Identitäts-FOMO: Warum ich als Schwarze Frau etwas vermisse, das ich nie hatte

31. August 2021 von in

Das Fehlen eines Safe Space mit Menschen, die dieselben Erfahrungen teilen und aussehen wie ich, ist mir besonders im letzten Jahr schmerzlich bewusst geworden. Denn in meinem Umfeld bin ich meistens die einzige andere, wohingegen mein Feed unglaublich diverse Perspektiven zeigt. Er führt mir vor Augen, was ich nie hatte und vermisse: schwarze Freund:innen und Verbündete, mit denen ich diese Facetten meiner Identität teilen kann.

Das Jahr, in dem ich anfing, mir Schwarze Safe Spaces zu suchen

Es ist März 2020, und ich fühle mich gefangen. In meinem Kopf, den Nachrichten und meinen vier Wänden. Die Welt fühlt sich verrückter an wie je und alles scheint aus den Fugen geraten zu sein. Ich fühle mich allein mit meinen Emotionen, die hochkochen und nicht wissen wohin. In meinem selbst gebauten Kreislauf ohne Ausgang. Indem ich versuche, mich von meinem Handydisplay zu lösen, um Ruhe zu finden. Doch stattdessen konsumiere ich jeden Post, jede Information und Debatte rund um Black Lives Matter im Sekundentakt. Mein Feed ist endlos und während ich ihn durchscrolle, befinde ich mich in einem Wechselbad der Gefühle – Wut, Traurigkeit und Resignation. In einem konstanten Zustand von Zugzwang oder mich dem allem entziehen wollen. Sauge alles in mich auf, als würde irgendetwas davon abhängen. Und das tut es auch. Ich will schlafen. Mich ausruhen und sicher fühlen, aber ich kann nicht. Denn wenn ich die Bilder sehe, die Nachrichten höre, dann ist das alles viel zu nah dran. An mir und meiner eigenen Geschichte. Das könnte dein Vater sein. Dein Bruder oder ein ander:er Verwandt:er. Denke ich, während so viele andere, mehrheitlich weiß gelesene Menschen gerade aus ihrem Happyland aufwachen.

Ich träume von einem realen Ort mit anderen Menschen, die sagen: ich weiß!

„I can’t breath“. So George Floyd und als Echo hallen seine Worte in den Köpfen der Menschen, die wissen, wie schnell Zufluchtsorte zu Gefahrenzonen werden können. Menschen, die sich darüber im Klaren sind, dass Sicherheit nur eine Illusion ist, von der wir träumen, aber nicht zur Ruhe finden können. I have a dream, predigte MLK und wir träumen auch heute noch. Sind die wahr gewordenen Träume unserer Vorfahren, um es in den Worten der Autorin Brianne James zu sagen. Und genau diese Worte der anderen bekommen für mich auf einmal eine enorm hohe Relevanz. Sie helfen mir, Dinge einzuordnen, geben dem Gefühlschaos und dem Hin- und Hergerissen-Sein einen Namen. Und gleichzeitig sorgen sie dafür, dass ich mir wünsche, dass ich dieses digitale und kollektive Gefühl von Support-Culture mit wildfremden auch im echten Leben spüren möchte – in unserem eigenen Safe Space.

Ich möchte über meine Emotionen sprechen, für die ich keine Worte finden. Mit anderen Schwarzen Menschen, die sagen: ich weiß. Die wissen, wie es sich anfühlt. Die auch diese Seiten des Schwarzseins kennen. Nämlich die, die abseits von Popkultur stattfindet. Die nicht mehr schön, sondern lebensecht ist und wehtut.

Die Wichtigkeit eines Safe Space und die Sehnsucht, sich in anderen wieder erkennen zu wollen

Der Mensch als soziales Wesen sucht immer nach dem Bekannten. In anderen und in seiner Umwelt. Bildet dadurch Gruppen, die durch Zugehörigkeiten und geteilte Lebensrealitäten entstehen – weil man sich durch bestimmte Attribute nah fühlt, sicher. So entstehen Bewegungen, Clubs, Freundschaften und sogenannte Safe Spaces. An denen oft marginalisierte Gruppen oder solche, die als andere angesehen werden, zusammenfinden. Ich habe im letzten Jahr eine Sehnsucht entwickelt, nach so einem Ort – nach Menschen, mit denen ich mich über mein Schwarzsein verbinden kann. Denn es reicht eben nicht nur allys, also Verbündete, zu haben, die dich zwar in Identität und Neigungen bestärken, aber nicht wirklich vergleichbare Erfahrungswerte teilen. Ich kann mich ihnen oft nicht erklären und möchte das auch nicht immer. Und während also Nachrichten nach meinem emotionalen Wohlbefinden auf meinem Screen auftauchen, schiebe ich sie weg. Für später. Wenn ich Kraft habe, eine Antwort zu formulieren, die auch wieder nur meine eigenen Emotionen multiplizieren würde, die gerade in sich selbst detonieren – weil sie keine äquivalente Anlaufstelle finden. Denn die Ergebnisse wiederholen sich und das Netz brennt. Von all den Shares, Likes und Inhalten, die durch das Netzwerk schleudern. Und ich schleudere auch irgendwie. In diesem Sisyphus-Jahr, in dem sich jeder Schritt in Richtung Veränderung im nächsten Moment wie ein Rückschlag anfühlte.

