Freizeitstress: Wie sehr „brauchst“ du Urlaub?

6. August 2019 von in ,

Gardasee, Caorle, Malle, Sylt und Zandvoort. Wir kennen diese Orte, denn das Konzept des obligatorischen Sommerurlaubs ist für uns seit unserer Geburt selbstverständlich. Entweder, man wurde von kleinauf von seinen Eltern auf Campinglätze, in Ferienressorts oder in Hotels geschleppt oder man hat die Familien beneidet, die es sich leisten konnten. Die Idee ist klar: Urlaub, das ist das Gegenteil von Alltag. Es geht dabei um Tapetenwechsel, Entspannung – eine Zeit ohne Verpflichtung. Ein zeitlich begrenzter Aufenthalt in einem kleinen, meist eingezäunten Paralleluniversum, in dem Stress nicht existieren soll.

Arbeit und Freizeit – entweder, oder

Dieses Konzept ist noch nicht besonders alt. Es entstand in den 1950ern – als es zum ersten Mal auch für Ottonormalbürger möglich wurde, sich Urlaube zu leisten. Und natürlich – wie sollte es anders sein – hat der Kapitalismus bei der Geburt dieses kulturellen Konstruktes die Finger im Spiel. Denn mit der Herausbildung der Konsumkultur, dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Entstehung neuer Jobs entstand ein Gegenteilpaar, das für uns heute das Normalste der Welt ist: Arbeit und Freizeit. Früher arbeitete man auf Haus und Hof ganz selbstverständlich pausenlos. Deadlines hießen Jahreszeiten, Wachstum war in Rohstoffen messbar und es gab auch keinen bestimmten Lifestyle, den man sich erarbeiten musste. Das bedeutet nicht, dass das Leben lebenswerter war – man hatte schlicht andere Probleme als das, was wir heute „Stress“ nennen. Seit die Menschen es sich leisten konnten, dieses neue Phänomen namens „Urlaub“ selbst zu gestalten und bestimmte Orte zu besuchen, wurde Freizeit zu der Zeit, in der man sich emotionale Abwechslung zu verschaffen versuchte. Und der Tourismus entstand.

Und plötzlich war da „Stress“

Ungefähr zur selben Zeit tauchte übrigens der Ausdruck „Stress“ erstmal in dem Kontext auf, den wir heute kennen: Körperliche Ermüdung durch die Masse an Verpflichtungen, die wir täglich schultern. Unannehmlichkeiten, die vorher als selbstverständlich angesehen wurden, wurden nun zu Problemen, die jede Person selbst zu lösen hatte – das gilt auch für die Erholung. Es ist kein Zufall, dass gleichzeitig einige der bis heute erfolgreichsten Wirtschaftszweige entstanden sind: Ferienressorts, Wellnessangebote, All-Inclusive-Hotels. All diese „abgepackten“ Formen des Tourismus funktionieren vor allem deswegen so gut, weil es inzwischen als selbstverständlich gilt, dass wir ab und zu einen Ausbruch aus unserem grauen Alltag brauchen. Und je weniger man im Urlaub selbst organisieren, regeln, machen muss, desto besser: Man bezahlt für die Auszeit vom täglichen Schaffen und dafür, dass einem anstrengende Aufgaben abgenommen werden. Von Leuten, die an diesen Orten arbeiten. Welch Ironie!

Aber auch Urlaube fernab von All-Inclusive und Ferienparks verfolgen vor allem den einen Zweck: Eine Lösung für das moderne Problem „Stress“. Zumindest temporär. Denn ist man lange genug wieder in der Alltagsmühle, dann wird es bald wieder Zeit für Urlaub. Das Konzept setzt auf zyklische Wiederholung und emotionale Abwechslung statt auf psychische Heilung. Urlaub und Alltag wechseln sich ab. „Uff, ich brauch‘ Urlaub!“ – jede*r von uns hat diesen Satz schon x-mal gesagt. Aber liegt da nicht das eigentliche Problem?

