Mindful Eating: „Es wäre wahnsinnig schön, wenn jeder so sein dürfte, wie er eben ist“

5. Juli 2017 von in

Photocredit: PlantsonPink, Kidsboetik

Sich zu umarmen, den eigenen Körper wieder zu akzeptieren und vor allem zu lieben, das ist das Ziel von der #Bodypositivity-Strömung. Wir als Gesellschaft können alle anfangen, uns und unser Gegenüber mit anderen Augen zu sehen. Essen endlich wieder Essen sein lassen – und keine Challenge, wer nun am schlankesten ist.
Im ersten Interview mit Coach & Therapeutin Lea Vogel ging es um die Themen, warum wir alle – vor allem Frauen – uns so oft reglementieren, wenn es ums Essen geht, wieso Essen so einen hohen emotionalen Faktor in unserer Gesellschaft hat und warum es so wichtig ist, sich mit seinem Körper anzufreunden, statt ihn ständig zu hassen.
Heute soll es darum gehen, wie wir es schaffen, die Selbstliebe zu finden, welche Wege es gibt, aus dem Teufelskreis von Reglementierung herauszukommen und vor allem, was jeder von uns tun kann, damit ein Umdenken stattfindet!

Was ist ein erster Schritt in Richtung „Körper, ich mag dich?“
Lea: Es ist für uns alltäglich, dennoch bin ich immer wieder sehr traurig, wenn ich sehe, wie normal es geworden ist, dass wir wütend oder sogar traurig aus Umkleidekabinen kommen, weil wir unseren Körper einfach wirklich zutiefst ablehnen. Es gibt Menschen, die sagen: Ich hasse meinen Bauch. Ich hasse meine Oberschenkel. An dieser Stelle kann der erste kleine Minischritt stattfinden. Für mich hat ein ganz langsames Umdenken geholfen. Fragen wie: Warum habe ich genau in diesem Körper? Was kann er? Was leistet er tagtäglich für mich? Das sind erste Schritte, die weit schwerer sind, als sie klingen. Aber hier den Switch von Scham und Ablehnung hin zu Liebe zu finden, und seinen Körper wieder zu mögen, sich ihm anzunähern und Freundschaft zu schließen, das wäre das Ziel.

„Es ist doch verrückt, dass wir uns so oft für unseren Körper schämen“

Und da muss die Gesellschaft sich definitiv verändern.
Lea: Absolut. Hier müssen nicht nur Menschen, die sich mit Essen beschäftigen, umdenken, sondern wir alle. Es ist doch verrückt, dass wir uns so oft für unseren Körper schämen. Ich finde es traurig, dass eine Frau, die gerade ein Kind geboren hat, sich schämt, an den Strand zu gehen, weil sie nicht mehr so aussieht, wie vorher. Dabei hat der Körper gerade was ganz ganz großartiges getan. Es erzeugt so wahnsinnig viel Druck und eine wahnsinnige Heimlichkeit. Gäbe es nicht einen so großen Druck von Außen, wäre der innere Druck auch kleiner.

Tatsächlich spricht ja auch kaum jemand darüber, dass er sich mehr als nötig mit dem Thema Essen auseinandersetzt.
Lea: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen, die mit dem Essen ein Thema haben, leider nicht darüber sprechen. Genau diese Heimlichkeit befeuert allerdings den Teufelskreis.

Was ich ganz spannend fand, dass so viele Frauen so dankbar waren, dass mit dem Film Embrace endlich dieses Thema über den Druck angesprochen wurde. Also aus der Heimlichkeit herausgeholt wurde.
Lea: Oh ja, ich war auch sehr dankbar. Es zeigt doch nur allzu deutlich, dass wir uns alle eigentlich wünschen, uns und unseren Körper so akzeptieren zu können. Das ‚Idealbild’ der Frau, das in den Nuller Jahren mit Kate Moss begonnen hat, zeigt eine burschikose Frau mit wenig Kurven. Das Ganze wird jetzt noch durch die Thigh Gap ergänzt. Wenn man es genau nimmt, ist es albern, dass die Gesellschaft uns vorgibt, so auszusehen. Wir dürfen zwar unterschiedliche Haarfarben haben, aber nicht unterschiedliche Körper. Das kann doch nur zu Druck und Inakzeptanz führen.

