The Talk: Wieso ist Daten ab 30 eigentlich so kompliziert?

14. November 2018 von in
Dieser Text erschien zuerst auf Refinery29 – von Sophia Giesecke

Es geht mir nicht gut, denn ich bin über 30 und frisch verliebt. Was erst einmal ziemlich super klingt, ist jedoch ein Garant für absolutes Chaos, denn Daten über 30 ist alles andere als eine gemütliche Dampferfahrt über einen vollkommen windstillen Ozean. Stattdessen klammert man sich verzweifelt an ein Stück Treibholz mitten im heftigsten Sturm des Jahrhunderts und zu allem Überfluss kann man plötzlich nicht mehr schwimmen. Cool.

Machen wir uns nix vor, Dates sind immer einer ziemlich komplizierte Angelegenheit, ganz egal wie alt man ist. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die ganze Sache, seitdem ich die angeblich so magische 30 überschritten habe, noch mal etwas anstrengender geworden ist. Nein, ich möchte mich an dieser Stelle nicht über Tinder und die zunehmende Digitalisierung des Datens auslassen und darüber schwärmen, dass “früher ja alles besser” war, denn als introvertierte Person waren Dating-Apps für mich eine echte Bereicherung. Ich spreche davon, dass ab 30 Dates ihre Leichtigkeit verloren haben. Plötzlich ist alles sehr wichtig, sehr absolut und anstatt sich einfach mal locker flockig vom Leben treiben zu lassen, herrscht ein Strudel aus Panik und Endzeitstimmung im Kopf. Hat man dann eine Person gefunden, mit der man vielleicht etwas mehr Zeit verbringen oder sogar eine Beziehung eingehen möchte, wird’s erst richtig schlimm. Dann wird es nämlich ziemlich schnell erst. Hallo?!?! Sollte man sich nicht grade ein den ersten Wochen wie auf Wolken fühlen, das Leben genießen und es eher locker angehen lassen?

Verkorkstes Doppel

Als ich vor einigen Monaten anfing wieder zu daten, war mir gar nicht bewusst, wie verkorkst ich mittlerweile bin. Meine früheren Beziehungen haben mich geprägt und mir den unbeschwerten Blick auf alles Neue genommen. Ich gehe somit also von Anfang an mit einer gewissen Vorsicht in jedes Date oder neue Beziehung und befinde mich in einer permanenten Habachtstellung. Es könnte ja gleich irgendein Mist passieren. Das ist weder mir gegenüber fair, da ich mir so selbst im Weg stehe, Vorannahmen den Blick auf neue Erfahrungen versperren und ich einfach schon enttäuscht bin, obwohl noch gar nichts passiert ist, noch ist es der anderen Person gegenüber fair, denn eigentlich kann er*sie machen, was er*sie will, ich werde eh alles so lange in meinem Kopf zurechtbiegen, bis es in mein Muster passt. Richtig schön verkorkst halt. Nun ist es so, dass ich keine Menschen date, die sehr viel jünger sind als ich, eher älter. Meine geballte Verkorkstheit trifft somit nicht nur auf Verwirrung, sondern auf einen mindestens ebenso großen Haufen Verkorkstheit, und gemeinsam bilden wir also ein wirklich schwer auseinander zu klamüserndes Dating-Ding, das vor allem eins ist: anstrengend. Mal eben so locker flockig daten ist also nicht, da wir uns permanent mit unseren Päckchen und Dämonen beschäftigen müssen. Mit unseren eigenen, aber auch mit denen unserer neuen Partner*innen. Geil ist irgendwie anders.

Und plötzlich muss es für immer sein

Mit Anfang 20 war es mir ziemlich egal, wie lange eine Beziehung hielt. Wenn eine Beziehung in die Brüche ging, dann war das tragisch und mit sehr viel Herzschmerz verbunden, allerdings kamen nach dem Herzschmerz ja noch andere, neue Beziehungen. Ich fing auch viel schneller eine neue Beziehung an, denn neue Partner*innen mussten nicht den Anspruch erfüllen, die einzig wahre große Liebe zu sein. Es war gut für den Moment und das hat gereicht.

Heutzutage müssen aber eine ganze menge Faktoren stimmen, bevor ich mich überhaupt auf jemanden einlassen kann. Vor einigen Monaten beendete ich eine Sache, weil die Person keine Kinder mehr wollte und ich diese Frage für mich noch nicht ganz geklärt habe. Eine andere Sache verfolgte ich nicht weiter, weil unser Alltag einfach nicht kompatibel war, er arbeitete nachts und ich eher tagsüber, es gab also kaum Zeiten, zu denen wir uns hätten treffen können. Was erst einmal wie Lappalien klingt, wiegt im Alltag jedoch schwer und schließt besagte Personen als für immer Partner*innen aus. Vor 10 Jahren haben mich diese Dinge nicht interessiert, jetzt entscheiden sie über ja oder nein, denn jede neue Beziehung könnte unter Umständen für immer sein. Ich habe nämlich keinen Bock mehr mich auszuprobieren oder groß zu daten.

