Kolumne: Die Kunst des Scheiterns

13. November 2016 von in

Das ist vielleicht ein beschissenes Jahr. In meinem Jahresrückblick hat man es in Ansätzen herauslesen können und jetzt, ein paar Monate nach der Veröffentlichung, habe ich es satt, 2016 schön zu malen. Dieses Jahr ist scheiße, und ich habe lange gebraucht, um das einzusehen. Ich war auf einer Beerdigung, habe mich getrennt, habe einen Job verloren und keinen neuen bekommen, ich habe mich gestritten, ich habe geheult, ich war unglücklich verliebt, ich war pleite und Trump, Erdogan, Brexit, Flüchtlinge, Anschläge und überhaupt. Das einzig Positive an 2016 ist, dass die grauenvolle Weltsituation meine privaten Probleme kleiner erscheinen lässt.

Das Leben macht es einem gerne mal schwer, und ich neige dazu, die Herausforderung anzunehmen. Wirft man mich um, stehe ich auf und bin danach stärker, arbeite schwerer und bin schlauer als zuvor, so wie auch Christina Aguilera zu sagen pflegte. Thanks life, for making me a fighter.

In diesem Jahr bin auch ich immer wieder aufgestanden, bis sich die Quantität der ungemütlichen Umstände häufte. Ein Schlag ins Gesicht hier, ein Seitenhieb da. Erst lief ich gebückt, doch irgendwann blieb ich liegen. „Manchmal muss man den Schmerz zulassen“, erklärte mir meine Mama, die mir bei meinem grundlosen Nervenzusammenbruch beim Kaffee am Morgen die Hand hielt. „Das ist wie beim Gebären. Wer die Schmerzen zulässt und aufhört, dagegen anzukämpfen, leidet weniger.“, das dürfte der Moment im Leben sein, in dem Menschen gläubig werden. So stelle ich mir das zumindest vor. Bekehrt wurde ich zwar nicht, aber ich habe so viel Yoga gemacht wie noch nie in meinem Leben und mich der ZEN Weisheiten hingegeben, über die ich mich die Jahre zuvor noch lustig gemacht habe. Ich befolgte aus meiner Verzweiflung heraus ihren Ratschlag die kommenden Wochen konsequent und litt.

Es folgte eine Zeit des Rückzugs, die man unter dem Begriff „Selbstmitleid“ verbuchen kann. Da ich mich in diesem Zustand kaum selbst aushalte, ließ ich andere bedingt bis gar nicht daran teilhaben. Meine Pizza-Bestellungen und Netflix-Ausflüge waren besonders hoch frequentiert, meine gute Laune hatte ich wochenlang verloren und mein Humor sich verabschiedet. Der Schmerz fühlte sich nicht weniger schlimm, sondern eigentlich nur schlimmer an. Ich verfluchte meine Mama. Jeder folgende Tag war noch grauer als der zuvor, die Lust auf Alltag verlor ich stetig und meine Haltung wurde stets bemitleidenswerter. An der Supermarktschlange dachte ich mir „ich stehe sowieso an der längeren Schlange“, als ich das Haus verließ„war ja klar, dass es regnet und ich keinen Schirm dabei habe“. Ich schleppte mich zu einem Treffen mit einer Freundin, die ich ewig nicht gesehen hatte. Ich fing an, ihr von meinem scheiß Jahr zu erzählen und erklärte, dass ich den Schmerz jetzt zulassen möchte und mich der Trauer hingeben und so weiter. Ich listete auf, was alles schief gelaufen war. Sie sah mich verständnislos an.

Mehr musste sie nicht machen. Das war der Punkt, an dem ich beschloss, wieder aufzustehen. Kein Erfolgserlebnis zieht mich nach oben, keine positive Nachricht aus der Welt (im Gegenteil), sondern nur ich selbst. Denn nach einer gesunden Zeit der Trauer melden sich Kraft und Humor zurück – vielleicht anfangs auch Wut – die dafür sorgen, dass das Leben kein Trauerspiel mehr ist und die dafür Sorgen, dass sich etwas ändert. Am Ende des Tages ist es nämlich kein Glück, dass sich dein Leben oder die Welt ändert, sondern du selbst.

