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Die Essena O’Neill Debatte: Das Leben ist keine Big Brother Show!

4. November 2015 von in

Du warst heute oder gestern im Internet? Dann dürfte auch an dir das Phänomen Essena O’Neill nicht vorbei gegangen sein. Ihr Projekt „Social Media is not real life“ schlägt ein und wühlt die gesamte Branche auf.

Auf Instagram präsentieren wir uns von unserer besten Seite. Essena zum Beispiel zeigte ihren perfekt trainierten, schmalen Muskelbauch auf jedem zweiten Bild, gleichzeitig aber gutes Essen, Sport, ihren wunderschönen (vermutlich gefakten) Freund und schöne Kleidung. Sie erschaffte in Perfektion die Traumwelt, die sich so viele wünschen. Und auch wir machen dreißig Selfies und entscheiden uns für einen Schnappschuss, den wir im Anschluss bearbeiten. Viele fangen an, Essena O’Neill als neues Vorbild vieler junger Mädchen und Jungs zu sehen, die sich bisher zu sehr mit der realitätsfernen Traumwelt sämtlicher Instagram-Stars identifizierten.

Stattdessen möchte Essena mehr aus ihrem realen Leben zeigen. Sie zeigt sich ungeschminkt vor der Kamera, präsentiert sich mit ihrer (vermutlich echten) Schwester glücklich auf einem Bild und viele andere springen auf den Zug auf. Keine Filter, das wahre Leben wird uns vor die Nase geknallt.

Neben der zunächst schönen Bewegung schreit allerdings eine innere Stimme in mir immer lauter: Das Leben ist keine Big Brother Show! Denn das, was plötzlich alle so toll finden – also Transparenz, mit all ihren Ecken und Kanten – hat RTL2 schon vor fünfzehn Jahren verstanden und betreibt es bis heute in Perfektion. Menschen sind voyeuristisch und geilen sich an dem zunächst uninteressanten, echten Privatleben anderer ihnen unbekannten Menschen auf. Ohne Content, ohne Mehrwert, ohne Information. Das wahre Leben (=The Real World, eine amerikanische Show, die seit 1992 auf MTV läuft und bis heute ausgestrahlt wird. Es läuft die 29. Staffel.). Was könnte schließlich spannender sein, als einen bunten Haufen Menschen in eine Villa zu stecken und sie rund um die Uhr zu filmen?

Während ich amerikanische Superskinny-Frauen mit perfekten Haaren, einer riesigen Wohnung, dem perfekten Lifestyle und ausschließlich teuren Klamotten weitgehend ausblende, was vermutlich mitunter an dem Altersunterschied zwischen mir und Essena liegt, brauche ich gleichzeitig auch keine Instagram-Wall voller intimer Fotos. Man muss nicht in der Öffentlichkeit über seine Krankheiten oder seinen Stuhlgang sprechen, um mit Transparenz Zuschauer zu befriedigen oder neu zu gewinnen (obwohl man sich sicher sein kann, dass man damit Follower gewinnt).

Social Media ist dafür da, zu inspirieren und das geht in einem ästhetischen Maße, das weder einer RTL2 Show ähnelt, noch ein Gossip Girl Verschnitt ist. Wichtig ist und bleibt der Content und es gibt tausende Gegenbeispiele für Accounts, die die Balance zwischen Sympathie, Nahbarkeit und Ästhetik halten. Instagram ist nicht der Teufel, sondern das, was viele daraus machen. Verpackt in Matcha Tee – mit, oder ohne Filter.

Spontane Beispiele für Instagram-Accounts mit Seele und Ästhetik:
@tanzekind @pandorasykes @femtastics_official @jessicamaraa @ariofcourse @katja_s @nikejane @sarah_jane @denissegarcia @lacaroline

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17 Antworten zu “Die Essena O’Neill Debatte: Das Leben ist keine Big Brother Show!”

  1. Schöner Beitrag, der das Ganze von der anderen Seite beleuchtet. Ich denke aber auch, dass es eine Alterssache ist. Wenn man nicht mit Social Media in der schwierigen Pubertätszeit aufgewachsen ist, hat man es heute sicher einfacher, einen passenden Umgang mit Instagram & Co. zu haben. Ich finde es aber generell nicht schlecht, dass das Thema diskutiert wird. Um einfach mal wachzurütteln. Und zu zeigen, dass man nicht alles mit jedem in der Welt teilen muss und manche Momente nur uns gehören.
    Liebst, Bina

  2. Du triffst es auf den Punkt (Kompliment an deine Formulierungen, die passender nicht sein können)! Wieso einfach nicht das auf instagram stellen, was einem selbst gefällt, ohne ständig abzuwägen, ob das jetzt zu (un)authentisch, (un)hip, (un)real ist!

