Kolumne: Über die Kunst des Erinnerns

10. Mai 2019 von in

Zuerst erschienen auf VOGUE.de
Foto: Dafy Hagai

Die in Berlin und Tel Aviv lebende Journalistin und Schriftstellerin Mirna Funk beschäftigt sich mit der Präsenz jüdischer Kultur in Deutschland. Für Vogue erzählt sie in ihrer Kolumne „Jüdisch heute“ von ihrem Alltag als deutsche Jüdin – und nimmt uns damit mit auf eine Reise in eine Welt, über die wir eigentlich kaum etwas wissen. Im neunten Teil ihrer Kolumne schreibt sie über die Schwierigkeit des Erinnerns und darüber, wie wichtig auch die unangenehmen Erinnerungen für die Konstitution des heutigen Selbst sind.

Die Ankunftszeit war so geplant, dass wir vor dem Sonnenuntergang hätten landen sollen, aber der Flug hatte über eine Stunde Verspätung. In Berlin gab es Osterferien-Chaos (von „das Kofferlaufband fiel aus“ bis „die Security war überlastet“), was zu einem verzögerten Abflug geführt hatte. Vier Stunden später in Tel Aviv kamen wir wegen einer defekten Treppe nicht aus dem Flugzeug. Bis eine neue besorgt wurde und diese dann an die rechte Cockpit-Tür gebaut worden war, vergingen weitere 25 Minuten. Als wir endlich die Maschine verlassen konnten, ging gerade die glutrote Sonne hinter den am Horizont hervorbrechenden Hochhäusern unter.

Der Sonnenuntergang ist eine Art Zeitmesser im Judentum. Er repräsentiert zum Beispiel den Beginn vom Schabbat oder das Ende vom Schabbat. An diesem Abend stand er für den Beginn des Pessachfestes. Das jährlich stattfindende und nur in diesem Jahr mit dem Osterfest zusammenfallende Fest erzählt von der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei und dem Auszug aus Ägypten. Pessach gehört neben Jom Kippur und Rosh Hashana sicher zu einem der wichtigsten Feste. Pessach, wie eigentlich alle jüdischen Feste, hat ein zentrales Motiv: Sie haben versucht uns zu töten, wir haben überlebt, jetzt lasst uns feiern!

Am Sederabend, dem Abend bevor das siebtägige (für Juden in der Diaspora, also die, die nicht in Israel leben, geht es acht Tage) Fest beginnt, findet man sich zusammen, um gemeinsam aus der Haggada zu lesen. Die Haggada ist die Nacherzählung der Befreiungsgeschichte. Geschichten zu erzählen und mit diesen Geschichten an die Vergangenheit und viele Jahrtausende zurückliegende Ereignisse zu erinnern, spielt im Judentum eine zentrale Rolle. Es ist das Eingedenken, das Erinnerungsgebot zwischen Gott und den Juden, es ist das Erinnern während aller Feste und hohen Feiertage an die Geschichte der Juden, es ist das Erinnern an Israel, das diese Religion prägt. Der Wortstamm „zachar“, also „erinnern“ im Hebräischen, taucht im Alten Testament 169 Mal auf.

Als ich endlich gegen 20:00 Uhr am Habima Square in Tel Aviv ankam, wurde gerade die Matze gebrochen. Das flache, ungesäuerte Brot soll an den schnellen Aufbruch aus Ägypten erinnern, der keine Zeit ließ, Brot aufgehen zu lassen. Über das gesamte Pessachfest wird ausschließlich Matze gegessen und alle anderen Produkte, die die verbotenen fünf Sorten Getreide (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Dinkel) enthalten und die länger als 18 Minuten mit Wasser in Kontakt waren, dürfen nicht verzehrt werden.

