Kolumne: Political Correctness – Macht euch mal locker

20. April 2017 von in ,

Viel gehasst, viel diskutiert, selten umfassend beleuchtet: Die verdammte politische Korrektheit. Der Begriff schwirrt uns andauernd im Internet um die Ohren, jede*r hat irgendeine Meinung dazu – aber auch nie so richtig. Das hier ist ein (vermutlich kläglicher) Versuch, das Ganze mal ansatzweise zu Ende zu denken.

Das Political-Correctness-Fass wird in ungefähr jeder Kommentarspalte von Facebook-Seiten großer Nachrichtenplattformen aufgemacht. Tausendfach, jeden Tag. Ich geb es zu: Ich bin selbst noch zu keiner wirklich eindeutigen Meinung gelangt. Das hier ist ein Zwischenbericht. Dennoch würde ich euch gerne an meinem bisherigen Lernprozess teilhaben lassen und dieses scheiß Fass einmal in Ruhe aufmachen, denn das Thema ist wichtig. Wieso? Weil es hier um eine wichtige Kompetenz geht, die man für ein friedliches Miteinander braucht: Empathie. Verfickte Empathie.

Denn eigentlich lässt sich der Terminus der Political Correctness ziemlich problemlos in „Empathie“ übersetzen. Wenn wir das machen – nur so als Gedankenspiel – dann entlarvt das das einiges an Doppelmoral. Menschen, die behaupten, politische Korrektheit wäre übertrieben – die sprechen sich in einer gewissen Weise auch gegen Mitgefühl aus, gegen das Einbeziehen der Perspektiven Anderer.

Wenn Konservative und Rechte politische Korrektheit als Ausdruck einer Art „Sprachpolizei“ darstellen und behaupten, dass das die Meinungsfreiheit einschränke, dann ist das ein perfider Trick: Denn niemand verbietet irgendetwas – jeder darf nach wie vor alle diskriminierenden Begriffe benutzen, die er möchte. Aber es gehört eben auch zur Meinungsfreiheit, wenn ich dann jemanden, der das N-Wort benutzt, als Arschloch bezeichne. Hey, nur meine Meinung!

Political Correctness ist deswegen so verdammt unbeliebt, weil sie eine unangenehme Wahrheit offenlegt: Dass unser Sprachgebrauch (ja, obwohl das „schon immer so war“ und wir „damit groß geworden sind“) tatsächlich diskriminierende Worte beinhaltet, die wir überdenken sollten. Allein daran, sich das einzugestehen, scheitern schon sehr viele Menschen – weil es unbequem ist, und oft weil einfach der Wille zur Empathie und zum Eingestehen der eigenen Privilegien fehlt. Außerdem fühlen sich viele bei dieser Kritik als schlechte Menschen verunglimpft – als Rassisten, Sexisten, oder schlicht als Arschlöcher. Aber man ist kein Arschloch, nur weil man etwas, das einem ein ganzes Leben als normal verkauft wurde, angenommen hat. Das ist okay. Man ist aber vielleicht ein Arschloch, wenn man es aus Stolz und aufgrund des eigenen Egos nicht in Betracht zieht, das Ganze mal zu überdenken. Denn hier geht es nicht um Egos. Es geht um Empathie. Um Anstand, wenn man so will.

 

Und verdammt noch mal, es ist wirklich nicht so viel verlangt. Es braucht ein bisschen Training und Willen, seinen Wortschatz aufzuräumen. Aber es gibt so viele wunderschöne Schimpfwörter in der deutschen Sprache, die sich weder über Menschen mit Behinderung, People of Color, Frauen, Schwule und Lesben oder sonstige Gruppierungen lustig machen, die jeden Tag schon genug Bullshit ertragen müssen. Du musst nicht aufhören zu fluchen – das wäre ja schrecklich! Aber du kannst empathischer fluchen. Next level swearing. Und das verändert auch das Denken: Wenn beispielsweise „schwul“ irgendwann nicht mehr als Beleidigung benutzt wird, dann wird sich auch die Art und Weise ändern, wie wir dieses Wort assoziieren. Und wenn du dir jetzt denkst „Scheiße, wo bleibt denn da der Spaß?“, dann hör jetzt bloß nicht auf zu lesen.

