Wieso wir nichts zu Karl Lagerfelds Tod gesagt haben

26. Februar 2019 von in

Ja, er war einzigartig. Er war ein Ausnahmetalent, er war einflussreich, er war schlagfertig und er hat es wie kaum ein Anderer geschafft, sich selbst zur Marke zu machen. Aber: Er war auch ein islamophober, rassistischer, frauenfeindlicher Bodyshamer, der Vergewaltigungen verharmloste. Natürlich waren wir mit der ersten Meldung über den Tod des Modemeisters traurig und entsetzt, gleichzeitig auch unsicher. Dürfen wir ihn kritiklos huldigen? Ihn in Heldenmanier auf ein Podest setzen – ohne seine Wort-Ausfälle zu erwähnen. Betrachtet man die Nachrufe, ist die Antwort klar: Karl Lagerfeld ist unantastbar. Doch wir sind zwiegespalten. Karl Lagerfeld ist tot wie soll man um ihn trauern? Diese Frage haben wir uns immer wieder vergangene Woche gestellt – und waren uns nicht einig.

Jowa sagt: Ich bin enttäuscht

Die Antwort lautet erst mal: Klar. Die Entscheidung, Lagerfeld in irgendeiner Form eine letzte Ehre zu erweisen, ist eine persönliche. Und wer bin ich, das Menschen abzusprechen? Trotzdem war ich in den letzten Tagen ziemlich enttäuscht, als ich durch vielen Posts gescrollt bin. Enttäuscht nicht deswegen, weil ihm so viele Menschen Tribut gezollt haben  das war zu erwarten. Sondern enttäuscht davon, wer ihm alles Tribut gezollt hat. Denn entprechende Posts kamen auch von vielen Menschen, die sich Feminismus und Solidarität ganz groß auf die Fahnen geschrieben haben: Darunter zum Beispiel Model und Aktivistin Adwoa Aboah, die sich seit Jahren vor allem für junge Mädchen einsetzt. Sie dankt Lagerfeld für seine Großzügigkeit und Freundlichkeit dem selben Mann, der sich zum #MeToo-Movement äußerte, indem er den Rat gab, dass man einfach kein Model werden solle, wenn man nicht die Hosen runterlassen will.Und das ist eines seiner harmloseren Statements. In Bezug auf die deutsche Flüchtlingspolitik sagte er vor zwei Jahren, dass Merkel sich mit dem Aufnehmen von Geflüchteten die „Feinde der Juden“ ins Land geholt habe. Außerdem zitierte er in diesem Zusammenhang einen Bekannten, der den Holocaust als die beste deutsche Erfindung bezeichnete und ließ diese Aussage unkommentiert. Hinzu kommen die unzähligen unangebrachten Kommentare über Frauen, die nicht seiner Ästhetik entsprachen: Adele fand er zu fett, Pippa Middleton zu hässlich und Heidi Klum zu billig.

Antonia sagt: Modisch gesehen ein Meister, persönlich sicherlich fragwürdig

Ich verstehe deine Enttäuschung. Viele Aussagen von Karl Lagerfeld waren nicht zeitgemäß, oftmals völlig daneben und schon gar nicht tragbar in Bezug auf die Flüchtlingspolitik oder Rassismus. In keinster Weise gehe ich hier mit ihm d’accord – im Gegenteil, ich verurteile diese Aussagen scharf. Und dennoch, finde ich, muss man hier einen Unterschied machen.

Modisch gesehen gehört Karl Lagerfeld zu einem der letzten großen Modemacher, der die Mode jahrzehntelang prägte und für viele Menschen mit Liebe zur Mode die Verkörperung jener ist. Ob Fendi, Chloé oder Chanel: Karl Lagerfeld ist für viele die Mode und Paris, ein Wegdenken, sein Tod schien unmöglich. Und dass man seinem großen modischen Einfluss nach seinem Tode Tribut und Respekt zollt ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung und richtig.

Ich finde die heutige Cancel Culture wichtig, möchte aber trotzdem eine Grenze ziehen. Menschen, die mit persönlichen Äußerungen moralisch aus dem Rahmen fallen – auch als öffentliche Person –, sollte man in den Dialog nehmen, versuchen, ihnen andere Perspektiven aufzuzeigen und ihre Arbeit (wenn sie großartig ist) trotzdem huldigen dürfen. Anders bedarf es der Umgang mit Menschen, die gegen das Gesetz verstoßen, die Frauen im Rahmen ihrer Arbeit und Macht belästigen, pädophil agieren, Menschen bedrohen oder andere Straftaten begehen. Hier erfordert es eine Rechtssprechung. Ihre Taten sollten Folgen haben, welche – wie wir wissen – leider noch immer viel zu oft ins Leere verlaufen. Und hier finde ich eine Strafe wichtig, und wenn es zumindest ein anderer Blick der Gesellschaft auf ihre Arbeit ist.

