Kolumne: Die Sinnkrise

5. März 2016 von in ,

Die Designer-Krankheit. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sich über die Jahre hinweg eine Depression im Stil von „Was mache ich hier überhaupt?“ anschleicht und einen heimtückisch überwältigt. Und nun stehe ich da, umzingelt von den Gedanken, die mir im Minutentakt ins Gesicht schreien: Was mache ich hier überhaupt?!

Und das bedeutet nicht, dass ich meine Arbeit nicht liebe. Es erfüllt mich wenig mehr, als die Tage in der Bürogemeinschaft THE STU, die ich mit engen Freunden teile. Die inspirierenden Gespräche und das gemeinsame Schaffen. Und doch hat sich im letzten Jahr bei mir einiges getan. Grund dafür? Die Flüchtlingssituation, die mich nicht nur über mein eigenes Leben nachdenken lässt, sondern die mich handeln lässt und zum ersten Mal in meinem Leben Meinung ergreifen lässt.

Und damit bin ich – Gott sei Dank – nicht alleine. Milena und Antonia sind mit an Bord und nicht nur die. Was vielleicht für einige ein klassischer Montagmorgen sein mag, ist für mich absolutes Neuland. Ich interessiere mich plötzlich für Politik, ich setze mich für Frauenrechte ein und kämpfe für Neuankömmlinge aus Syrien, Iran und Co. Ich denke darüber nach, wie wir unsere Kinder und Kindes Kinder langfristig zu einem weniger konventionellen Denken führen können und wie diese Theorien in der Praxis umsetzbar sind. Ich habe mich schon immer für soziale Engagements interessiert, ich habe aber noch nie dafür gelebt.

Die Gedanken, die wir von amazed haben, die alle im THE STU haben, schieben andere Gedanken weit weg. Vielleicht hat sich der eine oder andere unter euch gewundert, wieso die Fashion Week Themen auf amazed so gering bis gar nicht bespielt wurden? Wir hatten keine Lust. Es war plötzlich so unglaublich nichtig, dass Guccis Fall/Winter Kollektion genauso aussieht wie die Pre Fall Kollektion zuvor. Gucci interessiert uns einen Scheiß – zumindest hier, in diesem Moment. In dem so unglaublich viel passiert und in einer Zeit, in der bald alles anders sein könnte, wenn Amerika den falschen Präsidenten wählt. Als ob wir nicht eh schon genug Probleme hätten.

Für mich ändert sich gerade vieles und ich habe keine Lust, mir meine Mode- und Beautyblase mit „Wir dürfen uns von der momentanen Lage nicht einschränken lassen“, gut zu reden. Das habe ich lange genug getan. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass man sich nicht für den Menschen schämen sollte, der man ist. Wohlhabend, modeliebend, ästhetikliebend und deutsch; in meinem Fall. Aber irgendwann zerplatzt die Blase, die wir uns aufbauen und es strömt ein bisschen Realität in den Traum aus Zuckerguss. Und diese Realität, die haben wir nötig – der Arschtritt, der uns endlich mal dazu veranlasst, mehr zu tun, als einen Artikel auf Facebook zu liken. Sondern rauszugehen und die Realität so zu sehen, wie sie ist. Existent.

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21 Antworten zu “Kolumne: Die Sinnkrise”

    • Liebe Eli, das werden wir in den nächsten Wochen auf amazed noch weiter thematisieren. Unsere gesamte Bürogemeinschaft trifft sich regelmäßig mit Bewohnern des Flüchtlingsheims bei uns ums Eck. Wir planen unterschiedliche Projekte mit ihnen und lernen uns kennen, sie erzählen dabei natürlich ganz viel von ihrer Flucht und ihren Gründen, weshalb sie hier her gekommen sind. Sehr inspirierend und bereichernd.

  1. danke für diesen ehrlichen beitrag! ich freu mich schon auf weiteren content.
    euer blog vereint soviel gutes und ich lese euch unter anderem wegen eurer ernsthaften kolumnen so gern – ich habe manchmal das gefühl, das ist in der (deutschen) bloggerwelt noch ein tabu, schön UND schlau zu sein und das nach außen zu tragen. aber klar kann man sich für einen nagellack begeistern und trotzdem politisch und sozial engagiert sein. ich danke euch für eure vielseitigkeit und den mut, auch mal die welt außerhalb von zuckerwatte und bling bling zeigen, so hässlich und schlimm sie sein mag. aber sie ist nunmal da, da kann man verdrängen wie man will. der begriff „lifestyle“ wird soviel reicher, wenn man ihn nicht mehr auf materielle inhalte beschränkt.

