Selbsttest: Konsumfreier Dezember

29. November 2016 von in ,

Wintersale, Midseason-Sale, Sommersale, Midseason-Sale, Black Friday, Cyber Monday, Weihnachten und Silvester. In diesem Rhythmus schummeln sich Shops und Labels seit Jahren durch die Saisons. Zum Einen, um die Wirtschaft anzukurbeln, zum Anderen, um ihren Stock loszuwerden. Und was zieht besser als das beliebte Prozent-Zeichen? Ich hoffe ja, dass die Konsumsucht genetisch ist. Wie soll ich mir sonst erklären, dass ich, seitdem ich denken kann, Kleidung liebe? Als gleichaltrige Kinder noch von ihren Eltern angezogen wurden, war ich schon längst damit beschäftigt, meinen Stil zu finden. Das erste Taschengeld ging nach Süßigkeiten und Dragonball-Karten direkt in den H&M Sale und selbst in meiner Phase als „Punk“ war es mir wichtig, die neuesten Chucks, Bandshirts, Nietengürtel und Aufnäher zu besitzen. Ich kam nicht los. Die logische Konsequenz war die Gründung eines Modeblogs, auf dem ich meine Liebe zur Ästhetik und zur Mode öffentlich zelebrieren konnte und aus einer Leidenschaft einen Job machte.

In den letzten Jahren manifestierte sich eine neue Bewegung. Diese Bewegung konsumiert bewusst, vegan, trägt Fair Fashion und lebt nachhaltig. Madeleine von Daria Daria ist wohl der Inbegriff dieser Bewegung, und sie hat einen großen Teil dazu in Österreich und Deutschland beigetragen. Auch ich wurde partiell von dem Trend mitgerissen, der hoffentlich vom Trend zur Lebensaufgabe mutieren wird. Ich kaufe deutlich weniger als früher, lasse mich seltener von Spontankäufen und Sales locken, reduziere meine Garderobe, mit dem Ziel, irgendwann mal eine übersichtliche Auswahl an Kleidung zu besitzen, die ich liebe, in der ich mich wohl fühle und die universell einsetzbar ist. Das funktioniert alles schon recht gut, allerdings kann ich mich noch so lange dafür loben, dass ich mich gebessert habe. Denn Fakt ist nach wie vor: Ich kaufe viel.

Ich schiebe meinen Konsum auf meinen Job. Schließlich präsentiere ich in der Öffentlichkeit meine Outfits – so gesehen gehört Shoppen zu meinem Job, richtig? Mein Stil sollte frisch, neu und aktuell sein, ich sollte und möchte mich stets neu erfinden und gelegentlich aktuelle Teile tragen. Alles in allem weiß ich innerlich, während ich mir den letzten Kauf irgendwelcher Sneaker gut rede, die ich wirklich gebraucht habe, dass ich mir das Ganze schön rede. Ich kann in der Mode arbeiten, ohne selbst zu shoppen. Es ist sicherlich schwieriger, aber es ist möglich. Ich möchte aber nicht. Ich bin konsumsüchtig, und ich bin damit sicherlich nicht alleine. Ein besonders harter Monat für das Konto und die innere Ruhe ist dementsprechend der Dezember. Kein anderer Monat im Jahr ist so auf Konsum ausgelegt wie dieser. Schließlich geht es in der Weihnachtszeit nicht nur darum, sein Weihnachts- und Silvesteroutfit zu komplettieren, Sale-Schnäppchen abzustauben und die Wohnung weihnachtlich zu dekorieren. Man kauft auch noch für den Freund oder die Freundin, die Familie, Kinder und manchmal auch für die beste Freundin ein. Das ist ganz schön viel Shoppen in einem Monat.

