Modern Romance: The future is unwritten

4. September 2018 von in ,

Bild: John Yuyi / Tom Galle

All you need is love, love is a battlefield, love will tear us apart – I wanna know what love is! Kaum ein Thema ist gleichzeitig so allgegenwärtig und so mit Mythen und Missverständnissen verwoben wie die Liebe. Grund genug, sich diesem irrationalsten aller Themen einmal auf analytischer Ebene zu nähern. Denn so mächtig und schön sie auch ist: Auch die Liebe ist nicht frei von kulturellem Wandel. Was die Liebe einmal war, wie sie wurde, was sie heute ist, und was sie in Zukunft werden könnte: Diese Fragen werden in dieser Reihe geklärt – zumindest im Ansatz. Denn ein bisschen mystisch muss die Liebe trotzdem bleiben dürfen.

Wir wurden in stürmische und verwirrende Zeiten hineingeboren. Das gilt beinahe für jeden Bereich unserer westlichen Gesellschaft: Kaum eine Regel des menschlichen Zusammenlebens, die wir als Kinder beigebracht bekommen haben, scheint noch Bestand zu haben. Arbeitswelt, Lebensentwürfe, Freundschaften, Ausbildung, Wohnen – und auch die Liebe: All diese Bereiche sind durch Globalisierung und Digitalisierung – und zusätzlich beschleunigt durch das Internet – einem extrem rasanten Wandel unterzogen.

 

Unbegrenzte Möglichkeiten

 

Bis vor Kurzem befand sich die Menschheit noch in einer Welt, die an Patentlösungen glaubte und davon ausging, dass sich die Menschen durch Wissenschaft und Technik emanzipieren können. Sie war ein einzelnes, in sich geschlossenes System, das nach ein paar wenigen Regeln funktionierte: Im Westen vor allem nach dem Prinzip des Wachstums. Doch nicht nur die Verheißungen des Kapitalismus, auch die des Kommunismus erwiesen sich kurze Zeit, bevor unsere Generation um den Mauerfall herum das Licht der Welt erblickte, als Utopien. Und dann wurde die Welt sehr komplex: Denn es ist jetzt nicht mehr länger möglich, sie als Einheit zu verstehen. Sie zersplittert sich in viele kleine Subsysteme, die ihren eigenen Gesetzen folgen. Nationalstaaten wirken längst nicht mehr autonom und auch unsere Identität baut nicht mehr länger auf Klasse, Geschlecht oder Herkunft – sondern individualisiert sich zunehmend. Der moderne Mensch sieht sich mit einer Vielzahl an Lebensmodellen und Denkweisen konfrontiert. Und er muss mit dem Privileg und der Belastung umgehen, dass er nun aus einer unendlichen Anzahl von Möglichkeiten wählen muss. Nebenbei rauschen die Entwicklungen ungebremst weiter: Klimawandel, Geschlechterrevolution, Krise der Erwerbsgesellschaft, politischer Rechtsruck, sterbende Weltmeere, Drohnen und Staubsaugerroboter – und das stets komplexer werdende Internet, das wie ein Katalysator für all diese Entwicklungen fungiert.

 

 

Das hat auch Folgen für die romantische Liebe. Denn keine andere Art und Weise, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, hat jemals so schnell und so stark an Bedeutung gewonnen wie das Kennenlernen über das Internet. Angefangen mit match.com im Jahr 1995 hat das Phänomen Online-Dating in nur knapp 20 Jahren einen rasanten Wandel durchzogen. Als Ort des Kennenlernens ist es heute relevanter als der Arbeitsplatz, die Schule und der Freundeskreis zusammen. LGBTQ*-Paare kennen sich sogar mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% aus dem Internet. Die Generation unserer Nachkommen wird ziemlich wahrscheinlich die der Tinder-Kinder. „Mama, Papa, kennt ihr euch eigentlich auch vom Swipen?“. Das Eindringen des Internets in die Partnersuche markiert den Beginn einer neuen Ära: Die des Online-Datings.

Partnersuche wird Konsum
 

Und das ist kein Wunder, denn Online-Dating passt perfekt in unsere neue, beschleunigte und rationalisierte Welt: Es vergrößert den Pool der potentiellen Partner und Partnerinnen ins Unendliche und steigert die Wahlfreiheit auf ein nie da gewesenes Level. Es ermöglicht ein ganz neues Maß der Entkoppelung von Sex und Liebe, denn es ermöglicht die Suche nach jeder Art von Beziehung. Es betont das moderne Empfinden von Individualität, fördert und verlangt ein gewisses Maß an „Selbstdesign“. Die populären Dating-Plattformen setzen auf eine Übersetzung von Marktlogik auf die Partnersuche: Sie wird zu einer Form des Konsums.

Und hier liegt auch der Ursprung der ablehnenden Haltung, die viele Menschen gegenüber Online-Dating haben, seit es vor rund 20 Jahren entstanden ist: Die rationale Herangehensweise an die Partnersuche durch das Internet kollidiert mit der immer noch vorhandenen, alten Vorstellung von Liebe als einem mystischen, unerklärlichen und schicksalhaften Ereignis. Das Kennenlernen über Dating-Plattformen wird daher immer noch oft als unromantisch und unauthentisch wahrgenommen – weil an einer Romcom-Version von Liebe festgehalten wird, die nicht nur längst überholt, sondern vielleicht nie existent gewesen ist. Diesen Widerspruch im modernen Liebesverständnis gibt es nach wie vor: Rationales Denken, Berechnung und Effizienz sollen mit der Mystik, dem Schicksal und der Einzigartigkeit des Ideals der romantischen Begegnung in Einklang gebracht werden – die Folge ist ein hohes Maß an Enttäuschung, weil die Schere zwischen Erwartung und Erfahrung weit auseinandergeht.

 

 

Alle Regeln der romantischen Begegnung, die noch in den frühen Neunzigern galten, stehen heute auf dem Prüfstand oder gelten als überholt. Wer allerdings deswegen den „guten, alten Zeiten“ hinterher trauert, in denen es noch Patentlösungen und Blaupausen gab, der betreibt eine Form von romantischem Fundamentalismus. Denn man darf nicht vergessen: So kompliziert und mühsam es ist, sich auf unsere komplexe, neue Welt einen Reim zu machen – sie birgt auch unglaubliche Chancen. Denn das Internet muss uns nicht einsamer machen – es kann uns auch zusammenbringen. Wir befinden uns in einer einzigartigen Position: Die romantische Liebe ist heute mit einem Bausatz vergleichbar, der seine Einzelteile verstreut ist und darauf wartet, neu angeordnet zu werden. Sie muss nun endlich als das verstanden werden, was sie eigentlich schon immer war: Ein Spektrum. Wenn wir Glück haben, kommt dieses Verständnis in den nächsten Dekaden im kollektiven Denken an – und spannend wird es spätestens, wenn die Generation nach uns an der Reihe ist. Denn für die ist das Internet seit ihrer Geburt eine zweite Natur.

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