Kolumne: Hilfe, ich hasse Männer

7. Oktober 2019 von in

Ich wollte nie so sein. Feminismus, dachte ich, geht auch anders: Kompromissbereit, lässig, entspannt. Eben anders als das Klischee der wütenden, behaarten, frustrierten Männerhasserinnen. Jetzt ist es anders gekommen. „Men are trash“ geht mir, wenn auch immer „irgendwie ironisch“, immer leichter von den Lippen. Auch, wenn ich damit natürlich immer noch #notallmen meine, sondern Männlichkeit als Konzept, als soziales Konstrukt – und nicht jede einzelne Person, die männlich sozialisiert worden ist. Naja, und behaart bin ich inzwischen auch, und oft genug auch frustriert. Ups!

Die unerträgliche Leichtigkeit des Mannseins

Natürlich gibt es gute Männer. Es gibt neue Männer und reflektierte Männer und sehr, sehr tolle Männer. Einige meiner besten Freunde sind Männer! Ihr wisst schon. Aber trotzdem. Trotzdem komme ich nicht umhin, wütend zu sein. Denn egal, wie reflektiert und bemüht ein Mann auch ist: Wenn ich ihm tief in die Augen schaue, dann weiß ich, dass uns etwas unterscheidet und es uns immer unterscheiden wird. Es ist eine Selbstverständlichkeit in seinem Sein, diese Leichtigkeit, mit der er sich in der Welt bewegt – wissend (wenn auch nicht bewusst), dass diese Welt hier seine ist.

Natürlich gibt es auch verunsicherte Männer – es gibt Männer, die sind von Rassismus, Homophobie, Klassismus oder Bodyshaming betroffen. Es gibt Männer, die sehr gut wissen, was es heißt, diskriminiert zu werden. Aber sie wissen eben nicht, was es heißt, als Frau aus der Tür zu gehen. Sie kennen nicht das Ausmaß von oftmals unsichtbarem Sexismus, das auch jede Frau erst versteht, wenn sie ganz genau hinschaut – manchmal erst nach Jahren, manchmal sogar nie. Sie wissen nicht, dass Sexismus und Misogynie so viel mehr ist als der Moment einer Beleidigung, eines wertenden Blicks oder eines Klaps auf den Po. Sie wissen nicht, dass das Frausein – durch die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft es behandelt – etwas ist, das uns auf so viele komplexe und unsichtbare Arten limitiert und klein macht und das uns in keiner Sekunde unseres Lebens verlässt.

Der Teufel im Detail

Es sind kleine Momente, in denen es mir dann klar wird. Wenn ein Mann in einem Vorstellungsgespräch ganz selbstverständlich davon redet, wie großartig er ist, zum Beispiel. Wenn ein Mann einen Raum voller Frauen betritt und sich keine Gedanken machen muss, ob diese Situation gerade bedrohlich für ihn sein könnte. Wenn ein Mann nachts allein in einen U-Bahn-Waggon steigt und sich überlegt, was er morgen frühstücken will, statt Angst zu haben, wer an der nächsten Station einsteigen könnte. Wenn ein Mann sich in einem Uni-Seminar meldet und mit seinem Wissen prahlt – und keine Sekunde darüber nachdenkt, wie er dabei auf andere wirkt. Wenn ein Mann auf einem Konzert sein T-Shirt auszieht. Und sich danach breitbeinig in den Bus setzt. Wenn ein Mann mit 30 noch Single ist und sich nicht ständig dafür rechtfertigen und bemitleiden lassen muss. Und so weiter.

 

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Diese Leichtigkeit ist für mich manchmal unerträglich. Die absolute Unmöglichkeit, männlich sozialisierten Menschen klarzumachen, was für fundamental unterschiedliche Gefühle unsere Gesellschaft für weiblich gelesene Personen produziert – es macht mich sauer. Sauer, weil ich weiß, dass ich dieses Gefühl nie in Worte fassen werden können; sauer, weil ich weiß, dass ich niemals diese Selbstverständlichkeit erleben werde, mit denen Männer sich durch die Welt bewegen; sauer, weil ich neidisch bin. Ich bin grün vor Neid wegen diesem quasi angeborenen Selbstbewusstsein. Wegen der Lizenz zum Raumeinnehmen. Wegen dieser komplett selbstverständlichen Leichtigkeit, derer sie sich nicht einmal bewusst sind. Wegen dieser für mich beinahe unmöglichen Fähigkeit, sich nicht kleiner zu machen, um nicht negativ aufzufallen.