Nachdem wir von der Matze gegessen hatten, nahmen wir erneut die Haggada zur Hand. Ich kam nur schwerlich hinterher, weil mein Hebräisch wirklich unterirdisch ist, nutzte aber die Zeit, alle zu beobachten. Ich beobachtete, wie sie gemeinsam lasen, gemeinsam lachten und gemeinsam gedachten. Nämlich an diesen Moment der Befreiung. Und ich dachte an meine ganz persönliche Befreiungsgeschichte. Vor zwei Jahren während Pessach fuhr ich in die Wüste ans Tote Meer. Wer schon einmal dort war, weiß um diese besondere Stille, der man begegnet. Eine Stille, die einem die Möglichkeit gibt, ganz tief hinein zu hören. In sich.

„Ich wusste, dass ich glücklich werden müsste, um die beste Version meiner selbst sein zu können. Einfach, weil Etta diese Version verdient hatte. Sie hatte eine zufriedene, ausgeglichene und stabile Mutter verdient. Also entschied ich mich, glücklich zu werden.“

Ich hatte meine Tochter Etta dabei. Sie war gerade 1,5 Jahre alt. Wir gingen spazieren und ich konnte das erste Mal wirklich spüren, wie erschöpft ich war. Vom Schlafentzug, den man mit einem Kind die ersten Jahre hat; erschöpft von einer toxischen und auf allen Ebenen unerfüllenden Beziehung und davon, die volle Verantwortung für mein Kind tragen zu müssen, ohne fremde Hilfe. Ich wusste, dass ich glücklich werden müsste, um die beste Version meiner selbst sein zu können. Einfach, weil Etta diese Version verdient hatte. Sie hatte eine zufriedene, ausgeglichene und stabile Mutter verdient. Also entschied ich mich, glücklich zu werden. Ich befreite mich von der Trauer, von der Liebe zu einem Mann, der nicht lieben kann und von der Vorstellung einer klassischen Familie. Das konnte ich nur, weil ich zurückblickte und die Wahrheit nicht scheute.

Der amerikanisch-jüdische Schriftsteller Elie Wiesel sagte einmal „To be a jew is to remember“. Dieser Umgang mit Geschichte wirkt auf viele Menschen quälend. Schulterklopfend ermahnt man sich, nach vorne zu schauen und nicht nach hinten. Alles und jeder würde schließlich vergänglich sein. Denn: Aus den Augen aus dem Sinn. Was hinter einem liegt, äh, ja, liegt eben hinter einem.

Aber ist das wirklich so? Ich selber habe mich immer dem jüdischen Geschichtsverständnis verbunden gefühlt. Anfänglich noch, ohne dass ich überhaupt wusste, dass diese Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überhaupt jüdisch ist. Ohne direkten Zugang zu meiner eigenen Identität, entschied ich, Geschichte und Philosophie zu studieren und begriff in den Jahren der Lehre, dass meine Vorstellung vom Leben eine jüdische ist.

Wir alle sind geschichtliche Wesen. Wir sind nicht nur jetzt oder nur morgen. Wir sind in einem großen Maße vor allem gestern. Wir sind Gewordene.

Alle Erlebnisse und alle Begegnungen haben uns geprägt. Manche mehr, manche weniger. Aber sie waren nicht ohne Einfluss. Nur das Maß des Einflusses unterscheidet sich. Zu erinnern tut manchmal weh, weil es natürlich nicht nur Gutes gibt, an das man sich erinnert. Aber das Unangenehme in seine Erinnerung mit einzuschließen und sich damit zu befrieden, ist vielleicht der Zweck von Erinnerung.

Gegen 21:00 Uhr strömten wir auf die Dachterrasse, mit leerem Magen und trockenen Zungen. Die Gastgeber hatten liebevoll den langen Tisch gedeckt, an dem allmählich alle platznahmen. Für einen kurzen Moment genoss ich den Ausblick, ich stellte mich an die Brüstung, blickte über Tel Aviv und dachte an diese alte jüdische Weisheit: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil – das Geheimnis der Erlösung lautet Erinnerung“.

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