Mein Identitäts-Fomo ist real, denn mein Feed ist diverser als mein Freundeskreis

Das war er also, der Moment, in dem ich beschloss und mir fest vornahm, mir meinen eigenen, lebensechten Safe Space zu schaffen. Der mein bestehendes Netzwerk aus Vertrauten bereichern sollte. Meine eigene Anlaufstelle mit gleichgesinnten, die identische Gefühle in sich tragen und mit denen ich mich vor allem über mein Schwarz-Sein oder dem sich irgendwo-dazwischen-sein identifizieren kann. Denn wenn ich meinen Freundeskreis und die Räume, in denen ich mich bewege, anschaue, dann bin ich immer die andere. Die eine Schwarze Freundin. Die sich eigentlich nicht so viel anders fühlt als der Rest, aber immer mal wieder ziemlich unsanft darauf aufmerksam gemacht wird. Mit kleinen Kommentaren. Fragen. Erklärungen von Dingen, die für mich selbstverständlich sind. Ich vermisse also etwas, das ich nie hatte, aber von dem ich weiß, dass es bedeutsam ist. Es ist meine persönliche Analogie zur klassischen Fear of Missing Out. Aber nicht, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen, sondern mir dessen sehr bewusst bin. Dass da ein Teil fehlt. Nicht weil ich ihn kenne, sondern weil er mir unbekannt ist.

Da ist dieses große Wort Schwarze-Sein – so offensichtlich, aber auch sehr subtil. Ein deskriptiver Ausdruck, der viel größer ist, als ich selbst gerade greifen kann. Der den Teil meiner Identität zusammenfasst, der für mich immer eine Nebenrolle war. Der Teil, von der ich manchmal mehr oder weniger wusste, wie ich mit ihm und mir umgehen soll. Aber vor allem ist es gerade das Fehlen einer Community, die genau diesen Teil auffängt, widerspiegelt und ihn zum Strahlen bringt.

Was ich nach dem letzten Jahr mit Sicherheit weiß: Schwarz ist sein eigenes Plural und genau das, was mir gefehlt hat

Ich weiß, wie es ist, weil ich es sehe und auch gesehen habe. Manchmal kurz Teil davon war, wenn ich eine Freundin besucht habe, mich mit Fremden ausgetauscht habe oder auf einmal nur von Schwarzen Menschen umgeben war. Für mich sind das besondere und sehr kostbare Erfahrungen, die mir immer etwas gegeben haben. Black Joy eben. Diese besondere Energie, die mit Lachen gefüllt ist und Ankommen. Sich sicher fühlen heißt und voller Wärme ist. Ich träume seitdem also von einem Umfeld, das so divers ist wie mein Feed. Indem wir uns alle über unser Anderssein verbinden und uns gegenseitig Kraft geben. Weil wir aus eigener Erfahrung wissen, wie hart es manchmal da draußen sein kann. In der Welt, die einem doch zu oft unter die Nase reibt, dass man heraussticht. Ich träume von Orten, an denen ich nichts sagen muss, weil es den anderen genauso geht. Wir uns Herzen digital senden und im echten Leben in den Armen liegen. Lachen, weinen, den Kopf schütteln und unser Schwarzsein zelebrieren. Denn auch das ist ein Teil meiner Identität, den ich nicht mehr vermissen möchte. Den ich selbstverständlich und ohne Zurückhaltung allem entgegenhalten möchte, was mir das Gefühl gibt, an meiner Identität zu zweifeln.

Denn: “Black is beautiful, black is excellent, Black is pain, black is joy, black is evident” und ein Plural, bei dem ich nicht mehr das Gefühl von FOMO haben möchte – sondern ganz und gar sicher sein. In meinem Safe Space und überall sonst.

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