  3. Ich stimme Bina in allen Punkten zu.

    Es kommt auch immer auf den Instagram Account und die Zielgruppe drauf an. Wollen wir denn nicht alle schöne Bilder sehen? Ist ein Bild unrealstischer oder seelenlos nur weil ein Filter drauf liegt? Aber ich verstehe sowieso nicht, wie man Accounts folgen kann, die nur Selfies und 6-Pack-Bauchfotos zeigen. Aber da scheine ich auch nicht die Zielgruppe zu sein. Ich kann mich nur wiederholen: die große weite Instagram-Welt ist riesig und es gibt so viele tolle Accounts. Durchkuratiert oder nicht. Nur meine Fuchssocken Abends auf dem Sofa möchte ich nun doch nicht zeigen. Jeder entscheidet selbst. Und das es draußen natürlich (!) noch ein Realleben (mit Fuchssocken!) gibt, sollte klar sein. Als Teenager oder Digital Native kann man das vielleicht noch nicht so gut unterscheiden. Liebe Grüße, Fiona

  4. Ein guter Beitrag! Ich bin da ganz auf deiner Seite! Social Media ist das man selbst daraus macht – niemand muss sich eine Einstellung, einen Lifestyle aufschwätzen lassen. Punkt.

    Liebe Grüße,
    Alena

  5. Danke für den super Beitrag. Ich sehe das genauso. Wie du sagst es gibt ganz viele Accounts die es schaffen die Balance zwischen Sympathie, Nahbarkeit und Ästhetik zu halten.

  6. Super Kolumne, wie immer. Ich finde es schön, wie du die Thematik von einer anderen Seite beleuchtest. Das schwierige an der ganzen Sache ist meiner Meinung nach die Altersfrage. Bereits viele 10-12 Jährige tummeln sich auf solchen Plattformen herum und ich denke in diesem Alter ist es noch relativ schön zwischen Zu viel Information, Absoluter Gestelltheit und dem richtigen Maß an Ästhetik zu differenzieren. Also finde ich es schön, dass das Thema momentan so viel diskutiert wird, das trägt zur selbstständigen Meinungsbildung bei. Hoffe ich. :)

  7. Ich stimme dir absolut zu! Ich finde ihre Aktion leicht over the top aber das liegt wahrscheinlich auch einfach daran, dass sie noch sehr jung ist. Für mich ist eine Plattform wie Instagram immer noch Kunst, und es dürfte mittlerweile wohl jedem klar sein, dass sie nicht die exakte Realität widerspiegelt. Aber von der haben wir doch auch eigentlich genug im Alltag ;)

    Stefanie
    http://www.thefashionrose.com

  8. Wunderbare Amelie. Ich bin ehrlichgesagt enttäuscht von diesem Artikel. Kommt mir so vor, als hättest Du dich gar nicht wirklich mit Essena´s Prozess beschäftigt. Du gibst auch Ihre Geschichte in der Einleitung gar nicht wieder, sondern erwähnst nur Bruchteile davon, auf die Du dann aber eingehst, um eine Position zu beziehen. Um sich über Essena’s Geschichte ein Bild machen zu können, muss man tiefer gehen. Es geht doch in erster Linie überhaupt nicht um Transparenz, es geht nicht darum, dass jetzt jeder nur noch „real-life-fotos“ online stellen soll. Es geht doch darum, dass Essena realisiert hat, dass sie es nicht mehr verantworten kann, ein so eindimensionales, unrealistisches Lebensbild und Frauenbild zu inszenieren, das Millionen von Menschen für bare Münze nehmen; ein Bild, das die Realität mit Illusionen/Lügen speist und die Realität so vieler Menschen vernebelt. Es geht um dieses Lebensbild! Schade, dass Du nicht auf die eigentliche Thematik der ganzen Story eingegangen bist. Ich habe das Gefühl, dass sich viele lieber mit Urteilen über Essena´s Person & ihr radikales Tun echauffieren, anstatt über die eigentlichen Topics zu sprechen. Puuh. Sie will sich nicht mehr selbst von aussen sondern nur noch von innen betrachten. Dass sie ihren Wert nicht mehr an Zahlen misst, dass sie sich befreit. Es geht in Ihrer Geschichte darum, das Ego mit all seinen Illsuionen loszulassen und sich WAHRHAFTIGEN Dingen zu widmen, das Leben wieder neu und ganz aus sich selbst heraus zu leben. Essena bloggt in Zukunft auf letsbegamechangers.com über schwerwiegendeThematiken wie Veganismus, Depression und Körperwahn; Thematiken, die einen echten Mehrwert für diese Welt und die Menschen, die darin leben, bereitstellen.

    Ich hätte es besser gefunden, wenn sich Amazed zu diesem Thema enthalten hätte oder eben richtig recherchiert hätte. Nichts für ungut. Ganz viel Liebe an Euch.

    Larissa

    • Liebe Larissa,
      erst mal danke für deinen Beitrag!
      Das Thema wurde diese Woche so umfassend in der Onlinewelt durchgekaut wie lange kein anderes. Dass ich in meinem Artikel weder die Geschichte Essenas aufgreife, noch Stellung zu ihrer Entscheidung nehme, war eine bewusste Entscheidung – nicht nur, weil man schon zu viel zu diesem Thema gelesen hat, sondern weil es für mich nicht darum geht, diesen natürlich bewundernswerten und sehr notwendigen Lebenswandel zu bewerten oder zu kommentieren. Mir ging es eher um die Reaktionen und Folgerungen, die viele Blogger daraus ziehen. Das hat nichts mit fehlender Recherche zu tun, sondern es ist ein bewusster Kommentar in eine andere Richtung.

