Das Green Circle Paradox: Von engen Freunden, Friendzones und dem Finsta-Phänomen

21. Juni 2022 von in

Es ist 2020. Das Jahr, in dem ich anfange, mich so richtig auf Dates zu verabreden. Mit Kaffee am Nachmittag, Spazieren und diesem ganzen Kram. Gematcht. Verabredet. Versetzt. Verabredet. Getroffen. Funkstille. Dann ein „ich habe jemanden kennengelernt“ von der Gegenseite in einer sorgfältig zusammenkonstruierten Whatsapp-Nachricht. Die wie aus dem Nichts kommt. „Thanks for having me“, und weiter geht’s. Zeitraffer. Ein paar Wochen später. Ich wische über meinen Screen. Moment. Ich wische zurück und traue meinen Augen kaum. Denn ich bin im Green Circle meiner Internetbekanntschaft gelandet. Hä?

Auf einmal kann ich hautnah dabei sein, wie mein Ehemaliges-Kaffee-Date (und nun vermeintlich ‘guter Freund‘), die Neue in seinem Leben auf Social Media einführt. Vorstellt bei all seine engen Freunde, zu denen ich mich laut dem grünen Kreis um seine Instagram-Story jetzt auch zähle. Völlig absurd, meint man, doch wer ist nicht auch in der Close-Friends-Story von halb fremden Unbekannten? Und während ich mich also wie ein ziemlich erfolgloser Sherlock-Holmes-Verschnitt fühle, der schamlos in den Vorgärten der Nachbarn schnüffelt, komme ich tatsächlich nicht umhin, mich zu fragen: Was genau bedeutet dieses Feature für das soziale Miteinander – in Bezug auf Dating, Freundschaft und Online-Interaktion?

Zurück zum Anfange: Was genau ist dieser Green Circle eigentlich?

Nachdem unser allerliebste Social App 2016 das Story-Feature einführte und dem One-Shot-Service von Snapchat damit den Kampf ansagte, sind wir groß dabei im Oversharing. Denn im Gegensatz zu einem Feedpost ist die Story spontan und eine Art Live-Broadcast aus dem Leben – im Sekundentakt. Schau mal, ich bin gerade im Urlaub, Kaffee trinken, Feiern, genieße mein Leben und habe so viel Spaß, dass alle anderen FOMO bekommen. Doch ähnlich wie die Facebook-Partyalben hat auch diese Funktion ihre Schattenseiten für alle, die sie in den denkbar schlechtesten Momenten nutzen. Denn Storys verschwinden zwar nach 24h, doch während sie live sind, kann jeder:jede mit WLAN einen Einblick in vermeintlich private Momente bekommen. Sowie uns bei undurchdachten Momentaufnahmen beiseite stehen – die man am nächsten Morgen möglicherweise bereut.

So schön, so verfänglich. Und daher launcht 2018 die neuste Weiterentwicklung: Close Friends, im Volksmund auch als Green Circle bekannt. Denn die Mitgliedschaft in einer dieser eingeschworenen Gemeinschaften wird mit einem grünen Kreis um das Story-Icon verifiziert. Ein naheliegender visueller Hinweis für: Members-Only und der Ritterschlag für: „Du bist vertrauenswürdig genug, mein authentisches Ich ganz privat und ohne Filter sehen zu dürfen.“ Als Grund für diesen Launch kann (abseits von strategischen Gründen eine Only-Fans mäßige Pay-Funktion zu initialisieren), die Abkehr vom Feed gesehen werden. Denn die Neuerung dient als eine Art intimes Storytelling, die erlaubt, zwischen den Zuschauer:innen zu selektieren. Als eine plattformeigene Hintertür für alle Inhalte, die man weder mit dem Ex noch seinem Chef teilen möchte. Denn irgendwo muss es ja auch Grenzen geben, bei der ganzen Online-Transparenz.

Digitale Realität: Der Inner Circle als soziales Konstrukt

Skurrilerweise gibt es eine Art Erklärungsblaupause für all das. Denn laut dem Freundschaftsparadox, dass der Soziologe Scott L. Feld in 1991 entdeckte, haben die meisten Menschen weniger Freund:innen als ihre Freund:innen. Relativ pauschal. Aber es lässt sich sogar berechnen. Und würde zumindest ansatzweise erklären, wieso das Close-Circle-Format so gut funktioniert. Denn Social Media macht es möglich, außerhalb seiner physischen Kreise Kontakte zu suchen, die Bekannte, Freunde von Freunden oder Fremde sind. Eben ein sehr locker definiertes Sammelsurium an sozialer Interaktionen. Mit denen man ähnlich wie IRL nicht jedes Detail aus dem eigenen Leben teilen möchte. Verständlich. Dennoch wird der Kontakt low-key via Story-Konsum aufrechterhalten. Wer weiß, was sich mal ergibt und weil man das so macht – im Sinne von Networking oder dem gezielten Griff zum Inner Circle. Der ein extra Maß an „Nähe“ und Zugänglichkeit vermittelt. Aber auch dafür sorgt, dass wir mit Menschen in Verbindung bleiben, die uns nicht unbedingt guttun.

