Hauptsache instagrammable – wie Algorithmen unsere Welt (ver)formen

20. Mai 2019 von in

In einem Interview mit BBC hat ausgerechnet David Bowie im urzeitlichen Jahr 1999 eine Vorhersage getroffen, die selbst die versiertesten MedienwissenschaftlerInnen zu diesem Zeitpunkt nicht besser hätten ausdrücken können. Während die ganze Welt noch dachte, das Internet sei bloß ein neues Medium, das es uns erlauben würde, schneller zu kommunizieren, sagte Bowie: „I think we’re actually on the cusp of something exhilarating and terrifying. It’s an alien life form. It’s gonna crush our ideas about what mediums are all about.“

Eine unbekannte Lebensform

In den 20 Jahren seit diesem Interview hätte sich die Art und Weise, wie unsere Welt funktioniert, nicht drastischer verändern können. Allein beim Versuch, all die Umwälzungen zu benennen, die das Internet verursacht hat, raucht einem der Kopf. Bowie hätte nicht mehr recht haben können: „There is life on mars. It just landed here.“ Und seit es gelandet ist, versuchen wir – die ErdbewohnerInnen – uns in unseren neuen Leben mit dieser fremden Lebensform zurecht zu finden. Im Vergleich zum frühen Internet, ohne Smartphones, ohne Facebook, Instagram, Snapchat – like, wer’s noch kennt – herrscht dabei inzwischen sowas wie Ordnung. Wo wir uns früher durch einen digitalen Dschungel aus Webseiten und Plattformen gekämpft haben, sind es heute wenige große Monopole, die unseren gesamten Internetkonsum regulieren. Für die meisten Menschen besteht das Internet aus nichts anderem mehr als aus Facebook, Google und Instagram. Und für alle, die in diesem Jahrtausend geboren wurden – die ersten werden immerhin demnächst schon 20 Jahre alt – ist das Internet eine ebenso natürliche Ressource wie Wasser und Sauerstoff. Es ist uns nicht mehr fremd, das Internet. Aber unberechenbar ist es nach wie vor.

Die verzweifelte Suche nach einfachen Antworten

Es ist ein bisschen ironisch, dass sich das ursprünglich geradezu anarchistische Internet zu einem so vergleichsweise überschaubaren Ort entwickelt hat. Inzwischen bekommt jede Person ein von Algorithmen generiertes, ganz persönliches Internet zusammengezimmert: Und das ohne aktive Eigeninitiative, ganz automatisch und fortlaufend. Der Erfolg von Facebook und Google liegt vielleicht genau in dieser Eigenschaft: Beide erlauben es uns, das digitale Chaos zu ordnen. Sie filtern Informationen, Kontakte, Interessen, Weltanschauungen. Sie bringen Ordnung ins Durcheinander, indem sie all das ausblenden, was uns überfordern, nerven oder herausfordern könnte. Wir bekommen serviert, was uns schmeckt – und wovon wir auf jeden Fall mehr haben wollen. Rückblickend ist es nur logisch, dass Plattformen wie Facebook oder Instagram mit ihren Algorithmen früher oder später unsere digitale Welt dominieren würden. Denn es ist das große Dilemma des 21. Jahrhunderts, dass die Welt immer und immer komplexer wird, dass es keine eine Wahrheit mehr gibt und dass es zunehmend unmöglich wird, Patentlösungen für Probleme zu finden. Diese Überforderung führt zu einem unbändigen Drang nach Einfachheit: Nach einfachen Wahrheiten und einfachen Lösungen. Wie problematisch diese Tendenz politisch gesehen ist, wurde schon unzählige Male diskutiert: Die Präsidentschaft Donalds Trumps, der Erfolg der AfD und die Entstehung der neuen Rechten weltweit sind zweifellos auch Folgen dieses Drangs nach einfachen Antworten. Aber: Diese Tendenz hat auch viel subtilere, alltäglichere Auswirkungen – auf uns alle.

