Frauen wird beigebracht, dass Mutterschaft ihr Schicksal sei: Im Gespräch mit Sheila Heti

26. März 2019 von in

In „Mutterschaft“ schreibt Sheila Heti über das Für und Wider des Mutterseins. Die kanadische Autorin trifft damit einen Nerv – wir haben mit ihr über die Aktualität ihres neuen Romans gesprochen. Dieser Artikel erschien zuerst auf Vogue – von Lola Fröbe.
Foto: @kerstinskopf

„Mein Gefühl, dass ich kein Kind will, ist das Gefühl, nicht zu jemandes Vorstellung von mir werden zu wollen.“ Dieser Satz – eine im Grunde in Stein gemeißelte Überzeugung – fällt bereits auf den ersten Seiten von Sheila Hetis neuem Roman Mutterschaft. Trotzdem wird ihre Protagonistin auf weiteren knapp 300 Seiten hin- und hergerissen sein: Sich fragen, ob ihr Nein zum Muttersein in Ordnung ist, und warum sie es so schwer akzeptieren kann. Ihr Abwägen ist symptomatisch für eine Zeit, in der Frauen die Früchte des Feminismus als selbstverständlich wahrnehmen können, die für das uralte Idealbild der hingebungsvollen Mutter allerdings keine Alternative bietet.

Eine Frau, die keine Kinder haben will

Gegen diese Leerstelle schreibt die kanadische Autorin in „Mutterschaft“ an. Über sieben Jahre hinweg arbeitete Sheila Heti an dem Buch, das vergangenes Jahr im englischsprachigen Raum erschien, besprochen und kritisiert wurde und jetzt auf Deutsch beim Rowohlt Verlag erhältlich ist. Seit „Wie sollten wir sein?“ und „Frauen und Kleider“ gehört die Schriftstellerin zu den spannendsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur. Die Grundlage ihres autofiktionalen Romans bildet nun eine weibliche Figur, die in der Literaturgeschichte bisweilen ungehört blieb: eine Frau, die keine Kinder haben will. Parallelen zwischen ihrer Erzählerin und Heti selbst finden sich tatsächlich viele. Beide sind an der Schwelle ihrer Vierziger, leben in Toronto als Schriftstellerin mit ihrem Freund zusammen, teilen sich eine jüdisch-ungarische Familiengeschichte mit Holocausterfahrung und bleiben am Ende kinderlos. Um sich Gewissheit zu verschaffen, befragt ihre Figur ältere und jüngere Frauen, Frauen mit und ohne Kinder, Philosophie und Geschichte, chinesische Münzen, Tarotkarten und eigene Träume. Nichts darf unberücksichtigt bleiben, alles wird auf einen doppelten Boden getestet, um der ganz persönlichen Wahrheit nur irgendwie näher zu kommen.

Diese Leidenschaft für das Wesen der Dinge ist es auch, warum das Buch nicht nur für Unschlüssige, Nicht-Mütter und Mütter interessant ist, sondern ein Panorama der weiblichen Gefühls- und Gedankenwelt abbildet. „Mutterschaft“ ist ein Roman über die Erforschung der eigenen Seele, über Identität und wie man ein erfülltes Leben führen kann.

Es gibt viele andere Arten, etwas beizutragen in dieser Welt und eine glückliche Person zu sein, als nur Kinder zu bekommen.

Frau Heti, Frauen scheinen immer noch verunsichert zu sein, wenn es um die Entscheidung für oder gegen das Muttersein geht. Warum ist das so?

Nun, wenn die Bedingungen für Frauen in einem Belang besser werden, werden sie in einem anderen schlechter. Während sich eine Frau also tatsächlich freier als je zuvor gegen Kinder entscheiden kann, gibt es nun zum Beispiel das Phänomen idealisierter Mutterschaft auf Instagram. Das wirkt der Freiheit, ein anderes Leben zu wählen, entgegen – denn dieses Leben als Mutter wird ausdrücklich als das schönste, normalste und erstrebenswerteste präsentiert, das jedem zur Verfügung steht.

Kam daher auch der Impuls für Ihr Buch?

Der Impuls hatte viele Wurzeln, darunter Gespräche mit Freunden und mein eigenes Empfinden, mich in einer Lebensphase zu befinden, über die noch nicht geschrieben wurde. In dieser Phase fühlte ich mich verpflichtet, auf wirklich hingebungsvolle Weise darüber nachzudenken, ob ich eine Mutter sein möchte oder nicht. In meinen Zwanzigern hatte ich diese Verpflichtung nie gespürt. Ich weiß nicht, ob mich mein eigener Körper dazu zwang, über Mutterschaft nachzudenken, oder aber der Fakt, dass so viele Leute um mich herum Kinder hatten.

Trotzdem ist Ihr Buch formal und inhaltlich kein klassischer Roman über Mutterschaft.