Denn politische Korrektheit, ich sag es nochmal, ist nicht das Selbe wie ein Sprechverbot. Es gibt keine festgeschriebenen Regeln und es wird auch keine Hundertprozentigkeit verlangt. Der Philosoph Slavoj Zizek hat eine interessante Perspektive auf das Thema: Er argumentiert, dass eine „zu konsequente“ Political Correctness letztlich nur zu einer höflicheren (und unsichtbareren) Form von Rassismus, Sexismus und Co. führen würde. Nur weil man Dinge nicht mehr ausspricht, heißt das nicht, dass sie nicht mehr in den Köpfen stecken. Und obwohl es natürlich hilft, Worte nicht mehr zu benutzen, wenn man sie ausmerzen möchte, wäre diese „konsequente“ Herangehensweise erst mal nur eine strikte Bekämpfung der Symptome, aber nicht der Ursachen – besser als nichts, aber eben nicht die Lösung. Er sagt außerdem, dass es hilfreich ist, sich in einer bestimmten Art und Weise über gegenseitige Andersartigkeit lustig zu machen. Diskriminierende Witze – bis zu einem gewissen Grad und in einer (selbst-)ironischen Art und Weise erzählt – können sehr hilfreich sein, um die Spannung der „potentiellen“ Vorurteile zwischen zwei Menschen aufzulösen. Vermutlich kennt das jeder, der selbst von Diskriminierung betroffen ist oder mit jemandem befreundet ist, der zu einer diskriminierten Gruppe gehört: Hat man einen gewissen Grad an Vertrautheit erreicht, kann man gemeinsam herzlich über solche Witze lachen. Und es kann verdammt gut tun, weil es eine Art und Weise ist, mit der Grausamkeit in dieser Welt umzugehen und sie für einen kurzen Moment zu entkräften. Dieser kleine Austausch an Obszönitäten ist für Zizek entscheidend, wenn ein echter, menschlicher Kontakt entstehen soll. Ich finde das sehr nachvollziehbar. Aber: es gibt ein aber.

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Gelegentliches, verbales über-die-Strenge-schlagen empfinden viele (ich eingeschlossen) als lebensnotwendig. Es fördert eine Art von „comic relief“: Indem man sich über schlimme Dinge in der Welt lustig macht, verlieren sie ihre Monstrosität. Es ist etwas Wunderschönes, wenn man sich gemeinsam über eine Sache lustig machen kann, die einem das Leben schwer macht. Manchmal wird man dabei politisch inkorrekt, obwohl man sich sonst immer große Mühe gibt, sich diskriminierende Sprache abzugewöhnen. Die Grenze, die die Situationen, in denen das okay ist, von denen trennt, in denen es nicht okay ist, ist aus Vertrauen gemacht. Wenn ich unter guten Freunden bin, bei denen ich weiß, dass sie mich richtig verstehen, dann kann ein gewisser Grad an politisch inkorrekter Sprache hin und wieder extrem befreiend sein. In Situationen wiederum, in denen man in der Öffentlichkeit steht, ist dieses nötige Vertrauen mit dem Gegenüber – in diesem Fall eine anonyme Masse – ganz sicher nicht gewährleistet. Diesen Fehler machen Menschen dauernd – kürzlich erst gab es eine Diskussion um die Band Kraftklub, die in ihrem neuen Song fröhlich mit dem Begriff „Hure“ um sich werfen. Es gibt ein paar Ausnahmen, die unter den Satirebegriff fallen (wie bei Louis C.K. oder Serdar Somuncu) – aber das ist eine verdammt hohe Kunst, und auch da sind sich nicht alle einig, ob bestimmte Witze zu weit gehen oder nicht.

