Tinder, Bumble und Co.: Wie kann ein gesunder Umgang mit Dating Apps aussehen?

23. März 2021 von in

Der Lockdown war und ist für uns alle schwer. Homeschooling, kein Raum für sich, die Beziehung kriselt, während einem die Decke auf den Kopf fällt – all das sind bekannte Probleme des ewigen zu Hause bleibens. Doch für alle, die gerade unfreiwillig alleine sind, ist der Lockdown nochmal eine ganz andere Hausnummer. Wer sich gerade einsam fühlt, würde sich bestimmt manchmal den nervigen Partner oder Homeschooling-Kinder an seine Seite wünschen. Normalerweise kann man sich als Single unter Leute mischen, das Leben auskosten – momentan aber eben wie alle anderen auch nur daheim bleiben und den engsten Kreis eng halten.

Wer gerade also jemanden kennenlernen möchte, dem bleibt kaum etwas anderes übrig, als Dating-Apps auszuprobieren. Eine Sache, die einerseits in den letzten Jahren für viele zur Selbstverständlichkeit geworden ist, die einigen anderen aber schon beim Gedanken daran Bauchweh bereitet. Es sind die grundsätzlichen Stigmata des Onlinedatings, aber auch das Prozedere an sich: Hier begegnet man nicht nur Leuten, die dank des eigenen Freundeskreises auf jeden Fall Überschneidungen mit einem selbst haben, sondern vielleicht auch Menschen, mit denen man im echten Leben lieber nicht geredet hätte. Übergriffiges Verhalten und unangenehme Anmachen sind auf Dating-Apps an der Tagesordnung, und im Strudel der Profile und des Smalltalks kann man sich schnell einsamer fühlen, als man es vor dem Anmelden getan hat.

 

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Sich ein Profil auf einer Dating-App anzulegen, kann sich degradierend anfühlen – oder „entmenschlichend“, wie es die Illustratorin Whitney Bursch von @bee.whitney so treffend skizziert. Und trotzdem kann es auch etwas Positives haben, sich in der aktuellen Situation, die sich so sehr nach Isolation anfühlen kann, auf Dating-Apps anzumelden, vielleicht tatsächlich gute Gespräche zu führen und bereichernde Bekanntschaften zu machen. Aber wie genau kriegt man diesen Spagat hin?

Wir haben euch im Community-Aufruf gefragt: Wie kriegt ihr einen gesunden Umgang mit Dating-Apps hin? Was sind eure Tipps, um nicht daran zu verzweifeln? Hier kommen eure Antworten!

Teresa, 30

Immer mal wieder sortiere ich Matches und Gesprächsverläufe aus – das tut ähnlich gut wie Schrankausmisten. Ich verliere den Überblick und ein Gefühl für die echten Menschen hinter den Profilen, wenn ich das nicht mache. Jeden, der mir beim „Ausmisten“ gefällt, mit dem sich aber noch kein Gespräch ergeben hat, schreibe ich an. Wenn keine Antwort oder eine Reaktion kommt, die mich nicht packt, verabschiede ich mich auch von diesem Match. Aber manchmal ergeben sich genau dann schöne Gespräche mit Leuten, die ich gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt habe, oder die auch einfach mal nicht selbst den ersten Schritt gehen wollen. Auch bei denen, mit denen ich schon geschrieben habe, miste ich aus – Gespräche, die im Sand verlaufen sind oder bei denen ich mich nicht wohl gefühlt habe.

Wilma, 30

Ich betrachte mein Dating-Verhalten online mittlerweile als Zyklus: In einer Phase stürze ich mich abenteuerlustig und mit Entdeckergeist auf die App und swipe und schreibe beinahe exzessiv. Und dann setzt plötzlich wieder mein Winterschlaf ein, bei dem ich absolut keinen Sinn mehr darin sehe und mir völlig blöd bei dem Ganzen vorkomme. Als Frau lernt man, mit einem Zyklus zu arbeiten – das wende ich auch beim Dating an und warte eben immer den guten Energieschwung ab. Und akzeptiere es vor allem, wenn ich mich einfach gar nicht mehr danach fühle und die vielen Gesichter mich erschöpfen. Dann mache ich eine Pause. Gerade bei Dating sollte man bei sich bleiben.

Ich gebe extrem viel auf die Meinung meiner Freunde, doch in Sachen Dating hab ich gelernt, dass es viel wichtiger ist, auf meine Intuition und mein Bauchgefühl zu hören. Denn ja, mir ist es wichtig, dass der Mensch mir optisch zusagt, dass auch die Chemie beim Schreiben stimmt, derjenige sich um ein gutes Gespräch bemüht und ich nicht das Gefühl habe, ein Interview führen zu müssen, damit irgendwas passiert. Dass Chatten einfach nichts für jemanden ist, akzeptiere ich nicht mehr als Ausrede – vor allem in Zeiten der Pandemie nicht! Kommunikation ist Kommunikation – egal auf welche Art. Und ich finde, der Umgang damit verrät viel über einen Menschen.

