Kolumne: Brauche ich eine Morgenroutine?

4. November 2019 von in

Mal so richtig energiegeladen in den Tag starten. Ohne Handy selbstverständlich, dafür aber von Kopf bis Fuß hydriert, den Kreislauf in Schwung gebracht und mit Gedanken voller Dankbarkeit für alles, was da so vorhanden ist im Leben. Kein Snooze-Knopf am Wecker, sondern wach und gut gelaunt sein, Grüner Tee statt Kaffee und los geht der Tag.

Eine ziemlich gute Vorstellung, den Tag so optimal zu beginnen. Und eine Vorstellung, die sich wohl ziemlich viele Menschen wünschen. Der Suchbegriff „Morgenroutine“ wächst seit einigen Jahren stetig, und die Anleitungen, wie ein erfolgreicher Start in den Tag ablaufen kann, sprießen überall aus den Weiten der Onlinemagazine. Erfolgreiche Menschen erzählen, wie ihr Morgen so aussieht, und man denkt sich wow, das mach ich jetzt auch!

Ganz konkret habe ich mir also kürzlich mal die Morgenroutine von Madame Moneypenny angehört, einer Frau, die das Thema Female Empowerment durch ihren Blog und ihre Finanz-Gruppe auf Facebook gerade ganz schön aufmischt. Die sehr vielen die Augen öffnet und thematisiert, was oft totgeschwiegen wurde – und die dabei vor allem eins rüberbringt:

Optimierung, Exzellenz und Ziele zu haben, ja über die eigenen Ziele hinauszuschießen, das sei, was das Leben lebenswert macht.

Wie ein mächtiger Lifecoach schallte also kürzlich Madamemoneypennys Stimme durch die Wohnung, als ich mir den Morgenroutine-Podcast anhörte, während meine Freundin Jowa mir etwas skeptische Blicke über ihren Kaffee hinweg zuwarf. Natascha steht morgens auf und trinkt erst mal ein Glas Wasser, denn Hydrierung sei einer der Key-Inhalte aller Morgenroutinen erfolgreicher Leute. In ihrem Glas Wasser ist auch noch etwas für den Darm, denn wie wichtig der Darm ist, das wissen wir ja alle. Danach kommen 15 Minuten Yoga, und bis hier hin wirkt das alles auch ganz sinnvoll für mich. An die 15 Minuten Yoga schließen sich 15-17 Minuten Meditation an, Atemübungen nach der Wim Hof Methode und anschließend Dankbarkeitsbekundungen, Affirmationen und Zielvisualisierungen, die verschriftlicht und laut aufgesagt werden. Affirmationen wie „Ich schaffe alles, was ich mir vornehme“, eine Seite Dankbarkeit für Dinge, die existieren und Dinge, die kommen sollen. Und schließlich Lebens- und Umsatzziele, die mit passenden Songs visualisiert werden. Anschließend folgt eine heiße Dusche, die mit mindestens einer Minute kalt duschen beendet wird.

Etwas geplättet hörte ich mir anschließend noch ihre 21 Kern-Lebensprinzipien an, die mit „Exzellenz als Anspruch“ und „Kein durchschnittliches Leben führen“ starten, schenkte mir erst mal einen Kaffee ein und wusste nicht so ganz, was ich von all dem halten sollte.

Ja, Morgensport bringt den Kreislauf in Schwung und macht wacher als ein Kaffee, eine kalte Dusche auch. Regelmäßige Bewegung bringt dauerhaft mehr Energie. Bewusst dankbar für Dinge zu sein kann Glückshormone im Körper erhöhen und ich schreibe mir gerne kleine Dankbarkeitslisten. Meditationen entspannen und fokussieren, und je genauer Ziele definiert und vielleicht sogar visualisiert sind, desto wahrscheinlicher erreichen wir sie auch.

