Unter der Chuppa: Mirna Funk über die jüdische Heirat

22. Mai 2020 von in
Die in Berlin und Tel Aviv lebende Journalistin und Schriftstellerin Mirna Funk beschäftigt sich mit der Präsenz jüdischer Kultur in Deutschland. Für VOGUE erzählt sie in ihrer Kolumne „Jüdisch heute“ von ihrem Alltag als deutsche Jüdin – und nimmt uns damit mit auf eine Reise in eine Welt, über die wir eigentlich kaum etwas wissen. In diesem Text schreibt Mirna Funk darüber, warum eine queere Rabbinerin bei der jüdischen Heirat keine Selbstverständlichkeit ist und der jüdische Mann mehr Pflichten als seine Frau hat.
Dieser Artikel erschien zuerst auf VOGUE.de.

Er hatte einen Google-Drive-Ordner angelegt, der nach seinem Nachnamen benannt war. Dort gab es Unterordner: Hochzeitskleid, Anzug, Playlist, Gästeliste, Inspirationen. Wir sammelten über Monate hinweg Fotos, Ideen und Artikel, um die großen Feierlichkeiten vorzubereiten, die im August 2016 stattfinden sollten.

Kurz nach der Geburt unserer Tochter hatte ich eine Rabbinerin ausfindig gemacht, die sich auf Hochzeiten in einem kleinen beschaulichen Örtchen in Italien spezialisiert hatte. Dort gab es eine uralte Synagoge für die sie sich verantwortlich sah und in der die Trauung stattfinden sollte. Sogar einen Garten für die anschließende Party gab es. Mehr geht nicht, dachte ich.

 

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Once I wanted to marry. In August 2016 to be correct. Everything was already organised. The Rabbi who was supposed to wed us in a small Italien village was booked. We had a Google Drive folder full with lists of people to invite, clothes to wear and songs to hear. But it never happened. I left my fiancé weeks before the big event. Looking back. This was the right decision although deep inside I do wish I could have at least experienced a Jewish wedding once in my life. Not as someone who is attending but as someone who will stand underneath the Chuppah. In my current column for @voguegermany I wrote about Jewish weddings. About mine that never took place, about the many detailed rituals and about the huge meaning behind them. Read the text 👆🏻Link in Bio

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Eines wusste ich nämlich von Beginn an, also nachdem Y. um meine Hand angehalten hatte: Ich möchte nicht in Israel heiraten und ich möchte von einer Rabbinerin getraut werden. Am liebsten sogar von einer queeren. Wer jüdisch heiraten möchte, ist mit etlichen Herausforderungen konfrontiert. Zum einen, gibt es in Israel nur die orthodoxe jüdische Heirat. Das bedeutet, dass, wer auch immer sich dem progressiven Judentum zuordnet, ein Problem hat. Das Rabbanut, das Chefrabbinat in Israel, orientiert sich an streng religiösen Riten und Regeln. Dabei sind 80% aller Israelis säkular und nur 20% religiös. Das orthodoxe Monopol auf die Heirat führt seit vielen Jahren dazu, dass gerade junge Leute entweder gar nicht heiraten oder ins Ausland (insbesondere nach Zypern) fliegen, dort den Bund fürs Leben eingehen und sich die Ehe in Israel nur bestätigen lassen.

Zum anderen bedeutet eine orthodoxe jüdische Heirat auch, dass die Scheidung nach orthodoxen Regeln erfolgen muss. Und an diesem Punkt steigt man als Feministin normalerweise aus. Denn, wer sich scheiden lassen möchte, muss um den sogenannten Get bitten. Das ist die Bestätigung des Mannes, dass die Frau sich scheiden lassen darf. Es gibt Geschichten, in denen Frauen jahrzehntelang mit Männern verheiratet bleiben mussten, weil der Ehemann aus Wut, Trauer oder einfach aus Ignoranz heraus der Frau die Scheidung verwehrte. Denn ohne den Get keine Scheidung.