Mich auf einen Typ Mann einzulassen, der mir nicht gefällt und über Dinge hinwegzusehen, die mir schon wichtig sind, nur um meine Ansprüche runterzuschrauben war meiner Meinung nach der größte Fehler in der Vergangenheit. Ich hatte dabei das Gefühl, mich selbst zu betrügen. Und wenn sich das Date dann auch noch als Reinfall entpuppte, war ich noch enttäuschter. Wenn mich schon jemand enttäuscht, dann jemand, den ich hot finde – das ist doch wohl das Mindeste!

Irgendwie ist es eine Mainstream-Einstellung geworden, Dating und erste Dates doof und unangenehm zu finden. Ich finde: Es ist, was du draus machst! Wenn du die immer gleichen Fragen stellst und jedem Menschen gleich begegnest, wirst du genau das auch bekommen. Ich überlege mir immer, was ich mir wünsche: Leichtigkeit, Spaß und das Besondere in Kleinigkeiten zu finden. Und genau das versuche ich beim ersten Kontakt zu erzeugen. Indem ich unerwartete Fragen zu den kleinen Dingen des Lebens stelle, die doch so viel über jemanden verraten.

Überraschende Fragen liefern im besten Fall spannende Antworten und führen zu einem interessanten Gespräch. Ich frage zum Beispiel, was es zum Frühstück gab. Was man sich zuletzt gekauft hat oder was das Lieblingstier ist – diese Frage hat am Ende dazu geführt, dass ich mit einem Match die Doku „Mein Lehrer, der Krake“ gemeinsam geschaut und über WhatsApp kommentiert habe. Das alles finde ich tausendmal spannender als die xte Frage nach dem Beruf oder wo man herkommt.

Dating ist irgendwie so performancelastig geworden. Ich wünsche mir die Magie zurück. Denn am Ende sind es einfach zwei Menschen, die mehr über sich erfahren wollen.

Julia, 34

Ich war sehr lange in Dating-Apps aktiv, seit einer ziemlich ernüchternden Date-Erfahrung im letzten Sommer nicht mehr. Generell finde ich es wichtig, auch mal zwischendurch zu pausieren. Ich hatte auch zwei-, dreimal den Punkt, an dem ich wirklich mit einem gewissen Ekel dachte: „Ich kann diese ganzen Visagen nicht mehr sehen“. Nicht, weil ich alle unattraktiv fand, einfach so eine allgemeine extreme Abneigung. In solchen Momenten taten mir die Pausen sehr gut. Allgemein finde ich es wichtig, dass man die Erwartungen wirklich im Keller ansiedelt und das Schreiben nicht überbewertet. Aus Erfahrung kann ich sagen: Manches liest sich super gut, aber da passt der Spruch „Papier ist geduldig“ wirklich gut, auch wenn es natürlich digital ist. Es gibt so viele, die einfach nur schreiben, was der andere hören will, um gut anzukommen. Man sollte also auch immer ein gesundes Maß an Skepsis beibehalten.

Für mich war es auch immer entspannter mit ausgestellten Benachrichtigungen, ich hab mich dann mit der App beschäftigt, wenn ich gerade Kapazitäten dafür hatte. Das kam natürlich nicht bei allen gut an, aber wer mir beim unverbindlichen Schreiben schon Druck macht oder erwartet, dass ich mich den ganzen Tag darauf konzentriere, ist dann nicht der passende Mensch für mich.

Generell behandle ich andere so, wie ich auch behandelt werden möchte. Auch, wenn man gerade online weniger so behandelt wird. Ich hatte auch einige Gespräche, bei denen die Männer dann aufdringlich, unverschämt, respektlos wurden, mein geschriebenes Nein nicht auf Anhieb akzeptieren wollten, mich überreden wollten, nicht locker ließen. In solchen Situationen „ghoste“ ich dann ehrlich gesagt auch. Ich sehe es nicht ein öfter als einmal „Nein“ oder „kein Interesse“ sagen zu müssen. Ich hatte auch häufiger das Gefühl, dass selbst mehrmaliges Wiederholen nicht dazu führt, dass ich in Ruhe gelassen werde. Und ich hatte auch nicht immer die Kraft,  gegenzuhalten, mich nicht beirren zu lassen, dass es mir immer egal ist, ob ich gut ankomme. In den Momenten fühlte ich mich ganz unsicher und ja, irgendwie auch als „leichte Beute“, so hilflos. Also wäre auch ein Tipp von mir, sehr gut auf sich zu hören, seinem Bauchgefühl zu vertrauen, zu gucken, in welcher Stimmung man ist, und ob man sich gerade „stabil“ genug fühlt, auf Datingapps zu sein.