Schluss mit lustig

Und so sehr ich es hasse, überhaupt noch in diesen binären Kategorien zu denken: Die Welt funktioniert, auch in einem scheinbar aufgeklärten Land wie unserem, leider immer noch so. Es sind manchmal die kleinsten Momente, die das in ihrer Selbstverständlichkeit am allerdeutlichsten machen. Und plötzlich bin ich diese wütende Emanze, die ich früher immer so abschreckend fand. Und glaube nur noch bedingt daran, dass Feminismus – zu Ende gedacht – lässig und entspannt bleiben sollte. Denn auch das ist eine Form des Kleinmachens. Es ist der Versuch, nicht zu laut und aufdringlich zu sein – Bedenken, die uns ansozialisiert worden sind, weil wir Frauen sind. Schluss damit! Auch wenn ich nicht glaube, dass ich es selbst noch erleben werde: Um diese Selbstverständlichkeit erleben zu können, müssen wir laut und aufdringlich sein. Und eine Weile so tun, als wäre es schon selbstverständlich. Bis es vielleicht irgendwann wirklich so ist.

Bildcredits: Steve Barker/Unsplash

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9 Antworten zu “Kolumne: Hilfe, ich hasse Männer”

  1. Liebe Jowa,
    das klingt etwas ungesund und anstrengend (auch für dich) und du solltest dich vielleicht einmal mit anderen Themen beschäftigen.
    Grundsätzlich wünsche ich mir Gleichberechtigung und finde es auch wichtig, dass (von unterschiedlichen Seiten) etwas dafür getan wird. Ich habe eine Freundin, die sich neulich angegriffen und ‚kleingemacht‘ gefühlt hat, weil ihr ein befreundeter Mann in den Mantel geholfen hat und die sich auch darüber aufregt, wenn ihr von einem Mann die Tür aufgehalten wird. Dabei hält dieser Mann auch durchaus Männern mal die Tür auf und ist keineswegs, auch nicht unterbewusst oder sonstwie am Degradieren von Frauen interessiert. Das sind nur schlichte Gesten der Höflichkeit. Aber wenn man wenig andere Themen hat und/oder sich gerne reinsteigert, verliert man schonmal den Blick fürs Wesentliche und schreibt dann z.B. solche Artikel. Nicht böse gemeint, aber deine Artikel haben generell häufig einen extrem nöligen Beschwerdeton, egal worum es geht. Ich verzichte daher sonst auch aufs Lesen, habe aber diesen hier offensichtlich nun doch mal wieder angeklickt und mich sogar zu einem Kommentar hinreissen lassen. Ups.

    • Liebe Sina,
      anstrengend ist es tatsächlich (sogar sehr), aber leider gehört Sexismus nicht zu den Themen, die man einfach mal für ’ne Weile vergessen kann, wenn man keine Lust mehr auf sie hat. Es ist wie das Öffnen von Pandoras Box. Was du reinsteigern nennst, empfinde ich eher als eine Erweiterung des Verständnisses, wie weit solche Dinge und in Mark und Bein übergehen können. Aber ich verstehe, dass es auch so empfunden werden kann – ich hab bei dieser Überschrift auch fest mit solch einem Kommentar gerechnet. Aber ich will hier ja überhaupt keine Männer und deren Handlungen kritisieren (dafür gibt’s andere Artikel), sondern betonen, wie neidisch ich auf sie bin und wieso. Dafür können sie selber nichts, das liegt an unserer Gesellschaft. Das Beispiel mit dem Mantel passt daher nicht wirklich zu dem, was ich sagen will. Ich unterstelle niemandem eine böse Absicht und will auch nicht zur Paranoia aufrufen.

      Naja, und was andere Themen betrifft: Die gibt es in Hülle und Fülle, sowohl in meinem Leben, als auch bei Amazed. Feminismus ist sogar im Vergleich zu früher stärker aus meinem Fokus gerückt – das spiegeln auch die Artikel wieder, die ich in letzter Zeit hier geschrieben habe.

      Und ich freu mich, dass ich dich trotz allem zu einem Kommentar hinreißen konnte :)

  2. Liebe Jowa, ich kann das mit dem neidisch werden sehr gut verstehen – ich werd auch immer neidisch, wenn Männer in größerer (Vorträge, Symposien) oder kleinerer (Meeting) Runde mit dem allergrößten Selbstbewusstsein belanglose und redundante Wortspenden bzw Fragen abliefern, die zu stellen vermutlich die meisten Frauen (zumindest ich und die, mit denen ich darüber schon gesprochen habe) nicht wagen, um nicht blöd da zu stehen oder belehrt zu werden. Erstaunlicherweise werden die wenigsten Männer dann belehrt, und wenn, ist es ihnen auch egal.

