Eine Welt ohne Geschlechter: Wer wäre ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte?

22. Februar 2021 von in

„Ich glaube, ich würde mich nichtbinär definieren, wenn ich in einer offeneren Generation aufgewachsen wäre. Aber mittlerweile habe ich mich so an mein Pronom gewöhnt, dass es schon okay so ist.“, so oder so ähnlich dachte meine Freundin M laut übers Frau-sein nach und über die Frage, wie viel Frau sie wirklich sei. Ich kann den Gedankengang gut nachvollziehen. Als Millenial bin ich extrem binär aufgewachsen. Obgleich mir meine Eltern das Mädchen-sein nicht aufgezwungen haben, so hat es doch mindestens die Gesellschaft. Und das ist schon okay, ich habe mich damit abgefunden. Ich identifiziere mich definitiv als Frau. Aber der Gedanke ließ mich nicht los. Was genau hält mich daran, gesellschaftlich „Frau“ zu sein? Was bedeutet Frau sein heutzutage überhaupt noch, in einer Zeit, in der die Geschlechtsteile immer seltener Indikatoren sind? 

Die Zahl der genderneutralen Personen steigt an

Denn bei der Gen Z, der Generation, an der ich relativ knapp vorbei geschrammt bin, sieht das schon anders aus. Eine Studie des Pew Research Centers wertete aus, dass rund 32% der Erwachsenen der Generation Z mindestens eine Person kennt, die genderneutrale Pronomen verwendet. Da die Studie von 2018 ist, können wir nur davon ausgehen, dass die Zahl mittlerweile stark angestiegen ist. Das binäre Gendersystem – also „Frau und Mann“ – bröckelt. Eine neue Generation wächst heran, die vermehrt alles in Frage stellt. Weit vorne angestellt sind Gender und Geschlecht, und der angeschobene Diskurs reicht mittlerweile weit in die breite Masse. 

So weit, dass Unisex-Vornamen bei Neugeborenen trenden, damit sich das Kind irgendwann nochmal um entscheiden könnte, falls es wollte – oder es sich mindestens nicht eingeschränkt fühlt in seiner Entwicklung. Sagt hallo zu Sasha, Mika, Noah, Luca, und so weiter. Auch die Mode ist dabei: Genderneutrale Brands wie Telfar oder Eckhaus Latta, die sich mit jeder Kollektion weiter in eine non binäre und noch inklusivere Richtung bewegen, gehören zu den gefragtesten Modemarken überhaupt. Auch die Beauty-Firmen machen mit, und verstehen, dass Hautpflege nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Sie kreieren (endlich!) vermehrt Produkte für alle Geschlechter, ohne eine Unterscheidung im Packaging zu machen. Die Zeiten, in denen „echte Männer“ nur schwarz gefärbte Tagescremes mit mattem Finish und Duftnuance „Strong and Powerful“ verwenden, sind hoffentlich bald gezählt. 

Utopie? So könnte eine nichtbinäre Welt aussehen.

Jetzt stellen wir uns mal kurz vor, wie eine nichtbinäre Welt aussehen könnte. So abwegig ist der Gedanke nämlich gar nicht mehr. Was wäre, wenn unsere Geschlechter nicht an Geschlechtsteilen festgemacht würden? Wenn wir alle als Babys erstmal nonbinär auf die Welt kommen und keiner Prägung unterzogen werden würden. Also ohne rosa und blauen Geburtskarten, ohne Glitzerfeen für Mädchen und Superhelden für Jungs, ohne Unterscheidungen beim Fußball für Kinder im Kindergarten. Wie krass wäre es, wenn Kinder in der Grundschule machen könnten, was sie wollten, ohne dafür gehänselt zu werden? Die einen tragen rosa, die anderen grün, die nächsten rot und es ist ganz egal, weil ein Gender haben sie eh (noch) nicht. 

Für die, die an den Geschlechtern und Begrifflichkeiten hängen, spinnen wir den Gedanken einfach weiter: In unserer imaginären Welt könnten die kleinen Menschen vielleicht zum ersten Personalausweis selbst entscheiden, welchem Geschlecht oder Nicht-Geschlecht sie sich zuschreiben. So wie damals, als manche im Laufe ihrer Schulzeit ihren akademischen Zweig selbst wählen durften. Weil ihnen Deutsch einfach besser lag als Mathe. So eine eigene Entscheidung kann vieles erleichtern. Hand hoch an alle, die Mathe als Hauptfach abwählen konnten und danach die beste Zeit ihres Lebens hatten. Wie erleichternd wäre es, wenn wir nicht mehr mit unserem zugeschriebenen Geschlecht strugglen müssten. Weil wir das Gefühl haben, die gesellschaftlichen Erwartungen als Frau oder Mann nicht richtig erfüllen zu können. Man muss nicht trans*, inter oder nonbinär sein, um Probleme mit dem zugeschriebenen Geschlecht zu haben. Ein Stichwort von vielen wäre da „toxische Männlichkeit“. Wer kennt’s? 

Wer wäre ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte?

Natürlich ist das ein provokanter Gedanke, der die Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellt. Doch die Idee könnte mindestens einmal in unseren Köpfen durchgespielt werden. In meinem tut sie es und die dicke, fette Frage steht im Raum: Wäre ich anders, wenn ich die Wahl gehabt hätte? Meine Antwort lautet: Ja, aber natürlich. Und mit mir wahrscheinlich alle anderen auch. Der Topf würde völlig neu durchgemischt. Und wer weiß, vielleicht wäre ich trotzdem eine Frau. Aber eine selbstgewählte. Das ist schon ein Unterschied und erleichtert die Entwicklung vor allem für die, die sich nicht mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren.

Eine Welt ohne zugeschriebener Geschlechter, das ist wahrscheinlich eine Utopie, die (noch) nicht zur Realität wird. Aber immer mehr Menschen machen sich diese Gedanken. Sie fragen sich, in wie weit sie die gesellschaftlichen Erwartungen an sie und die Erfüllung ihres Geschlecht beeinflusst. Und vielleicht reicht das auch schon. Sich selbst zu hinterfragen, immer und immer wieder. Damit man irgendwann die Person sein kann, die man wirklich sein will. 

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2 Antworten zu “Eine Welt ohne Geschlechter: Wer wäre ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte?”

  1. Ich werfe mal folgenden Gedanken in den Raum: In einer Welt in der ein Kind unabhängig vom Geschlecht Kleidung, Haarlänge, Spielzeug und Hobbys etc. frei wählen kann, ohne dass es gesellschaftlich aneckt – in der bräuchte keine Diskussion über Gender.
    Leider sind wir auch 2021 noch nicht so weit. Um es mal überspitzt darzustellen: Marie lernt von Klein auf dass Aussehen wichtig ist, Mathe kann sie als Mädchen eh nicht. Jan merkt schnell, dass er als Junge tough sein muss, rosa und Glitzer und Gefühle ist nicht angebracht. Klar, dass in diese Schublade kaum jemand passt und es wird Zeit dass wir genau das aufbrechen!
    Ich sehe die Gender-Diskussion optimistisch als einen kleinen Schritt in diese Richtung.

  2. Ich sehe es auch so, mein Sohn lernt schneller auch ohne mein zutun, was ein Mann sein soll. Ich sehe auch unter jüngeren Kollegen, dass sie sich reflexartig in ihren Aussprachen schnell in die Gruppe integrieren wollen – bloß kein Ansehensverlust. Erst ab 45 wird man frei und unabhängiger als Mann und kann vieles probieren, z.B. in der Mode.

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