Außerdem müssen wir hier auch beachten: Karl Lagerfeld, mit 85 Jahren, gehörte zu einer anderen Generation. Man hätte sicher ein Umdenken einfordern können, doch einen Zeitgeist und Verständnis in Sachen Feminismus erwarte ich hier nicht mehr. Auch wenn sich Alter und fortschrittliches Denken nicht ausschließen, darf man es nicht zwingend voraussetzen. Auch meinen Opa hätte ich gerne in die feministische Diskussion und Verantwortung genommen, aber sicherlich nicht mehr groß in seinem Denken ändern können. Ich hätte seine Aussagen verurteilt, ihn dennoch weiterhin geliebt. Nenn es Milde, die ich hier greifen lasse.

Jowa sagt: Mit großer Macht kommt große Verantwortung

Das mag alles sein, aber einen Punkt darf man dabei nicht außer Acht lassen: Dein Opa war – soweit ich weiß – kein international bekannter Promi, bei dem jede kleinste Äußerung einmal um den Erdball geht. Ich finde, dass jede Person, die sich öffentlich äußert, eine gewisse Verantwortung trägt – egal, ob diese Öffentlichkeit aus 1000 Followern auf Instagram oder, wie bei Lagerfeld, aus einem Milliardenpublikum auf der ganzen Welt besteht. Und wenn eine Person diese Plattform nutzt, um Hass zu verbreiten und Menschen zu diskriminieren, dann habe ich das zu verurteilen – wenn ich mich als intersektionale Feministin oder einfach als Mensch mit Empathie verstehe. Und auch eine große und historisch relevante Leistung – die Lagerfeld mit Sicherheit brachte – darf meiner Meinung nach ein diskriminierendes und hasserfülltes Verhalten nicht ausgleichen. Wo kommen wir sonst hin? Genau diese Inkonsequenz lässt Machtüberschüsse wie die Lagerfelds entstehen und stützt den Status Quo.

Feminismus darf nicht da aufhören, wo er uns gerade nicht in den Kram passt. Manchmal muss man Opfer bringen. Mir ging es ähnlich, als damals die Vorwürfe gegen Louis C.K. laut wurden – er war viele Jahre lang einer meiner größten Helden. Natürlich sind die Taten von Louis C.K. nicht direkt vergleichbar mit Lagerfelds Äußerungen – aber es geht ums Prinzip. Es geht um die Konsequenz. Wenn Feminismus da aufhört, wo er für uns persönlich unbequem wird, dann werden wir damit nicht weit kommen.

Ich jedenfalls werde keine problematischen weißen Typen mehr betrauern – egal, wie historisch relevant sie waren oder wie sehr ich ihre Arbeit mochte. Ich verlange nicht, solche Menschen mit Fackeln aus dem Dorf oder dem Chanel-Headquarter zu jagen – aber es sollte doch zumindest drin sein, sie nicht mehr unreflektiert auf Podeste zu stellen, während man den Rest der Zeit gegen genau solches Verhalten ankämpft. Wieso sollte ich Lagerfeld ein Maß an Respekt zollen, das er mir als linke Feministin mit Kleidergröße 40 niemals hätte zukommen lassen? Schlimm genug, dass die Modewelt ihn schon zu Lebzeiten nicht für seine herzlosen Aussagen kritisierte. Muss man ihn nun zusätzlich post mortem in neue Höhen glorifizieren?

Antonia sagt: Modewelt und Reflexion – das wäre was!

Da hast du absolut Recht, und wie gesagt, auch ich verurteile diese Meinung – ob von meinem Opa, Freunden oder einer öffentlichen Person. Letzteres ist natürlich besonders problematisch, da der Empfängerkreis viel größer ist und mit einer breiten Öffentlichkeit so tendenziöse oder rassistische Meinungen schneller legitimiert oder geachtet werden, was eine Katastrophe ist. Zudem kritisiere auch ich genau das oft bei Influencern, die ihren Einfluss viel zu selten positiv nutzen, sondern stillschweigend über Themen hinweggehen. Aber das ist vielleicht auch das Dilemma, in welchem wir uns befinden.

