Kolumne: Erschöpfung als Grundrauschen

5. Oktober 2020 von in

Es gibt eine lange Liste von Eigenschaften, die unsere Generation angeblich ausmachen und für die wir Millennials uns rechtfertigen müssen, seit es einen Namen für uns gibt. Eine davon ist der Vorwurf, wir seien zart besaitet und selbst mit den kleinsten Unannehmlichkeiten überfordert. So wie bei vielen Stereotypen ist auch an diesem Vorwurf ein bisschen was dran: Viele von uns – ich eingerechnet – brauchen gerne mal ein paar Stunden oder Tage Anlauf, bis sie sich überwinden, bei der Hausärztin anzurufen, ein Formular auszufüllen oder sich um andere lebenserhaltende Maßnahmen zu kümmern. Erwachsensein fühlt sich für uns an wie eine nie endende To-Do-Liste. Unsere Eltern schütteln in Angesicht dieser Unfähigkeit nur verständnislos den Kopf – wie konnten die nur solche Memmen werden? Ich hingegen glaube, dass wir gute Gründe haben, erschöpft zu sein.

Nichts funktioniert mehr so wie früher

Wenn ihr wie ich in den Neunzigern geboren seid, dann seid ihr in einer Welt aufgewachsen, die nach Regeln funktioniert hat, die heute fast alle nicht mehr gelten. Kaum hatten wir sie verinnerlicht, fanden wir uns mitten in einer großen gesellschaftlichen Verschiebung in alle möglichen Richtungen wieder. Nationalstaaten, Familienkonstellationen, Karrieren, Kommunikation, Politik, Liebesbeziehungen: Nichts funktioniert mehr so wie früher.

Alles ist in Wandel. Und es wird noch befeuert von der Digitalisierung und mit uns im Mittelpunkt dieses Strudels, der immer schneller wird.

Heute stehen wir in einer Welt, die mit der unserer Kindheit nur noch sehr wenig zu tun hat. Und wir sind nonstop damit beschäftigt, diesen Wandel zu begreifen und uns anzupassen. Jeden Tag werden uns neue Informationen um die Ohren geklatscht. Die Welt wird ungerechter, gefährlicher, unzumutbarer. Es liegt an uns, einen Wandel herbeizuführen, also gehen wir auf Demos, teilen Petitionen, lesen morgens die Nachricht von der aktuellsten Katastrophe. All das, während wir eigentlich die Regeln verlernen müssten, die nicht mehr für uns gelten. Wir müssten uns neue Regeln ausdenken. Das ist verdammt anstrengend!

Man muss nicht schuften, um erschöpft zu sein

Besonders schwer tun wir uns dabei mit einer bestimmten Regel: Wer hart arbeitet, der wird belohnt. Dieses Denken ist in die DNA unserer Elterngeneration eingeschrieben, wurde uns von kleinauf aus allen Richtungen eingebläut und bestimmt unsere Leben. Aber während Babyboomers sich tendenziell durch ehrliche Arbeit tatsächlich irgendwann ein Einfamilienhaus und einen Carport leisten konnten, schuften Millennials gerne mal auch jenseits der 30 noch knapp oberhalb der Armutsgrenze. Selbst das wäre weniger schlimm, wenn uns echte Auszeiten vergönnt wären. Wenn unsere Köpfe frei sein könnten, sobald wir nicht mehr arbeiten. Aber man muss gar nicht schuften, um erschöpft zu sein, denn wir leben in einer Realität, in der man Arbeit und Freizeit kaum noch voneinander unterscheiden kann. Das liegt unter anderem daran, dass es nahezu unmöglich geworden ist, wirklich offline zu sein.

Bestimmt kennt ihr diesen unbequemen Gedanken, wenn ihr im Urlaub seid, eine schöne Landschaft seht, und alles woran ihr denken könnt, ist: Das muss ich online teilen.

