So überstehen wir die Krise: Im Gespräch mit Therapeutin Lena Kuhlmann

19. März 2020 von in ,

Die Corona-Krise birgt Chancen. Die Digitalisierung ist unsere Freundin, und wir können ihre Vorteile endlich alle einmal so richtig ausnutzen. Unser Leben entschleunigt sich, wir leben langsamer und bewusster und vor allem im Miteinander. Das sind die Vorteile dieser verrückten Zeit. Dennoch: Die Krise kann auch anstrengend und fordernd sein. Für Menschen, die eh schon seelisch angeschlagen sind, für Menschen, die sich viel sorgen, und für Menschen, die es nicht gewohnt sind, so viel Zeit alleine zu Hause zu verbringen. Die neue Situation verunsichert uns alle. Während der eine à la Marie Kondo durch die Wohnung fegt und seine Energie in den eigenen vier Wänden versprüht, lähmt es den anderen. Wie wird es weitergehen? Wie lange dauert die Krise? Und wie soll ich diese Zeit bloß überstehen?
Es ist okay, wenn man die Krise jetzt nicht für große Taten nutzt, sondern sich erstmal an die neue Situation gewöhnt. Jeder, der jetzt ein bisschen kämpft und sich schwach fühlt, dem sei gesagt: Ihr seid nicht allein. Der Virus und seine Begleiterscheinungen sind für viele von uns eine neue und somit große, mentale Herausforderung.

Ich selbst folge aus einigen TherapeutInnen auf Instagram, Lena Kuhlmann ist meine Liebste. Ich war begeistert von ihrem Buch „Psyche? Hat doch jeder!“, in dem sie auf humorvolle Art und Weise in die Welt der mentalen Gesundheit einführt, ihre Arbeit als Therapeutin erklärt und aufzeigt, warum wir alle längst mehr über unser Inneres offen sprechen sollten.Wir haben mit ihr über diese besondere Situation gesprochen und wie wir diese Krise überstehen.

Warum ist diese Krise für viele von uns so beängstigend und anstrengend?

Da kommt einiges zusammen: Zunächst ist das Virus unbekannt. Das heißt selbst die Forscher haben bisher nur wenige gesicherte Informationen und eine täglich veränderte Sachlage. Außerdem gibt es noch keine Heilungsmöglichkeiten, im Sinne von Medikamenten oder Schutzimpfung.
Es kursieren aber auch viele Fake-News, und es fällt schwer, die Informationsflut zu überschauen. Und dann führen die Einschränkungen im Alltag dazu, dass das Leben plötzlich vollkommen verändert ist. Leider entfallen für viele von uns wichtige Maßnahmen für die seelische Balance, wie zum Beispiel Freunde treffen oder in den Tanzkurs gehen. Highlights wie Urlaub, Veranstaltungen und vieles mehr werden gestrichen, dafür hat man nun beinahe 24 Stunden alle im Haushalt lebenden Menschen um sich – und das birgt Konfliktpotential.

Wer ohnehin schon viel grübelt oder ängstlich ist, der sollte seine freie Zeit nicht nur damit verbringen, Nachrichten zu hören oder zu lesen.

Was können Menschen, die seelisch angeschlagen sind oder sich gerade sehr schwer mit innerer Unruhe kämpfen, tun, damit sie diese Zeit besser überstehen?

Wer ohnehin schon viel grübelt oder ängstlich ist, der sollte seine freie Zeit nicht nur damit verbringen, Nachrichten zu hören oder zu lesen. Schon gar nicht vor dem Einschlafen. Am besten ist es, man setzt sich ein Zeitlimit und informiert sich über solide Quellen, wie dem Robert Koch Institut oder der Weltgesundheitsorganisation, zum aktuellen Stand. Gedankenschleifen und Grübeln kann man gut durchbrechen, indem man dem Hirn eine andere Aufgabe gibt: Matheaufgaben ausrechnen, Reime aufsagen, Lieder singen…

Körperliche Distanz ist gerade sehr wichtig, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, aber das heißt nicht, dass man sich generell distanzieren muss. Soziale Kontakte sind wichtig. Ich persönlich habe mich am Wochenende mit Freunden zum Online-Kaffee-trinken verabredet. Es erfordert eben ein bisschen Umdenken, das kann auch mal ganz erfrischend sein.

Vielleicht ist es auch ein guter Zeitpunkt um mit dem Yoga anzufangen. Online finden sich viele Videos für den Anfang, die zwar einen Gang ins Studio unter professioneller Anleitung nicht ersetzen, aber ein erster Einstieg sind. Yoga wirkt stressreduzierend und kann sich positiv auf das Immunsystem auswirken. Entspannungsübungen sind ebenso eine gute Idee, auch hier gibt es im Netz einige Anleitungen. Vielleicht tut es gut, alte Hobbys zu aktivieren: Malen, Musik hören, Bilder anschauen und vieles mehr. Für Familien gibt es auf Instagram unter #spielenstattpanik viele tolle Anregungen.