Ich mag die Weihnachtszeit, ich schenke gerne und ich werde auch gerne beschenkt. Und so schön das gelegentlich auch ist, für mich ist die Masse an Geschenken, die man überblicken muss, purer Stress. Es macht mir keinen Spaß. Ich fange normalerweise schon im November an, mir Listen zu schreiben für meine Liebsten, mit Ideen für Weihnachten. Ich möchte ihnen eine Freude machen und somit soll das Geschenk über eine Duftkerze hinausgehen. Das ist aber nicht nur teuer, sondern auch tierisch anstrengend und vor allem im Dezember nicht unbedingt eine eigene Entscheidung, sondern ein gesellschaftlicher Druck. Dann ist Weihnachten, die Geschenke werden ausgetauscht, man ist pleite und bekommt eine finanzielle Spritze von der Oma, die man zwei Tage später im Christmas-Sale wieder verpulvert – schließlich ist in einer Woche Silvester und das random-XY-Glitzerteil, das man mit Sicherheit nie wieder tragen wird, ist jetzt im Mango Sale 50% reduziert.

Die Lösung für eine entspannte Weihnachtszeit? Gar nichts kaufen. Nichts verschenken und nichts geschenkt bekommen. Ich werde diesen Dezember mein Geld ausschließlich für Essen und Trinken ausgeben. Die Betroffenen sind eingeweiht und es steht ihnen frei, ob sie mir trotzdem etwas schenken möchten, oder nicht. In diesem Monat werde ich außerdem meinen Kleiderschrank nochmal anständig reduzieren und einen gesparten Teil des Geldes werde ich im Januar spenden. Diese Entscheidung treffe ich ausschließlich für mich selbst, ich möchte keinen belehren oder verurteilen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und es gibt sicherlich Menschen, die Geschenke an Weihnachten lieben, die das Zusammensuchen der einzelnen Teile für die Liebsten lieben und das ganze Drum und Dran. Die vielleicht das Jahr über wenig kaufen und im Dezember reinhauen wollen. Das ist schön und das möchte ich keinem vermiesen. Vielleicht kann man diesen Beitrag als Anstoss für das eigene Konsumverhalten sehen, das über die Schenk-Kultur in der Weihnachtszeit hinausgeht. Wie viele Spontankäufe habe ich getätigt, wie oft wurde ich vom Sale verführt, wann hätte ich mir einen Kauf sparen können, wann hätte ich lieber in dem Store um die Ecke, statt auf Amazon oder Zalando Geld ausgegeben?

Ich wünsche euch eine großartige und besinnliche Weihnachtszeit und hoffe, ihr trefft bewusste Entscheidungen – über den Konsum hinaus.

Sharing is caring

13 Antworten zu “Selbsttest: Konsumfreier Dezember”

  1. Schöner Artikel, liebe Amelie, mit einem guten Denkanstoß. Ich werde zwar nicht auf die Geschenke für meine Liebsten verzichten, aber ich habe soeben beschlossen für mich selbst im Dezember nichts zu shoppen. Danke für die gute Idee :)

  2. Ich muss sagen, dass ich die Weihnachtszeit noch nie so schlimm empfunden habe wie dieses Jahr. Cyber Monday, Black Friday usw.haben mich so verfolgt und auf mich einbombadiert, dass ich wirklich immer wieder daran denken musste, ob ich nicht was kaufen muss, jetzt wo alles günstiger ist.
    Das erste Mal habe ich mich als richtiges Konsumopfer gesehen. Ich habe so viele Gedanken an das Kaufen verschwendet, nicht aus freiem Willen, sondern durch Medien dazu gedrängt.. ich merke, dass es jetzt mal wieder Zeit für mich wird von dem Ganzen zurückzutreten und mich auf das Eigentliche zu Besinnen. Am Besten wäre wahrscheinlich ein kompletter Verzicht auf Handy, Instagram usw.. denn eigentlich geht es an Weihnachten für mich um Familie, Zusammengehörigkeit, Liebe und Besinnlichkeit und nicht darum sich dem Materialismus vollkommen hinzugeben..

  3. Ich finde den Konsum einzuschränken ist schwierig, gerade im Dezember. Ich verschenke sehr gerne, noch lieber als das ich etwas geschenkt bekomme – und das möchte ich mir auch nicht nehmen lassen.

