Kolumne: Warum ich Schwarz großschreibe

23. September 2020 von in

(Triggerwarnung für Schwarze Menschen)

Die BLM-Bewegung hat dazu geführt, dass wir uns genauer mit dem Thema Rassismus beschäftigen müssen –
auch in unserer Sprache.

Im Kindergarten habe ich mich selbst noch einen „Mischling“ genannt, als wären meine Eltern ein Cockerspaniel und ein Dalmatiner, und nicht aus Benin und Deutschland. Ende der Neunziger haben meine Mutter und mein Vater das hinterfragt und mir beigebracht, mich bi-national zu nennen. Doch außer mir habe ich das ehrlich gesagt noch nie jemanden sagen hören.

Stattdessen werde ich in meinem Leben regelmäßig mit folgenden Zurufen konfrontiert: Milchschnitte, Cappuccino oder Oreo. Eins haben die Vergleiche mit einem Sahnesnack, einem Kaffeegetränk und einem Keks gemeinsam –
sie sind rassistisch.

Warum braucht es überhaupt eine Selbstbezeichnung?

Natürlich wäre es schön, wenn wir Leute nicht mehr nach ihrem Aussehen beschreiben würden. Doch dafür sind wir noch nicht bereit. PoCs und Schwarze Menschen gehören auch hier in Deutschland zu marginalisierten Gruppen, die bis heute unter Rassismus leiden. Solange wir als Gesellschaft im Zusammenleben differenzieren, solange können Selbstbezeichnungen Minderheiten Kraft geben. Sich Schwarz zu nennen steht nämlich auch dafür, Solidarität mit anderen Schwarzen Menschen zu zeigen. Alle anderen Namen haben weiße Menschen ihnen zugeschrieben. Das Große S ist somit ein Sinnbild der Ermächtigung.

Wörter sind die Bausteine unserer Kommunikation. Das S steht in Versalien, um aufzuzeigen, dass es sich hier nicht um eine Farbe handelt, sondern um eine politische Bezeichnung. Während viele weiße Menschen sich mit Problemen wie diesen lange nicht beschäftigt haben, kämpfe ich seit Jahren damit, einen „richtigen“ Titel für mich zu finden.

Ich = Schwarz?

Für mich persönlich war der Begriff des Schwarzseins nicht ganz einfach. Denn wenn überhaupt fühle ich mich genauso weiß wie schwarz. Als ich mit acht Jahren Nigeria besuchte, nannten mich die Kinder dort Chinesin, weil ich ihnen zu hell war. Hier bin ich die Schwarze, da ich in der weißen Mehrheitsgesellschaft heraussteche. Als Jugendliche habe ich das nie verstanden, denn zwischen meinem Hautton und der Farbe Schwarz liegt für mich fast ein ganzer Regenbogen. Ich fühlte mich in eine Schublade gesteckt.

Ein weiterer Grund ist, dass das Wort schwarz mir immer zugeschrieben wird. In meinem Bekanntenkreis bin ich nicht die einzige Noelle. Doch während die andere „die Blonde“ genannt wird, bin ich „die Schwarze“. Genauso gut hätte ich doch die Braunhaarige oder die, die so viel redet, genannt werden können. Selbst die, die leicht lispelt hätte mich weniger gestört, als meine Hautfarbe als Alleinstellungsmerkmal auferlegt zu bekommen.

Ich bin Schwarz

Trotzdem nenne ich mich nun Schwarz. Warum? Das Stichwort lautet: Reclaiming. Ich möchte mir das Wort Schwarz positiv konnotiert zurückerobern und mich mit anderen Schwarzen Menschen verbünden. Außerdem sehe ich einen Unterschied zwischen mir, der Privatperson-Noelle, die noch Probleme mit dem Wort hat, und mir als Journalistin-Noelle, die ein Bewusstsein dafür haben muss, wie viel Macht Sprache hat. Denn wenn ich als Schwarze Frau mich gegen die Selbstbetitelung stelle, legitimiere ich dies auch für alle anderen. Also auch für Rassisten und Leute, die ihre Sprache nicht hinterfragen wollen. Diese Genugtuung möchte ich nicht bieten. Jetzt bin ich Schwarz.

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