Es gibt keine Universalregeln, an die man sich halten kann. Erforderlich ist erst mal der Wille, niemandem ungewollt wehzutun, und zweitens ein gewisses Feingefühl, wann etwas angebracht ist und wann nicht. Wenn man die Erfahrung macht, dass man diese Grenze manchmal nicht einzuschätzen weiß – naja, dann sollte man sich vielleicht ein bisschen mehr zügeln. Es ist ein komplexes Problem, das individuelle Lösungen verlangt. Jegliche Form von Schwarz-Weiß-Argumentation (das sind meistens die, die man in Kommentarspalten findet) kann nur zu kurz greifen. Politische Korrektheit – oder auch „verbale Empathie“ – ist ein individuelles und situationsgebundenes Ding. Aber sie ist verdammtnochmal keine Spaßbremse. Sie ist ein Minimum an Anstand. Wenn du gewillt bist, niemandem ungewollt mit deinen Worten wehzutun, solltest du dich mal mit ihr auseinandersetzen. Entspann dich. Es ist echt nicht so schwer. Und sie wird dir nicht den Spaß verderben. Versprochen.

14 Antworten zu “Kolumne: Political Correctness – Macht euch mal locker”

  1. Ist es wirklich notwendig so viel zu fluchen („verfickte Empathie“, „verdammt nochmal“..)? Soll mir dass die Brisanz und Dringlichkeit des Themas verdeutlichen? Oder ist das ein stilistisches Mittel der Jugendsprache?

    • Liebe Clara, der Artikel richtet sich an Personen, die einfach gerne fluchen und bietet damit tolle Beispiele, wie man fluchen kann, ohne bestimmte Gruppierungen dabei zu diskriminieren. Die Fluchereien sind also in diesem Kontext bewusst gewählt.

      Liebe Grüße!

  2. Ich liebe es, dass hier dieses Thema angesprochen wird!
    Über das ständig präsente Fluchen mit Diskriminierung habe ich mir in letzter Zeit auch viele Gedanken gemacht, vor allem, wenn man immer wieder ein paar lose Mundwerke in die Richtung, am Bahnsteig mitbekommt. Es kann Spaß machen zu fluchen, es ist manchmal befreiend zu fluchen, aber letztendlich ist es schlichtweg unnötig dabei andere zu diskriminieren!
    Liebe Grüße
    Helena http://bluelionne.blogspot.de/

  3. Überlege gerade, ob man den Begriff „Schwarz-Weiß-Argumentation“ noch benutzen darf oder ob man damit schon politisch unkorrekt wird.

    ;)

    Ganz im Ernst, aber derzeit weiss doch niemand mehr, was man eigentlich zu etwas sagen soll und was „besser“ nicht.
    Was mir aber am meisten mißfällt, ist der Umstand, dass es (mal wieder) einige wenige sind, die diese sogenannten Regeln aufstellen, an denen sich die Mehrheit dann bitte orientieren möge, wenn sie nicht anecken oder unter Strafe gestellt werden will.
    Bis man heute in einer öffentlichen Sendung einen ganzen (politisch-korrekten) Satz zusammenhat bei all den Anhängen, die man neuerdings benutzen soll (blablabla mit Migrationshintergrund….), ist die Sendezeit für die anderen rum.

    So ein überzogener Quark. Meine Meinung. Man kann wie immer alles übertreiben.
    LG Salzstreuerin

    • Aber genau um „Regeln aufstellen“ geht es ja nicht. Unter Strafe gestellt wird gar nichts – wenn Leute dich aber wegen deiner Sprache ermahnen, dann ist das ihr gutes Recht, denn das gehört auch zur allgemeinen Meinungsfreiheit.

      Du musst ja nicht gleich ALLE Wörter, die ANSATZWEISE fragwürdig sein könnten, aus deinem Wortschatz streichen. Das verlangt niemand. Du kannst auch einfach erst mal mit ganz alltäglichem Zeug anfangen, wie zum Beispiel nicht mehr „schwul“ oder „behindert“ als Schimpfwörter benutzen. Sich dagegen zu wehren, einfach weil man keinen Bock drauf hat oder nicht einsieht, dass es wichtig ist – das fänd ich persönlich ganz schön daneben. Meine Meinung.

  4. Hey Johanna,
    Ein ganz ausgezeichneter Artikel. Manches hab ich auch schon so gedacht oder in der Diskussion mit anderen geäußert – aber so auf den Punkt gebracht und zusammengefügt habe ich das noch nicht. Vielen Dank dafür und ich bin so was von Deiner Meinung. Die Spachpolizei- und Man-wird-ja-wohl-noch-Argumente sind letztlich immer ein Zeichen von U Sicherheit oder ein Versuch, sich von aller Empathie befreit gemein benehmen zu dürfen.

