Readers Note: Von Frauen, die Dosenbier trinken

8. November 2016 von in ,

Xatar & Haftbefehl via IG @haftbefehl85

Geschrieben von Johanna Warda // IG // Scheidé Revoltée

Ich hab in meinem Leben eine Menge Cis-Typen (ja, ich benutze diesen Begriff, er sollte inzwischen in eurem Wortschatz angekommen sein, get over it) kennengelernt, die nicht darauf klar kamen, wenn ich mich „Mädchen-untypisch“ verhalten habe. Das habe ich sehr oft zu meinem Vorteil genutzt. Im Kindergarten fing es langsam an. Da habe ich meinen Kindergartenfreunden und -freundinnen einfach so erzählt, dass ich in ein Mädchen verliebt bin, weil ich gehofft habe, dass man mich dann mit diesem leidigen „In wen bist du verlieeebt?“ in Ruhe lässt (ich war fünf Jahre alt, verdammte Hacke, ich war in niemanden „verliebt“). Es hat funktioniert. Schon im Alter von fünf Jahren waren alle so geschockt von dieser Aussage, dass ich für den Rest meiner Kindergartenzeit meinen Frieden hatte. Ich glaube, das war der Moment, in dem ich meine eigene, supereffektive Methode entdeckt habe, Mädchenklischees an mir abprallen zu lassen.

In der Grundschule wurde ich dann aufgrund meiner Vorliebe für „Bad and Mad“-Pullover und meiner Aaron-Carter-Gedächntisfrisur regelmäßig für einen Jungen gehalten, was mich aber kaum gestört hat, weil es mir das Leben kein bisschen schwerer machte. Ich habe damit gespielt: Ich mochte den Schockmoment, wenn den Leuten klar wurde, dass ich eigentlich ein Mädchen bin. Als ich dann in die Pubertät kam, entschloss ich, Punk zu werden, habe mir die Haare lila gefärbt und habe jeden Monat einen ganzen Kajalstift verbraucht. Mit 16 fand ich eine Clique, die vor allem aus männlichen Metallern bestand.

Metal ist eine Subkultur, die immer noch von einer starken Männerdominanz geprägt ist, in der Männlichkeit als wichtigsten Qualifikationsmerkmal zum Dazugehören gesehen wird. Ein Metaller muss saufen, pöbeln, rülpsen, headbangen, dicke Eier haben und in der Wall of Death in der ersten Reihe stehen. Frauen kommen in diesem Kosmos selten als aktive Subjekte vor – eher als Projektionsfläche für Männlichkeit und männliche Phantasien. Testosteron ist gefragt – wie kommt man da als Frau auf Augenhöhe? Eigentlich ist es ganz einfach: Man adaptiert dieses „männliche“ Verhalten einfach komplett und macht zusätzlich andere, „typische“ Frauen runter – man wird einer von ihnen. Meine damaligen Freunde (die teilweise auch meine heutigen Freunde sind) trifft keine Schuld. Sie waren 16 Jahre alt und haben einfach noch nicht all das an Misogynie verlernt, was verlernt werden sollte.

Trotzdem: Man kann noch so sehr nach Punkrock aussehen – wenn man als Frau in eine Teeniegruppe aus Sepulturafans aufgenommen werden möchte, muss man sich erst beweisen. Man muss beweisen, dass man „nicht diese Sorte Mädchen ist“. Erst dann wurde verstanden, dass ich mehr bin als mein Geschlecht, dass ich ein Mensch mit Facetten bin und dass man nicht allein durch das, was man von mir sieht, auf alle Regungen meiner Seele schließen kann. Wie ein Wachrütteln: Woah, dieses Mädchen macht nicht nur Mädchensachen! Erst dann hörten die dummen Kommentare irgendwann auf (angefangen mit „WAS? Du bist ein Mädchen und trinkst BIER?“ bis hin zu „Was, wenn dir im Moshpit ein Nagel abbricht?“ – hätte ich für jeden dieser Sprüche einen Euro bekommen, ihr wisst schon). Irgendwann hatte ich den Dreh raus und wusste, wie ich die richtigen Knöpfe drücke: Eine Dose 5,0 exen, sich im Moshpit prügeln, Frauenarzt auswendig rappen und „Tussis“ runtermachen – all das ist sehr effektiv, wenn es darum geht, sich bei Cis-Teenieguys Respekt zu verschaffen.

Das eigentlich Problematische an dieser Logik: Dass ich tatsächlich dachte, dass mich diese „nicht mädchentypischen“ Vorlieben und Eigenschaften zu etwas Besserem machen, dass ich dadurch ein spannenderer, facettenreicherer Mensch bin als all diese Girls, die sich mit dem Girl-Sein „zufriedengeben“. Was für ein Bullshit. Vor allem für diesen Punkt schäme ich mich heute sehr. Das Runtermachen anderer Frauen dafür zu nutzen, sich Respekt von irgendwelchen Typen zu erarbeiten, ist endlos uncool und maximal unsolidarisch. Aber es war effektiv, traurigerweise.