Meist gefolgt von der schamvollen Erkenntnis, dass man gerade mal wieder nicht in der Lage ist, wirklich abzuschalten. Der Urlaub und die Entspannung sind Teil der nie endenden To-Do-Liste geworden. Denn echte Freizeit – im wörtlichen Sinn – gibt es für uns selten. Unsere Köpfe sind nicht frei von Effizienzdenken, nur weil wir gerade nicht arbeiten. Unsere Freizeit ist Teil der Agenda. Das laugt uns aus.

Erschöpfung lässt sich nicht wegoptimieren

Wenn wir also in unserer Freizeit beispielsweise auf Social Media unsere Kanäle bespielen, dann vermarkten wir uns immer auch ein bisschen. Wir bauen ein Bild von uns auf, das uns in einem guten Licht dastehen lässt. Je nach Branche ist dieses Self-Branding teilweise so unumgehbar, dass Menschen sich manchmal noch einen zusätzlichen Account für ihre engsten Freund*innen einrichten, um auch fernab der Selbstvermarktung Bilder teilen zu können. Der Finsta-Account ist die Folge der Tatsache, dass wir uns selbst immer auch als Produkt sehen (müssen) – 24 Stunden am Tag. Und dass wir uns nur vor unseren engsten Freund*innen erlauben können, aus dieser Logik auszusteigen.

Wer hart arbeitet, der wird belohnt. Unterbewusst glauben wir das meist nach wie vor, obwohl die Realität uns längst eingeholt haben sollte. Denn unsere ständige Betriebsamkeit wird keineswegs vergütet. Jobs waren nie so unsicher wie heute. Junge Menschen hangeln sich jahrelang von Praktikum zu schlecht bezahlter befristeter Stelle, bevor sie vielleicht irgendwann jenseits der 30 in einem Job ankommen, der so etwas wie Stabilität ermöglicht.

Allein der Gedanke an die Rente löst Stresspusteln aus und es fällt schwer, sich eine stabile Zukunft auszumalen. Stabilität ist oft ein Fremdwort in unseren Lebensrealitäten.

Trotzdem versuchen wir alles, um uns weiter zu optimieren, uns noch ein bisschen mehr Mühe zu geben und noch ein bisschen besser zu funktionieren. Um dann vielleicht doch endlich mal belohnt zu werden. Aber keine Morgen- und Sportroutinen, Ernährungspläne, Bullet Journals und Meditations-Apps dieser Welt können uns befreien von dieser postmodernen Misere. Erschöpfung lässt sich nicht wegoptimieren. Die Folge: Kollektives Burnout. Erschöpfung als Grundrauschen.

 

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Tief drinnen träumen alle nur von einem Ende der To-Do-List

Ich bin mir nicht sicher, ob es für dieses kollektive Problem eine echte Lösung gibt. Aber ich weiß, dass es gut tut, mich nicht mehr allein verantwortlich zu machen: Dafür, dass ich angeblich zu sensibel sei, zu faul, zu schwach, zu inkonsequent, zu unerfolgreich. Ich weiß jetzt, dass es nicht nur mir so geht, sondern wir alle zusammen in diesem Dilemma stecken. Wir alle denken, dass wir mehr aus uns herauspressen könnten, wenn wir nicht so verdammt müde wären. Aber wozu?

Tief drinnen träumen doch alle von einem Ende der To-Do-List. Dieses lässt sich nicht durch noch mehr To-Dos herbeiführen.

Stattdessen sollten wir sanfter mit uns selbst und mit anderen sein. Wir sollten aufhören, zu versuchen, dieses Spiel zu gewinnen und stattdessen daran arbeiten, es zu verändern. In der Gemeinschaft kann die Mühsamkeit vielleicht ein Ende finden, wenn wir uns austauschen, zusammentun und uns gemeinsam daran versuchen, das Problem bei der Wurzel zu packen. Wir müssen alte Regeln verlernen und uns abwenden von unserer Idee von Erfolg – und aufhören, uns schlecht zu fühlen, wenn wir es nicht mehr auf die Liste der 30 unter 30 schaffen oder es Menschen gibt, die halb so alt sind wie wir und schon doppelt so viel Geld verdienen. Auf dass unsere To-Do-Listen eines Tages abgehakt sind – und die Erschöpfung endlich weicht.

 

Bildcredits: Unsplash

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