Instagram: Warum tun wir uns das an?

21. Oktober 2019 von in

Es gibt gleich drei Männer, die behaupten, den Infinite Scroll erfunden zu haben. Von zwei von ihnen geistern Artikel im Internet herum, in denen sie diese Erfindung bereuen. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, wie unglaublich groß der kulturelle Einfluss dieser paar Zeilen Code im letzten Jahrzehnt war. Schaut man sich die Definition der Anzeichen von Internetsucht an, dann wird einem schnell klar: Was Zigaretten in den 70ern waren, das ist das Smartphone heute. Es ist allgegenwärtig, fast alle sind abhängig, und obwohl wir eigentlich längst wissen, dass es uns nicht gut tut, geben wir uns kollektiv dem destruktiven Verhalten hin. Nur, dass es jetzt eben nicht mehr Marlboro und West heißt, sondern Instagram und YouTube. In dieser Metapher wäre YouTube übrigens der Vaping-Pen unter den Social-Media-Plattformen, denn in einer aktuellen Studie wurde festgestellt, dass es unter allen populären Plattformen die harmloseste ist – was den negativen Einfluss auf unsere mentale Gesundheit betrifft. Und nun ratet mal, welche App uns am meisten schadet? Ja, natürlich, Instagram. Die filterlose Kippe des Internets.

Der nächste Dopaminkick

Vor Kurzem hab ich aus Interesse eine Umfrage auf meinem eigenen Insta-Account durchgeführt, in der ich wissen wollte, ob meine Follower eigentlich noch Spaß an der App haben, die inzwischen so viel mehr ist als bloß eine App. Ich habe das gefragt, weil ich die Antwort selbst nicht richtig wusste, und gerne wissen wollte, ob andere genauso zwiegespalten sind wie ich. Ich merke jedes Mal, wenn ich impulsiv auf das Symbol der App drücke, dass da ein ziemlich gefährlicher Cocktail aus Dopamin, sozialem Druck, Unsicherheit, Narzissmus und dem Wunsch nach Anerkennung am Werke ist. Mit jedem Slide, den ich in meiner Story teile und jedem Bild, das ich in meinen Feed hochlade, setze ich mich diesem Cocktail erneut aus. Und warte dann nervös auf Reaktionen, die mir hoffentlich den erwünschten Dopaminkick in Form von 👏- und 💯-Emojis beschaffen. Die Summe all dieser geteilten Inhalte bildet dann eine von mir selbst kuratierte Version von mir. Dabei ist es ziemlich egal, ob ich mein Leben als vermeintlich perfekt inszeniere und all die unschönen Dinge weglasse, oder versuche, authentisch und „real“ zu sein. Man kommt nicht herum um das Selbstdesign, denn es ist schlicht unmöglich, uns selbst 1:1 in einen Social-Media-Feed zu importieren.

Was zur Hölle machen wir hier noch?

Aber zurück zu meiner pseudowissenschaftlichen Umfrage. 73 Prozent der Teilnehmenden haben auf die Frage, ob Instagram ihnen noch Spaß macht, „not really“ gewählt. Nun bin ich weder Influencerin mit 200k Followern, noch Soziologin – aber wenn von 126 Menschen 92 sagen, dass sie überhaupt keinen Bock auf das haben, was sie gerade tun, dann drängt sich schon die Frage auf: Was zur Hölle machen wir hier dann noch? Genau das habe ich dann auch gefragt. Und die Antworten waren sehr eindeutig.

Es gibt einen Roman aus dem Jahr 1932, der nennt sich „Brave New World“. Vielleicht habt ihr ihn im Englisch-LK gelesen. Es geht darin um eine Dystopie, in der eine erheiternde Droge namens SOMA dazu führt, dass die Bevölkerung vor lauter Spaß nicht mehr zum Nachdenken kommt. Das SOMA unserer Zeit nennt sich FOMO und ist vor allem eins: Eine sehr effektive Form des Selbstboykotts. Die Angst, etwas zu verpassen, nicht dazu zu gehören und abgehängt zu werden hat uns so sehr im Griff, dass sie als Grund reicht, einen Großteil unseres Tages mit einer Beschäftigung zu verbringen, die uns eigentlich überhaupt keine Freude macht: Mit dem Infinite Scroll. „FOMO“ war nicht nur in meiner nicht-validen Instagram-Umfrage der meist genannte Grund, weiter auf Instagram zu bleiben, sondern gilt inzwischen auch in der echten Wissenschaft als postmoderne Epidemie. In der oben genannten Studie wird das folgendermaßen ausgedrückt: “Seeing friends constantly on holiday or enjoying nights out can make young people feel like they are missing out while others enjoy life. These feelings can promote a ‘compare and despair’ attitude.”

Die Vermeidung des Augenblicks

Die Brave New World, in der wir gerade leben, ist vor allem eins: Irre schnell. So schnell, dass jedes Gefühl der Entschleunigung immer auch mit einem Gefühl des Abgehängtwerdens einher geht. Deswegen versuchen wir, Schritt zu halten, dokumentieren dieses Schritthalten und stellen es online zur Schau. Man könnte meinen, dass wir dadurch so sehr im Augenblick leben wie nie zuvor. Aber in Wirklichkeit vermeiden wir ihn, indem wir ihn ins Virtuelle auslagern und meist nie wieder zu ihm zurückkehren. Und ist das nicht eigentlich die Form des Verpassens, vor der wir wirklich Angst haben sollten?