  5. Hallo Johanna,
    ich habe mit meinem Kommentar nicht dich gemeint, sondern die verkrampfte Sprache im Allgemeinen und die vielen Verklausulierungen, die seit einiger Zeit kursieren (zB mobile ethnische Minderheit, da konnte man früher Sinti & Roma sagen; und was um Himmelswillen ist am Wort Ausländer schlimm? Warum gibt es nun dieses: „mit Migrationshintergrund“-Gefasel“?
    Sowas kommt mir nicht über die Lippen. Ich lebte Jahre in der Schweiz und besass einen Ausländerausweis; auf dem genau das auch draufstand: Ausländerausweis. WO ist das Problem?
    Wer bitte denkt sich so ein Zeug aus.

    Auch der Schwachsinn, dass nun alle Geschlechter ausgesprochen werden, das halte ich alles für derart überzogen, dass es auf mich nur noch peinlich und verkrampft wirkt.
    Man kann bei allem auch übertreiben und es damit ins Lächerliche ziehen.

    Meine Schimpfworte sind Lappen, Opfer und Spacko.
    Mal sehen, was es für Alternativen gibt, denn zB Lappen sind sicher sensible textile Gebilde, die sich auch verletzt fühlen könnten :)
    LG Ava

    • „Lappen“ ist das beste Schimpfwort alle Zeiten. „Spacko“ hingegen find ich wieder grenzwertig, aber wie gesagt: One Schimpfwort at a time. Die Hauptsache ist erst mal, dass man sich dem Thema öffnet und nicht in Abwehrhaltung gerät.

    • Wie gesagt: Verboten ist nichts, du kannst dir selbst überlegen, ob du das Wort benutzen möchtest oder nicht. Aber wenn dich dann jemand kritisiert, weil du „Zigeunerschnitzel“ sagst, dann musst du damit umgehen können. Ich persönlich vermeide das Wort lieber, der Konsequenz wegen.

  6. Vielen Dank für die erhellenden Ansichten zu dem Thema.
    In einem Diskussionsforum zum Thema Fotografie (d.r.f.) zeigte kürzlich ein Regular ein Schwarzweißbild mit dem stark geschminkten Mund einer Frau, die Polaroidbilder (Portraits) von sich selbst wie einen Fächer in ihrer Hand vor das Gesicht hält.

    Auf mich wirkte der stark geschminkte Mund „sinnlich“ und ich habe das in meiner (zuvor vom Autor erwünschten!) Bildkritik auch so formuliert, da es mich interessiert hat, auf welcheWeise und mit welchen stilistischen Mitteln diese Wirkung erzielt wurde.

    Das Thema wurde dann aber nicht weiter diskutiert, da der Autor selbst es sich verbat, diese (mir tatsächlich ansonsten vollkommen unbekannte) Frau nur „auf ihre Körperöffnungen zu reduzieren“.

    Im Ergebnis fand dann anschliessend überhaupt kein Austausch mehr zu dem Thema statt; auch nicht wie es zur erotisch sinnlichen Wirkung in dieser Aufnahme kam.

    Ich frage mich nun ernsthaft, sollten dann solche Motive überhaupt noch diskutiert, ja sollten sie überhaupt noch gezeigt – besser: sollten sie überhaupt noch fotografiert werden, wenn die Absicht dahinter zum wesentlichen Teil die Darstellung von Ästhetik, sublimer Erotik oder gar subtiler Sinnlichkeit ist?
    Alle Bilder können grundsätzlich auch emotionalisierend wirken – traurig, beglückend, lustig, ekelerregend, natürlich aber auch sinnlich etc.
    Dürfen sie das?

    Wenn ja – egal ob Aufnahmen von Frauen, Männern oder Kindern – wie soll man darüber politisch korrekt diskutieren?

    BTW: Ich habe mich dann – wie viele andere auch – einfach garnicht mehr an der Diskussion beteiligt.
    Folge: die Diskussionsgruppe stirbt gerade allmählich mangels Inhalten.

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