Kolumne: Wie ich meine Abneigung gegen Dating-Apps überwand – und belohnt wurde

1. Juli 2021 von in ,

„Probier es doch nochmal“, diese Worte klangen an einem Abend im schon so verrückten 2020 in meinem Ohr nach. Sollte ich wirklich einen Versuch starten? Alles in mir zog sich zusammen, Datingapps und ich, das war wirklich keine gute Idee. Ich hasste sie – und wenn ich ehrlich war, glaubte ich auch: Sie hassten mich. Die Liebe via App zu finden, das klappte nur bei anderen. Oder gab es wirklich eine Chance? Die Worte meiner Freund*innen hallten nach – und so drückte ich auf installieren.

Datingapps. Allein das Wort zu hören, als ich frisch Single war, ließ mich erschaudern. Die Liebe via App zu finden, in meiner Vorstellung das möglichst unromantischste Setting ever. Durchswipen, Menschen nach Oberflächlichkeiten beurteilen und am Ende viele schlechte Dates haben statt eines guten? In meiner Vorstellung traf ich den Mann meiner Träume lieber in einer Bar, stolperte im Supermarkt über ihn oder wurde zufällig auf einer Party mit ihm bekannt gemacht. So fangen Liebesgeschichten doch an, nicht?

Tja, sagen wir’s mal so: Als frisch gebackener Single ist man noch idealistisch. Monate später, vom Liebeskummer geheilt und mit anderen Single-Stories vertraut, gab ich der Sache mit den Datingapps eine Chance. Widerwillig, wenig enthusiastisch, aber eben doch versucht, der Liebe via App eine Chance zu geben.

Ich swipte viel nach links, manchmal nach rechts. Schrieb Nachrichten, tauschte mich aus und traf auch mal den ein oder anderen Menschen. Meistens blieb es bei einem oder zwei Treffen. Ein Essen hier, ein Getränk da. Kaum hatte ich mich an den Menschen gewöhnt, der so schnell in mein Leben getreten war, war er auch wieder weg. Manchmal war ich froh darüber, manchmal traurig über verpasste Chancen und Gelegenheiten. Denn – und da fühlte ich mich schon alleine auf weiter Flur – ich war bereit, Menschen wirklich kennenzulernen. Sie öfter zu treffen, sich zu unterhalten und zu sehen, ob man sich wirklich gut versteht.

Nur: Die Masse war das nicht. Schneller Check und weiter. Mein Herz verlor ich nie, aber meine Motivation. Den Glauben an die Liebe via App. Und manchmal auch die Hoffnung. Und immer dann schwor ich den Datingapps ab.

Ich hatte keine Lust auf Enttäuschungen. Auf endlose Gespräche mit einem Fremden, die – ja seien wir mal ehrlich – oftmals zu rein gar nichts führten außer einem langweiligen Abend. Ich hatte keine Lust auf Nervenkitzel, innere Unruhe, und schon gar nicht auf ein gebrochenes Herz.

Warum mir den Stress der Apps antun, wenn ich doch eigentlich glücklicher Single bin? Warum nicht einfach auf das Leben vertrauen statt meinem Glück via App auf die Sprünge zu helfen?

Eine gesunde Einstellung, sicherlich. Immer dann, wenn einen etwas nervt oder nicht glücklich macht, sollte man es lassen. Aber vielleicht – und das reflektiere ich auch heute – war es so auch manchmal einfach einfacher. Alleine sein, das konnte ich. Ein Abend mit Selfcare und Lieblingsserie erschien mir zehnmal wertvoller, als ein Abend mit einem Fremden in einer Bar. Kennt ihr, nicht?

Ein Abend mit Netflix ist aber eben auch ein bisschen sicherer. Hier erwarten mich vielleicht auch Gänsehaut und Nervenkitzel, aber auf eine sehr viel distanziertere Art und Weise. Die Sache mit den Dates: schon gefährlicher. Kurz gesagt: Vielleicht hatte ich auch einfach Angst. Angst vor Enttäuschung, vor Verletzung.

Sicherlich war es eine Mischung aus beidem: Ich, ein glücklicher Single, der keine Lust auf nervende Dates hatte. Jemand, dem seine Zeit wertvoll ist, der sie am liebsten nur mit den Menschen verbringt, die er bereits liebt. Der weiß, wie er seine Zeit zu füllen hat – ganz ohne bessere Hälfte. Aber – und da sind wir beim Dilemma – dazu mischte sich auch manchmal die Angst vor Enttäuschung und Verletzung, die es einfach machte, keine Dates zu haben – oder einen großen Bogen um Datingapps zu machen.