  3. Liebe Jowa,
    ich verstehe das alles, total. Ich bin ganz genau so. Ich finde mich so allerdings sehr anstrengend, kann mittlerweile aber nicht mehr anders. Und ja, neidisch bin ich auch oft. Manchmal frage ich mich allerdings, ob man sich das Leben damit nicht sehr schwer macht. Letzte Woche habe ich im Job eine Gehaltserhöhung bekommen, ohne danach zu fragen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ein Problem damit haben nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, allerdings habe ich in dem Moment nur daran denken können, dass ich mich ja die ganze Zeit unter Wert verkauft haben muss, wenn die Firma das jetzt schon von selber macht (ich weiß eigentlich, dass es nicht so ist) und ob soetwas einem Mann auch passiert wäre. Irgendwann war ich an einem Punkt an dem ich mich zwingen musste mich auch mal 5% darüber zu freuen, anstatt die ganze Zeit die Umstände zu zerdenken. Heute habe ich zur Arbeit einen selbst gebackenen Kuchen mitgebracht – anstatt mich darüber zu freuen, dass er meinen Kollegen schmeckt, habe ich gefühlt zehn Mal gesagt, dass sich „gefälligst“ niemand daran gewöhnen soll, ich würde nicht zur Team-Bäckerin gemacht werden wollen. Feministin zu sein ist scheiße anstrengend, aber ich hoffe und glaube fest daran, dass es sich irgendwann auszahlt :)

  4. Ich gehöre ja nun schon zur Generation 40+, erlebe das also alles schon etwas länger. Und wenn ich „das“ schreibe, meine ich nicht, dass ich das so empfinde.
    In meinen Augen ist das ein gesellschaftliches Thema und gehört nicht am Mann festgemacht, sondern am Miteinander.
    Denn sind wir mal ehrlich, haben sich Frauen in dieser Rolle teils auch eingefunden und nicht nur, weil man sie ihnen zugewiesen hätte.

    Das fängt dabei an, dass sie sich immer noch untereinander klein machen/reden/schreiben und an das Dingen festmachen, die Männern bis dato immer egal waren.
    Banales Beispiel:
    Frau lässt sich schönheitschirurgisch verschönern.
    Warum?
    1) oft genug, weil man ihr auf den Instagram Fotos schrieb, sie sei zu alt, zu hässlich, zu faltig für dieses oder jenes.
    So, dann ist sie nun also (optisch) nicht mehr zu alt/hässlich/faltig für dieses oder jenes.
    Da kommt dann 2). Man schreibt ihr, wie kann sie nur /nicht in Würde altern/ sich was spritzen lassen/augenscheinlich sooo oberflächlich sein usw usf

    Diese Kommentare kommen doch zumeist von Frauen oder nicht?

    Nächstes Thema – Kinderdiskussion – auch hier – die werden doch eher selten von den Männern angezettelt.
    Es gibt so viele Themen, bei denen sich Frauen gegenseitig Dreck zu werfen und sich untereinander werten.

    Auch hier wird indirekt gewertet, denn das nicht gut finden des Status Quo ist ja insgeheim eine Aufwertung der eigenen Person, dass man so was ungerechtes nicht mitmacht.

    Himmel, dann macht es einfach anders. Niemand wird heute mehr gezwungen.

    Ich habe mich in meinem bisherigen Leben nie an Männern gemessen. Männer und Frauen sind nunmal naturgemäß zwei unterschiedliche Geschlechter.
    Das kann man gut oder schlecht finden, ändern kann man es nicht.
    Für mich gilt und galt immer – jeder macht das, was er am besten kann. Ganz gleich, welches Geschlecht.

    Im Grunde ist es doch eine Persönlichkeitsfrage, denn was man daraus macht, bleibt einem ein stückweit auch selbst überlassen – eben zum Beispiel nach einer Gehaltserhöhung fragen. Warum nicht? Warum hinterher alles zerdenken, warum einen keiner gefragt hätte? Naja nun, man hat selbst ja auch nicht danach gefragt.

    Wo um Himmels willen bleibt denn das vor der eigenen Tür kehren & die Eigenverantwortung in der heutigen Zeit?
    Diese 100 Meter langen Artikel zum sogenannten Feminismus sind nur dann erfolgreich, wenn man bei sich anfängt, aber auch endlich aufhört andere missionieren und bekehren zu wollen.
    Einfach mal was vorleben. Selbst entscheiden. Einfach machen. Aber nicht zu glauben, dass das das Lebenskonzept für alle sein muss. Nicht für alle Frauen und nicht für alle Männer.