  2. Ich bin ein wenig traurig, dass sich Engagement auf Flüchtlinge zu beschränken scheint.

    Was ist mit anderen Menschen, die Hilfe brauchen?
    Seit Jahrzehnten schon.
    Bindet man diese Menschen auch ein?
    Warum wurde das alles erst interessant, als es so medienpräsent wurde?
    Das ist kein Vorwurf oder ein Kleinreden eures Engagements; ich wundere mich nur und habe diese Frage schon lange ganz generell, wenn ich das alles mitverfolge.

    Vielleicht mögt ihr sagen, was an den Flüchtlingen so anders als an anderen Hilfsbedürftigen ist, dass ihr euch dafür so bewegt/bewegen lasst?
    Lieber Gruss Ava

    • Liebe Ava, irgendwo muss man eben anfangen. Es gibt tausende Dinge, für die man sich engagieren könnte und sollte. Die meisten Menschen machen gar nichts und es ist jedem selbst überlassen, seine Prioritäten zu legen. Unsere liegen gerade auf der Flüchtlingslage. Das heißt nicht, dass andere Themen weniger schlimm wären. Aber Menschen zu kritisieren, weil sie das eine machen und das andere nicht – das finde ich doof.

      • Liebe Amelie, ich hatte das ganz bewusst als Frage formuliert und auch den Zusatz „das ist kein Vorwurf“ benutzt. Ich weiss nicht, welcher Teil meiner Frage dennoch dazu führte, meinen Beitrag als Kritik zu sehen und diesen nun doof zu finden.

        Es hat mich einfach interessiert, warum eben gerade dieses Thema zu Sinnkrisen/Hilfe/Einbeziehung ins eigene Leben führt und das andere, was schon immer da war (und auch kein Haar besser ist) eben nicht.
        Mich interessiert der Auslöser/der Trigger, weil ich das eben ganz oft beobachtet habe, nicht nur bei dir im Speziellen.
        Selten hat ein Phänomen so sehr die Masse gespalten wie dieses und mich interessieren auch die Motive auf der Seite derer, die das so sehr zu verändern scheint.

        Es geht nicht darum alles machen zu können oder gar wollen zu müssen.
        Nur schriebst du ja gerade selbst, dass es bei euch bislang oftmals um Mode, Gucci, Fashionweek ging und das alles nur oder hauptsächlich aus diesem einen beschriebenen Grund in den Hintergrund getreten ist.

        Mich hätte einfach nur interessiert, warum genau das und nichts anderes.
        Da seid ihr ja nicht die einzigen, die das so empfinden.

        Meine sogenannten Sinnkrisen werden eben durch andere Themen ausgelöst und das schon ganz lange. Ich helfe/unterstütze ältere Menschen in ihrem normalen Leben.
        Und ich weiss genau, warum ich das tue und warum mich das berührt. Darüberhinaus verschenke ich schon seit Jahren regelmässig meine angehäuften Besitztümer an ärmere Menschen, die in meiner Nähe leben. Und auch hier weiss ich für mich, warum ich genau das tue und eben bis anhin nichts anderes.

        Hätte ja sein können, dass du das auch weisst. Nur deshalb habe ich gefragt.

        • Liebe Ava, wir leben in einer Zeit, in der überall Krieg ausbricht und Menschen sterben. In einer Zeit, in der Menschen zum Tode verurteilt werden, weil sie eine andere Religion wählen als den Islam. In der Menschen ihrer gesamten Familie beim Sterben zu sehen müssen. In der Menschen, tausende Menschen, ihre gesamte Identität aufgegeben haben, gute Jobs, Häuser, Besitz, ihr Leben riskiert und verloren haben und sich auf monatelange Reisen begeben haben in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Diese Menschen sind nun zum Teil angekommen – zumindest körperlich. Sie leben abseits der großen Städte, in Zelten, sie haben keinerlei Privatsphäre und geringe Zukunftschancen. Sie sprechen unsere Sprache nicht und haben mit Vorurteilen und Rassismus zu kämpfen. Sie haben ihre Freunde, Job, ihre Familie, ihr gesamtes Leben verloren.