Die Modewelt ist sicherlich nicht für ihre Reflexion bekannt, zumindest, wenn es um klare Äußerungen geht. Als Modeform an sich schafft sie es zwar immer wieder, in ihrer Kunst und ihrem Auftreten politische wie gesellschaftliche Statements zu setzen – ihre Macher selbst schaffen es aber nur sehr selten, diese auch umzusetzen. Erinnern wir uns nur an jene Spring/Summer 2015 Chanel-Show im September 2014 in Paris, die Feminismus propagierte, aber nur ein Körper- wie Frauenbild auf der sogenannte „Demonstration“ zeigte. Dieser Schlankheitswahn war sicherlich nicht nur bei Karl Lagerfeld manifestiert, sondern ist auch in einem Großteil der Branche der O-Ton. Auch in Modemagazinen und selbst auf Social Media geht es nur sehr langsam bei feministischen Themen voran. Diversity, Vielfalt und Gleichberechtigung ist gerade in der Mode noch weit entfernt, auch wenn sich hier schon viel getan hat. Das soll keine Entschuldigung sein, aber vielleicht die Erwartungshaltung an die Modewelt runterschrauben.

Ich würde gar nicht sagen, dass Lagerfelds Leistungen seine Fehler ausgleichen. Beides sollte aber betrachtet werden, und nebeneinander – auch post mortem – gelten. Karl Lagerfeld war eben beides: ein großartiger Modemeister und manchmal auch der Exzentriker, der Aussagen traf, die nicht tolerierbar sind und aufs Schärfste verurteilt gehören. Vielleicht ist es das, was dich stört: Dass mit seinem Tode nur die positiven Dinge hervorgehoben werden. Aber: Ist es in unserer Gesellschaft nicht immer so?

Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir bei solchen Grenzfällen schon zu Lebzeiten in den Dialog treten, Kritik neben Huldigung gelten lassen und post mortem auch die Schattenseiten erwähnen. Damit wir lernen, Menschen in ihrer Vielfalt zu sehen, mit den großartigen Leistungen genauso wie mit Fehlern und dunklen Seiten. Denn – und da sind wir uns sicher einig – niemand von uns ist unfehlbar.

Jowa sagt: Freifahrtscheine darf’s nicht geben

Ich bin froh, dass du den Begriff „Exzentriker“ erwähnt hast. Denn ich denke, genau darin liegt der Ursprung des Problems: Sein Status als Exzentriker war es, der ihn übermenschlich werden ließ. Man stelle sich vor, irgendein anderer Promi, der diesen Status nicht genießt, hätte sich derartig geäußert. Die Reaktionen wären mit Sicherheit weniger milde ausgefallen. Er war eben mehr als nur der Kreativdirektor eines großen Modehauses. Er war ein Symbol für die Mode selbst – daher fällt es so schwer, dieselben Maßstäbe an ihn anzulegen als an jede andere Person. Und natürlich wollen wir uns nicht an seine hasserfüllten und unreflektierten Kommentare erinnern, sondern lieber an sein legendäres Jogginghosenzitat, seinen Signature-Look, den Namen seiner Katze und seine schnippische Art.

Und es stimmt: Die gesamte Modeindustrie bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm, wenn es um Repräsentation und Feinfühligkeit geht. Aber da kommen wir wieder zur Konsequenz: Wollen wir allein deswegen Freifahrtscheine ausstellen und Menschen der Verantwortung entziehen? Derartige Messages kommen trotzdem auf der ganzen Welt an und verletzen Menschen. Wenn wir das unkommentiert lassen, bedeutet das, dass man sich nur einen Status als Exzentriker erarbeiten muss, um mit solchen Äußerungen davon zu kommen. Daher stimme ich dir in einem Punkt ganz klar zu: Es wäre wünschenswert, wenn wir in Zukunft schon zu Lebzeiten in den Dialog treten. Und hasserfüllte Episoden wie die Lagerfelds auch in Nachrufen nicht unerwähnt lassen oder als bloße Exzentrik abtun.

Die Modewelt scheint nun schon ziemlich lange einen verstaubten Kurs beizubehalten, der von Koryphäen wie Lagerfeld vorgegeben wurde. Eine Erneuerung wäre nicht nur aus modischen Gründen wünschenswert – sie ist auch notwendig, wenn diese Industrie mit dem politischen Klima unserer Zeit mithalten möchte. Mit noch mehr dürren, weißen Models und politisch fragwürdigen Kunstfiguren an der Spitze von Unternehmen wird das jedenfalls nicht gelingen.

Bildcredits: Thanks to Ryan Humphrey

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5 Antworten zu “Wieso wir nichts zu Karl Lagerfelds Tod gesagt haben”

  1. Finde eure Idee, zwei Denkweisen & Argumentationsseiten zu präsentieren, sehr spannend.
    Karl Lagerfeld hat modisch sicherlich eine Rolle gespielt, die nicht kleinzureden ist.
    Persönlich ist jemand, der so über Frauen und andere Gruppen unserer Gesellschaft spricht, einfach ein Vollidiot – ob er Karl Lagerfeld heißt oder nicht.

  2. Coole Art und Weise, sich einem Thema anzunähern! Gerade für ein Thema, das nicht eindimensional und nicht eindeutig zu kategorisieren ist, ist es hilfreich!

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