Das Konzept einer Morgenroutine klingt verführerisch, und die Leute, die all diese Abläufe jeden Tag durchziehen, haben von mir die vollste Bewunderung. Trotzdem hat das Ganze für mich einen faden Beigeschmack. Die letzten Jahre habe ich viel damit verbracht, weniger Kontrollfreak zu sein und die Dinge entspannter zu sehen. Habe bemerkt, wie viel glücklicher es mich macht, nicht immer nach Perfektion zu streben, egal in welchem Lebensbereich. Habe mich vom Lifestyledruck im Alltag verabschiedet und gelernt, milde zu mir zu sein. Mich nicht von morgens bis abends zu pushen, sondern es mir zu erlauben, auch einfach nichts zu tun. Nichts Produktives, nichts Optimierendes. Und bin mit etwas mehr dieser Momente in meinem Alltag ziemlich glücklich.

Eine strikte, auf die Minute geplante Morgenroutine mag zielführend sein.

Energie bringen, wenn man sonst langsam und müde in den Tag startet. Und sie mag uns schneller an gewisse Ziele bringen. Und doch ist eine feste Morgenroutine vor allem eines: Ein optimierter Start in den Tag, auf den effiziente Arbeitszeit und effiziente Freizeitgestaltung folgt. Und genau dieser Perfektionismus, dieser Optimierungsgedanke, der schon beim Aufwachen beginnt, ist der Druck, der mir die schöne Leichtigkeit des Seins nimmt.

Meinen Alltag wünsche ich mir irgendwo zwischen 15 Minuten Morgenyoga und einer Tasse Kaffee im Urlaub mit Blick auf das Meer und keinem Gedanken im Kopf. Irgendwo zwischen Vitamin-Supplements zu einer Kanne grünem Tee, und einem knusprigen Croissant. Und so habe ich auf die Frage, ob ich denn eine Morgenroutine brauche, so langsam eine Antwort: Statt einer festen Routine möchte ich all die Anregungen mitnehmen, um mich selbst zu fragen, was mich direkt nach dem Aufstehen eigentlich glücklich macht. Das ist vor allem ein bisschen Zeit und Ruhe, ohne Handy und ohne Emails, ohne Druck und ohne festen Ablauf. Das ist Kaffee trinken im Bett, und eine Kanne Tee.

Und vielleicht ist da demnächst sogar ein bisschen Yoga mit dabei, in meiner Zeit am Morgen, die gar keine feste Routine sein muss.

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2 Antworten zu “Kolumne: Brauche ich eine Morgenroutine?”

  1. Endlich mal ein Artikel, in dem diese Morgenroutine nicht wie das Nonplusultra, ohne das der Tag schon gelaufen ist, dargestellt wird! Wie du schon sagst, eine Morgenroutine ist eigentlich nichts anderes als das Produkt unserer Leistungsgesellschaft, in der es nur darum geht, dauernd effizient und produktiv zu sein, und ja keine Minute sinnlos zu vertrödeln.
    Vor allem haben nur die wenigsten wirklich Zeit für eine solche Morgenroutine, zumal die meisten schon um 8 oder spätestens 9 Uhr früh im Büro sitzen müssen und z.B. im Winter nicht im Stockfinstern ihre Laufrunde einlegen wollen. Es sind ja hauptsächlich Selbstständige, die den Luxus genießen, sich ihren Tag frei einteilen zu können, und die Möglichkeit haben, ihren Arbeitstag auch erst um 10 zu starten.

  2. Hi,
    es geht mir ähnlich, ich habe es versucht mit der Morgenroutine, mit Yoga und Morning-Pages und Affirmationen aber es gibt Tage, da finde ich es einfach schöner noch einem Moment im Bett zu liegen, dem Traum nachzujagen, neben meinem Kind oder meinem Partner zu liegen und die Ruhe vor dem Sturm zu genießen. Ich habe gemerkt, dass mich die Morningroutine ab und an eher stresst, weil ich mir Schwäche zu schreibe, wenn ich es mal mehrere Tage nicht das volle Programm geschafft habe.

    Deshalb klingt es mir auch oft zu oft nach Optimierung und auch ich habe lange gebraucht mich vom Perfektionsdruck und von geplanten Tagesabläufen loszulösen und Dinge entspannter anzugehen.

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