Kolumne: Routinen und Gewohnheiten – beschränken wir uns selbst?

13. Januar 2020 von in

The same procedure as last year, the same procedure as every year: Es gibt kaum etwas, das uns mehr das Gefühl von Geborgenheit, Zugehörigkeit und vom Angekommensein verleiht, als Dinge, an die wir uns gewöhnt haben. Routinen, die wir immer wieder tun, nur für uns selbst oder auch mit anderen. Traditionen, die sich fest in unserem Jahresverlauf verankern, und die wir mit Menschen verbinden, die uns besonders nah sind. Gewohnheiten, die wir mit bestimmten Orten und unserem ganz eigenen Gefühl von Zuhause verbinden.

Gerade haben wir eine Zeit hinter uns, die ganz besonders mit Ritualen bespickt ist.

Das Weihnachtsfest, das am besten immer ganz genauso abläuft, wie wir es kennen, mit der richtigen Nachspeise zum Raclette, dem obligatorischen Weihnachtsbaumständerstreit und den Freunden von früher, die man in der Heimatkneipe trifft. Und natürlich Silvester, das sich irgendwie komisch anfühlen würde, wenn wir es nicht mit denselben engsten Leuten verbringen wie all die Jahre davor.

Routinen und Traditionen sind aber auch Urlaube an wiederkehrende Ziele mit den immer gleichen Freunden zur immer gleichen Jahreszeit, die immer wieder gleich schön sind. Feste wie die Wiesn, die jedes Jahr mit denselben Abläufen verbunden sind: Jeden 2. Sonntag Schützenbalkon, jeden letzten Wiesn-Abend die Wunderkerze in der Hand. Oder auch nur die Nudeln mit Tomatensoße jeden Sonntag pünktlich zum Tatort auf dem Sofa.

Jeder hat sie, bestimmte Routinen und Traditionen im Leben.

Und bisher habe ich es geliebt und selten hinterfragt, diese Gewohnheiten zu entwickeln. Egal, ob mit meiner Familie, Partnern oder Freunden – sobald man sagen konnte, wir machen etwas „wie immer“, breitete sich ein Gefühl von Geborgenheit und Zufriedenheit in mir aus.

Manche haben mehr davon in ihrem Leben, manche weniger – andere aber versuchen genau das Gegenteil: Ein Leben mit so wenig gleichen Abläufen wie möglich zu führen. „Für mich fühlt es sich beengend an, immer wieder zur selben Jahreszeit an die selben Orte für dieselben Erlebnisse mit denselben Leuten zu kommen“, sagte mir eine Freundin vor ein paar Monaten – und eröffnete mir damit einen ganz neuen Blickwinkel. Denn gerade, wenn feste Routinen und Traditionen gehen, weil sich größere Dinge im Leben ändern, hängt man erstmal mehr daran. Trauert den Gewohnheiten hinterher, die sich immer so wohlig angefühlt haben. Und fühlt sich vielleicht sogar erstmal vollständig blockiert, irgendwelche neuen Routinen zu entwickeln.

Können zu viele Routinen und Traditionen vielleicht sogar beengen?

Zum neuen Jahr erinnerte ich mich an den Gedanken: Können zu viele Routinen und Traditionen vielleicht sogar beengen? Werden wir in all den comfort-zone-Gewohnheiten irgendwann zu starr und unflexibel? Und was passiert, wenn ein neues Jahr mal ganz ohne feste „wie immer“-Pläne vor uns liegt?

Ganz ohne Routinen und Rituale werde ich nie leben, dazu gefällt mir das Wiederkehrende, Gewohnte und das damit verbundene wohlige Gefühl mir viel zu sehr. Für 2020 fühle ich mich allerdings zum ersten Mal bereit, zu Festgefahrenes aus den letzten Jahren einfach sein zu lassen, und zur Abwechslung mal ganz neue Dinge auszuprobieren. Vielleicht werden daraus Routinen, vielleicht bleiben es einfach nur Erlebnisse. Wie ich mich gerade allerdings ganz und gar nicht fühle, ist beengt – und das ist ein ziemlich guter Jahresstart!

 

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