The Talk: Wenn es piekst

13. Juni 2019 von in

Es jauchzt. Lächelt mich an. Zeigt mit seinem kleinen Finger auf mich, empörte Blicke von der Oma hinter mir, das macht man aber nicht. Aber dieses kleine Wesen weiß eben doch noch nicht, was es darf und was nicht. Seine Mama streicht ihm über den Kopf, das Lächeln gilt erst ihr, dann wieder mir. Ich lache zurück, winke zum Abschied, erfüllt voll Wärme. Dann zieht die Kassiererin meine Ware über das Band, ich packe mein Gemüse ein, eine Zucchini, zwei Tomaten, eine Paprika, Single-Haushalt eben.

Mein Herz ist in solchen Momenten der Begegnung ganz warm. Doch da ist auch etwas anderes. Ein kleiner Pieks, ein Schiefer, der drückt, ich ihn jedoch nur schwer ziehen kann. Wenn ich genau hinsehe, schmerzt es, die meisten Tage spüre ich diesen pieksenden Druck nicht, nur manchmal, in jenen Momenten, da piekst es doch ein bisschen.

Ich bin keine Frau, der der Kinderwunsch schlaflose Nächte bereitet.
Kinder sind cool, aber ich mag mein Leben, und finde Babys noch nicht mal unsagbar süß. Während meine Freundinnen bei jedem Baby jauchzend und voll Glück beseelt ein „Oh wie süß, ich hätte auch so gerne eins“ hervorrufen, bin ich die, die daneben steht, guckt und staunt. Über das Baby, meine Freundinnen und mich. Erst mit zwei, drei Jahren, dann wenn die Babys zu kleinen Menschen heranwachsen, die Wörter durcheinanderwirbelnd aus dem Mund hervorpreschen, dann finde ich Kinder doch ganz okay und freue mich mit den kleinen Knirpsen.

Gleichzeitig stand für mich irgendwie nie zur Debatte, dass ich keine Familie gründen würde. In meiner Vorstellung war ich eine junge Mutter. Jetzt mit 33 Jahren sah ich mich mit Mann und zwei Kindern, vielleicht 3 und 5, durch München düsen, gemeinsame Picknicks an der Isar machen und beiden abends im Bett meine liebsten Geschichten vorlesen.

Vorstellungen und Realität prallen nicht selten aufeinander.
Das Leben hat es anders vorgesehen.

Irgendwann habe ich die Kassette gewechselt, ohne zu wissen, welche Aufnahme folgt. Eine gute Entscheidung, denn bis heute macht es die meiste Zeit Spaß, ein neues Mixtape zu erstellen. Ich liebe mein Leben – 33 Jahre alt, glücklich, Single, dafür mit vielen tollen Freunden, genießt die Zeit alleine, beruflich erfolgreich – und doch so anders, als ich es mir immer vorgestellt habe.

Die mir meist gestellte Frage lautet nicht: Wie geht es dir? Sondern „Wie läuft es so mit den Jungs?“ „Welche Jungs“, lache ich dann, und ärgere mich, dass unsere Gesellschaft noch immer nur dieses eine Lebensmodell für Frauen kennt. Dass die Role-Models für andere Modelle kaum sichtbar sind, die Vorstellungen der jungen Frauen, auch die meine, eng an das Zukunftsszenario aus Disney-Filmen und Erwartungen geknüpft sind, ein alternatives Szenario nur selten repräsentiert wird, und wenn oft mit Bewertungen überhäuft.

