Kolumne: Wir leben im Second Life

15. Mai 2019 von in

Second Life. Der Begriff kam im Jahr 2003 zum ersten Mal auf, und ich erinnere mich, wie ich schon in der siebten Klasse eine Dokumentation darüber sah und im Anschluss meine Lehrerin verzweifelt aufgrund totalen Unwissens versuchte, eine Art Diskussion über dieses „Second Life“ zu führen. Die virtuelle Welt beschreibt dabei eine Art Parallelwelt, in der man stellvertretend als Avatar in einer aufpolierten Version einer selbst in einer neuen Dimension weiterlebt. Second Life war als eine Art Computerspiel über den Bildschirm erreichbar, oder auch über Virtual Reality Brillen, für die, die es ganz ernst meinten.

Das war in den Anfängen der 2000er Jahre ein abstraktes Medium, das ich als einfaches Computerspiel verstand, das süchtig machen konnte. Genau wie jedes andere Computerspiel süchtig machen kann. Doch die große Dystopie der Second-Life-Zombies mit VR Brillen auf dem Kopf, die in abgedunkelten schwarzen Kellern ihre zweite Welt erforschten, entpuppte sich scheinbar als Flop: Die Zahl der aktiven User der Online-3D-Plattform ging stark zurück. Die Zahl von rund 36 Millionen Usern schrumpfte auf nur noch 800.000, bis sogar zu nur noch 10.000 neu angemeldeten Usern.

Was uns damals aber keiner gesagt hat, ist, dass mit Smartphones und Social Media dieses „Second Life“ kein abstraktes Computerspiel mehr sein wird. Das Medium zum Mitnehmen ist kein Spiel mehr, das irgendein IT-Heini programmiert hat, sondern ganz viele IT-Heinis, die im Grunde gar nichts miteinander zu tun haben. Entstanden ist ein Second-Life-To-Go, das viel komplexer ist, als diese digitale Welt, die wir uns damals genauso vorstellten wie die echte Welt.

Entstanden ist das Internet – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Ein Land, in dem die digitale Präsenz die reale Präsenz überschatten wird. Die Realität wird unwichtiger werden, was sich zum Beispiel an Filtern zeigt, die als lustiges Features auf Instagram oder Snapchat eingeführt wurden. Diese beschränken sich nämlich schon lange nicht mehr nur auf Farbverläufe à la Valencia (Hach, gute, alte Zeit).

Wieso sollte ich mir noch echte Piercings stechen lassen, wenn ich sie als Product Visualization auf mein Selfie legen kann? Wieso sollte ich abnehmen, wenn ich meine Taille in einer App schmälern kann? Wieso sollte ich mir Tattoos stechen lassen, wenn ich sie mir nur für ein Foto aufmalen lassen kann? Wieso sollte ich keine Sommersprossen mehr haben, wenn ich welche haben könnte? Wieso sollte ich mir eine Sonnenbrille kaufen, wenn ich sie virtuell als Filter tragen kann? Gerade sind die Filter noch sichtbare Filter, schon bald werden sie auch in einem weit verbreiteten Medium wie Instagram qualitativ so gut sein, dass sie sich kaum von der Realität unterscheiden lassen.

Was, wenn digitale Güter wertvoller werden als echte?

Wenn wir mal bei dem Beispiel der Sonnenbrille bleiben: Was, wenn die Filter von materiellen Gütern so gut werden, dass es nicht mehr erkennbar ist, ob der User auf dem Foto eine echte Chanel Tasche trägt, oder ob er einen Filter darüber gelegt hat? Was, wenn diese Filter bald etwas kosten, aber zunächst nur einen Bruchteil des greifbaren Originals? Bezahlen wir dann bald echtes Geld für virtuelle Güter, die in der Realität überhaupt nicht existieren? Und je wertvoller die Internetpräsenz wird, umso wertvoller wird auch die Internetware sein. Vielleicht geben wir bald für einen Filter oder eine App mehr Geld aus als für einen realen Gegenstand.

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Karla Kolumna 😎

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Die virtuelle Realität, das Second Life, ist kein Computerspiel mehr, sondern eine zweite Gegenwart, die wir in unseren Hand- und Hosentaschen stets mit uns tragen. Sie vibriert, meldet sich ungefragt zu Wort, unterbricht uns bei realen Gesprächen, lässt uns auf dem Fußgängerweg stehen bleiben und stundenlang hinein starren. Wie oft haben wir, User der zweiten Welt, bereits grüne Ampelphasen verpasst oder unsere Bahnstation? Wie oft sind wir über eine Person gestolpert, die vor uns stehen blieb, weil sie auf’s Handy starrte?

Das dystopische Second Life, vor der vor zwanzig Jahren schon alle Angst hatten, ist von unserer Realität eigentlich gar nicht mehr so weit entfernt.

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