Maria, 30

Manchmal lösche ich alle bis auf die, die mir noch irgendwie sympathisch erscheinen, schicke allen eine Nachricht und schaue, was passiert. Das nimmt für mich ein bisschen die Ernsthaftigkeit des Ganzen – alles erstmal ganz locker zu sehen hilft mir allgemein beim Umgang mit Tinder und Co. Wenn mal einfach mal die Initiative ergreift und verschiedene Leute anschreibt, nimmt man für sich total den Druck raus. Man hat nichts zu verlieren sondern kann im besten Fall nur gute Unterhaltungen gewinnen, und vielleicht entpuppt sich wirklich jemand als sympathische Person, die man gerne treffen will. Dass jemand wirklich so gut mit einem harmoniert, dass man ihn treffen will, passiert ja wiederum einfach nicht besonders oft.

Ich glaube, es tut nicht gut, zu erwarten auf Tinder von jetzt auf gleich den Partner seiner Träume kennenzulernen. Mit dieser Herangehensweise kann man fast nur enttäuscht werden. Ich sehe das Ganze eher als Spiel, das ich ab und zu mal spiele, bis ich keine Lust mehr drauf habe. Und ich versuche, niemandem zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, bevor ich ihn nicht wirklich getroffen habe und dadurch einen aussagekräftigeren Eindruck bekomme. Tinder macht mir Spaß, wenn ich Langeweile habe – wenn sich eine schöne Bekanntschaft daraus ergibt, ist es schön, wenn nicht, bin ich aber auch nicht enttäuscht.

Luisa, 27

Ich nehme Red Flags mittlerweile viel ernster und bin dann auch mir selbst die nächste, sprich, wenn sich jemand unangemessen verhält, wird er auch eiskalt geghosted – abhängig von der Dauer und Intensität der bisherigen Konversationen natürlich. Ich spreche auch klar aus, wenn ich jemandem meine Handynummer nicht gleich geben will, und oft ist die Reaktion dann schon sehr vielsagend. Sobald ich gemerkt habe, dass Tinder derzeit einfach keinen Spaß macht, weil man wegen Corona sowieso niemanden treffen will, habe ich meinen Account aber auch gelöscht – freue mich aber auf den Sommer, wenn es wieder Spaß macht. Spaß im Sinne von: Man kann Fremde an öffentlichen Orten bei Kaffee oder Wein zum ersten Mal treffen, niemals im privaten Safe Space.

 

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Seda, 28

Ich liebe Sprachnachrichten! Also normalerweise finde ich sie nervig, aber im Datingapp-Zusammenhang super. Über eine Sprachnachricht kriegt man einfach so einen besseren Eindruck, als nur übers Schreiben und ein paar Fotos. Und es ist ein erster kleiner Schritt, den Anderen besser kennenzulernen, ohne sich gleich zu treffen. Auf Bumble kann man sogar in der App Sprachnachrichten verschicken, ansonsten tausche ich auch Nummern mit jemandem aus, der mir gefällt, um den Sprachnachricht-Eindruck zu bekommen. Damit passiert es mir nie wieder, ein Datingapp-Date zu haben und beim ersten Satz des Anderen zu merken, ich könnte ihn niemals gut finden. Und andersrum haben auch schon Männer, die ich beim Schreiben völlig uninteressant fand, in einer Sprachnachricht doch mein Interesse geweckt.

Kerstin, 32

Ich habe lange gezögert, mir wieder eine Dating App zu holen. Hauptsächlich, da ich vor sechs Jahren nicht die besten Erfahrungen damit gemacht und mich unglaublich unwohl mit dieser ganzen Oberflächlichkeit und auch Austauschbarkeit gefühlt habe. Hinzu kam dann noch das Schreiben: Wie schreibe ich jemanden „richtig“ an, was antworte ich um gut rüber zu kommen?

Dieses Mal hab ich es allerdings lockerer genommen – because there’s nothing to lose. Meine erste App im Januar war Bumble. Ich fand es interessant, weil man dort etwas mehr über eine Person erfahren kann. Ob es nun ein Vorteil ist, dass die Frau den „ersten Schritt“ macht, sei dahin gestellt. Ich fand auch das irgendwann ziemlich langweilig, weil man auch hier oft einfach keine Antworten bekommt. Jedes Anschreiben soll möglichst kreativ sein, bloß kein „hey wie gehts“. Wobei ich in einer Bar ja auch nichts anderes sagen würde. Warum die Ansprüche beim Anschreiben bei diesen Apps so hoch sind, werde ich wohl nie verstehen.

