Modern Romance: Tinder, was ist dein Geheimnis?

9. August 2018 von in

Bild: John Yuyi

All you need is love, love is a battlefield, love will tear us apart – I wanna know what love is! Kaum ein Thema ist gleichzeitig so allgegenwärtig und so mit Mythen und Missverständnissen verwoben wie die Liebe. Grund genug, sich diesem irrationalsten aller Themen einmal auf analytischer Ebene zu nähern. Denn so mächtig und schön sie auch ist: Auch die Liebe ist nicht frei von kulturellem Wandel. Was die Liebe einmal war, wie sie wurde, was sie heute ist, und was sie in Zukunft werden könnte: Diese Fragen werden in dieser Reihe geklärt – zumindest im Ansatz. Denn ein bisschen mystisch muss die Liebe trotzdem bleiben dürfen.

Erinnert ihr euch noch an eine Welt ohne Tinder? Wie würde eure Realität, euer soziales Umfeld, euer Leben aussehen, wenn es die App nie gegeben hätte? Das erste Tinder-Baby geht vermutlich schon zur Schule: Und heute, sechs Jahre, nachdem die App in Kalifornien konzipiert wurde, ist sie aus unserer Realität kaum noch wegzudenken. Anfangs nur als Abschlepphilfe betrachtet, wissen wir heute, dass die App vom One-Night-Stand bis zur großen Liebe alle Möglichkeiten der romantischen Begegnung abdeckt. Wie viele Tinder-Begegnungen kamen wohl seitdem zustande, wie viele Beziehungen wurden begonnen und beendet, wie viele Hochzeiten hat es schon gegeben und wie viele Tinder-Kinder erblickten schon das Licht der Welt? Wie viele Tinder-Dates finden wohl in genau dieser Sekunde auf der Welt statt? Es ist unumstritten: Tinder ist eine der größten Erfolgsgeschichten unserer Zeit und definitiv ein Game-Changer, was Dating im 21. Jahrhundert betrifft. Und dabei könnte die App simpler nicht sein. Woraus besteht es also, das Erfolgsrezept von Tinder?

 

 

Es ist vor allem eine bestimmte Gruppe von Menschen, die bis heute daran scheitern, sich mit Tinder anzufreunden: Die Romantiker. Denn Tinder setzt – noch viel stärker als seine mobilen Konkurrenten wie OkCupid oder klassische Dating-Seiten wie match.com – auf eine simple „Hot or Not“-Entscheidung. Tinder bedient sich mit seinem „Infinite Swipe“-Prinzip einer maximalen Einfachheit: Hier werden die Profile und die Menschen dahinter fließbandmäßig konsumiert wie Socken im Onlineshop. Die Anmeldung dauert zwei Minuten und man kann die App nebenbei benutzen, als handele es sich um Quizduell. Außerdem verlangt Tinder ausdrücklich einen gewissen Grad an Oberflächlichkeit: Die App stellt so wenige Informationen zur Verfügung, dass wir keine andere Wahl haben, als oberflächlich zu urteilen – und erspart uns so auch das schlechte Gewissen.

Tinder verlangt Oberflächlichkeit von uns

Das beißt sich mit dem Glauben an die Mystik der romantischen Begegnung: Denn während man bei anderen Online-Dating-Plattformen wenigstens noch mit dem Ausfüllen von Fragebögen versucht, eine Art von Seelenverwandtschaft sicherzustellen, basiert Tinder einzig und allein auf einem ersten, oberflächlichen Eindruck. Und dennoch suchen knapp 50 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer auf Tinder nach einer Beziehung – und nicht nach einer schnellen Nummer. Und das oftmals auch erfolgreich, wie wir heute wissen.

 

Dadurch, dass Tinder mit einem der Dreh- und Angelpunkte unseres sozialen Lebens – unserem Facebook-Profil – verknüpft ist, stellt es einen hohen Grad an Authentizität sicher: Denn wir melden uns mit demselben Profil an, mit dem wir uns auch unserem Chef, unseren Freunden, unseren Eltern und der Cousine unserer Oma präsentieren. Außerdem macht Tinder es möglich, Freunde von Freunden kennenzulernen und als solche zu identifizieren – das schafft deutlich mehr Vertrauen, als wenn man sich mit hotguy92 aus dem Knuddels-Chat trifft.

Tinder schont unsere fragilen Egos

Die simpelste und genialste Innovation der App hat jedoch etwas mit unseren fragilen Egos zu tun: Denn Tinder erlaubt keine Zurückweisung. Das Match-Prinzip erlaubt Kommunikation nur, wenn man gegenseitig Interesse bekundet hat: Und Misserfolge bleiben verschleiert und gehen in der Masse unter, weil stets die Option offen bleibt, dass man der anderen Person schlicht noch nicht vorgeschlagen wurde. Das Match-Prinzip birgt für Frauen außerdem einen besonderen Vorteil: Denn laut Studien ist es für Frauen viel wahrscheinlicher als für Männer, eine unangenehme Erfahrung mit Kontakten über Online-Dating zu machen. 42 Prozent der Nutzerinnen haben unangenehme oder übergriffige Erfahrungen gemacht – bei Männern im Vergleich nur 17 Prozent. Das kann Tinder durch das Match-Prinzip bis zu einem gewissen Grad verhindern – und ist daher auch eine der wenigen Datingplattformen, bei denen das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist.

 

Was sagt der Erfolg von Tinder nun über uns als Nutzergeneration aus? Vor allem zeigt der Erfolg der App, dass Millenials nicht mehr länger an den Erfolg von Fragebögen und Psychotests glauben, wenn es um das Suchen und Finden von romantischen Begegnungen geht: Tinder ist in gewisser Weise ein Schritt zurück zur Intuition und weg vom Gedanken der Planbarkeit. Hochradig rational bleibt der Anspruch der App trotzdem, denn sie übersetzt ökonomische Logik aufs Dating: Die App funktioniert nach Prinzipien von Angebot und Nachfrage, romantischem Marktwert, einer Form des Massenkonsums – und auch auf Oberflächlichkeit. Außerdem zeigt der Erfolg von Tinder, dass wir sexuell offener werden: Denn Tinder ist definitiv ein Kind einer relativ neuen Abschlepp-Mentalität, die durch die moderne Trennung von Sex und Emotionen möglich wird und nun im Vergleich zu früher ziemlich schamlos ausgelebt wird. Das deuten die einen als freiheitsstiftendes Empowerment, die anderen als Untergang unserer Generation.

 

Kurz gesagt: Tinder bietet einen Mittelweg, der sehr gut zu unserer Zeit passt. Es bejaht die Möglichkeiten und das Überangebot des Internets, verneint aber das hohe Maß an Planungswillen in Bezug auf den eigenen (romantischen) Lebensweg. Tinder macht Spaß, es streichelt das Ego, und es verpflichtet uns zu nichts – und trotzdem lässt es die Option offen, dass die Liebe unseres Lebens vielleicht hinter dem nächsten Swipe lauert.

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