          Da all die Flüchtlinge, die ihren Weg zu uns gefunden haben, mit großer Wahrscheinlichkeit viel in unserer Gesellschaft (sowohl wirtschaftlich als auch kulturell) verändern werden, haben einige Menschen Angst. Sie fangen an – und das nicht mal böswillig – rassistische Gedanken zu entwickeln. Dadurch fangen an, sich die Bewohner untereinander zu bekämpfen, zu beschimpfen und Seiten einzunehmen.

          Es ist nicht überraschend, dass dieses Thema brisant ist. Es verändert uns alle. Ich glaube, viele Menschen haben Angst vor einem dritten Weltkrieg und auch ich hatte schon öfters Gedanken – was wäre wenn. Das einzige was ich bis dahin tun kann? Versuchen, anderen Menschen die Angst zu nehmen. Versuchen, Neuankömmlingen das Ankommen so wenig schlimm wie möglich zu machen. Versuchen, so gut ich kann zu helfen – auch wenn es nicht die Welt verändern wird. Aber irgendwas eben.

          Ich weiß genauso wie du, warum ich das tue und warum mich das berührt. Vielleicht konnte ich deine Frage wenigstens ein bisschen beantworten!

          Liebe Grüße,
          Amelie

          • Danke für den tieferen Einblick in eure Beweggründe, liebe Amelie und Antonia.
            Mehr wollte ich damit gar nicht „erreichen“, als ich meinen Kommentar schrieb.
            Und das hat nichts mit Moralkeule zu tun, wie ich weiter unten dann las.
            Mich interessiert schlichtweg was Menschen bewegt und aus welchen Gründen.
            Liebe Grüsse Ava

        • Liebe Ava,
          Ich kann deinen Einwand verstehen. Es ist nur so, dass der Blog oftmals nur einen kleinen Einblick in unser Leben gibt und einem schnell Fehlbarkeit zum Vorwurf gemacht wird.
          Tatsache ist: Ich bzw wir engagieren uns natürlich auch schon immer für ärmere Menschen. Ich spende seit Jahren meine Kleidung, unterstütze finanziell Projekte oder gebe armen Menschen direkt Geld. Das ist für mich selbstverständlich, wenn ich in einer Gesellschaft leben will, die aufeinander achtet und die Schwachen unterstützt.
          Ich mache das alles mit vollem
          Herzen und Bewusstsein für meinen Wohlstand und mein Glück.
          Jetzt engagieren wir uns bewusst zusätzlich für Flüchtlinge, lernen neue Menschen kennen und blicken hinter diese Schicksale. Das berührt, weil es so abseits von all dem ist, was man sich vorstellen kann. Die Sinnkrise entsteht hier vor allem durch die Erlebnisse der anderen und durch das Bewusstwerden anderen Menschen ein Ankommen zu ermöglichen. In einem Land, das gerade umkippt, in dem rechte Tendenzen plötzlich Zulauf bekommen. Umso wichtiger ist es für uns, uns zu positionieren, unser Engagement öffentlich zu machen, um mit unserer Reichweite zu zeigen, wir haben keine Angst, wir treffen diese neuen Bürger und es ist eine gute Erfahrung. Liebe Grüße!

  3. Oh wie sympathisch euch das macht, ihr Lieben! Wie schön, dass dieses wichtige, uns momentan alle bewegende Thema auf eurem Blog nicht ausgeklammert und dass ihr euch nicht scheut, offen Position zu beziehen. Auch die Kolumne über das Reisen in unserer heutigen Zeit – ganz große Klasse.

  4. Mädels,

    ich fand Euer Blog immer klasse – und ich habe habe immer gespürt, dass bei Euch mehr dahinter ist, als einfach nur „Fashion“ und „Beauty“.

    Eure aktuellen, nachdenklichen Beiträge freuen mich. Ich bin im Zusammenhang mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen von vielen Blogs ziemlich genert. Ich finde sie ignorant. Ihr stellt wenigstens die richtigen Fragen! Doch lasst Euch nicht unterkriegen.

    Fashion, Lifestyle muss kein Widerspruch zu Krisen sein. Ich denke, es geht darum Menschen, denen es schlecht geht, zu helfen. Egal wo. Und trotzdem die kreative Kraft zu spüren, die es auch in Krisenregionen oder in schwierigen Zeit gibt.