Denn oft ist dieses VIP-Ticket nicht einmal gewollt und nur einseitig stornierbar – ausschließlich durch die Kurator:innen selbst. So lange steckt man ziemlich voyeuristisch in einem Reality-TV ähnlichen Format fest, bei dem wir zu Statist:innen im Alltag Dritter werden. Allgemein haben Instagram Stories diese Macht, uns in die Leben anderer hineinzuziehen. Während wir also in diversen Green Circles zirkulieren, schafft diese Art der Interaktion eine parallele Realität, die zeitgleich zum Rest der Plattform existiert. Den Wunsch versinnbildlicht, privat sein zu wollen und dennoch dem konstanten ‘Urge of oversharing‘ nachzugeben. Der mit Finstas aka Friends-Only-Instas und Close-Friends-Storys, User:innen zum Teil eines sogenannten Tribes macht. Micro-Communitys, bei denen man gar nicht so genau weiß, wie man eigentlich dort gelandet ist. Vermutlich per Click and Drop. Aus Sympathie und Interesse. Einfach, weil jemand möchte, dass wir an einem bestimmten Aspekt seines Lebens teilhaben. Denn Storys halten uns up to date.

Der Green Circle Gate

Doch immer dort, wo etwas Gutes passiert, tauchen Phänomene wie „Inner Circling“ oder „Gatsbying“ auf. Alles Konzepte, die sich auf die Story-Funktion zurückführen lassen. Allgemein also ein Indikator dafür sind, wie sehr diese Anwendungen in die Verhaltensweisen eingreifen und eine ganze Kultur inklusive Wortschatz und Ritualen entstehen lassen. Beide Phänomene sind der Superlativ der Thirst-Trap, in der sich bewusst cheeky und plakativ präsentiert wird. Natürlich getarnt als spontane Momentaufnahme, mit der eine Reaktion von einem bestimmten Objekt der Begierde oder Love Interest forciert werden soll. Und Hands down, wer hatte nicht schon einmal das Bedürfnis, Person x zu zeigen, wie viel Spaß man hat. Ganz ohne sich bei ihr melden zu müssen. Oder hat seinen Freund:innen bei der Inszenierung von genauso einem Setting geholfen: um mit mehreren Takes eine perfekt ausgeleuchtete Bar-Situation zu erzeugen. Schuldig im Sinne der Anklage, aber das Foto haben wir gut hinbekommen – nur ohne den gewünschten Erfolg.

Während also die Thirst-Trap noch die harmloseste Variante ist, treibt es „Inner Circling“ auf die Spitze und sendet quasi DM-mäßig Storys an eine einzige Person. Die bis dahin gar nichts von ihrem Glück weiß. Immerhin können es beim sogenannten „Gatsbying“ eine Handvoll Empfänger:innen sein. Ein Terminus in Anlehnung an niemand Geringerem als J.F. Fitzgeralds Jay Gatsby, der die exorbitantesten Partys gab, nur damit die Frau, in die er unsterblich verliebt war, ihn mit Aufmerksamkeit beschenkt. Toxische und tragische Romantik. Die heutzutage auf eine Quick Reaction mit Emojis oder eine Direct Message hinausläuft. In der der Green Circle zum gezielt kuratierten Exhibitionismus wird. Einer Venus-Falle, die somit all dem widerspricht, wofür er ursprünglich ins Leben gerufen wurde. Keine Spur mehr von sich authentisch und nahbar zeigen. Dafür viel Aufwand und Anstrengung für oftmals keine Erfolgsergebnisse.

Green Circle: Die Achillesverse der Social Media Culture

Das soziale Konstrukt des Green Circles ist also eine Art Online-Dating, Networking, Businesstool und Live-Vlog, dessen Grenzen und Tragweite sich keinem so richtig erschließen. Doch vielleicht möchte sich auch keiner so wirklich mit dem Phänomen auseinandersetzen, denn es bietet nur zu gut einen Raum für toxisches Verhalten und fragwürdige Praktiken, die irgendwo zwischen Obsession, Narzissmus und Selbstbeweihräucherung liegen.

Schlussendlich bleibt also nur zu fragen, wieso wir nicht ganz allgemein die Art überdenken, wie wir was mit wem teilen?

Uns einfach grundsätzlich mehr darauf fokussieren, dem Wunsch nachzugehen, sich weniger kuratiert auf unseren normalen Accounts zu zeigen. Denn genau dafür wurde Instagram mal erfunden: als Erweiterung der Camera Roll – zum Teilen. Und dann gibt es ja immer noch die Möglichkeit, dem ganzen Aufwand ein Ende bereiten, indem wir einfach das Schloss aktivieren und jeden ausladen, der nicht zuschauen soll.

Persönlich habe ich keine Close-Friends-Story, denn ich weiß gar nicht, wo ich da die Grenze ziehen soll. Wenn ich eine private Momentaufnahme senden möchte, dann teile ich die gezielt mit meinen Freund:innen via DM oder schicke ein Bild auf WhatsApp. Außerdem nutze ich FaceTime (mit einigen Freund:innen auch fast zeitecht). Was ich allerdings mache, ist meine Arbeitgeber:innen bzw. Personen, mit denen mich auf beruflicher Ebene eine höhere Hierarchie trennt, aus meiner Story fernzuhalten. Denn in unserer heutigen Zeit laufen (nicht nur auf Social Media) die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben sehr unscharf zusammen. Und nein, ich habe nichts zu verbergen, aber trotzdem finde ich nicht, dass meine Chefs alles über mich wissen sollten. Möglicherweise auch eine absolut scheinheilige Doppelmoral, aber so führe ich mein Instagram nun mal.

Irgendwie verrückt, wie wir on- und offline so unsere Kreise ziehen. Uns über die Normalität dahinter kaum einen Gedanken machen: Über die Tribes in denen wir leben und in wahllos zusammengesetzten Communitys mit einer nonchalanten Oberflächlichkeit Koexistenz und interagieren.

 

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