Kolumne: Selbstwert ohne Männer

6. November 2018 von in

„Und, wie läuft’s mit den Männern?“ Diese Frage nervt, wenn man gerade nichts Positives zu berichten hat. Aber eigentlich sollte sie uns – damit meine ich Frauen, die auf Männer stehen – immer ein bisschen nerven. Und wir sollten lernen, sie viel knapper zu beantworten.

Wieso wir über Männer sprechen

Hände hoch, wer die Situation kennt: Man hat eine Freundin monatelang nicht gesehen, trifft sich auf einen Kaffee oder eine Limo oder ein Dosenbier oder ein Herrengedeck, und nach weniger als fünf Minuten kommt man auf das Thema Männer. Ein paar Stunden später – man ist entweder extrem koffeeiniert oder besoffen – verabschiedet man sich und stellt fest: Man hat sich die ganze Zeit ausschließlich mit einer psychologischen Detailanalyse der toxischen Verhaltensmuster der jeweils aktuellen Männer befasst. Und hat dabei irgendwie ganz vergessen, dass es auch so lapidare Themen wie Arbeit, Freundschaften, Hobbies, politische Entwicklungen, Musik, Kunst, Kultur, Literatur oder Revolution gibt. Ich zumindest bin viele Jahre unbemerkt immer wieder in diese Falle getappt. Ich nenne es bewusst „Falle“. Und ich erklär‘ euch auch, wieso.

Klar, romantische Beziehungen sind nicht unwichtig. Sie können ein Leben sehr bereichern, sind im besten Fall gesund, geben einem ein Gefühl von Geborgenheit und eine Bestätigung des Selbst, die man anders nur schwer bekommen kann. Es ist aber nicht diese Sorte von Beziehung, die man stundenlang bis in die Analyse des kleinsten Herz-Emojis ausdiskutiert. Es sind die noch unsicheren, umkämpften und sprunghaften Beziehungen, bei denen der Redebedarf so groß wird – denn steckt man in solch einer Beziehung, dann schwebt man irgendwie ständig in Gefahr und nimmt jede Hilfe dankend an, um „das Schlimmste“ zu verhindern. Und da liegt der Hund begraben. Oder eher alle anderen Gesprächsthemen.

Der moderne Selbstwert ist auf Sand gebaut

Wie eine meiner Lieblingswissenschaftlerinnen, Eva Illouz, in einem ihrer schlauen Bücher erkennt, sind Sexualität und Liebesbeziehungen heute zu den wichtigsten Bestandteilen des Selbstwertgefühls geworden. Dass das so ist, hat etwas mit dem modernen Dilemma zu tun, dass wir gar nicht so einzigartig sind, wie es uns von Medien, Konsumkultur und teilweise auch von unseren Eltern vorgegaukelt wurde. Individualität ist eine sehr wichtige kulturelle Währung in unserer modernen Welt. Eine funktionierende Liebesbeziehung ist in der Lage, uns das Gefühl der Einzigartigkeit zurückzugeben: Denn zumindest für diese eine Person wird man scheinbar unersetzlich. Wenn er mich für besonders hält, dann kann ich mich auch selbst für besonders halten. Bis es irgendwann nicht mehr so ist. Und dann holt einen die Erkenntnis wieder ein, dass man vielleicht doch irgendwie austauschbar ist – und das Konstrukt Selbstwert fällt bei jedem Scheitern neu in sich zusammen wie ein Jenga-Turm und muss mühsam wieder aufgebaut werden. Natürlich am Effektivsten mithilfe eines neuen Mannes – dabei haben wir als emanzipierte Frauen doch eigentlich längst gelernt, unsere Türme selbst zu bauen. Es ist aber alleine nicht so leicht, denn der moderne Selbstwert wird auf Sand gebaut – besonders bei Frauen. Ganze Filmgenres und Serienplots bauen allein auf dieser Tatsache auf und zeigen nichts als Frauen, die nonstop über Männer sprechen. Das beste Beispiel, mal wieder: Sex and the City.

 

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Früher – etwa zu Zeiten unserer Großeltern – hat man seinen Selbstwert auf anderen Dingen aufgebaut: Zum Beispiel auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Status. Das ist zugegebenermaßen keine gesündere Variante. Einen Vorteil hat sie allerdings: Sie droht nicht ständig, in sich zusammen zu fallen. Sie muss nicht ständig durch wiederholte Rituale neu bestätigt werden. Der Erfolg unserer Liebesbeziehungen bestimmt heute unseren Selbstwert unmittelbar mit und macht ihn somit zu einer ständigen Wackelpartie. Das gilt übrigens für Frauen wie Männer – aber besonders für Frauen, deren Sozialisation nur selten eine gleichwertige Identifikation mit Job, Macht oder Junggessellendasein zulässt wie bei Männern. Es ist der Grund, wieso wir Stunden um Stunden damit verbringen können, Männer zu analysieren: Es geht gar nicht unbedingt um sie. Es geht um etwas viel Wichtigeres: Unseren Selbstwert. Aber ich habe gute Nachrichten: Man ist dieser ungesunden Dynamik nicht hilflos ausgeliefert.