All das habe ich erst Jahre später verstanden. Es ist ein unbewusster Mechanismus, der mich und meinen Charakter extrem geprägt hat. Dieser einfache Trick – sich männlich konnotiertes Verhalten anzueignen, um von Typen nicht mehr nur als Frau, sondern als Mensch wahrgenommen zu werden – hat mich verändert. Diese Ramboversion von mir ist nun ein fester Teil meines Charakters. Nur aufgrund dieses Verhaltens habe ich überhaupt erst angefangen, einige (oftmals „nerdige“) Dinge abzufeiern, die irgendwann ganz natürlich zu meinen Interessen gehörten: Rap, Trashfilme, Comics, Videogames, Memes, etc. Und ich liebe diese Facetten an mir, aber ich werde nie erfahren, was für ein Mensch ich geworden wäre, hätte ich mich nicht im Zugzwang gesehen, diese Maske aufzuziehen, die jetzt so natürlich mit mir verwachsen ist. Was ich für ein Mensch geworden wäre, in einer Welt, in der es nicht nötig ist, dass man beweisen muss, dass man mehr ist als sein Geschlecht, indem man sich von allem, was dem Klischee entspricht, möglichst deutlich distanziert. In einer Welt, in der nicht von meinem Geschlecht auf meinen Charakter geschlossen wird.

Und heute? Selbst in den scheinbar reflektiertesten Kreisen zieht dieser Mechanismus noch. Es ist und bleibt die schnellste Methode, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um sich interessant zu machen und zu zeigen, dass man „was Besonderes“ ist – es funktioniert sogar als Abschleppmethode! Mein momentaner Favorit: Haftbefehl rappen (am Besten was von den früheren Alben). Die Typen (egal wie politisch, egal wie aufgeklärt) kriegen oftmals ihren Mund nicht mehr zu, als wäre eine rappende Frau das Exotischste, was sie je gesehen haben. Guck sie an – sie hat Eier! Gut für mich – aber traurig für die Menschheit. Es ist ja nicht so, als gäbe es so wenige Frauen, die so etwas machen. Es gibt allgemein keine „Sorte Frau“. Es gibt Menschen, und es gibt Geschlechterrollen, und jeder geht anders mit der Rolle um, die ihm auferlegt wird, ohne dass er oder sie dem jemals zugestimmt hätte.

Manche fühlen sich wohl, andere nicht: Und es gibt eine Menge Frauen, die sich unwohl fühlen und sich (bewusst oder unbewusst) männlich konnotiertes Verhalten aneignen, um diese Erwartungen möglichst radikal und effizient aufzulösen – aber manches Klischee sitzt einfach so, so tief, dass jede Entkräftung dessen auf’s Neue Erstaunen hervorruft, und das ist der Grund, wieso selbst den reflektiertesten Boys jedes Mal aufs Neue die Kinnlade runterklappt, wenn ich von meiner Passion für Gangsterrap und Marvel-Comics erzähle. Inzwischen mache ich das manchmal als eine Art spaßiges Sozialexperiment: Wenn ich jetzt rülpse und diese Bierdose zerdrücke – werden die Antifaboys applaudieren? Ich wünschte mir, es wäre nicht so. Ich wünschte, es wäre mit einem einfachen „good for you“ getan. Nur andere Frauen mache ich nicht mehr runter – nie mehr – und wenn auch nur ein Mensch das Wort „Schlampe“ in meiner Gegenwart in den Mund nimmt, dann gibt’s Heckmeck (um es mit Haftbefehl zu sagen).

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8 Antworten zu “Readers Note: Von Frauen, die Dosenbier trinken”

  1. „Und ich liebe diese Facetten an mir, aber ich werde nie erfahren, was für ein Mensch ich geworden wäre, hätte ich mich nicht im Zugzwang gesehen, diese Maske aufzuziehen, die jetzt so natürlich mit mir verwachsen ist. Was ich für ein Mensch geworden wäre, in einer Welt, in der es nicht nötig ist, dass man beweisen muss, dass man mehr ist als sein Geschlecht, indem man sich von allem, was dem Klischee entspricht, möglichst deutlich distanziert.“

    hell. yes.

    Danke für diesen Beitrag.

  2. Ich habe auch schon einen Beitrag zu dem Thema angefangen. Ich habe auch das mit Bier, das Mitrappen alter Frauenarzt-Texte, dieses „ich bin keine typische Frau“-Gerede mitgemacht. Und ich war irgendwann auch erschrocken, dass es funktioniert.

