Über die Orgasm-Gap und die Frage: Wie kommen mehr Frauen zum Orgasmus?

27. April 2021 von in

Disclaimer: Wenn wir von Frauen und Männern in hetero Beziehungen sprechen, meinen wir Menschen mit Vagina und Vulva sowie Menschen mit Penis. Uns ist bewusst, dass es non binäre Personen gibt, inter und trans Personen. Um möglichst alle Personen einzuschließen, verwenden wir in diesem Artikel unterschiedliche Termina. 

Ich falle einfach mal mit der Tür ins Haus: Wir müssen mehr über Orgasmen sprechen. Denn ich habe das Gefühl, je älter wir werden, umso weniger sprechen wir darüber. Wir, das bin ich und mein gesamtes Umfeld. Früher war Sex etwas Neues und Aufregendes, heute haben ihn die Leute (oder auch nicht), aber viel darüber gesprochen wird nicht mehr. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass viele, die nicht darüber sprechen, Sex haben, der sie nicht voll und ganz befriedigt. Denn allgemein ist es gar nicht so einfach, Sex zu haben, der einen voll und ganz befriedigt. Und das ist ganz schön schade, denn Sex kann so schön sein – aber wem erzähle ich das. Das wisst ihr natürlich eh. Was ihr vielleicht nicht wisst, ist dass laut der Orgasm-Gap cis Frauen in hetero Beziehungen durchschnittlich nur in 65% der Fälle in einer Studie angegeben haben, beim Sex zum Orgasmus zu kommen. Bei cis Männern in hetero Beziehungen liegt der Durchschnitt bei 95%. Das übrigens war eine Statistik aus den USA. Ich habe noch ein paar Zahlen aus Deutschland für euch: Laut einer Studie von 2017 gaben 61% der cis Männer in Deutschland an, fast immer beim Sex zum Orgasmus zu kommen. Nur 27% der cis Frauen gaben verglichen dazu an, fast immer beim Geschlechtsverkehr einen Orgasmus zu erleben.

Ich sehe das als Anlass, ein Interview mit Dania Schiftan zu führen. Dania ist Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin sowie Autorin des Buchs „Coming Soon – Orgasmus ist Übungssache„, das sich um den weiblichen Orgasmus und Sex dreht. Außerdem arbeitete sie an den zwei Büchern „Keep it Coming“, die Nachfolge von ihrem Erstling, und „Lets talk about Sex“, einem Graphic Novel rund ums Thema Sexualität. Sie ist die perfekte Gesprächspartnerin für all die Fragen, die in mir schlummern. Denn ich finde, wir müssen die Orgasm-Gap ganz dringend schließen. Zumindest ein bisschen.

Die Orgasm-Gap einer Studie besagt, dass Frauen durchschnittlich seltener in hetero Beziehungen zum Orgasmus kommen. Nur 65% der Frauen geben an, Orgasmen beim hetero Sex zu haben. Woran liegt das? 

Ja. Es ist tatsächlich so, dass Frauen beim Geschlechtsverkehrt schwieriger zum Orgasmus kommen als Männer. Zumindest, wenn man nur die Vagina ansieht. Wenn sich Frauen sich jedoch zusätzlich selbst stimulieren, Toys hinzu nehmen oder Oral oder mit Hand befriedigt werden, wäre der Unterschied nicht mehr so groß.

Also ist es als Person mit Vagina und Vulva eigentlich nicht schwieriger einen Orgasmus zu bekommen als als Person mit Penis? 

Nein. Wenn Frauen sich intensiver mit ihrem Geschlecht beschäftigen, nicht. In meinem Buch Coming Soon geht es genau darum. Es soll Menschen mit Vulva und Vagina Hilfestellungen geben, wie sie mehr beim Sex und auch bei der Selbstbefriedigung fühlen und erleben. Die Hauptursache liegt darin, dass frau bei der Selbstbefriedigung kaum in die Vagina reingeht und diese kaum mit einbezieht. Sie übt wenig an sich selbst und vor allem in sich selbst, also in der Vagina. Sie fokussiert sich häufig hauptsächlich auf Vulva und Klitoris. Deshalb spürt sie logischerweise häufig beim penetrativen Sex nicht so viel.

Oft wird empfohlen, über Vorlieben mit dem Partner zu reden. Was, wenn man davor große Hemmung hat? Was gibt es noch für Optionen?

Das ist eine große Frage, die sich viele Menschen in einer Partnerschaft stellen. Wie viel soll man über Sex und Vorlieben sprechen und soll man es überhaupt? Hemmungen und Scham spielen gerade beim Reden über Sex eine große Rolle. Es ist schon so, dass es für viele schwer ist, sexuelle Vorlieben zu benennen und tatsächlich auszusprechen. Weil sie sich Sorgen machen, dass das Gegenüber einen ablehnt, doof findet oder im schlimmsten Fall dadurch weniger lieber könnte. Oder als pervers eingeschätzt zu werden. Darum ist es häufig so, dass man lieber auf Nummer sicher geht und die Wünsche und Vorstellungen verschweigt. Das Problem ist nur: Wenn man bei allen Gedanken auf Nummer sicher geht, wird es höchstwahrscheinlich mit den Jahren in einer Partnerschaft auf sexueller Ebene langweilig und unbefriedigend. Wenn man sozusagen immer nur die gleichen drei Sachen man kann oder darf. Eine Möglichkeit ist, die eigenen Wünsche aufzuschreiben und sich selbst vor dem Spiegel beispielsweise vorzutragen, damit die eigene Hemmschwelle sinkt, darüber zu sprechen. Wenn diese danach sinkt, kann man den nächsten Schritt gehen und den Partner heranziehen. Also mit ihm über Sex sprechen. Schritt für Schritt.

