Kolumne: Freundschaft als Lebensmittelpunkt

2. März 2021 von in

Was passiert mit meiner Zukunft, wenn ich sie vom Ideal „Vater, Mutter, Kind“ befreie? Was passiert, wenn ich keine romantische Liebe mehr brauche, um irgendwann „anzukommen“? Es ist schon eine Weile her, dass ich mir diese Fragen zum ersten Mal selbst gestellt habe – diese lächerlich simplen Fragen. Ich bin nicht die erste Person, die ein Leben ohne romantische Beziehung in Erwägung gezogen hat und ich bin auch nicht die erste Person, die Familie nicht von Blutsverwandtschaft abhängig machen möchte. Trotzdem hat sich mein Hirn gefühlt einmal um 180 Grad drehen müssen, bis ich es als reale Option betrachten konnte:

Eine Zukunft ohne romantische Beziehung, die trotzdem erfüllt, bunt und voller Leben ist. Was, das geht?!

Mir hat es lange Zeit große Angst gemacht, wenn meine engsten Freund*innen in romantischen Beziehungen gelandet sind. Lange dachte ich, dass es sich dabei um verkappten Neid handelt: Die Angst, „übrig zu bleiben“. Der Druck, selbst auch jemanden finden zu müssen, bevor man vereinsamt. Nicht selten hab ich in diesen Phasen Tinder wieder installiert, weil ich dachte, die Zeit läuft mir davon. Das ist übrigens nicht unbedingt der beste Grund für Online-Dating, falls ihr es noch nicht wusstet. Happy to help.

Es stellte sich dann aber meist schnell heraus, dass meine Freund*innen sich nicht in Luft auflösen, wenn sie in einer Partnerschaft sind. Im Gegenteil: Es änderte sehr wenig an unseren Beziehungen und oft waren sie danach sogar noch dankbarer, mich in ihrem Leben zu haben. Zum Dampfablassen von unvermeidlichem Beziehungsfrust und weil natürlich niemand nur eine Person in seinem Leben haben will – wer hätte es gedacht!? Mir wurde klar: Ich bin nicht neidisch auf deren Liebesglück. Meine Angst war eine andere: Ich hatte Angst, sie an ihre Partner*innen zu verlieren. Mit der Erkenntnis, dass diese Angst unbegründet war, tat sich eine ganz neue Realität auf: Eine mit sehr viel weniger Druck und einer sehr viel spannenderen Zukunft.

 

Wir haben sehr starre Vorstellungen davon, wie eine Partnerschaft aussehen sollte: Man ist eine Weile zusammen, man sucht sich eine gemeinsame Wohnung, bekommt irgendwann Kinder und wird zusammen alt. Optional baut man ein Carport oder holt sich ein Ferienhaus in Brandenburg.

Selbst für die rebellischsten Paare ist es schwer, sich dieser Norm zu entziehen und Dinge anders zu machen: Zum Beispiel in verschiedenen Betten zu schlafen oder ein Kind groß zu ziehen, während man nicht in den selben vier Wänden wohnt. Selbst die kleinste Abweichung wird als exzentrischer Akt gedeutet, man gerät in Erklärungszwang und es wird einem unterstellt, dass da ja „irgendwas nicht stimmen kann“.

Freundschaft hingegen kommt in allen Formen und Farben daher, sie ist ein undefinierbarer Beziehungsblob, der sich ständig verändert, extrem individuell ist und bei dem man wenig rechtfertigen muss. Wenn zwei Menschen sich einig sind, dass sie gerne miteinander abhängen, dann ist es Freundschaft. Punkt, aus.

Wer lange Single ist, der lernt auf die harte Tour, sein Leben nach einer anderen Konstante auszurichten als nach Partner*innen. Ich habe mich für die Freundschaft entschieden.

Und was sich anfangs wie eine Art Notlösung angefühlt hat, stellte sich dann schnell als Jackpot heraus. Denn eigentlich ist die Freundschaft der romantischen Liebe einiges voraus: Sie ist stabiler, denn sie verteilt sich auf mehrere Schultern, ist geduldiger und kann in der Regel besser mit Konflikten umgehen. Sie ist weniger unberechenbar, seltener toxisch und hält viel wahrscheinlicher ein ganzes Leben lang. Sie sorgt für einen größeren Horizont und mehr Abwechslung.