Habe ich nämlich alles schon durch, das kickt mich einfach nicht mehr. Natürlich weiß ich nicht von Anfang an was aus der Sache wird, aber der Hinterkopf hält sich trotzdem alle Optionen offen. Ich gehe mit ganz anderen Erwartungen in eine neue Beziehung und weiß heute viel mehr, was ich eigentlich will. Wenn die andere Person völlig andere Vorstellung beim Thema Lebensplanung hat, dann passt es nicht. Das war früher auch schon so, aber da war es egal, denn Lebensplanung fing später an, erst einmal musste man ja erwachsen werden, das Studium beenden, sich ausprobieren. Das Ding ist nur, dass in meinem Alter Lebensplanung genau jetzt beginnt.

Keinen Bock mehr auf Bullshit

Neulich auf einem Date, das ich vor einigen Jahren noch als perfekt beschrieben hätte, stellte ich plötzlich fest, dass ich keinen Bock mehr auf Bullshit habe. Wir saßen am Wasser, tranken ein Bier und über unseren beschwipsten Köpfen ging die Sonne unter und tauchte den Himmel in leuchtendes Lila. Mein Date war sexy und witzig – aber leider auch ein Blödmann.

Es fing harmlos an, als er sich über meine laute Lache lustig machte und steigerte sich einfach nur im Laufe des Abends immer mehr. Mich zu kritisieren schien er irgendwie als gute Strategie zu empfinden. Leider war ich in zu vielen schlimmen Beziehungen und habe zu viele Stunden Therapie hinter mir, um auch nur ansatzweise auf so etwas anzuspringen. Ich ließ also ein paar mal die Worte Beziehung und Kinder fallen, wohl wissend, dass ihn das für immer abschrecken würde. Ich sah ihn nie wieder.

Selbst bei lockeren Geschichten bin ich viel anspruchsvoller geworden, denn für viele Macken und Spielchen fehlt mir mittlerweile einfach die Geduld. Ich kenne diesen Quatsch in- und auswendig und habe schlichtweg keinen Bock mehr darauf. Ich kenne die Spielchen, die allen Beteiligten nicht gut tun und erkenne einen Griff ins Klo meist (aber auch nicht immer) schon bevor es anfängt, unangenehm zu riechen. Außerdem bin ich viel selbstbewusster geworden und bin schlichtweg nicht mehr so leicht zu beeindrucken oder zu manipulieren. Aufgeblasene Balzrituale interessieren mich auch nur noch herzlich wenig und ich kenne so ziemlich jeden Move unter der Sonne. Gleichzeitig gehen auch mir langsam die Ideen aus, wie ich potentielle neue Partner*innen anbalzen könnte.

Druck von außen

„Und wann zieht ihr zusammen?”, „Ziehst du dann zu ihm oder er zu dir?”, „Wollt ihr Kinder?”.
Diese Fragen wurden ernsthaft so gefragt, als ich Leuten von meiner neuen Beziehung erzählte. Zu dem Zeitpunkt dateten wir uns seit wenigen Wochen, Themen wie Zusammenziehen oder Kinder sind also nicht mal ansatzweise in Planung. Trotzdem hielten es mehrere Menschen als angebracht, diese Fragen zu stellen und das zeigt sehr deutlich, was für ein immenser Druck auf einem Pärchen lastet, wenn beide Partner*innen über 30 sind.

Da wir keine Steine sind und uns innerhalb dieses sozialen Gefüges bewegen, das eben jene Erwartungen ausspricht, internalisieren wir diese Erwartungen natürlich und bauen somit auch selbst Druck auf. Nicht nur in uns selbst, sondern auch aufeinander. Ich kann meinen Partner nicht ansehen, ohne mir insgeheim Sorgen um die Zukunft zu machen. Ich kann nicht so tun, als gäbe es diese große Erwartungshaltung nicht und gleichzeitig kann ich nicht so tun als hätte ich all diese Erwartungen nicht schon längst in mein Selbstbild eingebaut.

Beziehungen sind ab einem gewissen Alter sehr bedeutungsvoll, gerade für das soziale Umfeld, die gefühlt alle ungeduldig mit den Füßen scharren, weil sie es nicht erwarten könne, sich auf deiner Verlobungsfeier hemmungslos zu betrinken. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass alle beteiligten unter diesem Druck leiden. Das Paar leidet, weil sie mit Erwartungen konfrontiert sind, für die sie vielleicht noch gar nicht bereit sind und weil es durch all diese Erwartungen vergessen haben, welche Geschwindigkeit vielleicht für sie die richtige wäre. Außenstehende leiden, weil sie das Gefühl haben, mitziehen zu müssen. So stresst man sich also munter gegenseitig, dabei sollte Daten doch Spaß machen, im besten Fall sind sogar alle beteiligten nackig und ein bisschen angetüdelt und nicht gestresst.

Ich versuche jetzt jedenfalls alles etwas lockerer angehen zu lassen und mich nicht allzu doll zu stressen. Klappt so mittel.

Fotos: Joshua Jackson & Mahkeo

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