      Ich persönlich folge Accounts wie Essenas altem von vornherein gar nicht und brauche deshalb auch kein radikales Umdenken. Social Media und Instagram zu verurteilen halte ich für falsch, und ich wollte darauf hinweisen, dass man sich selbst aussuchen kann, was man ansieht und von was man sich beeinflussen lässt. Ich persönlich finde weder absolute Perfektion gut, noch zu viel Einblick in das reale Leben, sondern die gesunde Mitte, eben die Instagram-Accounts mit Seele und Ästhetik.

      Ich hoffe, du verstehst jetzt besser, was ich mit meinem Beitrag zu dem Thema ausdrücken wollte! :)

  9. Ich habe auf meinem Blog vor einer Weile schon mal über Schein und Sein auf Instagram geschrieben und mich gefragt, wie echt mein Kanal eigentlich ist. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Account so etwas wie mein Poesiealbum ist, in das ich die Dinge klebe, an die ich mich erinnern möchte und die meinem Sinn von Ästhetik entsprechen. Nur weil ich dafür die Bilder aussuche, die mir am besten gefallen und einen Filter drüberlege, heißt das aber nicht, dass darin nicht Persönlichkeit – oder wie du sagst – Seele stecken kann. Ich zeige vielleicht nicht, wie ich auf dem Klo sitze, aber zu Hause mache ich ja auch die Badezimmertür hinter mir zu.

    Wer nun auf den Zug aufspringt und mal für eine Woche auf Filter verzichtet und Pickel zeigt, wird dadurch für mich nicht nahbarer oder echter. Um bei dem Bild mit dem Zug zu bleiben: Der ist in solchen Fällen für mich schon längst abgefahren.

    In einer Sache bin ich mir aber nicht so ganz sicher. Wenn du schreibst „Social Media ist dafür da, zu inspirieren…“, dann mag das für dich der Fall sein und ja, auch für mich. Aber wenn ich mir die ganzen 12Jährigen ansehe, die im Netz unterwegs sind… Ich befürchte, für viele ist „das Mädel auf Instagram“ einfach realer als das Model im Fernsehen oder in der Zeitung und wenn das schon so perfekt ist… Puh, ich finde, das ist ein ganz schwieriges Thema!

  10. kompliment für den text, der ist fantastisch geschrieben! freue mich immer sehr über solche posts, gut recherchierte und treffend formulierte texte sind auf vielen blogs ja leider mangelware.

    und ich kann dir nur zustimmen, diese zur schau gestellte privatheit, die jetzt als antwort auf essenas aktion instagram flutet, finde ich überflüssig. denn fotos a la „schaut her, das ist mein unaufgeräumtes wohzimmer und den pickel hab ich seit heut morgen“ sind doch auch nur eine weitere form von selbst-inszenierung, nur eben in die andere richtung. dabei sollte doch jedem klar sein, dass man social media nicht für bare münze nehmen darf (zumindest hab ich das immer angenommen..)
    für mich ist instagram nach wie vor eine plattform für inspiration und ein ort für gute bilder – ob inszeniert, oder nicht, das ist mir da ziemlich wurscht :)

    viele grüße, amelie
    http://www.thecurlyhead.com

  11. Du hast ja so Recht! Ich hatte mich vor längerer Zeit sehr stark in den Social Media Wahn hineingesteigert und deshalb einfach Instagram aus meinem Leben verbannt. Das war auch gut so – damals. Jetzt habe ich mir die App erneut heruntergeladen und suche nach Inspirationen die auch meinem kritischen Blick standhalten – schöne Bilder, kleine Inspirationen aus dem Alltag, die jedoch nicht an ein Magazin erinnern sollen. Danke für deine tollen Posts – dein Content ist definitiv lesenswert und anspruchsvoll!

    xx, Ana

  12. Es gibt einen Unterschied zwischen Wahrheit (bzw. ungefilterte Realität) und Wahrhaftigkeit. Die ungeschminkte Wahrheit geht nicht unbedingt alle was an (Fuchssocken, Klo etc.) und ist auch nicht unbedingt interessant für
    alle. Wahrhaftigkeit haben aber alle Leser verdient. Und diesem Ziel widerspricht das bewusste Verschweigen relevanter Fakten, wie der Fakt, das ein bestimmter Post, ein Tipp, eine Meinung bezahlt ist. Das Gegenteil von Wahrhaftigkeit ist aber eben trotzdem nicht Wahrheit, im Sinne von das reale Leben in epischer Breite. Nachdem die Online-Medien (Blogs, Social Media und Co) immer stärker die Rolle der alten gedruckten Medien übernehmen, müssen wir alle auch dort einen gewissen Standard durchsetzen. In Deutschland müssen Zeitschriften Werbung ja auch kenntlich machen, sonst drohen Strafen. Warum sollte das online anders sein?

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