Gibt es so etwas wie Orgasmus-Tipps für Frauen und wie sehen die aus? 

Also da muss ich schonmal enttäuschen, denn Orgasmus-Tipps für Frauen und jenen mit Vagina und Vulva gibt es nicht per se. Es geht damit los, sich regelmäßig selbst zu befriedigen. Und dabei nicht nur die Vulva und Klitoris mit einzubeziehen, sondern die gesamte Vagina. Sodass man mit der Zeit immer mehr in der Vagina spürt, denn tatsächlich kann man die Vagina trainieren. Gleichzeitig sollte man umgekehrt beim Geschlechtsverkehrt versuchen, immer häufiger die Vulva und Klitoris bei der Penetration mit einzubeziehen. Durch die Kombination kann man als Frau lernen, umfassend mehr zu spüren. Sodass man die eigene Erregung von Außen wie von Innen steigert. Viele Frauen sagen mir daraufhin: „Ach, das ist aber peinlich.“, oder: „Was ist, wenn er das blöd findet.“. Naja, da sage ich nur: Es braucht beim Sex auch sowas wie einen gesunden Egoismus. Bei dem geht es darum, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich selbst beim Sex Raum für Lust zu geben. Sich also das holt, was sich gut anfühlt.

Was rätst du Personen mit Vagina, die unentspannt beim Sex sind und deshalb Schwierigkeiten haben, zum Orgasmus zu kommen?

Ein Beispiel: Wenn ein Mann seine Partnerin an der Klitoris stimuliert, dann denkt sie vielleicht „Eigentlich wäre mehr links oder mehr rechts besser, so lieber nicht, und so weiter“. Wenn ein Mensch die Person mit Vulva und Klitoris stimuliert, die nicht man selbst ist, ist man das so vielleicht nicht gewohnt. Nun kann die Person sich denken: Eigentlich wäre mehr links oder mehr rechts besser, so lieber nicht, und so weiter. Sie ist also unter Druck, dass die andere Person es gerade falsch macht. Oder man leitet die andere Person an und sagen, wo und wie man gerne stimuliert werden möchte. Denn je mehr man dann spürt und je vielfältiger man spürt, umso weniger abgelenkt mit den Gedanken wird man sein und sich mehr auf den Sex einlassen können. Sich mehr auf den Sex einzulassen heißt also, sich körperlich mehr darauf einzulassen, und gar nicht unbedingt mental. Je mehr die Frau spürt, umso spannender ist der Sex, umso weniger denkt sie an das drumherum. Wie eine Glocke, die sich über sie stülpt.

In wie fern können Fantasien Frauen abseits von mechanischen Techniken helfen, zum Orgasmus zu kommen? 

Fantasien sind für Frauen häufig sehr ergiebig. Viele Frauen genießen Fantasien. Jedoch gibt es manchmal die Schwierigkeit, dass es Frauen leichter fällt, die Fantasie alleine auszuleben, als gemeinsam mit dem Partner. Egal ob man sie sieht, liest oder selbst aufschreibt, es ist sinnvoll, Fantasien zuzulassen und sich selbst nicht für die eigenen Fantasien zu schämen. Es gibt keine „schlechten“ Fantasien. Sie haben auch nichts mit Treue oder Untreue zu tun. Deshalb sind es ja Fantasien, da sie im Kopf stattfinden und auch oft nur dort stattfinden sollen. Aber da liegt auch manchmal das Problem: Viele Frauen können die Fantasien beim Geschlechtsverkehr nicht halten.

In der Partnerschaft schläft das Sexleben ab einer gewissen Zeit gerne mal ein. Welche Tipps hast du, um das Sexleben gemeinsam zu reaktivieren? 

Schläft das Sexleben in der Partnerschaft ein? Ja und nein. Das Sexleben kann einschlafen, wenn man beispielsweise gewohnt daran ist, nur auf die Aufregung beim Sex zu achten. Irgendwann kennt man sich und die Aufregung ist nicht mehr auf die Art da, wie es mal war. Die Aufregung geht mit der Zeit vielleicht verloren, doch gleichzeitig machen Menschen in festen Partnerschaften oft den Fehler, sich beim Sex auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Das heißt, man wird immer vorsichtiger mit dem, was man probiert und verlässt sich auf das, was sich über die Zeit hinweg „bewährt“ hat. Man reduziert sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Außerdem wird man mit den Jahren in der Partnerschaft gerne mal etwas faul. Also die Dinge, bei denen man sich vielleicht anfangs noch bemüht hat, bleiben auf der Strecke. Je fauler man wird, umso weniger Spaß macht der Sex. Das heißt: Dort braucht es auch wieder eine Investition in die Sache. Einen Schups und die Vornahme: „Ich gebe mir hier jetzt Mühe, tue so, als würde ich den Körper noch nicht so gut kennen, nehme mir Zeit für den Sex und gebe mich rein.“

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