Kolumne: Ich will nicht immer Siebzehn sein

19. Juli 2019 von in

Du kannst nicht immer Siebzehn sein, Liebling, das kannst du nicht! Der momentane Hype um die umstrittene FaceApp und ihren Alterungsfilter führt es uns mal wieder vor Augen: Wir werden nicht ewig jung bleiben. Der Anblick dieser täuschend echten älteren Versionen von uns lösen ambivalente Gefühle aus: Alt sein, das ist irgendwie nicht so wünschenswert. Oder?

Gerade als Frau hat man in der Regel ein sehr schwieriges Verhältnis zum Altern. Das ist auch kein Wunder, denn die jugendliche Weiblichkeit scheint in der westlichen Welt nach wie vor als die einzig legitime Weiblichkeit zu gelten, schaut man sich Film, Fernsehen, Musikbusiness, Werbung, Popkultur an. Ein kleines Beispiel: In den 100 Top-Filmen des Jahres 2018 kamen nur 11 Frauen über 45 Jahren in einer Haupt- oder Nebenrolle vor.

„In Würde altern“

Es gibt ein Wort dafür: Ageism, also Altersdiskriminierung. Gerade in den Bereichen Medien und im Berufsleben trifft dieses Phänomen Frauen noch viel härter als Männer: Ab 40 werden sie quasi unsichtbar. Und während graue Schläfen bei Männern nach wie vor als sexy gelten, werden Frauen ab 50 meist als asexuelle Grannies wahrgenommen – oder eben als MILFs sexualisiert. Für Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, gibt es jenseits der 40 genau zwei Optionen: „In Würde altern“ (was meist bedeutet, einfach bis in alle Ewigkeit wie 25 auszusehen) oder in der Versenkung verschwinden. Option eins kann dabei aber ebenso schief gehen – siehe Renée Zellweger oder Madonna, denen die Klatschpresse immer wieder unmissverständlich klar machen, dass sie das falsch machen mit dem Älterwerden.

Man braucht sich also nicht wundern über die weibliche Angst vorm Älterwerden: Denn es wird uns von allen Seiten unmissverständlich klar gemacht, dass wir uns mit jedem Jahr einer Art Ablaufdatum auf dem Weg in die Irrelevanz nähern. Natürlich ist all das – wie so oft – kein Naturgesetz, sondern ein Narrativ, das uns beigebracht worden ist. Und wie so oft hat es wieder sehr viel mit Kapitalismus und Sexismus zu tun, dem most iconic duo of all times. Ganze Wirtschaftszweige beruhen einzig und allein auf dieser unserer antrainierten Angst vorm Altern: Das Zauberwort lautet Anti-Aging und macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass das Altern (zumindest für Frauen, aber zunehmend auch für Männer) etwas ist, das es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

Ich will nicht immer Siebzehn sein

Kein Wunder also, dass wir schon ab 25 anfangen, uns Q10-Cremes ins Gesicht zu schmieren und vor jedem Geburtstag zu zittern. Aber sind wir nicht eigentlich längst viel schlauer? Haben wir nicht längst gelernt, Weiblichkeitsideale zu hinterfragen? Höchste Zeit, dass wir auch beim Altern anfangen, uns zu fragen: Wieso habe ich eigentlich Angst? Wessen Vorstellungen versuche ich hier gerade, zu entsprechen? Und wer profitiert davon?

 

 

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Denn eigentlich ist das Älterwerden etwas unglaublich Großartiges. Denn es geht dabei um so viel mehr als das Zusteuern auf das Ende. Klar, ein paar Sachen sind wirklich schön am Jungsein: Man hat mit Siebzehn noch mehr Schnäpse vertragen, war gelenkiger, hat öfter Dinge zum ersten Mal getan und allgemein war alles ein bisschen aufregender. Aber man war eben auch unglaublich verunsichert und verwirrt. Man wusste nicht wer man ist und wer man einmal sein will – und von Feminismus hatte man in der Regel auch noch nie etwas gehört. Wenn ich so darüber nachdenke, will ich auf keinen Fall wieder Siebzehn sein. Denn mit dem Alter kommt eben auch ein bisschen Weisheit, Selbstbewusstsein, Entschlossenheit und die Erkenntnis, was man eigentlich will vom Leben. Man wird Badass. Man lernt sich selbst kennen und lieben. Das ist harte Arbeit, und die erfordert Zeit. Für nichts in der Welt würde ich diesen Prozess wieder rückgängig machen wollen – auch nicht dafür, wieder Siebzehn zu sein.

Hinterfragen ist immer gut. Punkt. Und das gilt ganz besonders für gesellschaftliche Stigmata, die versuchen, uns klein zu machen. Und solange ältere Frauen weiterhin aus der Öffentlichkeit gedrängt werden, kommt es einem revolutionären Akt nahe, das Altern zu umarmen und zu sagen: Ja, ich werde alt, na und? Ist doch toll! Denn das Älterwerden ist eben kein Weg hin zum Ablaufdatum, sondern ein Prozess, der uns immer näher zu uns selbst bringt. Lasst uns weise, faltige, schlaue, witzige, lässige alte Frauen werden! Ich freu mich schon drauf.

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