Kolumne: Ich will mehr Raum für Sorgen!

29. März 2021 von in

Die letzten vier Monate waren für mich besonders anstrengend. Konstant hatte ich das Gefühl, alles würde mir zu viel werden. Ich saß nämlich an meiner Abschlussarbeit. Dafür musste ich Interviews führen, Portraits schreiben, eine Fotostrecke produzieren, ein Marketing- und PR-Konzept erstellen und am Ende alles zu einem Magazin layouten. Prüfungen sind stressig, das weiß ich. Doch durch die Situation wurde gleichzeitig meine Angst vor Corona immer schlimmer. Nicht wirklich vor dem Virus selbst, sondern davor krank zu werden und weniger Zeit für meine Aufgaben zu haben. Daraufhin traf ich eigentlich fast niemanden mehr – um sicher zu gehen. Das ständige Alleinsein kostete mich wiederum viel Energie. Die Konsequenz: Meine Konzentration wurde immer schlechter und ich brauchte viel mehr Zeit. Das Ganze stresste mich.

Auf einem Spaziergang am Maybachufer erzählte ich einem Bekannten von meinen Ängsten. Wir kennen uns schon eine Weile, denn wir machten unser Abitur zusammen. Ich jammerte vor mich hin und bekam von ihm die Antwort: „Ach, bei dir mache ich mir keine Sorgen.“ Dann fügte er hinzu, dass ich auch froh darüber sein kann, etwas zu tun zu haben. Er selbst leide gerade darunter, sich die meiste Zeit zu langweilen.

Einmal gut, immer gut

Später in meiner Wohnung war ich genervt. Durch seine Antwort fühlte ich mich nicht ernst genommen. Warum sollte ich froh sein, etwas zu machen, nur weil er sich langweilt? Wann ich mich das letzte Mal gelangweilt habe, weiß ich nicht einmal. In meinem Kopf ist diese lange To-Do-Liste voll mit Aktivitäten, die ich machen muss, will, kann und sollte. Und hake ich einen Punkt ab, stehen unten bereits fünf weitere Aktionen. „Er soll sich ein Hobby suchen“, dachte ich in dem Moment. Schnell beruhigte ich mich wieder, schließlich hatte er eigentlich etwas Nettes geäußert und mir auch gesagt, dass er Vertrauen in mich hat und ich alles schaffen werde.

In den Wochen darauf hörte ich häufiger Aussagen wie: „Du schaffst das schon“, „Du bekommst es immer irgendwie hin“ oder „Bei dir wird es sowieso wieder gut“ von Freunden, Familie und Bekannten. Sie meinten es gut, wollten mir Mut zusprechen und zeigen, dass ich mir keine Gedanken machen muss. Doch genau so sagten sie es eben auch: beiläufig, beinahe abwimmelnd. Es scheint keinen Platz für meine Sorgen zu geben. Als wäre mein Erfolg in der Vergangenheit der sichere Beweis dafür, in der Zukunft nicht versagen zu können. Vielleicht wirkt es bei anderen Menschen, doch bei mir entsteht nur noch mehr Druck.

Mut wird zu Druck

Nach solchen Sätzen muss ich nicht nur aus eigenem Antrieb mein Ziel erreichen, auch die Erwartungen der anderen gehören erfüllt, um den Standard einzuhalten. In meiner Vorstellung könnte ich mich also blamieren und andere enttäuschen, wenn ich ohne Erfolg aus der Situation trete. Dass Versagen gar keine Option darstellt, macht alles noch anstrengender. Ein positives Ergebnis ist plötzlich nicht mehr besonders, es ist die Norm.

Aber das ist es nicht. Gute Noten und Ergebnisse fliegen mir natürlich nicht zu. Ich bin die, die beim Arbeiten gefühlt jeden Artikel liest, versucht alle Videos anzusehen und sich um 18 Uhr noch einen Kaffee macht, um länger durchhalten zu können. Am nächsten Morgen schlafe ich nicht aus. Nein, ich sitze morgens ungeduscht bereits mit dem nächsten Kaffee wieder vor dem Laptop. Nicht nur wegen diesen Aussagen, aber auch. Sie lösen in mir Druck aus und ich möchte ihnen gerecht werden.

 

Man vs. Machine

Am besten bekommt das meine Mitbewohnerin mit. Nach einer dieser Nächte erzählte ich ihr in der Küche von meinen zwei Stunden Schlaf. Sie nannte mich eine Maschine. Genau dieses Wort beschreibt was ich mache zu gut. Denn Maschinen funktionieren fast immer, sind nie müde und erledigen den Job. Ich habe das Gefühl, die Leistungsgesellschaft hat mir beigebracht, alles schaffen zu müssen – jeden Test, jede Deadline. Das kommt auch an, wenn ich meine Bedenken äußere, dabei wünsche ich mir etwas ganz anderes. Ich will mehr Raum für Sorgen! Sie sollten neben den Zielen stehen können, ohne ihnen Platz zu rauben. Dann wären diese auch nicht mehr angsteinflößend. Empathie und Mitgefühl dafür, dass es schief gehen könnte, dass auch ich „nur“ ein Mensch bin, würde mir in solchen Momenten viel mehr helfen.

Leider handle ich selbst falsch. Als mein Bekannter mir von seinem Problem – der Langweilige – erzählte, spielte ich es herunter, unterstellte ihm auch noch keine Hobbys zu haben. Mehr Anteilnahme von mir hätte ihm bestimmt ein besseres Gefühl gegeben. Gewiss habe ich keine Antwort auf seine Sorgen und er und alle anderen auch nicht auf meine. Das braucht es gar nicht. Manchmal reicht es zuzuhören und dem anderen zu sagen: Es ist normal, Ängste zu haben, zu versagen oder eben gelangweilt zu sein.

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