Kolumne: Von Dating-Unsicherheiten, überanalysierten Textbausteinen und der Angst vor Antworten

24. November 2020 von in

„Kann ich das so schreiben?“ Ich nicke. „Bist du sicher?“ „Ja natürlich, was ist falsch an dieser Nachricht.“ Schweigen. „Ich weiß nicht, vielleicht ist es zu offensiv.“ Irritiert blicke ich meine Freundin an. „Offensiv? Was ist an „Freue mich, wenn wir uns wiedersehen“ zu offensiv?“ Ein Seufzer raunt mir entgegen. „Na hör‘ mal, ich will ihm nun wirklich nicht nachrennen oder ihn gar verschrecken.“ Ich nicke wieder. Unsicherheit beim Dating kann der Horror sein. Ich verstehe meine Freundin. Zumindest ein bisschen. „Ehrlich, das tust du nicht.“ „Ach, ich schreib ihm lieber später, er soll ruhig schmorren. Oder ich schreibe ihm gar nicht, eigentlich ist er ja dran.“ Jetzt bin ich raus. Wiesoweshalbwarum?

Dating ist fürchterlich. Gar nicht mal das erste Date. Das ist spannend und aufregend.
Wie wird der Mensch sein, dem ich da zum ersten Mal begegne? Meistens kennen wir – zumindest wenn wir Online-Dating betreiben – nur ein paar Fotos, ein paar Sätze und wenige Informationen, die wir aus den Nachrichten oder unserer eigenen Google-Recherche gezogen haben. Wenn man sich dann trifft, lernt man sich erst richtig kennen. Die Chance, jemand spannendes, cooles oder passendes zu treffen, liegt bei ungefähr 50 %. Manchmal vielleicht auch nur bei 20 % – was der Dating-Pool gerade eben so hergibt. Ihr kennt das.

Doch der richtige Stress, der fängt eigentlich erst danach an, nicht?
Der Abend war nett, die Unterhaltungen geistreich. Es wurde gelacht, man hat sich verstanden. Zur Verabschiedung umarmt man sich. „Das war schön.“ „Ja, fand ich auch.“ „Lass uns das gerne wiederholen.“ „Auf jeden Fall.“

Und dann: warten. Weiter warten. Noch ein bisschen mehr warten.

Bis die erlösende Nachricht kommt. „Hey, wie war dein Wochenende noch?“

Und dann haben wir den Salat!

Was bedeutet diese Nachricht? Bedeutet sie überhaupt etwas? Will derjenige nur höflich sein? Will er mich wiedersehen? Hilfe!

Dating ist unsicher. Wann immer zwei Menschen aufeinandertreffen, sich schrittweise kennenlernen, schwebt das Damoklesschwert des Endes über ihnen. Denn im Kennenlernprozess besteht noch immer die Gefahr, dass der- oder diejenige doch sagt: Ciao, das wars.
Geben wir es zu: Das wäre ja heutzutage schön, fast schon gentlemanhaft. Manchmal hören wir nämlich gar nichts mehr. Und das tut doppelt weh. Ghosting ist die Hölle.

Wir wollen nicht verletzt werden.  Schon gar nicht, wenn wir die Person, die wir gerade kennengelernt haben, interessant finden. Wir wollen mit ihr Zeit verbringen, ihr nah sein und vor allem nichts, wirklich nichts falsch machen. Doch beim Dating scheint das Risiko irgendwie plötzlich phänomenal hoch.

Und das führt dazu, dass wir – ich sag’s mal so offen – durchdrehen. Wir analysieren Texte, wir lesen Nachrichten zwanzigmal, wir schicken die Textbausteine an Freundinnen und versichern uns rück, dass dieser Text okay ist. Nicht zu forsch, nicht zu langweilig, sondern interessant, spannend und auf keinen Fall irgendwie zu anhänglich. Wir überlegen zehnmal, ob wir wirklich schreiben sollen. Denn eigentlich, naja, wäre der andere jetzt mit der ersten Nachricht dran. Und wir wollen ja nun wirklich niemanden hinterherlaufen.

Ich weiß, ihr wollt es nicht hören, aber: Das ist Unsinn.