Platz für wichtigere Dinge

Diese Art zu denken ist sozusagen unsere Werkseinstellung. Aber man kann sich selbst umprogrammieren. Schritt Eins ist hiermit vielleicht getan: Das Problem als solches erkennen und sich bewusst werden, dass es nicht so bleiben muss. Jede Person hat sehr viel mehr zu bieten, worauf man einen Selbstwert aufbauen kann – Dinge, die nicht ständig drohen, in sich zusammenzufallen. Enge Freundschaften, beruflicher Erfolg, eine starke Persönlichkeit, das Einstehen für die eigenen Überzeugungen – klingt gesünder, oder? Es macht auch mehr Spaß. Und ich weiß, dass es möglich ist: Vor Kurzem habe ich mit einer Freundin festgestellt, dass wir wochenlang kein einziges Mal über Männer gesprochen haben. Und plötzlich war sehr viel Platz für andere Themen: Politik, neue Hobbies, Zukunftspläne, Flachwitze. Ein angenehmer Nebeneffekt: Wenn man romantische Begegnungen nicht mehr benötigt, um sich als wertvolle Person zu fühlen, ist man auch weniger gewillt, toxische Beziehungen einzugehen und Kompromisse zu machen, die eigentlich Selbstverleumdung sind. Das heißt nicht, dass man nie wieder über Männer reden darf. Es soll sich dabei bloß nicht länger um den ständigen Versuch handeln, den Selbstwert-Jenga-Turm gemeinsam vor’m Einsturz zu bewahren. Und seinen Selbstwert statt auf Sand fortan auf Beton zu bauen.

Bildcredits: Bernard Hermant, Nathan Dumlao, Jing Ang via Unsplash

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10 Antworten zu “Kolumne: Selbstwert ohne Männer”

  1. Danke für die weisen Worte! Das kam genau im richtigen Moment. Frisch aus einer Trennung war meine erste Amtshandlung, mich bei Tinder anzumelden und mich in den nächsten Männersalat zu stürzen. Einen Monat später und am anderen Ende herausgepurzelt, habe ich nun beschlossen, mir wirklich mal die Ruhe zu geben, alles zu verarbeiten und wieder mehr bei mir zu sein – einer der Gründe, weshalb ich in meiner Beziehung unglücklich war, weshalb meine Übersturzhandlung weder mir noch der alten Beziehung gerecht geworden ist. Danke für die kleine Erinnerung!

    • Das kenne ich gut! Gerade bei Tinder hat man ständig die Möglichkeit, alles durchzuanalysieren… Warum meldet er sich nicht? War eine andere toller? Hat er viel zu tun, kein Bock auf mich oder oder oder… Absolut ungesund und jede Menge Potential für noch mehr Liebeskummer…

  2. Oh, ganz ganz toller Artikel. Sehr wahr.

    Ich bin seit 4 Jahren Single und klar gibt es da immer wieder neue Dates und Bekanntschaften und die dazugehörigen Stories. Ich bin dazu übergegangen, davon meistens einfach nicht mehr viel zu erzählen, um nicht, wie im Artikel beschrieben, ständig nur über Männer zu sprechen.

    Trotzdem werde ich von Freundinnen, von denen ich länger nichts gehört habe, immer als erstes gefragt: Was gibts Neues von den Männern? Und ich habe diese Frage so unglaublich satt. Als ob mich primär die Suche nach einem neuen Partner definiert…Wenns was zu erzählen gibt, dann freuen sich sich für mich (und diskutieren das gerne bis ins kleinste Detail) und wenn es keine Neuigkeiten gibt, höre ich einen „aufmunternden“ Spruch.

    Ich weiß noch nicht genau wie ich es am schlausten anstelle allen klarzumachen, ohne unhöflich zu sein, dass sie sich diese Frage bitte sonstwohin stecken können. Ein einfaches „wie gehts?“ würde reichen. Wenn ich was zu erzählen habe, dann mache ich das schon.

  3. Wenn ich mich mit Freundinnen treffe, reden wir über unsere Jobs (früher: Studium), unsere Unternehmungen und Hobbys, Mode und erst dann irgendwann vielleicht auch über die letzten Dates. Ohne, dass irgendwer von uns „female power“-Shirts tragen oder das großartig feiern muss. Wer von Hause aus eine gesunde Einstellung mitbekommt, hat die hier angesprochenen Probleme irgendwie einfach nicht. Sucht euch klügere Freundinnen mit spannenderen Leben, ehrlich! Dann hört ihr ganz automatisch auf, euch ständig nur über Kerle mit ihnen zu unterhalten.
    Ich finde es immer wieder erstaunlich, was für Banalitäten ihr hier immer als Offenbarungen verkauft und dafür auch noch von euren treuen Leserinnen feiern lässt. Traurig eigentlich.

