Kolumne: Von Weingläsern und Scherbenhaufen

18. Februar 2016 von in

Es ist ein kurzer, hektischer Wisch. Noch bevor ich „Vorsicht“ rufen kann, ist es passiert. Das Weinglas kippt um, zersplittert in vielen kleine Scherben. Zurückbleibt ein Scherbenhaufen. Und meine Freundin, die plötzlich in Tränen ausbricht. „Alles geht kaputt. Selbst das blöde Weinglas. Mein Leben besteht nur noch aus Scherben.“. Unser Gespräch über Stress im Job, gescheiterte Beziehungen und andere Enttäuschungen spiegelt sich unvermittelt in dem zerbrochenen Weinglas, den vielen kleinen Splittern auf dem Tisch, dem Boden wider. Manchmal ist ein zerbrochenes Weinglas wohl doch symbolträchtiger, als alles andere.

Dann, wenn die große Liebe einen gerade verlassen hat. Jetzt, wo man eigentlich die Zukunft planen wollte. Und man wieder von vorne beginnt. Wie geht das überhaupt, von vorne zu beginnen? Dann, wenn man den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten muss. Weiterleben muss – ohne ihn, weil Krankheit, Alter oder Schicksalsschlag zugeschlagen haben. Und man selbst gar nicht mehr genau weiß, was man eigentlich will vom Leben. Und dann, wenn der Job, den man jetzt doch schon ein paar Jahre macht, plötzlich nicht mehr die Erfüllung ist. Man aber auch nicht weiß, welchen Traum man hat. Es herausfinden muss – ohne Rücksicht auf Verluste. Mut aufbringen muss, und die Angst einem doch im Weg steht. Was will ich eigentlich?

Immer wieder stehen wir in unserem Leben vor Scherbenhaufen. Vor kleineren, die sich schnell zusammenkehren lassen, genauso wie vor großen. Quasi eine ganze Packung voller Weingläser. Im ersten Moment bleiben wir regungslos zurück. Ist das jetzt wirklich passiert? Und vor allem – wo fange ich an aufzuräumen? Wie sortiere ich die Scherben?

Wichtig ist: Nicht auf Scherben stehen zu bleiben. Und ich zitiere wirklich extrem ungern Deutschlands liebsten Mainstream-Sänger Andreas Bourani, aber die Zeile „du brauchst nur weiter zu gehen, komm nicht auf Scherben zum Stehen“, aus dem Song „Hey“ trifft es ziemlich genau. Weitergehen. Weitermachen. Sich langsam berappeln. Nicht zu lange auf den Scherben stehen. Denn nur dann tut es weh, extrem weh. Wer weitergeht, kann den Schmerz ertragen.

Und wie es so ist, bei einem zerbrochenen Weinglas, das man irgendwann dann doch aufräumt und wegwirft – man findet immer wieder kleine Splitter in irgendeiner Ecke der Wohnung. Manchmal tritt man hinein, dann tut es kurz weh. Die Erinnerung schwappt über die Mauer, wie eine kurze Welle. Doch dann zieht man den Splitter, und der Schmerz ebbt ab, zieht sich zurück ins offene Meer. Ganz verschwinden tut er vielleicht nie. Manchmal tritt man rein, und man merkt es nicht mal. Weil die Zeit dann doch die Wunden heilt. Oder manchmal findet man die kleinen Splitter – und lacht, weil der Schmerz so lange zurückliegt, dass er eine Erinnerung geworden ist. Zu einem gehört. Weil man mittlerweile ganz woanders steht. Irgendwann ist auch der größte Scherbenhaufen passé.

Je älter man wird, umso mehr Splitter trägt man mit sich herum. Man wird vorsichtiger. Aus Erfahrung und aus Angst, dass wieder Dinge zerbrechen. Dass der Schmerz über die Scherben größer sein könnte, als die Freude über das, was war und ist. Doch die Angst, dass wieder Dinge zerbrechen, dass die Welle des Schmerzes uns wieder erwischt, darf uns nicht aufhalten zu leben und Menschen, neue Erfahrungen und neue Richtungen an uns heranzulassen.
Dinge zerbrechen – manchmal auch ganz ohne unsere Einfluss. Dann lieber nach Hermann Hesse leben: „Jedem Anfang liegt ein Zauber inne.“

Neugierig, angstfrei und voller Zuversicht ins Leben springen. Auch auf die Gefahr hin, dass man wieder vor dem ein oder anderen großen Scherbenhaufen steht. Aber auch die kehrt man weg. Und im Zweifelsfall niemals alleine, sondern mit Freunden. So wie wir das gemacht haben, an jenem Abend.

Photocredit: Pinterest

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3 Antworten zu “Kolumne: Von Weingläsern und Scherbenhaufen”

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