Und ja, auch über die Scheidung muss man vor einer Heirat nachdenken. Denn die Hälfte aller Ehen werden geschieden und die durchschnittliche Dauer einer Ehe beträgt gerade mal 15 Jahre. Romantisch kann man am Tag der Hochzeit sein, aber nicht davor und auch nicht danach.

Meist am Vorabend des Hochzeitstages muss die Frau in die sogenannte Mikwe. Das ist ein religiöses Bad, das für die rituelle Reinigung genutzt wird. Sieben Stufen gibt es im Bad, das mit Regenwasser gefüllt ist. Wer hingeht muss sich von jeglicher Bekleidung frei machen, keinen Nagellack, Lippenstift oder Schmuck tragen und komplett untertauchen. Die Twila, das Untertauchen, steht nicht nur für die rituelle Reinigung, sondern auch für einen Neuanfang. Denn um diesen geht es bei einer Heirat im Judentum. Ihr wird enorm viel Bedeutung beigemessen. Es ist der Moment, der aus zwei Menschen einen macht. Aber noch mehr: Die Ehe steht symbolisch für den Bund zwischen dem jüdischen Volk und Gott am Berg Sinai.

Am Tag der Trauung muss der Mann den jüdischen Ehevertrag, Ketubba, unterschreiben. Er wird in aramäischer Sprache verfasst. Zwei Zeugen müssen währenddessen anwesend sein. In ihm werden die Pflichten des Mannes gegenüber der Frau festgelegt. Dazu gehören der Unterhalt, die Kleidung, der Geschlechtsverkehr und die finanzielle Absicherung im Falle einer Scheidung oder des Todes des Manns. Der Frau kommen keine Pflichten zu. Allerdings wird auch eine Summe bestimmt, die der Mann zahlen muss, um die Frau zu heiraten. Die orthodoxe Praxis ist nicht besonders feministisch und wird deswegen bei progressiv-jüdischen Hochzeiten mittlerweile nicht mehr angewendet. Dort wird Ketubba als Liebesgeständnis gesehen, nicht als Geschäftsvertrag, in dem die Anzahl der Kamele angeben werden muss, die man an die Familie der Frau zahlt, um diese zu ehelichen.

Fun Fact zum Geschlechtsverkehr: Ein Jüdischer Mann ist zum sexuellen Akt verpflichtet, und nicht nur das, darüber hinaus muss dieser Akt für die Frau auch befriedigend sein. Steht alles im Talmud.

 

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Hat man die Mikwe hinter sich gebracht, die Ketubba unterschrieben, landet man irgendwann am Hochzeitstag unter der Chuppa, dem Traubaldachin. Jüdische Trauungen müssen im Freien vollzogen werden. Die Chuppa, die nach allen vier Seiten hin offen ist, signalisiert die Gastfreundschaft des Ehepaars und das Leben, das nach himmlischen und spirituellen Idealen geführt werden soll. Während der Zeremonie hält der Rabbi einen Becher Wein und trägt den Segensspruch vor. Danach trinkt das Brautpaar vom Wein und der Ehemann steckt seiner Braut den Ring an den Finger. Die Ketubba wird laut vorgelesen, ein weiterer Segensspruch folgt, das Ehepaar trinkt erneut vom Wein. Das leere Weinglas wird dann in ein Tuch gewickelt und das Glas vom Mann (bei progressiven Hochzeiten sind es beide) zertreten. Die daraus resultierenden Scherben stehen für die Zerstörung des Tempels und für den Bruch, dem im Judentum eine große Bedeutung zukommt. Stets konstruiert sich die jüdische Identität auf Ruinen und dem Bewusstsein, dass es an einen inneren Spalt geknüpft ist.

Vier Wochen vor meiner geplanten Hochzeit verließ ich meinen Verlobten und kam nicht in den Genuss im Garten der Synagoge in dem beschaulichen italienischen Dorf vom Wein zu trinken und anschließend mit meinen Freunden und der Familie zu feiern. Wenn ich an diese Entscheidung zurückdenke, dann bin ich ein bisschen wehmütig, ob des warmen Wetters und der romantischen Vorstellung dieses Ereignisses, aber ich bin vor allem froh heute nicht unglücklich sein zu müssen.

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