Allgemein fühle mich ok damit, aktuell diese Apps zu nutzen, da es kaum keine andere Möglichkeit gibt jemanden kennenzulernen. Doch neben dem Anschreiben bleiben weitere Hürden. Gerade in der Corona-Zeit ist die Auswahl, die vorab schon riesig war, bestimmt noch größer. Und so herrscht noch mehr das Grundgefühl: „vielleicht kommt noch was besseres“. Ich habe mir vorgenommen, dass ich nur mit ein, zwei Männern schreibe. Ich möchte den Personen die Chance geben, sie richtig kennenzulernen, nicht zwischen diversen Chats hin und her switchen und mich dadurch gar nicht erst richtig auf ein Gespräch einlassen. Das ich fair und es macht für mich auch Sinn, wenn ich wirklich daran interessiert bin jemanden kennenzulernen und eben nicht nur etwas Schnelles suche. Ich wechsele deshalb auch ziemlich schnell zu WhatsApp, wenn ich merke, dass das Gespräch mit der Person gut ist. Vor allem auch, damit ich nicht ständig die App öffne und somit wieder in Versuchung komme, doch nochmal zu swipen. Seit einem Monat nutze ich nun auch Tinder, weil ich mir dachte, wäre auch mal nett, wenn die Männer schreiben würden. Aber: alle warten, dass der andere schreibt. Mittlerweile habe ich aber auch kein Problem mehr damit, in die „Offensive“ zu gehen und ein Gespräch zu eröffnen. Wenn dann aber nach zwei Tagen noch keine Antwort kam, lösche ich das Match.

Was ich auch schon ausprobiert habe, waren „FaceTime“-Dates. Ich fand sie aber ziemlich unangenehm und unpersönlich. Es war total schwierig, in ein Gespräch zu kommen. Deshalb bin ich mittlerweile offener für ein Spaziergangsdate, auch spontan. Das mache ich aber natürlich nicht gleich nach einem kurzen „hey wie gehts“, wie es viele Männer vorschlagen – ich muss schon merken, da stimmt die Chemie.

Was gar nicht geht, sind Gespräche, die in Richtung „sex talk“ gehen. Ich hatte kürzlich eine Unterhaltung mit jemandem, der das Gespräch die ganze Zeit auf das Thema Nacktsein gelenkt und immer wieder denselben Witz gebracht hat. Irgendwann hab ich dann auch klipp und klar gesagt: „Ich glaube, das Gespräch führt ins nichts und ich wünsch dir alles Gute“. So etwas hätte ich früher wohl nicht gemacht, da hätte ich einfach nicht mehr geantwortet. Mittlerweile finde ich es für mich schon wichtig, Grenzen zu setzen, und klar zu kommunizieren, wenn etwas unangebracht ist.

Definitiv interessant ist auf jeden Fall, wie viele Matches man hat, von denen am Ende nur ein Bruchteil schreibt oder antwortet. Aktuell habe ich 89 Matches auf Tinder, nutze die App seit einem Monat. Schon verrückt, dass dann doch so wenig echte Kommunikation dadurch entsteht.

Ziemlich Einschüchternd finde ich auch, dass gefühlt alle auf Dating Apps super sportlich sind. Es gibt kaum ein Profil ohne Bilder vom Wandern, Klettern, Surfen oder irgendeiner anderen sportlichen Aktivität. Oder auch Bilder aus zig verschiedenen Ländern. Man bekommt da echt manchmal das Gefühl, „sowieso nicht mithalten“ zu können. Weshalb ich dann meist nach links swipe, obwohl ich jemanden vielleicht interessant gefunden hätte.

Robert, 32

Der Sonntag ist für mich ein Tag, an dem ich meistens nichts vorhabe und eh gern einen Spaziergang mache. In der letzten Zeit habe ich an Sonntagen also gern ein Spaziergehdate ausgemacht. Auch, wenn ich mit der Frau noch nicht besonders viel geschrieben hatte. Ich bin nicht so der Chatter und finde, in echt kann man sich ganz anders begegnen und merkt sofort, ob es passen könnte oder nicht. Wenn es nicht passt, war ich zumindest ein bisschen an der frischen Luft, wie ich es eh getan hätte. Und tatsächlich wurde ich meistens positiv überrascht: Mittlerweile treffe ich mich nur noch mit einer Frau, die ich wirklich gut finde.

Foto: Annie Spratt 

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