Was sind die größten Sorgen, die uns Menschen jetzt umtreiben?

Das ist schwer pauschal zusagen, aber ich denke, am allermeisten wünschen sich viele den ganz normalen Alltag zurück. Ist doch verrückt, wie sehr man jetzt, wo man es nicht mehr hat, einen unbeschwerten Restaurantbesuch mit Freunden wertschätzt. Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass viele kleine Betriebe oder auch Künstler, Autoren etc. um ihre Existenz bangen müssen, weil sie in finanzielle Engpässe kommen.

Welche Kontakt- und Hilfestellen gibt es?

Zunächst einmal kann man sich natürlich weiter an seinen Arzt und Therapeuten wenden. Einige Kollegen halten ihre Sitzungen per Video ab, manche empfangen Patienten unter erhöhten Hygienestandards. Die Telefonseelsorge ist unter 0800/1110111 erreichbar und bietet auch online Beratung an. Manchmal lohnt es auch bei der eigenen Krankenkasse nachzuhaken, denn diese hat vielleicht spezielle Verträge mit App-Anbietern oder Onlinetherapeuten. Auch wichtig: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr unter 08000/116 016 erreichbar. Junge Menschen unter 25 Jahren bekommen bei suizidalen Gedanken hier Hilfe.

Was kann uns allen helfen, mit dieser Verunsicherung klar zu kommen?

Rational bleiben ist glaube ich sehr hilfreich. Denn es gilt, die Krankheit und das Risiko entsprechend einzuordnen. Für die allermeisten von uns ist eine Erkrankung mit dem Corona Virus nach aktuellem Wissensstand gar nicht gefährlich, dennoch müssen wir durch die Vorsichtsmaßnahmen andere schützen und das Gesundheitssystem entlasten.


„Psyche?Hat doch jeder!“ ist das Buch von Lena Kuhlmann 

Was sind deine Tipps für die häusliche Quarantäne?

Routine ist sehr wichtig. Und Tagesstruktur. Auch im Homeoffice sollte man wie gewohnt den Wecker stellen und sich ganz normal morgens fertigmachen – also die Selbstfürsorge nicht vergessen. Wie angesprochen, muss man seine sozialen Kontakt nicht vernachlässigen und kann sich zum Beispiel zum skypen oder facetimen verabreden. Tagebuchschreiben ist eine Strategie, die ich meinen Patienten immer mit an die Hand gebe. Das hilft beim Gedanken sortieren und kann entlasten.

Das Thema mentale Gesundheit rückt mehr in den Mittelpunkt.
Und: Verletzlichkeit wird sichtbar.

Welche positiven Dinge siehst du in dieser verrückten Zeit?

Das Thema mentale Gesundheit rückt mehr in den Mittelpunkt. Und: Verletzlichkeit wird sichtbar. Da wir alle von dieser Krise betroffen sind, sitzen wir auch alle im selben Boot. Gesundheit hat, das spüren wir nun deutlich, einen sehr hohen Stellenwert. Berufe im Gesundheitswesen sind unabdingbar und es sind PflegerInnen und ÄrtzInnen, die nun unsere Anerkennung bekommen und auf die es ankommt. Hoffentlich bleibt uns das noch nach der Krise in Erinnerung und hoffentlich bleibt es nicht nur beim Klatschen abends um 21 Uhr. Ich beobachte zudem, dass sich die Menschen solidarisieren und einander helfen. In meiner Nachbarschaft unterhalten sich die Leute nun von ihren Balkonen, da rückt man in der Großstadtanonymität ein bisschen zusammen. Vielleicht ist das eine Chance zum Umdenken auf ganz vielen Ebenen.

Wie bleiben wir optimistisch?

Wir können versuchen unsere Gedanken zu lenken. Uns mit positiven Dingen und positiven Menschen zu beschäftigen. Den Blick auf das richten, was gerade gut läuft. Das Wasser in Venedig zum Beispiel soll wieder klar sein, ist das nicht toll? Und in meinem Kleiderschrank herrscht jetzt auch wieder Ordnung. Vielleicht kann auch ein Mantra weiterhelfen, ganz so wie in Italien: Andrà tutto bene – Es wird alles gut.

Fotocredit: privat, Moritz Thau für Eden Books, Eden Books

– Anzeige wegen Markennennung –

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2 Antworten zu “So überstehen wir die Krise: Im Gespräch mit Therapeutin Lena Kuhlmann”

  1. Liebes Amazed Team und liebe Leser,
    Danke für den Artikel und das gute Interview!
    Es gibt sogar Therapeuten, die mittlerweile Coaching und einige Formen der Therapie über Skype anbieten.
    Lebenslinien München zB bietet in dieser Krise auch kostenlose (!!) Seelsorge an, was ich echt cool finde!
    Habe den Tipp von einer Freundin bekommen, die alleine wohnt und mentale Unterstützung gesucht hat.
    Es gibt bestimmt auch noch ganz viele andere :)
    Bleibt gesund, Greta

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