Urlaub brauchen – das ist nicht selbstverständlich

Urlaub brauchen. Weil man sonst im Stress zergeht. Das ist unsere Werkseinstellung. Aber selbstverständlich ist es nicht. Ist das nicht auch der Ausdruck dessen, dass etwas falsch läuft? Wäre eine ideale Welt nicht eine Welt, in der niemand Urlaub „braucht“? In der der Alltag auch ohne zyklische Pausen zu ertragen ist? In der wir genug Verschnaufpausen haben, um uns nicht immer wieder bewusst aus unserer Lebenswelt entfernen zu müssen? A girl can dream!

Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, denn ein Ausbruch aus dieser Gesamtlogik ist nahezu unmöglich. We live in a society. Das heißt allerdings nicht, dass wir dazu verdammt sind, bis an unser Lebensende regelmäßig verspannt im Bürostuhl zu sitzen und vom Handtuch am Strand zu träumen. Mark Twain, der vermutlich produktivste Wandtattoospruchproduzent ever, hat angeblich mal gesagt: “Find a job you enjoy doing, and you will never have to work a day in your life.” Klingt toll – ist aber verkürzt. Denn Arbeit bleibt Verantwortung bleibt Stress – egal, wie viel Freude es uns auch bringt. Gerade die Berufe, die wir uns mühsam selbst zusammenzimmern, bringen oftmals den größten Kraft- und Nervenaufwand mit sich – und das größte Risiko, in einer prekären Situation zu landen. Und das Privileg, einem Beruf nachzugehen, der uns voll und ganz ausfüllt, ist außerdem nur wenigen vergönnt: Man braucht dazu ein gewisses Maß an Ressourcen, das die allermeisten Menschen auf dieser Welt nicht haben. Für die meisten Menschen ist Arbeit eine reine Notwendigkeit – und der gelegentliche Abstand von der Arbeit ein notwendiger Ausgleich.

Nicht nur Schwarz und Weiß

Aber: Zwischen Arbeit und Freizeit – Schwarz und Weiß – gibt es auch eine Grauzone, die man für sich nutzen kann. Klar: Es ist einfacher, abzuschalten, wenn man weiß, dass der besagte Bürostuhl sich gerade hunderte Kilometer weit entfernt befindet. Aber: Solche kleinen, verantwortungsfreien Zonen kann man sich auch selbst kreieren. Zum Beispiel, indem man regelmäßig sein Handy abschaltet und sich nicht der unausgesprochenen Regel hingibt, dass man immer erreichbar zu sein hat – außer, man ist im Urlaub. Man kann hinterfragen, wie viel Arbeit nötig ist und ob es sinnvoll ist, nur zu schuften, um sich hinterher den teuren Luxusurlaub leisten zu können, der einem wiederum für die harte Arbeit kompensiert. Man kann sich im Alltag kleine verantwortungsfreie Bastionen schaffen. Und bei der höchsten Erleuchtungsstufe schafft man es vielleicht sogar, auf dem Bürostuhl innezuhalten und zu sagen: Stop! Ruhe jetzt!

Die Arbeitswelt hat dieses Potenzial – wenn auch durch den Anreiz der Gewinnmaximierung – inzwischen auch erkannt. Es ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass kürzere Arbeitstage und Wochenstunden oder die Option auf ein Homeoffice zu produktiveren Ergebnissen führen als unsere obligatorische Nine-to-Five-Vierzig-Stunden-Woche im Großraumbüro. Denn Stress macht uns nicht nur krank – er macht uns auch unproduktiv. Es ist ironisch: Hier beißt sich die Kapitalismuskatze selbst in den Schwanz. Diese Tatsache wird in Zukunft vielleicht dazu führen, dass Firmen dafür sorgen, dass wir nicht mehr flüchten müssen, um uns zu entspannen. Die Anfänge sind gemacht.

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3 Antworten zu “Freizeitstress: Wie sehr „brauchst“ du Urlaub?”

  1. danke für diesen kleinen geschichtlichen exkurs! hab auch grad gelesen, dass menschen die stark gestresst sind auch im urlaub nicht abschalten können. deshalb ist es sicher wichtig, den alltag entspannend zu gestalten, da habt ihr vollkommen recht.

  2. Jop, da stimme ich dir zu.

    Sag mal liebe Jowa, Hast du eigentlich noch weitere Literatur-Empfehlungen aus dem soziologischem Bereich? Lese gerade Eva Illouz und bin ganz angetan. (Hab ich irgendwo mal aufgeschrieben, nach dem du es empfohlen hast).

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