    Alles Liebe
    Ulla

  4. Großartiger Artikel und ein großartiges Vorhaben. Unsere Konsumwut ist alles andere als feierlich und bedarf in jedem Fall längst einer kritischen Betrachtung. Da ich mich schon länger mit dem Thema „Eigenes Konsumverhalten“ auseinander setze, konnte ich viele Sale-und-Rabatt-Teufelskreise bereits durchbrechen. Ich kaufe weniger und fair. Doch nun mit dem erhobenen Zeigefinger daher zu kommen, halte ich, wie du richtig sagst, nicht für den richtigen Weg. Jeder muss für sich selber Verantwortung übernehmen, auch für seine (Kauf)Entscheidungen. Was man jedoch machen kann, ist zum Nachdenken und Hinterfragen anregen. So wie dieser Post. DANKE!

  5. Liebe Amelie,
    vielen Dank für diesen Artikel. Ich persönlich finde es großartig, dass du im Rahmen deiner Möglichkeiten auf dieses Thema aufmerksam machst und dich dem, vor allem im Hinblick auf deine tägliche Arbeit, stellst. Das ist mutig und bedarf Größe!
    p r o p s an dich von Berlin nach München.

  6. Sehr schöner Artikel! Ich bin da ähnlich eingestellt wie du..ich überlege mittlerweile viel länger ob ich etwas wirklich möchte und brauche. Weihnachten geht an mir total vorbei..in der Familie wird auch nichts geschenkt..st mir Recht so :) Gespendet habe ich auch schon.. Ansonsten werde ich bestimmt im Januar im Sale zuschlagen..einfach weil ich es cleverer finde dann für den nächsten Winter einzukaufen wenn alles günstiger ist als es jetzt schon zu kaufen :)

  7. Liebe Amelie,

    Ein toller Artikel! Du bringst es auf den Punkt: mittlerweile ist es wirklich eine Konsum-Sucht, der wir uns hingeben.
    Ich selbst habe vor einigen Monaten angefangen mein Konsumverhalten zu hinterfragen und habe im Sommer das 5 Piece French Wardrobe Projekt angefangen. Seitdem habe ich für diesen Herbst/Winter einen Mantel, einen Pulli und einen Gürtel geshoppt – sonst nichts. Auch von den ganzen Sales rund um Black Friday und Cyber Monday habe ich mich ferngehalten.
    Es sind ja 5 Teile pro Saison „erlaubt“, aber seitdem ich darüber nachdenke, was ich wirklich brauche, fällt mir momentan gar nicht mehr ein. Ich habe realisiert, dass ich oft einfach nur Dinge gekauft habe, um etwas zu kaufen, und nicht, weil ich es wirklich brauche.
    Genauso wie du liebe ich Mode nach wie vor und versuche mir jetzt einen Kleiderschrank aufzubauen mit hochwertigen Teilen, die ich immer wieder tragen kann.
    Wenn ich das ganze jetzt noch auf Deko und Interior-Artikel ausdehnen kann, dann wäre es noch besser. Daran arbeite ich ;)

    Ich wünsche dir eine tolle Weihnachtszeit – und Hut ab vor deinem Vorhaben!

    Liebe Grüße,
    Julie

  8. Toller Beitrag! Wir haben vor mehr als einem Jahr angefangen umzudenken.
    Damals haben wir festgestellt: Wir halten mit unserem Blog ein Sprachrohr das auf Gehör trifft und haben damit auch Verantwortung.
    Wie könnten wir da die Umstände ignorieren, unter denen Zwirn, Kleidung, Kosmetik und Interior-Schnickschnack hergestellt werden über die wir berichten (mehr dazu hier https://www.nicetohavemag.de/together-forever/)
    Insbesondere im Bereich Mode und Beauty finden bei uns daher fast nur noch fair produzierende Marken und Unternehmen Platz. Das ist aber gar nicht immer einfach. Denn nicht alle Marken haben schon verstanden, dass es nicht ausreicht GOTS Baumwolle zu verwenden. Faire Mode muss genauso „fashionable“ sein und präsentiert werden. Dabei reichen ein bis zwei Kollektionen jährlich vollkommen aus. Um zu zeigen, dass faire Mode chic und modern und nicht nach Reformhausmuff aussehen muss, sammel ich außerdem auf Instagram (fairfashionOOTD) faire Streetstyles.
    Weiter so, liebe Amelie!

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.