    Für mich gilt nicht zu vergessen, dass es IMMER zwei Seiten gibt – warum versucht kaum jemand die Perspektive zu wechseln und mal zu sehen, inwieweit man bereit ist, auch andere zu akzeptieren, selbst wenn sie einem nicht gefallen. Das scheint nur für die Akzeptanz der Schwachen zu gelten – hier komischerweise können sich selbsternannte Feministinnen reindenken und mitfühlen – aber warum nicht mit einem „starken“ Mann?

    Mir fehlt es einfach am gemeinsamen Lebenszweck, denn den gibt es tatsächlich. Mir scheint, der heutige Feminismus soll nur noch Frauen dienen und den vermeintlich Schwachen, die sich diejenigen Frauen ins Boot holen, damit das nicht so nach reiner Frauenwirtschaft aussieht.

    Ja, ich weiss, das mag hart klingen, aber warum bitte schliesst das so oft die „stärkeren“ aus? Weil jemand glaubt, bei denen läuft es?

    Nun ja, vielleicht läuft es bei denen, aber oft genug wird dafür auch selbst etwas beigetragen.
    Nur mal so.

    Das ist nur ein Bruchteil, was mir dazu einfällt und nicht immer ist alles schwarz und weiss, aber das sich ärgern über die Gegebenheiten kann ich nicht mehr lesen, lebt es doch einfach anders, doch nichts geht von heute auf morgen und Holzhammer ist auch out – den will man ja von der anderen Seite auch nicht kriegen.

    LG Ava

    • Liebe Ava,
      im Großen und Ganzen stimme ich dir absolut zu. Du hast Recht, dass Frauen oftmals am Lautesten sind, wenn es darum geht, anderen Frauen das Leben schwer zu machen. Darüber habe ich übrigens auch schon mal einen Artikel geschrieben: https://www.amazedmag.de/frauen-mit-stockholm-syndrom/
      Ich stimme dir auch darin zu, dass es mindestens genauso wichtig ist, Veränderung vorzuleben, wie sie zu propagieren. Ich behaupte mal frecherweise, dass wir das alle ebenso tun, wie wir wütende Artikel schreiben. Das Ziel dieses Artikels soll auch nicht sein, „starke Männer“ per se als schlecht abzustempeln. Mir geht es hier nicht um die persönliche Ebene und nicht um Einzelpersonen, sondern um ein systematisches Problem, bei dem ich es für wichtig halte, es als solches zu erkennen – eben weil man es nicht auf das Handeln einzelner Personen oder einen „Mann per se“ herunter brechen kann. Und das dient eben nicht nur Frauen und Marginalisierten, sondern kann auch für Männer sehr heilsam sein: Wenn die eben nicht mehr immer stark und emotionslos sein müssen, sondern über Schwäche sprechen dürfen. Auch das ist eins der Ziele des zeitgenössichen Feminismus. Mit dem Thema hab ich mich auf Amazed auch schon mehrfach befasst: https://www.amazedmag.de/der-feminist-feminismus-bedeutet-auch-maennerrollen-neu-zu-denken/ / https://www.amazedmag.de/kolumne-dont-grab-them-by-the-balls/
      Nie würde ich behaupten, dass ALLE Männer es IMMER leichter haben. Selbst der bevorteilteste Mann hat Probleme, und auch die müssen ernst genommen werden. Nun geht es mir aber in diesem Text – wie gesagt – nicht um Einzelbiografien, sondern um systematische Benachteiligung. Und von der sind weiße, hetersexuelle Cis-Männer nun mal am Allerwenigsten betroffen. Ich glaube, da brauchen wir nicht zu diskutieren. Der Sinn dieses Artikels liegt für mich nicht im bloßen Ärgern oder darin, sofortige Veränderung zu verlangen (schön wärs!), sondern im Perspektivwechsel und in dem Versuch, es irgendwie begreifbar zu machen, wie sich systematische Benachteiligung anfühlen kann. Wenn sich Leute darin wiederfinden, freue ich mich. Wenn es sich für dich nach Holzhammer anfühlt, dann ist es vielleicht einfach nicht dein Ansatz. Das ist voll okay! Für mich persönlich ist es keine Option, das Thema auf sich beruhen zu lassen, gar nichts mehr zu fordern und nur noch „vorzuleben“. Ich glaube einfach nicht daran, dass sich so Veränderungen herbeiführen lassen.

  5. PS: Ich wünsche mir mal einen Blogbeitrag, und das meine ich ganz ernsthaft, über die Vorteile eine Frau zu sein. Warum ist es schön, eine Frau zu sein und vielleicht auch, welche Vorteile hat man dadurch zB auch gegenüber dem männlichen Geschlecht? (Ich meine jetzt nicht Mutterschaft, sondern gesellschaftlich)

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