Eine Einschränkung gibt es allerdings: Freundschaft als Beziehungsform gilt als zweitrangig gegenüber romantischer Liebe. Grund dafür ist das aus heutiger Sicht ziemlich konservative Bild der (Hetero-)Kleinfamilie, das sich partout nicht aus unserem Wunschdenken verabschieden möchte. Grund ist auch Hollywood, die Werbeindustrie, politische Bevorzugung und all die anderen Dinge, die romantische Beziehungen zum Nonplusultra erklären. Dabei wissen wir doch eigentlich alle, dass bei in Freundschaft mindestens genauso viel Liebe im Spiel sein kann. Sie wird nur in andere, sehr viel individuellere Formen gepresst. Das ist auch der Grund dafür, wieso wir so selten auf die Idee kommen, dass wir uns gar keine romantische Beziehung herbeitindern müssen, bevor wir „ankommen“ können. Wir alle haben bereits Menschen in unserem Leben, die dafür bestens geeignet sind: Unsere Freund*innen. Also wieso beziehen wir sie nicht aktiver in unsere Zukunftsplanung mit ein? Zusammen alt werden wir ja sowieso.

All das soll nicht heißen, dass ihr mit euren Partner*innen Schluss machen sollt oder am besten nie wieder auf ein Date gehen sollt. Es ist okay, all das anzuerkennen und sich trotzdem nach einer Partnerschaft zu sehnen.

Natürlich sind romantische Beziehungen etwas Wunderschönes. Aber: Sie sind nicht unsere einzige Option und unser Glück hängt nicht von ihnen ab.

Unser Glück hängt von bedeutungsvollen Beziehungen ab – und die sind in vielen Fällen platonisch. Diese Erkenntnis hat mich sehr frei gemacht, denn solange ich Freund*innen habe, muss ich mir nun keine Sorgen mehr machen um meine Zukunft. Die meisten von uns sehnen sich sowieso nach mehr als nach dem traditionellen Familienleben – also warum nicht mit Freund*innen Familie sein? Warum nicht mit Freund*innen zusammen leben oder sogar gemeinsam Kinder großziehen? In Gemeinschaften, die wir uns selbst aussuchen und aufbauen können. Ist es nicht absurd, dass diese Idee nach wie vor so abwegig klingt? Die Optionen sind längst da, wir müssen sie nur erkennen.

Bildcredit: Unsplash

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3 Antworten zu “Kolumne: Freundschaft als Lebensmittelpunkt”

  1. Liebe Johanna, eigentlich sehe ich das ähnlich wie du – allerdings hat das letzte Jahr sowie die „exzessive“ Familiengründung in meinem Umfeld dazu beigetragen, dass ich mich zeitweise doch eher alleine als angekommen fühle. Vielleicht liegt’s am Umfeld, vielleicht am Alter (Mitte 30)…

    Danke aber fürs Bestärken meiner kürzlichen Löschung von tinder!

    • Ich weiß nicht, ob das irgendwie tröstet, aber das betrifft nicht nur Singles…In meinem Umfeld bekommen auch wirklich fast alle gerade Kinder und je nachdem, wie die Paare damit umgehen, fühlt man sich teilweise selbst als Paar etwas ‚ausgeschlossen‘. Aber wie gesagt, es kommt sehr drauf an, wie die Neu Eltern mit der Situation jeweils umgehen. Manche sind quasi wie vorher nur mit Kind (super), manche brauchen kurz, um sich an die neue Situation zu gewöhnen (verständlich) und es geht auch irgendwie weiter mit der Freundschaft- teilweise aber schon mit großen Veränderungen. Es gibt aber auch solche Paare, die ganz furchtbar werden und einem zB während eines Treffens sagen, dass sie sich eigentlich lieber mit anderen Eltern treffen, weil diese alles ‚besser verstehen‘ würden. Da fühlt man sich schon etwas doof als kinderloses Paar, dass hinsichtlich der Kinderplanung zwar völlig unentschlossen ist, aber auch keinerlei Anlass zu solchen Aussagen gegeben hat. Meine Vermutung daher: Es liegt am meisten am Umfeld und man muss (wie immer) schauen, welche Kontakte einem gut tun und welche nicht…Liebe Grüße!

      • Danke, Sina! Und Verständnis für die veränderte Lebenslage meiner Freund*innen habe ich natürlich auch. Es kommt nur gerade sehr geballt und die Kombi mit der derzeitigen Situation… Liebste Grüße an dich!

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