Warum ich alleine tanzen gehe

11. Juni 2019 von in

Wenn Menschen einfach mal irgendwie machen, kommt dabei doch selten was Gutes bei rum, oder? Das mag für viele Dinge gelten, aber nicht fürs Tanzen. Mein 16-jähriges Ich war allerdings der festen Überzeugung, dass nicht jeder Mensch – ich erst recht nicht – tanzen könne. Ich war im Urlaub auf einer Strandparty und ließ mir gerade von meinem Gegenüber, der schon Anfang 20 war, erklären, dass ich mich einfach nur im Rhythmus der Musik bewegen müsse. Ich lachte nur verlegen und sagte immer wieder „Das kann ich nicht. Wirklich nicht. Nein, echt nicht.“

Während ich da so rumstand, hoffte ich nur, dass ich irgendwann so entspannt sein kann wie scheinbar alle anderen. Denn natürlich wollte ich tanzen, Spaß haben und vor allem: Wollte mir keine Gedanken darüber machen, wie das Ganze aussieht. Boah, wieso bin ich nur so verklemmt? Wieso kann ich nicht einfach mal machen? Wieso stört mich nicht, was andere sagen würden, sondern was andere denken könnten?

Jetzt bin ich 21. Vor einigen Wochen war ich im Bootshaus in Köln feiern. Alleine. Als ich zwischen der Menschenmenge stehe, erinnere ich mich wieder an mein früheres Ich. Wieder bin ich unsicher, weiß nicht, wie ich mich bewegen soll und ob mich Menschen beobachten. Neben mir steht eine Gruppe muskulöser junger Männer. Vor mir tanzt eine Gruppe junger Frauen, die ab und zu laut lachen. Das hätte ich sein können in der Gruppe meiner Freunde. Einmal kommt einer der Männer zu mir und fragt mich, ob der DJ schon dran ist. Ich bin verwirrt, dass er mich einfach so anspricht – nicht, weil man das in einem Club nicht erwarten könnte, sondern weil ich mich auf das Alleinsein eingestellt hatte, ohne Gespräche und auch damit, dass Menschen untereinander mit ihren Freunden reden, aber nicht mit mir. „Nee, glaub nicht“, antworte ich knapp. Fünf Minuten später fragt er mich, ob ich Feuer hätte. Okay, so langsam wird’s seltsam. Überall stehen Menschen und er sucht sich zweimal mich aus mit Fragen, die man jeder x-beliebigen Person stellen kann oder zum Beispiel den Leuten, die neben mir am Rauchen sind. „Nee, sorry“, sage ich. Nachdem eine junge Frau neben ihm auftaucht, fragt er mich nichts mehr und ich bin erleichtert.

Die Frauen vor mir drehen sich manchmal zu mir um, um noch einen freien Meter zu erwischen, haben hohe Schuhe an, enge Oberteile und sehen verdammt gut aus. Zeit zum Stylen und Schminken habe ich mir kaum genommen, ich sah aus wie immer. Irgendwie alltäglich. Ich hätte genauso gut zum lässigen Kartenspiel gehen können, wenn ich Karten spielen würde.

Zuvor hatte ich meine Freunde, die in Bars rumhingen, verlassen und mich allein mit dem Bus auf den Weg zum Club gemacht. Zwischen all diesen Menschen, die für mich fremd und für sich selbst untereinander befreundet waren, frage ich mich nun, ob ich nicht einfach hätte bei meinen Freunden bleiben sollen. Da war’s doch schön, ich hatte Spaß, gute Gespräche und vertraute Gesichter.

Ist es echt nötig, dass ich mich dazu zwinge,
aus meiner Comfort Zone auszubrechen?

Ein paar Tage vorher fragte mich ein Freund, ob ich seine Bootshauskarte haben wolle. Er könne nicht und sonst würde sie verfallen. Da sag ich nicht nein. Meinen Freunden war das zu kurzfristig und so blieb ich alleine, ließ mich aber nicht abhalten. „Wie, du gehst da ganz alleine hin? Das könnte ich ja nicht“, hörte ich dann von meinen Freunden. Meine Abendplanung von meinen Freunden abhängig zu machen, alles vorher planen zu müssen und das ganze Organisieren – das wollte ich nicht. Dann lieber alleine. Und es könnte doch auch ganz cool werden, dachte ich. Hoffte ich.

Der Abend fiel in eine Zeit, in der es mir sehr schwer fiel, alleine zu sein. Jeden Abend war ich woanders, schlief viel bei Freunden und floh vor dem Alleinsein in meinem Zimmer. Etwas still und alleine zu erleben, ohne es besprechen zu müssen, diese Erfahrung ist mir abhanden gekommen. Ich wollte dieses Gefühl der Leichtigkeit, wenn ich etwas bewusst alleine durchlebe, wiederhaben. Irgendwann in der Zeit zwischen 16 Jahren und jetzt habe ich es lieben gelernt.

Wenn mich Menschen im Bootshaus anrempeln, hätte ich in der Gruppe mit Freunden sofort etwas gesagt und mich behauptet. Alleine mache ich das nicht. Ich gehe kleinlaut einen halben Meter zur Seite und akzeptiere die Tatsache, dass ich nicht so offensichtlich wahrgenommen werde wie eine Gruppe laut lachender Menschen. Anfangs zögere ich und tänzele etwas herum während ich langsam beginne, loszulassen. Wie das geht? Ich sehe die Menschen um mich herum, sehe, wie alle die Gruppe suchen, wie sich niemand traut, alleine zu sein, wie jeder Begleitung braucht und niemand ausgeschlossen werden will. Wer will das schon?
Dann wird mir klar: Jeder hier ist vermutlich unsicher, jeder hat irgendwo in sich drin Ängste, die sich nicht melden, wenn man sich in Sicherheit wiegt.

Ich bin unsicher, ihr seid es auch. Ihr seid gemeinsam unsicher und ich alleine.

Das ist vollkommen okay. Dadurch, dass ich mich mit mir selbst auseinander setze und diese Fragen zulasse, erlaube ich mir auch, ein bisschen stolz auf mich zu sein. Nicht überheblich oder besser als die, die mit ihren Freunden da sind. Ich bin mir nur bewusst, dass ich gerade eine wichtige Lektion lerne, die ich in letzter Zeit vernachlässigt habe. Nachdem ich die Menschen gesehen habe, beschließe ich, nichts mehr zu sehen und schließe meine Augen und höre nur auf die Musik. „Jeder kann tanzen. Du musst dich einfach nur im Rhythmus der Musik bewegen“, ich sehe das Gesicht meines Gegenübers vor fünf Jahren. Einfach im Rhythmus der Musik und plötzlich bin ich gar nicht mehr alleine, sondern ein einzelnes Teilchen in einer großen Gruppe an anderen tanzenden Teilchen. Alle im Rhythmus der Musik.

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