Das Buch entstand aus Tagebucheinträgen, die ich über sieben Jahre hinweg verfasst habe, und aus fiktionalen Texten. Grundlage dafür waren zum einen Dinge, die ich Frauen und Männer habe sagen hören, und eine beachtliche Menge an Lektüre, die ich gelesen habe. Die interessantesten Gedanken habe ich zu einer Art inneren Monolog einer Frau verdichtet, die in diese und andere Fragen versunken ist. Ich habe über das Erwägen des Mutterseins und über das Tochtersein geschrieben. Mein Buch handelt davon, die Tochter einer Mutter zu sein, die viel Traurigkeit und Schmerz erfahren hat. Es handelt vom Einfluss eines monatlichen hormonellen Zyklus, vom Zusammenleben mit einem Mann und von der Erfahrung, all seine Freunde beim Mutterwerden zu beobachten.

Wie schmerzhaft war die Auseinandersetzung mit diesen Themen für Sie?

Wenn ich keine Schriftstellerin wäre oder mich nicht dazu entschieden hätte, dieses Buch zu schreiben, hätte ich alles dafür getan, nicht über die Frage der Mutterschaft nachzudenken. Es ist eine unvorstellbar schmerzvolle Angelegenheit, sich damit zu beschäftigen – es ist schmerzvoll, darüber nachzudenken, was wir unseren Müttern schuldig sind, was unsere Mütter erleiden mussten und was von uns als Frauen verlangt wird, zu sein und zu tun. Ich hätte alles dafür gegeben, mich mit weniger schmerzvollen Themen auseinanderzusetzen. Dieses Buch zu schreiben, war ein Weg, mich dazu zu zwingen.

Eine Frau kann eine Mutter sein, ohne das Muttersein als zentrale Aufgabe in ihrem Leben zu sehen.

Gibt es Unterschiede, wie Frauen und Männer über Elternschaft nachdenken?

Sicherlich. Die Gründe dafür sind biologisch, emotional und kulturell geprägt. Von einem Mann wird nicht im gleichen Maße erwartet, ein Vater zu sein, wie es von einer Frau erwartet wird, eine Mutter zu sein. Frauen wird beigebracht, dass Mutterschaft ihr Schicksal sei – ich glaube nicht, dass Männern Vaterschaft als ihr Schicksal nahegelegt wird. Von einer kinderlosen Frau wird erwartet, als Entschuldigung oder Ersatz etwas ebenso Eindrucksvolles wie ein Kind zu haben. Sie muss ständig eine Antwort auf die Frage parat haben, warum sie keine Kinder hat. Ein Mann hingegen wird nur selten danach gefragt.

Sie thematisieren im Roman vor allem den Druck auf kinderlose Frauen. Aber auch Mütter verzweifeln an klassischen Rollenbildern und Erwartungen. Was möchten Sie diesen Frauen mit auf den Weg geben?

Für mich steckt viel in dem Fakt, dass die Mutter der Erzählerin eine Mutter war, die das Muttersein nicht speziell als ihre primäre Lebensbestimmung verstanden hat. Für die Mutter ging es in ihrem Leben vorrangig um ihre Arbeit – und trotzdem wird sie von ihrer Tochter geliebt. Eine Frau kann eine Mutter sein, ohne das Muttersein als zentrale Aufgabe in ihrem Leben zu sehen, und sie kann trotzdem von ihrer Tochter geliebt werden.

Was würden Sie einer Frau raten, die vor all diesen Fragen steht?

Ich würde ihr raten, ihren Verstand zu benutzen. Sie sollte über diese Fragen wirklich nachdenken, anstatt sie zu ignorieren und das Leben einfach geschehen zu lassen. Ich würde ihr sagen, dass sie eine Verantwortung gegenüber sich selbst hat, gegenüber der Welt und gegenüber der Zukunft ihres Kindes – sofern sie sich für eines entscheidet. Es gibt viele andere Arten, etwas beizutragen in dieser Welt und eine glückliche Person zu sein, als nur Kinder zu bekommen. Sie sollte über sich selbst in erster Linie nicht als Frau, sondern als Individuum nachdenken und sich auf diese Weise ihre Gedanken machen. Gleichzeitig sollte sie sich nicht zu viele Sorgen über all das machen, denn jedes Leben ist gleich gut und bedeutungsvoll, jedes Leben hat seine Sorgen. Sie sollte sich an die besten Dinge in ihrem Leben binden und darauf ihr Leben aufbauen.

Sind Sie aus diesem Grund Schriftstellerin geworden?

Es ist alles, was ich mein ganzes Leben lang immer tun wollte. Seit meiner Kindheit wollte ich Schriftstellerin sein. Ich wollte niemals etwas anderes. Schreiben hat mir eine unvergleichliche Freude beschert. Außerdem liebe ich die Unmöglichkeit daran, es so zu tun, wie es sich jemand anderes von mir wünscht.

Bild von Sheila Heti: Angela Lewis 

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