    Nur ein paar Ideen: Ihr seid ja Marrakesh-Liebhaber: Schaut mal, was dort an Kunst und Kreativität passiert. Faszinierend! Recherchiert mal über die Künstler- und Design-Szene in Istanbul. Ihr werdet überrascht sein. Und dann wagt noch einen Blick in den Libanon oder nach Israel und die dortige Fashion-Szene. Das hat nichts mit den üblichen Schauen in Europa zu tun, doch es strotzt vor Kreativität, und ist weniger bräsig als so vieles in Europa.

    Herzlich
    Sanna

  5. Liebe Amelie,
    dein Beitrag hat genau auch meine aktuelle Gefühlslage getroffen. Als freischaffende Mode- und Lifestyle-Redakteurin, die parallel auch immer schon für verschiedene Kulturinstitutionen tätig war, habe ich immer schon Moment gehabt, in denen unweigerlich die Frage aufkam „Was mache ich hier eigentlich?“ Seit die politische Lage sich an vielen Ecken des Erdballs so zugespitzt hat, finde ich das mittlerweile oft umso schwerer. Es ist erschreckend, wenn man feststellt, in was für einer kleinen Blase man doch eigentlich lebt, obwohl man zuvor der Meinung war, Vernunft und Weltverständnis gepachtet zu haben.

    LG, Laura

    Ich finde es auch gut, dass du offen ansprichst, dass man an einem bestimmten Punkt ja mal anfangen muss. Denn auch wenn ich manche Aussage in den Kommentaren durchaus nachvollziehen kann, fühlt es sich doch auch ein wenig nach Moralkeule an. (Auch wenn es vielleicht gar nicht so gemeint war.) Das ist wirklich schade, denn gerade angesichts des Rechtsrucks in diesem Land, ist echt umso wichtiger Flagge für Toleranz über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu zeigen. Da stimme ich Antonia voll und ganz zu. Außerdem schließt euer jetziger Fokus ja längst nicht aus, dass ihr euch zukünftig auch für andere Projekte engagiert.

  6. Tu Gutes und sprich darüber..

    Große Worte. Man fragt sich natürlich schon was ihr denn jetzt genau unternehmt – außer „armen Menschen direkt Geld geben“ und den Leser auf die kommenden Wochen zu vertrösten.
    Hat irgendwie einen komischen Beigeschmack euer Engagement hier so hochzuhalten wenn man noch nichtmal informiert wird womit ihr euch rühmt. „Hei wir machen nich nur Lifestyle sondern wir sind auch voll politisch – und so.“
    Mir fehlt ein bisschen das Fleisch für eure Aussagen. Dass man alte Klamotten in die Kleidersammlung gibt, mal jemanden einen Euro in die Hand drückt der gerne was warmes zu trinken hätte – das finde ich erstmal ziemlich normal und würde das nicht als Engagement für „ärmere Menschen“ bezeichnen. Hab irgendwie echt ein Problem mit eurer Wortwahl.
    Finde es gut wenn ihr euch einsetzt für Andere, aber macht erst mal und dann erzählt allen wie toll das war.

    • Liebe Karin,
      Ich verstehe leider nicht ganz, was das Problem ist. Tatsächlich sehe ich es ähnlich: Ärmeren Menschen direkt mit Geld zu helfen, Dinge zu spenden oder grundsätzlich auf den anderen zu achten, ist für mich eine Selbstverständlichkeit und trägt zu einer besseren Gesellschaft bei. Dies ist aber bei Weitem nicht für jeden so selbstverständlich. Wir rühmen uns auch nicht damit.
      Zudem arbeiten wir seit einigen Wochen an einem Projekt mit Menschen, die aus Syrien, Iran, Eritrea, Sierra Leone und dem Irak geflohen sind. Auch das hat nichts mit Rühmen zu tun, wir geben hier nur einen Einblick, wie uns diese Arbeit verändert. Weil sie aufzeigt, was junge Menschen in unserem Alter bereits durchgemacht haben. Dass dann das Thema Mode etwas in den Hintergrund rückt und relativiert wird, ist wohl normal.
      Warum wir das hier schildern? Nicht weil wir zeigen wollen, „Hey, wir machen nicht nur Lifestyle sondern sind auch voll politisch“, sondern vor allem, weil wir Position beziehen wollen. Mit unserer Reichweite zeigen wollen, dass die neuen Mitmenschen eine Bereicherung sind, dass Angst keine Chance haben sollte.

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