Um ehrlich zu sein: Dating strengt mich die meiste Zeit an. Während ich in allen Bereichen meines Lebens, in denen ich mich mit Freude und Motivation hineinstürze, ohne Angst auf die Nase zu fliegen, Erfolg ernte, ist es beim Dating genau andersrum. Viel zu oft sind es enttäuschende Begegnungen, ein waches, neugieriges Herz geht schwer nach Hause, und die Motivation ist im Keller. Mittlerweile passe ich auf mein Herz auf. Ich möchte nicht wie so viele abstumpfen, nur mit Vorsicht genießen und von Angst getrieben sein. Quantität führt mich nicht zum Ziel, welches das auch immer sein mag. Meine Zeit ist mir wertvoll geworden in den vergangenen Jahren, und so passiert es immer wieder, dass ich die Pause-Taste drücke, über den Liebessong hinwegspule und lieber Work,Work, Work von Rihanna höre.

Lieber lasse ich das Leben passieren, vertraue darauf, dass es genau zu jedem Moment das für mich Richtige will. Und doch gibt es sie, die Momente des Schmerzes. In denen mich die Frage nach dem „Was wenn“ trifft, ich mit aufgesetztem Grinsen in lauter Runde darüber hinweglache und schnell What if von Kate Winslet überspule und lieber Life is Life aufnehme.

In Momenten der Ruhe klemmt sie dann doch, die Pausetaste, und ich hadere. Hadere mit Entscheidungen, mit Menschen, mit mir.  Hadere mit der Gesellschaft, den Erwartungen und dem eigenen Druck. Hadere mit dem Schicksal, warum jemand genau das hat, was ich mir vielleicht doch insgeheim wünsche. Hadere mit dem Gefühl des Neides, das ich sonst nicht von mir kenne, und verurteile meine Gedanken. Bis mein Herz die Taste löst, eine Melodie anspringt und das Herz mir leise zusummt: Vertraue! Vertraue auf das Leben!

Vertrauen ist nur manchmal schwer.

Also vertraue ich so gut es geht und weiß, da kommt noch viel. Ich habe gelernt, zu sehen, dass es sie gibt, die alternativen Wege, die zu Zielen führen, die wir uns vielleicht nicht ausgemalt haben, schon gar nicht erwartet haben, die uns aber glücklich(er) machen.

Trotzdem ist es okay, auch manchmal traurig zu sein. Traurig über die verlorene Vorstellung der jungen Mutter, traurig darüber, dass vielleicht nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen werden und traurig über Erfahrungen, die man vielleicht wann anders oder nie machen wird.

Immer mit dem Wissen, dass das Leben eben passiert, wie es passiert.

Das Liebe auch viel Glück ist, Kinder kein Muss, es Alternativen, großartige sogar, gibt und ich mein Leben, so wie es ist, eh schon wert schätze. Und wir nicht wissen, wohin uns diese Achterbahn namens Leben fährt.
Die Momente des Schmerzes sind selten. Doch sie sind da. Sie wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und ein Bewusstsein, ja, vielleicht sogar einen Platz für Trauer einzurichten, ist okay und wichtig. Denn nur wer den Gefühlen Raum gibt, schafft auch Platz für Hoffnung, Zuversicht und Gewissheit, dass da noch ganz viel wartet.

Mixtapes sind immer wieder überraschend. Sie werden überspielt, neu aufgenommen, und manchmal entdeckt man einen alten Song. Im Moment läuft da ganz viel Gute-Laune-Musik. Und wer weiß: Vielleicht kommt ja auch bald die Episode voller Lovesongs. Und für Bibi & Tina in Dauerschleife wäre ich auch immer noch zu haben.

 

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22 Antworten zu “The Talk: Wenn es piekst”

  1. Ich habe selten so einen guten Text gelesen, der ein Thema so schön und ehrlich behandelt. Und das in all der Kürze, mit so viel Wehmut und Hoffnung gleichzeitig.
    Großes Kompliment, liebe Antonia!

  2. Da schließ ich mich sowas von an! Gerade dieses “und wie ist mit den Männern?” hört man viel zu oft als allererste Frage 🤦🏼‍♀️ Als wäre ein “und was gibt es neues spannendes an Projekten” nicht viel interessanter!