    • Das ist total schön für dich, dass du dieses Problem nie hattest – aber das heißt nicht, dass das Thema insgesamt irrelevant ist. Es heißt nur, dass du das Glück hast, davon nicht betroffen zu sein. Und du hast Recht: Nicht jede hat von Haus aus eine gesunde Einstellung mitbekommen. Deswegen müssen manche Frauen diese Verhaltensweisen verlernen. Und, glaub mir, selbst die spannendsten und großartigsten Frauen mit den verrücktesten Biografien sind nicht immun gegen diese Dynamik – weil es ein gesellschaftliches Problem ist, kein individuelles. Das ist es ja, was mich dazu gebracht hat, über das Thema zu schreiben: Du hast Recht, ist total banal, so viel über Männer zu reden und sich über sie zu definieren. Aber es hat eben nicht jede das Glück, das von Kleinauf so vermittelt zu bekommen und zu verinnerlichen.

  4. Aber stellen sich Männer nicht untereinander auch die Frage, was es Neues im Liebesleben gibt?
    Und ist das nicht einfach ein Part, der eben im Leben dazu gehört?
    Du hast Recht, dass es schwierig wird, wenn sich jemand total blöd fühlt, bloß weil es in diesem Bereich mal nichts Neues zu erzählen gibt, aber gleichzeitig tausend andere Dinge im Leben passieren wie neuer Job, baldiger Urlaub, neues Hobby etc.
    Aber ich persönlich tratsche mit meinen Freundinnen ewig über die neuesten Dates, den Stress mit dem Freund oder das Zusammenziehen und das ist total schön, weil es eben einen großen Teil im Leben ausmacht. Deshalb teile ich deine Meinung nicht, dass die Frage immer ein bisschen nerven sollte, denn sie ist für mich vollkommen gleichwertig mit: Was macht die Arbeit, wie geht es deiner Familie und vielen anderen.

    • Wie gesagt: „Das heißt nicht, dass man nie wieder über Männer reden darf. Es soll sich dabei bloß nicht länger um den ständigen Versuch handeln, den Selbstwert-Jenga-Turm gemeinsam vor’m Einsturz zu bewahren. Und seinen Selbstwert statt auf Sand fortan auf Beton zu bauen.“ Die Intention macht’s :) Und es ist total gut, wenn die Frage für dich genauso wichtig ist wie Arbeit oder Familie, genau so soll’s sein! Sie soll nur eben nicht den Mittelpunkt des Universums bilden. Und klar machen sich auch Männer darüber Gedanken. Aber die haben sozialisierungsbedingt einfach mehr Alternativen zur Hand, sich selbst auch über andere Dinge zu definieren. Zum Beispiel werden Single-Männer über 30 weitaus weniger schief und bemitleidenswert angeschaut als Frauen.

  5. Was für ein passender Artikel für mich zur Zeit! Der tat mir grad richtig gut. Vor zwei Wochen hatte ich meine erste Tindererfahrung. Es war sehr schön und gleichzeitig eine Katastrophe. Mein Herz hat mich nicht um Erlaubnis gefragt, und fand diese Begegnung (leider) nur sehr schön, keine Katastrophe. Mich hat es nach drei Treffen und täglichem Schreiben, voll erwischt. Mein Kopf schreit die ganze Zeit mein Herz an, dass es denn nun endlich mal bitte begreifen soll, dass das nix ist und nix war. Aber mein Herz schaltet auf Durchzug und wartet jeden Tag auf eine Nachricht von ihm. Denn es war von jetzt auf gleich Schluss mit Mr. Tinder. Weil den Herrn die Vorstellung einer (noch nicht mal im Raum stehenden) Bindung abgeschreckt hat. Seitdem hab ich viel Zeit damit verbracht zu hoffen, zu warten, zu durchdenken, zu analysieren und zu weinen. Bis mir allmählich der leise Verdacht kam, dass mir diese Erfahrung etwas ganz klar über mich und mein Selbstwert sagen wollte. Es ging nicht um diesen Mann. Es ging um mich. Ich soll lernen, mein Leben, mein Sein mit Dingen (unabhängig von Männern) zu füllen. Und damit habe ich irgendwann in den letzten Tagen begonnen. Klar, ich bin irgendwie noch immer traurig. Aber ich lass mich nicht mehr so zum Zerdenken und Analysieren hinreißen. Ich versuche rauszufinden, was MIR gefällt. Was ICH mag. Und damit versuche ich nach und nach mein Leben zu füllen. Das war längst an der Zeit, sollte mir aber scheinbar nochmal mit diesem schmerzhaften Erlebnis verdeutlicht werden.

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