„Umdenken: Welchen Dienst hat mein Körper mir heute schon geleistet?“

Und wie sieht der Weg daraus aus – neben Filmen wie Embrace?
Lea: Mir hat es geholfen, dass ich mir mehr und mehr klar gemacht habe, dass mein Essverhalten nicht mehr natürlich (im wahren Sinne des Wortes) war. Dann habe ich mich gefragt: Mal angenommen, ich würde keine Regeln zum Thema Essverhalten kennen, was wäre für mich natürlich? Und von dort aus ging die Reise los.
Sich den Gedanken zu erlauben, dass es nicht normal sein muss, dass Frauen sich immer maßregeln, um einem Ideal zu entsprechen, kann ein erster Schritt sein. Und wenn ich gerade wieder dabei war, mich und meinen Körper zu verurteilen, dann habe ich mich gezwungen, umzudenken: Welchen Dienst hat mein Körper mir heute schon geleistet? Dank meiner starken Oberschenkel kann ich zum Beispiel viel Fahrrad fahren – es geht um eine innere Haltung, die jeder für sich selbst verändern kann.

Es soll ja auf keinen Fall heißen: Bitte nie mehr Sport, bitte keine gesunde Ernährung. Im Gegenteil. Vielleicht eher. Was ist die Motivation dahinter? Wenn du Bock darauf hast, mach es.
Lea: Genau. Ich mache zum Beispiel viel mehr Sport als früher – einfach, weil ich auch mehr Kraft dazu habe. Aber die Haltung dazu hat sich geändert. Ich ernähre mich gesund, weil ich meinen Körper mag. Nicht, um ihn zu maßregeln. Und wenn es Ausnahmen und andere Tage gibt, dann ist das eben genauso ok.

Wie sieht denn dann der Weg aus, Freundschaft mit sich und seinem Körper zu schließen?
Lea: Auch wenn es wie eine Phrase klingt: Es geht um die bewusste Entscheidung, einen neuen Weg zu gehen, sich freizustrampeln aus einem viel zu eng gewordenen Korsett namens Idealkörper. Dafür müssen wir allerdings auch alte Glaubensmuster loslassen und das kann zuweilen beängstigend sein. Denn anstelle von festgefahrenen Regeln und Idealen braucht es dann einen Ersatz: Vertrauen. Ins eigene Ich, in die eigene Identität und in den eigenen Wert, der nicht an Bedingungen gekoppelt ist.
Auf diesem Weg machen allerdings viele die Erfahrung, dass unter dem Wunsch nach einem gewissen Gewicht auch weitere unbefriedigte Bedürfnisse stecken können. Vielleicht möchte man sich durch eine gewisse ‚Schutzschicht’ an Kilos ganz unbewusst vor der Außenwelt schützen, weil man nie gelernt hat, gut für sich einzustehen. Vielleicht möchte man dünn sein, um wenig aufzufallen, um die eigene Weiblichkeit zu verneinen. Es ist natürlich nicht immer so 1:1 übersetzbar und vor allem nicht immer direkt greifbar, aber oftmals liegt der Hund eben woanders begraben als dort, wo wir suchen. Der erste Schritt kann daher die Frage sein: Will ich tiefer an diese Themen? Bin ich dazu bereit?

Das dauert aber, oder?
Lea: Das ist ein Prozess, genau. Ich empfehle auch immer: Redet mit jemanden. Holt das Thema aus der Heimlichkeit, tauscht euch aus. Diese ganze Essens-Thematik lebt von Heimlichkeit, und Heimlichkeit ist der Treibstoff. Besonders betroffen sind perfektionistische Frauen, die erfolgreich und ambitioniert sind – ihnen merkt man häufig nicht an, dass das ganze Ideal auch sehr anstrengend sein kann. Diesen Deckmantel abzulegen und sich die Erlaubnis zu geben, mal zu sein und nicht noch irgendwas werden zu müssen, könnte schon helfen. Nehmt euch den Druck – wir alle sind beeinflussbar und es braucht noch mehr Mutige, die offen dazu stehen!