  3. Ein herzerwärmender Text; es ist beeindruckend, wie anrührend du diese emotionale Soll/Kann/Darf/Will-ich-das-Frage auf den Punkt bringst. Diese Situation hat mich viele Jahre begleitet, um- und oft zur Verzweiflung getrieben – vielen Dank für das Teilen, deiner Gedanken!

  4. Ganz toller Text. „Ein waches, neugieriges Herz geht schwer nach Hause“ … So wahr. Ich kann deine Worte so gut nachfühlen, nur leider piekst es mich in letzter Zeit immer öfter. Aber ich bin ja auch noch ein Jahr älter als du. Daran mag es liegen (#ironyoff)
    Alles Liebe Dir :)

  5. Liebe Antonia, ich kenne dich online schon ewig, habe gesehen wie du vergeben warst, zwischen den Zeilen gelesen, dass du dich trennst, und beobachte nun wie du dich voll auf dich, dein Buch, deine Lieben, deine Karriere, Polly und dein Leben konzentrierst und finde das großartig.
    Und dennoch kann ich dieses Pieksen so gut nachvollziehen. Ich bin zwar ein paar Jahre jünger als du aber habe mich in meinem Alter auch schon mit meinem Freund zusammen wohnen und die Zukunft planen sehen. Mir geht es sehr gut, ich kann mich wirklich kein bisschen beschweren, aber manchmal bin ich dann eben doch neidisch auf meine Freundinnen, die vergeben sind und Urlaube mit ihrem Partner planen und in wahnsinnig schöne Pärchen-Wohnungen ziehen. Dann stelle ich mir immer die Frage, ob sie wirklich glücklicher als ich sind, weil auch ein Mann oder ein Baby ist ja kein Garant für Glück.
    Ich weiß gar nicht so recht, was ich dir wünschen soll. Dass du deinen eigenen Weg gehst oder eben doch in ein paar Monaten nur noch Liebeslieder hörst und du irgendwann eben doch mit Mann und Kind an der Isar spazierst. Ich wünsche dir oder uns glaube ich einfach, dass man sich von der gesellschaftlichen Norm nicht unglücklich machen lässt und trotzdem schätzt, was man hat. Und nur falls dir in diesem Zuge manchmal eben auch dein Alter Angst macht: Meine Mama hat mit 47 meinen Bruder bekommen und das ungeplant. Wir Frauen dürfen uns da auch nicht verrückt machen lassen. Wie du schon sagst: Manchmal muss man dem Leben eben einfach ein bisschen vertrauen.

    • Liebe Carolin,
      erstmal <3 Danke! Danke, dass du mir schon so lange folgst:)

      Ich glaube, das Pieksen ist ganz normal, egal, wie glücklich man mit seinem Leben ist- und das bin ich wirklich :) - piekst es eben doch, wenn man einmal eine andere Idee davon hatte, wie es sein könnte. Ganz abgesehen davon, dass es eben auch gut ist, wie es ist und ich alle meine Entscheidungen noch immer so treffen würde. Genauso wie du sagst: Auch Paare mit und ohne Baby zeigen nur das nach außen, sie sind nicht zwingend glücklich(er), oder neiden mir manchmal sogar mein freies, selbstbestimmtes Leben.

      Ich glaube, wichtig ist, dass man sich den Druck nimmt, sich nicht verrückt machen lässt und auch nicht zwanghaft einer Idee hinterherjagt. Denn wer weiß: Vielleicht ist meine Idee in der Vorstellung wundervoll, in der Umsetzung grauenhaft. Auch das werde ich herausfinden - zu gegebener Zeit, wenn es sein soll.