Seit es Instagram gibt, ist die Avocadoproduktion weltweit um 50 Prozent gestiegen. Dass beide Phänomene zusammenhängen, lässt sich zwar nicht beweisen, aber doch sehr glaubwürdig unterstellen. Und Instagram hat in den knapp zehn Jahren seiner Existenz nicht bloß die Avocado groß gemacht – es verändert die Art und Weise, wie wir denken, handeln und kommunizieren. Die Zeiten, in denen die digitale Welt ein bloßes Medium war, um die reale Welt einzuordnen, sind vorbei – inzwischen sind die Grenzen zwischen den Welten nicht mehr vorhanden. Die digitale Sphäre bestimmt inzwischen grundlegend, wie unsere Realität aussieht. Das merken nicht nur Avocadobauern in Südamerika, die nicht mehr hinterher kommen mit der Produktion für instaworthy Fitness-Bowls in Cafés europäischer Großstädte. Das merken beispielsweise auch die 770 BewohnerInnen des kleinen Örtchens Hallstadt in Österreich, das angesichts von bis zu 10.000 TouristInnen pro Tag nicht mehr genug Hotels besitzt, um dem Instagram-Hype ihres Städtchens gerecht zu werden. Kürzlich wurde ein tägliches Limit an Tourismusbussen festgelegt, die in das Dorf hereingelassen werden. Und Hallstadt ist nur ein Beispiel von vielen: Es werden Strände in Thailand gesperrt, Eintrittspreise für Städte verlangt, malerische Orte im Nirgendwo von Influencern überrannt.

 

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Ich erlebe, also bin ich

Pic or it didn’t happen. Vielleicht ist es dieser Satz, der den Umgang mit dem Medium Internet im Jahr 2019 am Besten beschreibt. Und so banal er klingen mag – er transportiert eine sehr wichtige Erkenntnis. Das Abgebildete ist im Grunde bedeutungslos – es geht darum, worauf es verweist: Auf das Erlebnis, das „Happening“. Wirft es keinen Content ab, ist das Erlebte für uns zunehmend wertlos. Das Erlebnis ist das wichtigste Konsumgut der westlichen Welt der Gegenwart, man kann es mit Geld erwerben und muss es zur Schau stellen, um es wirksam zu machen. Es ist eine Art Kapital, das unseren sozialen Wert bestimmt. Und erleben geht nun mal am Besten außerhalb des Alltäglichen: Mit einem schick arrangierten Essen, einem hübschen Outfit auf dem Coachella oder einem Infinity-Pool auf Bali. Und auch hier kommt die Einfachheit wieder ins Spiel: So komplex die Welt auch werden mag – auf Instagram wissen wir, was uns erwartet. Ob das nun die immer gleiche Latte-Art oder die immer gleichen Self-Love-Messages sind. Es ist ein Ort der Einfachheit und Einigkeit – eine Copy-Paste-Welt, extra für uns zusammengezimmert. Es ist der Ort, an dem der moderne, junge Mensch sich sein soziales Kapital verdient und sich versichert: Ich erlebe, also bin ich.

Was das mit uns und unserer Welt machen wird, wissen wir genauso wenig, wie wir 1999 vorhersagen konnten, wie tiefgreifend das Internet unsere Welt bald verändern wird. Die Frage, ob diese unbekannte Lebensform nicht langsam aber sicher von uns Besitz ergreift, ist daher schwer zu beantworten. Sicher ist: Das Internet ist keine Sphäre für sich mehr – es ist in alle Bereiche unseres Lebens und unserer Körper vorgedrungen. Algorithmen bestimmen mit, was wir sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen. Sie haben Einfluss auf unser Wünschen, Hoffen, Erleben, Erfahren. Der Like bestimmt das Bewusstsein. „Exhilarating and terrifying“ – beglückend und furchterregend, hat Bowie gesagt, vor 20 Jahren.

Bildcredits: Mike McBey / Hermes Rivera

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Eine Antwort zu “Hauptsache instagrammable – wie Algorithmen unsere Welt (ver)formen”

  1. Genauso ist es und eigentlich noch viel schlimmer.
    Ich bin froh, nie wirklich Teil davon geworden zu sein und bereue bis heute nicht, kein Facebook und kein Instagram zu haben. Ich vermisse gar nichts in meinem Leben, welches überraschenderweise trotzdem stattfindet.

    Gleichzeitig fühle ich mich schon fast belästigt von Menschen, die nichts anderes zu tun scheinen, als überall sofort mit dem Smartphone draufzuhalten.
    Am schlimmsten sind für mich die, deren liebstes Motiv das eigene Gesicht ist.

    Doch vor allem habe ich Mitleid, denn irgendwie ist das schon eine Zwanghaftigkeit, die es zwar schon immer gab, aber in dieser Form wohl selten so ausgeprägt war. Geltungs- und Aufmerksamkeitssucht, die ihresgleichen sucht.
    Einige merken bereits, dass sie das krank macht, da gibt es Instagram-freie Tage, aber ehrlich? Tage?!
    Es sollten wieder Jahre werden.
    Im ständigen Vergleich mit anderen geht jede Kreativität flöten, da man wohl immer irgendwie unter Zwang handelt, entweder gleich oder besser oder anders zu sein, statt man selbst.

    LG Ava

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