Ich dachte, die Kunst des Scheiterns sei, sofort wieder aufzustehen. Die Kunst des Scheiterns bedeutet aber, erst einmal liegen zu bleiben. Zu akzeptieren, dass der Zustand so ist, wie er ist. Zu reflektieren und zu leiden. Zu verarbeiten. Und irgendwann – irgendwann ist es genug und dann reicht ein verständnisloser Blick einer guten Freundin, um die Kraft, die Wut oder die Euphorie und die Energie zu entwickeln, die es braucht, von Neuem zu beginnen. Jetzt erst recht.

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21 Antworten zu “Kolumne: Die Kunst des Scheiterns”

  1. Liebe Amelie,
    so ein bewegender, ehrlicher Post! So oft fühle ich mich ähnlich wie du in der Krise, und ja, du hast so recht, am Ende kann man sich trotz aller guten Tips & Co nur selbst helfen, in dem man wieder Haltung annimmt und sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zieht. Danke, dass du öffentlich darüber schreibt und mir (und bestimmt vielen) so zeigst, dass wir alle mal dunkle Phasen durchleben, aber es auch wieder weitergeht, wenn wir unseren Teil dazu tun!

    Liebst Jules
    HAUTE STREETSTYLE

  2. Du sprichst mir wahrlich aus der Seele, ich hatte vor ziemlich genau einem Jahr exakt so eine Phase und dachte, ich käme da nie wieder raus bis ich irgendwann richtig wütend auf mich selbst wurde und einige Dinge in die Hand genommen habe, für die ich möglicherweise sonst nicht ausreichend Willen gehabt hätte…
    Diese grauenhafte Phase war wohl nötig, um mir einen ordentlichen Schubs zu geben, es hat jedoch ein bisschen gedauert bis ich das erkannt habe.
    Jetzt ein Jahr später hat sich Vieles in meinem Leben geändert und bin glücklicher als zuvor.
    Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen!

  3. Dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Danke für diesen ehrlichen und authentischen Artikel. Sowas hat Seltenheitswehrt. Ich stimme dir zu: 2016 war beschissen. Kann man meiner Meinung nach gerne streichen. Ich hab 2016 (und auch 2015) eine ziemlich heftige Krise durchgemacht, die auch leider noch nicht ganz überwunden ist. Es kamen zuviele belastende Faktoren (unter anderem auch Trennung und Jobverlust) zusammen, sodass ich im Sommer mit Depressionen in eine Klinik kam. Ganz überwunden habe ich die Krise noch nicht, aber ich sehe wieder Licht am Horzint. Und ich gebe dir Recht: Nur man selbst kann sich irgendwann wieder aufrappeln, sich Hilfe holen, Schritte machen…ich habe irgendwann meinen (Über-)lebenswillen wiedergefunden und glaube daran, dass 2017 ein besseres Jahr wird.
    Du hast so Recht: die Kunst besteht darin seine Schwächen, sein Scheitern, seine Traurigkeit erstmal anzunehmen und irgendwann sich Schritt für Schritt wieder aufzurappeln. Ich wünschte, dass mehr Menschen offen zu ihren Schwächen und Krisen stehen würden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst Schwäche zu zeigen auch mein Gegenüber authentischer macht. Das ist sehr schön und unglaublich befreiend.
    Ich wünsche dir, dass 2017 auch für dich ein besseres Jahr wird und du all das Erlebte gut hinter dir lassen und verarbeiten kannst. Danke für diesen tollen Artikel :)

  4. Tolle Worte, vielen Dank dafür!!!

    Deine Kolumnen sind richtig gut und helfen mir immer wieder daran zu denken, dass jeder so seine Probleme hat und wir alle mal in einem Tief stecken aus dem wir uns so nach und nach wieder raus wursteln müssen!

