Kolumne: Der Tag, an dem ich alle Dating-Regeln über den Haufen warf

26. August 2020 von in ,

Es gibt Menschen, die lieben das Daten. Sie genießen den Nervenkitzel des ersten Dates, träumen von wilden Nächten und aufregenden Nachrichten und können im Dating-App-Game nicht genug bekommen. Sie genießen es, immer wieder auf neue Menschen zu stoßen und gute wie schlechte Storys mit nach Hause zu nehmen.

Und dann gibt es Menschen wie mich. Für die Dating ein krasses Workout ist, das von Adrenalin und Nervösität begleitet wird, obwohl sie eigentlich ziemlich extrovertiert sind. Nur eben nicht beim Thema Liebe. Die vor dem ersten Treffen schon mal zu Hause ein Glas Wein trinken, um überhaupt den Mut fürs Date aufzubringen und nach den meisten Kennenlernen denken „Gut, der Talk mit der 02-Service-Hotline letzte Woche war irgendwie spannender. Nächstes Mal doch wieder Netflix.“

Kurz: Ich hasse Dating. Es ist anstrengend, nervenaufreibend, so selten von Erfolg gekrönt, dass ich die Aufregung wirklich nur für ganze gute Exemplare auf mich nehme.

Ansonsten genieße ich lieber die Me-Time auf dem Sofa und den Austausch mit meinen FreundInnen. Ich bin gut und gerne allein – und wenn ich einmal date, ist das für alle anderen eine aufregende Zeit, für mich der Einstieg in die Crash-Diät.

Wer so wenig datet wie ich, ist ein Dating-Rookie. Zumindest in den Augen der anderer. Denn ich weiß schon, was ich tue. Zumindest die meiste Zeit. Mein Umfeld traut dem Braten aber nicht – und hat gut und gerne mal Ideen für mich parat.

„Je mehr Dates, desto besser, dann wirst du entspannt und routiniert.“
„Beim ersten Date unbedingt nur zwei Stunden zusammen abhängen.“

„Also spätestens nach dem zweiten Date solltet ihr euch schon küssen.“
„Wenn du ihn zum Essen zu dir nach Hause einlädst, ist das auch eine – hust – andere Einladung.“
„Wenn das erste Date nur okay war, gleich next.“
„Am besten du schreibst mit mehreren gleichzeitig, dann verkrampfst du nicht bei Dates.“
„Wenn er dich nicht küsst, also spätestens nach dem zweiten Date, kannst ihn eh vergessen.“
„Er muss dich auf jeden Fall beim ersten Date einladen.“
und noch viele, viele mehr…

Ihr könnt es schon ahnen.
Ich habe all diese Regeln schon mehrfach gebrochen.

Ich habe im Durchschnitt zu meinem Single-Dasein wahrscheinlich sehr wenige Dates gehabt. Ich habe stundenlange erste Dates gehabt. Selten vor dem 5. Date mit jemanden geknutscht, dafür manche schon beim dritten Date zum Essen bei mir eingeladen – ohne, dass es auch eine Einladung in mein Schlafzimmer war. Ich habe okayen Dates oft eine zweite Chance gegeben, weil – warum nicht?
Mein Leben ist oft so stressig, dass ich schon stolz bin, wenn ich mit einem Random Guy auf einer Datingapp-Plattform schreibe. Aber gleich mit mehreren? Das schaffe ich nun wirklich nicht. Ich habe Männer sehr gerne – ja wahrscheinlich gerade deshalb – weiter getroffen, wenn sie meinen Save Space auch beim zweiten Date respektiert haben und nicht irgendeinen übereilten Move hingelegt haben. Und ich habe so manches Date beim ersten Treffen eingeladen – vorausgesetzt, es war ein netter Abend.

Und ich habe mich ganz oft deswegen komisch gefühlt. Weil ich im Dating-Game gefühlt alles anders mache als die Masse.

Ich habe mit FreundInnen gesprochen, gegoogelt (Spoiler: keine gute Idee, denn da wird es noch wilder) und mir den Kopf zerbrochen. „Mache ich vielleicht doch irgendwas elementares falsch?“ Gefolgt von: „Warum fühlt es sich dann für mich richtig an?“

Bis ich eines Tages aufwachte, es war wohl vor zwei Jahren, und beschloss:  Regeln sind da, um sie zu brechen.

Ich beschloss, alle Datingregeln für mich ab sofort über den Haufen zu werfen. Die Suche nach der Liebe ist so individuell wie die Menschen. Jeder hat ein anderes Tempo, andere Ansichten – und keine davon ist falsch oder besonders richtig.
Ich beschloss, mich nicht mehr unter Druck zu setzen und genau mein Ding zu machen. Zu daten, wenn ich Lust darauf habe, und ansonsten aber mein Leben zu genießen. Die fragenden Blicke auszuhalten, wenn ich sage, ich bin Single und trotzdem auf keiner einzigen Datingapp. Weiterhin meine Comfortzone zu berücksichtigen und eben erst dann einen Mann zu küssen, wenn es sich richtig anfühlt. Selbst wenn es erst das 10. Date ist. Und weiterhin genau das zu machen, was meinem Naturell entspricht. Und das ist vielleicht das Slow Dating in einer schnelllebigen Zeit.

„Waaaasss? Du hast ein Jahr lang kein einziges Date gehabt?“ Es ist Ende 2019, ich sehe schon die mitleidigen Blicke und der Gedanke „Sie verschwendet ihre Zeit“. „Ja, ich hatte andere Prioritäten“, antworte ich. Das klingt sicherlich hochpragmatisch, aber um ehrlich zu sein, hatte ich mit meinen Jobs, dem Schreiben meines Buches und meinem erfüllten Privatleben einfach keinen Kopf, um auch noch Dates zu haben. Sicher, manchmal kam der Gedanke auf, aber er war nie so stark, dem ganzen nachzugehen. Und dann habe ich es einfach gelassen.

Ich habe gelernt, auf das Leben zu vertrauen. Es gibt Zeiten, da habe ich Lust auf Dates, auf neue Menschen und auf die ganze Aufregung. Und es gibt Momente, da brauche ich die Ruhe und meine Comfortzone. Ich wollte nie gehetzt sein von dem Gedanken „Hoffentlich ende ich nicht allein und einsam“, denn das bin ich nicht. Nie.

Liebe ist auch immer ein Stückchen Glück.
Hat viel mit Timing zwischen zwei Menschen zu tun.

Und vor allem mit der Bereitschaft, sich genau jetzt auf diesen anderen Menschen einzulassen. Egal, wie stressig das Leben ist oder wo gerade eigentlich die Prioritäten liegen. Und genau dafür wollte ich bereit sein.

2020 hatte ich übrigens wieder Dates. Sie waren gut. Sehr gut sogar. Datingregeln hin oder her.

 

 

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3 Antworten zu “Kolumne: Der Tag, an dem ich alle Dating-Regeln über den Haufen warf”

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