  3. „Und ich liebe diese Facetten an mir, aber ich werde nie erfahren, was für ein Mensch ich geworden wäre, hätte ich mich nicht im Zugzwang gesehen, diese Maske aufzuziehen, die jetzt so natürlich mit mir verwachsen ist. Was ich für ein Mensch geworden wäre, in einer Welt, in der es nicht nötig ist, dass man beweisen muss, dass man mehr ist als sein Geschlecht, indem man sich von allem, was dem Klischee entspricht, möglichst deutlich distanziert.“

    Jowa, du bist der Mensch, der du bist, und das ist auch gut so! Mach dich bitte nicht runter, weil du Dinge tust, sagst und verkörperst, die du dir eben über die Jahre angeeignet hast. Nicht alles davon ist falsch, nicht alles davon nur entstanden, weil du von der Männerwelt akzeptiert werden wolltest. Einiges davon vielleicht, wie beispielsweise andere Frauen runterzumachen – aber genau das hast du gesehen und geändert. Hör einfach auf das, was dein Bauch dir sagt. Und ich bin mir sicher, du fühlst dich nicht als Heuchler, wenn du einen Comic aufschlägst, sondern hast ehrlichen Spaß daran. Zerdrück weiter Bierdosen als Sozialexperiment, solange du dir bewusst darüber bist, WARUM du es tust ist doch alles in Ordnung.
    Und weißt du, im Prinzip sind wir alle ein Stück weit das, was unser Umfeld aus uns macht. Wichtig ist nur, es irgendwann auch mal in Frage zu stellen und herauszufinden, warum man soundso denkt, warum man dasunddas tut. So wie du. Und sich selbst in Frage zu stellen, zu sagen „hey, was ich damals getan habe war echt scheisse“, das können die Wenigsten. Du kannst das, und schon deshalb bist du ziemlich großartig.

    Und ganz ehrlich.. wenn du solche Charakterzüge, das Andersdenken, das Anderssein schon im Kindergarten entdeckt hast, dann, sorry, bist du halt einfach nicht zu retten :) Dann bist du genau so geworden, wie du sein sollst. Nämlcih 1 bereichenrung für viel menschen in dein lebem!

  4. Du schreibst mir aus der Seele :D Auch heute ist es einfach so, dass ich mit männlichen Gefährten weitaus besser klar komme, offener bin und mich eben wohl fühle. Ein Mädelsabend widerspricht gänzlich meiner Comfort Zone. Es ist nicht so, als hätte ich keine Freundinnen (ich habe sogar sehr gute), aber ich führe dennoch mehr Freundschaften zu männlichen Mitstreitern. Mich nerven sogar meine eigenen weiblichen Züge immer viel zu sehr, als dass ich länger als 24 Stunden mit Mädchen verbringen könnte (Klassenfahrten waren immer der Horror!). Dennoch schätze ich sowohl meine weiblichen (zum Glück mit wenig weiblichen Zügen :D), als auch meine männlichen (mit manchmal viel zu vielen weiblichen Zügen) Kumpellinnen und Kumpel und bin froh, sie meine Freunde nennen zu können.
    Bier trinke ich selber zwar nicht, aber ich liebe gutes Steak, viel Rum, und vorallem Oldschool Hiphop. :D von daher…finde ich viel Anklang und schnell neue Freunde (:

    Liebe Grüße,
    Jenny
    http://imaginary-lights.net

    • Sorry Jenny, aber da hast du die Aussage wohl nicht so komplett richtig verstanden. Du betonst in deinem Text mehrmals, dass weibliche Merkmale für dich negativ konnotiert sind. Warum? Was sind weibliche Züge für dich? Über Handtaschen reden und sich stundenlang die Nägel lackieren? Wenn du das so empfindest bist du Teil des Problems und vertrittst die Seite, die es unmöglich macht, jeden so sein zu lassen wie er möchte. „Zu“ weiblich kann es nicht geben, das ist nicht an dir das zu beurteilen. Es kann zu eitel, zu oberflächlich, zu lästerhaft (nur um mal ein paar bekannte böse Frauenklischees aufzuzählen) geben, aber das automatisch mit weiblichkeit zu verbinden ist sexistisch und wirft uns im Kampf um Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurück.

    • Ich muss mich da Lisa anschließen, da hast du etwas falsch verstanden. Ich plädiere ja vor allem dafür, dass wir dieses ganze binäre weiblich-männlich-Denken hinter uns lassen müssen, sodass man sich als Frau nicht mehr „kerlig“ verhalten muss, wenn man von Männern ernster genommen werden möchte und nicht nur als Klischee abgestempelt wird, nur weil man eben weiblich konnotierte Interessen und Verhaltensweisen hat. Du sprichst über Mädchen genauso klischeehaft wie viele Typen. Dass du viel Anklang findest, weil du Steak und Rum magst, ist Teil des Problems. Du solltest auch als Girlie-Girl genauso viel Anklang finden können.

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