Niemand läuft einer Person hinterher, nur weil man nochmal als erstes schreibt. Balance is the key. Auch in der Kommunikation. Aber eine Nachricht mehr oder weniger, geschenkt. Nach zwanzig Nachrichten ohne Antwort, ja dann sollte man doch irgendwann merken, die andere Person im Chat ist offensichtlich längst ausgestiegen. Dann heißt es, Abschied nehmen und weiterziehen.

Ansonsten gilt aber: Es ist völlig egal, was für einen Text ihr an die Person schickt, die ihr spannend findet. Okay, ich nehme mal Geständnisse a la „Ich habe einen Menschen umgebracht“ oder „Ich wähle die AfD“ oder „Ich bin eigentlich Harry Potter“ raus. Dann könnte es sein, dass keine Antwort mehr folgt. Bei allen anderen Nachrichten sollte eine Antwort folgen. Eine nette, eine höfliche, ja vielleicht auch eine Absage. Vielleicht aber auch eine glückselige, eine klare oder sogar eine konkrete. Aber zumindest eine Antwort.

Folgt keine Antwort – und das mag jetzt vielleicht überraschend sein – ist das auf keinen Fall eure Schuld.  Eure Nachricht war nicht zu offensiv, zu früh abgeschickt, ihr ward nicht zu pushy oder vielleicht zu überschwänglich. Nein! Stop! Sätze wie „Jetzt habe ich es versaut“ bitte sofort streichen.“

Keine noch so normale Nachricht bestimmt euer Liebesglück.

Es ist euer Gegenüber, das aus irgendeinem Grund mit euch, der Nachricht nicht umgehen kann. Sein Schweigen, sein Rausziehen aus der Sache ist sein Issue. Und wäre früher oder später eh passiert. Denn Menschen sind unterschiedlich, Menschen haben unterschiedliche Historien, unterschiedliche Päckchen und nicht alle sind bereit für ein erwachsenes Dating. Manchmal trifft man Menschen auch zu einem falschen Zeitpunkt – und manchmal schaffen es Menschen nicht, das zu formulieren. Also fallen sie in den Brunnen des Schweigens – und lassen einen verloren zurück.

Doch das Wichtigste: Eine Nachricht verschreckt niemanden. Eine Nachricht ist niemals schuld, wenn der Datingverlauf abrupt endet.
Es ist die Person, die keine Antwort findet.

Dating ist ein aufregendes Spiel, das mit Leichtigkeit gespielt wird. Statt Texte zu überanalysieren, sollten wir uns an die Fakten halten. Das mag schwer fallen, nach zahlreichen Enttäuschungen und dem Wunsch nach Bindung. Doch wer so bedacht ist, keine Fehler zu machen, macht sie meistens doch. Wer natürlich durch das Spiel hüpft, leichtfüßig durch die Nachrichten tänzelt und manchen Fehler riskiert, wird auch belohnt. Denn Liebe ist vor allem eines: Risiko.

Ich halte es ganz einfach: Ich schreibe, wenn ich schreiben will. Ich versuche mich nicht zu verstellen oder künstlich zurückhalten. Denn wenn die Kommunikation langfristig funktionieren soll, muss sie das auch schon im Dating. Und: Ich halte mich an Fakten. Er hat gefragt, ob wir uns wiedersehen. Dann hat er es wohl so gemeint. Alles andere ist mein Kopf, der mir wirklich schauerhafte Märchen erzählt.

You can’t say the wrong thing to the right person.

Und deshalb: Haut raus, was euch beschäftigt. Speak your heart. Und haltet nichts und vor allem euch nicht zurück. Denn eine Antwort bekommt ihr dann so oder so. Nur manchmal nicht die, die man sich gewünscht hat. Aber Klarheit ist besser als Unsicherheit, versprochen.

 

 

 

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4 Antworten zu “Kolumne: Von Dating-Unsicherheiten, überanalysierten Textbausteinen und der Angst vor Antworten”

  1. So wahr!!! Wie oft ich mir schon die Schuld gegeben habe, weil ich mich gemeldet habe und dann keine Antwort kam. „Na toll, der ist bestimmt genervt von mir“ etc.
    Aber wenn ich jmd Scheiben möchte, dann ist es in Ordnung! Punkt

  2. Danke für diesen Text, der mich im richtigen Moment komplett erwischt hat! Schlimm: Ich gebe Freundinnen immer genau diese Ratschläge, nur bei mir selbst schaffe ich es einfach nicht, sie umzusetzen. Dabei weiß ich das doch alles!

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