Wie finde ich denn zur Selbstliebe?
Lea: Ich glaube, Selbstliebe ist zu Beginn eine Entscheidung, die wir Tag für Tag treffen können.
Häufig wissen wir theoretisch, dass wir eigentlich ok sind und dass andere auch Fehler haben – wir fühlen es aber anders und dieses Gefühl führt zur Ablehnung. Theoretisch weiß man das alles. Auch ich wusste das damals alles, aber das Gefühl war viel stärker. Also bleibt die Frage: Wie bekommt man hier den Switch auch zum Gefühl hin? An dieser Stelle beziehe ich in meiner Arbeit nicht nur den Kopf, sondern auch die verschiedenen inneren Anteile und auch den Körper mit ein. Auf diese Weise kann es gelingen, auch tief verankerte Glaubenssätze und Prägungen zu lösen und auch die inneren Bedürfnisse freizulegen, die vielleicht verschüttet wurden. Das soll gar nicht so pathologisch klingen, denn es ist eigentlich simpel: Wir wurden im Laufe unseren Lebens durch die Welt geprägt. Dadurch ist ein Bild davon entstanden, wie wir glauben sein zu müssen. Wenn wir davon abweichen, treibt uns der Kritiker so lange an, bis wir das unerreichbare Ziel erreichen. Wir kämpfen oft gegen Windmühlen und nehmen uns die Chance, uns voll zu entfalten. Dabei verlieren wir Selbstbewusstsein, das wir so dringend bräuchten. Um den Kreis zu durchbrechen, machen wir uns auf den Weg zu dem, was wir eigentlich sind und gelangen dabei nicht selten zu deutlich mehr Akzeptanz und Leichtigkeit.

„Höre auf deinen Körper. Er ist kein gefräßiges Monster, das nie genug bekommt.“

Also liegt die Lösung, im eigenen Spüren des Körpers und im Lernen, auf den Körper zu hören.
Lea: Ganz genau. Höre auf Deinen Körper. Er ist kein gefräßiges Monster, das nie genug bekommt. Und lerne zu unterscheiden, wann Dein Köper und wann Deine Seele spricht. Wenn Du beispielsweise ein Stück Kuchen gegessen hast und noch unbefriedigt bist, obwohl Du körperlich schon ganz satt bist, kann kannst Du Dich fragen: Wo spüre ich das Verlangen nach mehr? Oder ist es vielleicht viel mehr ein Gefühl, das mir der Kuchen gibt?
Wenn man lernt, auf den Körper zu hören und ihn anzunehmen, kann man auch das wieder Leben auskosten, sich frei fühlen, im Bikini beispielsweise oder im Beisein anderer Frauen – und das führt dazu, dass man emotional gefüllter ist – und beispielsweise Essen als Gefühl gar nicht mehr braucht. Vielleicht kennst Du das vom Verliebtsein? Man ist emotional so gefüllt, dass Essen sekundär wird – man braucht es nicht mehr so sehr. Dieses emotionale Fülle gilt es dann auch in den Alltag zu übertragen.

Wie können wir als Gesellschaft agieren, dass es uns allen leichter fällt, uns mehr zu mögen? Wir kennen es ja, das Lob kommt, wenn man beispielsweise abgenommen hat. Gegenteilig heißt es eher: Also, du isst ja heute viel. Das prallt ja an niemanden ab.
Lea: Obwohl ich weiß, wie schwer der Wandel sein wird, träume ich von einer Welt, in der viel mehr Körperakzeptanz vorherrscht. Ich stelle mir immer die Frage, wie ich meine Tochter großziehen würde? Mit welchen Werten und mit welchem Gefühl zu sich? Ich würde versuchen, ihr ein positives Vorbild zu sein und ihr zu erklären, dass Körper vielschichtig und wandelbar sind. Ich würde versuchen, den Fokus nicht auf das Äußere, sondern auf das Wesen zu legen. Ein guter, starker und gesunder Körper ist wichtig, um uns durch die Welt zu tragen, aber er ist nichts, wofür man einen Orden bekommen sollte. Wer mit sich im Reinen ist, ist weniger beobachtend und erfahrungsgemäß auch toleranter. Ich glaube daher, dass jeder gut zu sich sein muss, um einen Wandel in der Gesellschaft zu bewirken. Und wenn der Fokus auch wieder mehr auf Fähigkeiten und Wesenszügen liegt statt nur auf Gewicht und Optik, dann kann sich – jeder für sich – wieder mehr Freiheit erkämpfen.