      Ich denke, auf das Leben vertrauen, es passieren lassen, und das Leben, so wie es im Jetzt ist, genießen und schön machen. Das wünsche ich allen - nicht nur mir, den Singles, sondern auch den Paaren :) Genauso natürlich wie dir <3

      Alles Liebe <3

  6. Liebe Antonia, vielen Dank für deinen Text! Ich bin auch 33 – habe Mann, Kind und bald noch ein Baby. Und trotzdem piekst es in manchen Momenten auch mich. Ich lasse meine Gedanken schweifen und frage sehnsüchtig danach, welchen Verlauf mein Leben genommen hätte, wenn ich damals einfach eine andere Abzweigung genommen, andere Ziele verfolgt hätte. Wem wäre ich begegnet, was hätte ich verloren? Dabei bereue ich bisher nur wenig und bin der festen Überzeugung keineswegs unglücklich zu sein. Eine Entscheidung für „etwas“ ist meist auch die Entscheidung gegen „etwas“, sodass ein kleiner Moment der Sehnsucht oder ein Gefühl zarter Traurigkeit sich stets in jeder Lebenssituation einstellen wird. Der Haken an diesem Gedankenspiel ist aber vielleicht, dass das vorgestellte Leben den Erfolgsbeweis – im Gegensatz zur Realität – immer schuldig bleiben wird. Liebe Grüße

  7. wow. DANKE! :)
    du hast es so perfekt auf den Punkt gebracht. haargenau so ist es bei mir auch. <3
    ich bin 36, seit sehr vielen Jahren Single. es gibt leider viele Menschen, die nicht nachvollziehen können, dass es mir auch ohne Mann und ohne Kinder gut geht. ständig werde ich gefragt, wann es bei mir "so weit ist"!? und eigentlich piekst es mich nur dann wirklich schlimm. (oh klar oder der Neid schlägt zu, wenn das nächste Baby, die nächste Hochzeit im Freundeskreis ansteht, haha)
    mit 20 dachte ich auch noch, dass ich jung Mutter werde und mein Leben zwischen Kinderlachen, Wäsche waschen und Hühnerstall verbringe ;)
    dass das Leben trotz vieler Kreuzungen und Sackgassen einfach schön ist und ich heute machen kann was ich will, ist doch eigentlich ein Wunder und das versuche ich zu feiern. :)

    Liebe Grüße und zweimal solidarisches Miau von meinen flauschigen Mitbewohnern ;)

    • Danke <3

      Genau in diesen Situationen piekst es dann, wie du sagst. Aber du hast Recht, das Leben ist auch ohne das anerzogene konservative Frauenbild ein reiches. Denn erfüllt sein kann man - für den Moment oder auch für ein Leben lang - ohne Mann, Kind, Haus und Hund :) Es zu feiern, wie frei man ist, ist ein schönes Bild!
      Polly und ich wünschen euch dreien weiterhin ganz viel Freude <3 und so wenige Piekser wie möglich!

  8. Wow, Antonia! Du schreibst genau das, was ich schon eine Zeit lang fühle. Ich bin genauso alt wie du und manchmal ein richtiger Gedankenzwilling von dir, aber sogar auch modemäßig :D
    Das Thema wird seltsamerweise kaum angesprochen, und du hast es super beschrieben. Wir, denen es so geht, die „gezwungenermaßen“ gerade kein Kind bekommen können und auch nicht im Tinder-Zirkus abstumpfen möchten, sind im, ich nenne es mal öffentlichen Diskurs, irgendwie unsichtbar.
    Du bist nicht allein!
    Liebe Grüße <3

  9. Danke für deinen Text und auch den Mut, etwas persönlicher über diese Dinge zu schreiben, die ja viele von uns Frauen Anfang/ Mitte 30 – auch mich – beschäftigen. Es ist schön zu wissen, dass man nicht alleine ist.

  10. Liebe Antonia,

    so oft lese ich Deine Texte, jetzt musste ich Dir einfach auch mal einen Kommentar hinterlassen, denn: Dieser Text ist wirklich so wunderbar geschrieben, er spricht mir nicht nur aus der Seele, sondern Du bringst es auch so gut auf den Punkt. Und Danke für das Bibi und Tina in Dauerschleife am Ende, auch darin finde ich mich wieder ;)

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