    Einen guten Start in die neue Woche…

  5. Liebe Amelie,
    der Artikel kam zur richtigen Zeit. 2016 bot mir unglückliches Verliebtsein, Krankheit, Tod, Verlust von Freunden und es gab viele Momente, in denen ich das Jahr auch wirklich nur auf das reduziert habe, was es mir an Steinen in den Weg gelegt hat.
    Aber trotzdem habe ich nicht aufgehört, über die Steine rüberzusteigen – und sei es, indem ich ab und an in ein Flugzeug gestiegen bin und zu den Orten und Menschen gefahren bin, die mich zuverlässig zu einer besseren Version meiner Selbst machen.
    Das Jahr war scheiße, an sehr vielen Tagen sogar, aber so ist eben manchmal – und manchmal muss man das wohl wirklich erstmal ertragen.

    Danke für deinen Artikel!

  6. hallo amlie, ohje, ich kann dich so gut verstehen. gut, dass das jahr bald vorbei ist. meins war auch ziemlich blöd, eigentlich total (bis auf einen wunderschönen urlaub), und das davor auch. ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann es mal ein wirklich rundum tolles jahr gab. aber nunja. leider hilft jammern auch nicht wirklich ;-) auf dass alles bald besser wird ! :-)

  7. Liebe Amelie,
    ich bin eigentlich ein bisschen als Antonias Mädchen zu amazed gelangt.
    Ich habe ihren Blog davor gelesen und auch hier jeden Text und Outfitpost verfolgt.
    Aber du packst mich mit deiner Ehrlichkeit mit jedem Text ein bisschen mehr und ich finde es ganz fantastisch wie authentisch und du selbst alles hier auf amazed von dir ist.
    Und gerade dieser Post hier berührt mich, weil es nicht einfach ist, sich einzugestehen, dass ein ganzes Jahr scheiße gelaufen ist – zumindest in vielen Aspekten.
    Bei mir stellt sich im November und Dezember auch immer ein Blues ein, weil ich immer den Eindruck habe, bei mir tut sich nicht genug. Auch dieses Jahr ärgere ich mich über Stillstand, für den ich selbst verantwortlich bin.
    Bei dir ist es nicht so, es ging anscheinend drunter & drüber und ich drücke dir die Daumen, dass das so bleibt, denn vielleicht bedeuten die Trennung und der verlorene Job in diesem Jahr, Verliebtsein und eine coole neue Herausforderung im nächsten Jahr.
    Oder vielleicht schon ganz bald, denn denk dran: 2016 ist noch nicht ganz vorüber ;) vielleicht wird es noch ein bisschen weniger scheiße :) ich wünsch es dir jedenfalls von ganzem Herzen!

  8. Ihr wisst ja, dass ich immer gerne bei euch mitlese und euch neben eurem tollen Geschmack für Modethemen vor allem für eure ehrlichen, (selbst-)kritischen Texte schätze. Dieser hier hat mich ganz besonders berührt, weil ich in vielen Punkten nickend zustimmen musste. 2016 ist und war ein Scheiß-Jahr. Bei mir fing es mit dem Jobverlust an, einem unpassenden neuen, dem 2. Jobverlust und der schweren Suche nach einem neuen, der nun endlich passen soll. Dazu kamen Konflikte mit mir selbst und die Krankheit eines geliebten Familienmitglieds.

    Das mit der Kunst des Scheiterns kann ich nur so unterschreiben. Es ist völlig okay, auch mal liegenzubleiben und nicht die Kraft zu haben, sofort aufzustehen und weiterzumachen! Danke für diesen schönen, ehrlichen Artikel!

    Du kannst stolz auf dich sein, dass du es in solch einem schwierigen Jahr geschafft hast neue Kraft zu schöpfen und ich bin mir sicher, es wartet ein Gutes 2017 auf dich! Ich wünsche dir nur das Allerbeste. <3

  9. Es tut so gut, deinen Text zu lesen! Ich hatte eine sehr gleiche Phase 2016 und es hat sich so schlimm angefühlt. Habe mich sehr alleine und von der ganzen Welt im STich gelassen gefühlt – du sprichst mir also aus der Seele. Und mega stark, dass du diesen Text veröffentlicht hast!

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