ich mir sicher, sie würden sagen „Das sind wir doch schon längst“. Eines Abends, an dem es mit den Jungs einige Gläser Wein und gute Gespräche gab, fragte ich einen von ihnen: „Können wir in Kontakt bleiben, auch wenn ich wieder wegziehe?“ Er nahm einen großen Luftzug, als wolle er mir in den nächsten Minuten erklären, warum sich die Erde dreht, sagte dann aber doch nur: „Debbie, wie lange kennen wir uns jetzt? Drei Monate? Und es fühlt sich viel länger an. Sowas passiert nicht oft. Und sowas geht nicht einfach in die Brüche, nur weil du wegziehst. Also klar können wir das.“ Fast wären mir ein paar Tränen gekommen, weil sich das zum ersten Mal so anfühlte, als würde ich auch in Köln Menschen zurücklassen, die mir ein Stück Zuhause gegeben haben.

Obwohl ich manchmal unerträglich war. Obwohl sie manches Verhalten von mir sicherlich gestört hat. Obwohl es nur wenige Monate waren. Obwohl sie mich so ganz anders kennengelernt haben als meine anderen Freunde. Aber genau das war meine Chance. Genau das ist meine Chance, wenn ich wieder umziehe. Ich kann sein und werden, wer ich möchte und ich kann und werde Menschen treffen, die mich genau dafür lieben.

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2 Antworten zu “Ich vermisse euch, auch wenn ich neue Freunde habe”

  1. Liebe Debbie,
    ich kann deine Empfindungen gut nachfühlen. Als ich aus meinem Heimatort weggezogen bin ging es mir ähnlich, aber gerade die Tatsache, dass meine neuen Freunde nicht alles über mich und aus meiner Vergangenheit wussten hat mir die Möglichkeit mich ganz frei zu verändern ohne, dass jemand den Eindruck hatte, dass ich mich verstelle.
    Dein abschließender Absatz fasst schön zusammen, was das besondere an dieser Zeit ist, in der wir öfter mal umziehen und viele neue Leute kennenlernen :)

    • Liebe Lea, ich danke dir! Die Sache mit dem Verstellen kenne ich auch. Es ist immer irgendwie negativ behaftet, wenn man hört, „du hast dich so verändert / du bist so anders geworden“, obwohl es doch schön und wichtig ist, sich zu verändern und dass es auch völlig okay ist, anders zu sein als man mal war. Ich freue mich für dich, dass du neue Freunde gefunden hast und vielleicht auch dadurch mehr zu dir selbst. Alles Gute dir, Debbie

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