Irgendwie auch verständlich. Denn Dating ist vor allem eines: anstrengend. Tausende Nachrichten prasseln auf einen ein. Von Menschen, die einem nichts bedeuten, irgendwann aber vielleicht mit ganz viel Glück die Chance hätten, es doch zu tun. Doch bevor man an jenem Punkt ist, heißt es, viele unnötige Gespräche zu führen, manchmal doch Bereicherndes zu erfahren, Menschen zu treffen, manchmal einen guten Abend zu haben, sich oft aber eben doch zurück aufs Sofa zu wünschen. Es ist ein Marathon, bei dem man nie weiß, ob man ans Ziel kommt. Wenn man denn überhaupt weiß, was das Ziel ist.

Mein Ziel, besser gesagt, mein tiefer Wunsch war es: einen Menschen kennenlernen, den ich schätze, der mein Leben bereichert, der mit mir plant, sich auf mich einlässt und vor allem den Mut hat, sich zu binden.

Und irgendwann dachte ich wirklich: Datingapps sind nicht der Ort für diese Menschen. Sind nicht der Ort für mich und meinen Wunsch. Ich hasste die Unverbindlichkeit, das Ghosting, das oberflächliche Geplänkel, ich hasste Unehrlichkeit, Spiele und vor allem auch das wenige Schätzen meines Werts als Menschen. Und ich hasste, dass es scheinbar doch die einzige Möglichkeit, ja vielleicht die Chance war, jemanden kennenzulernen.

Es war frustrierend. Hatte ich bis dato hin und wieder mal ein Date gehabt, schwor ich den Apps gänzlich ab. Ein Jahr lang missachtete ich die Datingapps völlig. Und war glücklich. Keine Games, keine Abende mit meinen Freund*innen, die ich verpasste, weil ich auf einem schlechten Date rumhing. Kein Stress mit Nachrichten von Fremden. Aber eben auch keine Chance auf die Liebe.

So sehr ich es versucht hatte, irgendwann wusste ich, ich musste es doch wieder probieren. Vielleicht anders. Mit klareren Grenzen für mich. Nur Dates mit Menschen, die sich in den Nachrichten „richtiger“ anfühlen. Mit dem Mut, mein Herz zu riskieren, es aber auch immer wieder zu schonen. Datingapps nur dann zu nutzen, wenn es sich gut und passend anfühlte. Wenn ich den Kopf frei hatte. Wenn ich wirklich bereit war, jemanden kennenzulernen. Mut zur Veränderung hatte.

Datingapps sind nicht nur per se schlecht. Sie können der Horror sein, aber eben auch der Segen. Manchmal ist es Glück, manchmal auch Pech, und manchmal wählt man auch einfach falsch aus. Passiert, so ist das eben im Dating – und zwar nicht nur auf Apps. Ich für mich lernte, mich nur in den Dating-Dschungel zu wagen, wenn ich wirklich den Kopf dafür hatte. Wenn meine Sehnsucht größer war als meine Abneigung. Denn mit Grummeln im Bauch datet es sich auf Apps nicht allzu gut. War ich motiviert und voller Vorfreude, hatte ich auch schöne Treffen – wenn gleich es meistens dabei blieb: ein Gespräch zwischen Fremden, ein Austausch, Kennenlernen, Weiterziehen. Und das war okay. Wichtig für mich war, meine Grenzen zu wahren. Meinen Wert als Mensch nicht für die Chance auf Liebe zu vergessen. Denn wenn man tief in sich hineinhört, weiß man meistens schnell: Fühle ich es – oder ist es gerade die Sehnsucht nach Bindung, die mich auf das Profil oder in die Arme des anderen treibt?

Es war ein Learning, ein Prozess, eine Hassliebe und manchmal auch ein Geschenk. Vor allem aber auch Lebenserfahrung.

Irgendwann ermunterte mich ein Freund, es nochmal zu versuchen. Mit dieser einen neuen App. Ich verdrehte schon die Augen, aber mein Interesse war geweckt. „Ich melde mich an – und du auch, Deal?“ Ich nickte. Warum auch nicht?

Und so saß ich an jenem Abend da, meldete mich an und klickte mich durch die Profile. „Ich suche jemanden, mit dem ich die ganze Nacht durchquatschen kann.“ Ich blieb hängen. Ja, genau so jemanden suche ich auch, dachte ich. Ich swipte nach rechts – und ein erstes Gespräch mitten in der Nacht entstand. Das erste von vielen. Bis heute.

Datingapps sind vielleicht doch gar nicht so schlecht.

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10 Antworten zu “Kolumne: Wie ich meine Abneigung gegen Dating-Apps überwand – und belohnt wurde”

    • Ich bin am Ende durch Zufall auf Hinge gelandet und fand da die Mischung aus Foto und Text ganz gut :) aber am Ende ist es wohl wirklich so: Glück, in der richtigen Stimmung und zur richtigen Zeit am richtigen Ort :) nur Mut 🤍

  1. „Wichtig für mich war, meine Grenzen zu wahren. Meinen Wert als Mensch nicht für die Chance auf Liebe zu vergessen.“ – so wahre Worte ❤️

  2. So ein schöner Text der mir aus der Seele spricht. Nur aktuell noch ohne Happy End. Freue mich aber wahnsinnig für dich und dein Happy End <3

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