So deep, so gut. Gibt es also noch Hoffnung für uns? Diese Frage würde ich gerne – wie ironisch – mit einem Tweet beantworten. Aber einem hochwissenschaftlichen, denn er kommt von einem renommierten Verhaltensforscher, der übrigens Professor einer der Instagram-Gründer in Stanford war:

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7 Antworten zu “Instagram: Warum tun wir uns das an?”

  1. Vielen Dank für den Artikel! Ich merke auch immer wieder, wie mir die Zeit am Handy einfach die Energie aussaugt. Einen Instagram-Account habe ich zum Glück nicht. Ich hatte mich mal vor Ewigkeiten angemeldet, aber nie etwas gepostet, sondern nur ab und zu mal in meinen Feed reingeguckt. Aber Instagram hat mich immer gelangweilt, es hatte so wenig Informationsgehalt. Deshalb habe ich letztes Jahr meinen Account gelöscht (was gar nicht so einfach war). Aktiv bin ich noch auf Facebook (aber auch viel für die Arbeit) und auf Pinterest. Letzteres liefert aber immerhin noch Inspiration, Rezepte und DIYs, die ich dann auch wirklich umsetze. Facebook nicht so.:/ Manchmal mache ich eine Woche Facebook-frei und versuche dann generell wenig am Rechner zu sein. Die ersten 2 Tage sind immer hart, danach gehts dann ganz gut – und man macht auf einmal so viel. Plötzlich weiß ich dann immer gar nicht, wohin mit der Energie und fange an, lauter Sachen in der Wohnung fertig zu basteln, aufzuräumen, Verabredungen zu treffen etc. Es ist wirklich ein Teufelszeug.

    lg,
    Sarah

  2. Danke für die Erinnerung. Facebook habe ich 2013 gelöscht, nachdem ich mich ein paar mal sinnlos aufgeregt habe. Auf insta habe ich einen Account, mit dem ich noch nie etwas gepostet habe – aber: mittlerweile „lese“ und surfe ich da zuviel, das nervt, denn ich verschwende meine Zeit mit Dingen, die mir rein gar nichts bringen ausser, dass der Tag schnell vorbei geht, wenn man das wollte.
    Witzig, dass wir anderen Menschen dabei zusehen, wie sie sich extra für uns inszenieren und sich dabei hinterher selbst zusehen, weil sie vor lauter Inszenierung den Moment verpasst haben.

    Es verblödet ungemein, den ganzen Tag zu surfen. Aber es ist so schön einfach und bequem, sich zu beschäftigen, ohne sich zu beschäftigen.
    Mein Ziel ist es, da komplett rauszukommen und nur noch nützliche Dinge im Netz zu tun. Mal sehen…

  3. Sehr guter Artikel!
    Ich versuche mich auch gerade Stück für Stück zu lösen, habe beispielsweise alle Fotos auf meinem Insta-Account gelöscht und lade vielleicht noch einmal die Woche eine Story hoch. Auch meine eigenen Abonnements habe ich gut aussortiert, sodass ich jetzt eher den Mehrwert an Inspiration habe (kaufe mir z.B. seit Insta und Pinterest keine Zeitschriften mehr)
    Was ich unbedingt empfehlen kann: „Why Social Media is ruining your life“ von Katherine Ormerod. Die Studien sind erschreckend, gerade was die jüngere Zielgruppe betrifft. Man wird Social Media nach und nach so richtig leid dadurch. Zumindest geht es mir so.

  4. Die Gefahr besteht und trifft für viele sicher zu. Ich denke aber, mit Instagram ist es wie mit vielem: es kommt darauf an, wie man es nützt. Es gibt da ja nicht nur Fashionpräsentierer, Luxuxferienmacher und Beautyqueens – es gibt auch Accounts und Influencer zu relevanten gesellschaftlichen Themen, zu Kunst und Kultur etc. Ich bewege mich vor allem in der Nachhaltigkeitsszene und freue mich über die vielen positiven und wichtigen Inspirationen dortbsamt gutem Austausch. Auch das ist Instagram. Wir müssen einfach selbstverantwortlich entscheiden, was wir uns ansehen und wie viel.

  5. Wow, du hast meine Gedanken rund um Instagram perfekt in Worte verpackt! Ich finde es immer wieder erschreckend, dass die Nutzung von Instagram keine bewusste Entscheidung mehr ist, sondern wie zwanghaft erfolgt, sobald man in der realen Moment nicht mehr genug bespaßt wird. Dennoch schein eine Post-Digital Generation noch so weit entfernt… Bin etwas ratlos, wie man Instagram in einem gesunden Maße nutzen kann. Gefühlt gibt es nur ganz oder gar nicht…

  6. Ich habe seit Anfang des Jahres keinen Facebook Account und seit Mitte des Jahres kein Instagram mehr. Mir hat es nicht gefallen wie ich damit Zeit verbracht habe – nämlich viel zu viel. Facebook habe in der Tat danach nicht 1 Sekunde vermisst, Instagram schon das ein oder andere Mal und bin auch häufig darauf angesprochen worden aber insgesamt bin ich so froh, dass ich es nicht mehr installiert habe. Seitdem konzentriere ich mich mehr auf mein Leben als das von -zumindest wirkt es immer so- dünneren, schöneren, reicheren, abenteuerlustigeren Menschen als mir selbst und das tut gut und macht glücklich. Der Instagramfeed macht es nicht.

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