Wenn also jemand zu mir sagt: „Du bist aber auch breiter geworden“, kann das schon erschüttern. Selbst wenn man kopfmässig weiß, das ist Schmarrn.
Lea: Oha, ja. Ich würde mir wünschen, dass sich jeder solche Kommentare einfach spart! Das Gegenüber auf Äußerlichkeiten zu beschränken, ist sinnlos und irgendwie auch unangemessen. Da wir uns vor solchen Kommentaren aber nicht immer schützen können, ist es wichtig, erst einmal ein absolut gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen. Das entzieht schon mal wahnsinnig viel Nährboden. Trotzdem kann es uns auch mal auf dem falschen Fuß erwischen – und dann muss man kurz gucken: Warum verletzt mich das jetzt? Und dann heißt es: Extra Freundschaft für einen selbst.

Hilft es dann, dem Gegenüber zu sagen: Das hat mich gerade verletzt. Um vielleicht eine Sensibilisierung zu schaffen?
Lea: Das ist ein wichtiger Punkt. Indem man es anspricht, gibt an damit dem Gegenüber die Möglichkeit, seine Feinfühligkeit zu schärfen. Und es ist auch gut, in dem Moment für sich ein Gefühl einzugestehen und am Ende für sich einzustehen. Wir verbalisieren damit, was wir fühlen. Das ist dann ein sehr erwachsener Schritt.

Das ist sicherlich nicht einfach. Aber ich glaube, es ist wichtig, das Umfeld zu sensibilisieren, was Worte auslösen können. Dass die ständige Beurteilung unserer Körper eben auch etwas mit Menschen macht. Ich fände es schön, wenn wir als Gesellschaft uns wieder mehr auf andere Fähigkeiten fokussieren.
Lea: Absolut. Wir könnten beispielsweise auch aufhören, unsere Kinder zu loben, weil / wenn sie schön aussehen. Es wird wahnsinnig viel ans Äußere geknüpft. Viel schöner wäre es ja, wenn man sagt: Toll, wie du diese Aufgabe geschafft hast. Oder: Toll, wie klug du bist.
Wenn wir den Fokus auf Fähigkeiten setzen, schaffen wir vielleicht im Kleinen die Veränderung. Unser Körper ist ja auch keine Statue, sondern er leistet eben eine Funktion. Er trägt uns durchs Leben – und es ist nicht seine alleinige Bestimmung, schön auszusehen. Natürlich muss man nicht jedem Schlanken unterstellen, dass seine Priorität der Körper ist, denn das wäre dann die Kehrseite des Ganzen und auch wieder extrem. Es wäre einfach wahnsinnig schön, wenn jeder so sein dürfte, wie er eben ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Danke an die wunderbare Lea Vogel. Alles zu ihr und noch mehr zum Thema Mindfuleating erfahrt ihr hier.

Und hier geht’s nochmal zu Teil 1 des Interviews.

3 Antworten zu “Mindful Eating: „Es wäre wahnsinnig schön, wenn jeder so sein dürfte, wie er eben ist“”

  1. Ich mochte die beiden Interviews sehr, Lea hat sehr viel Wichtiges und meiner Meinung nach auch Richtiges gesagt. Als angehende Pädagogin finde ich aber den Punkt mit dem “ Kindern nicht sagen, dass sie schön aussehen“ schwierig. Ich finde, man darf bzw. muss nicht ständig drauf hinweisen. Viel wichtiger ist ja, welches Körperbild man als Eltern vorlebt, wie oder ob überhaupt über die Körper anderer (Frauen) gesprochen wird. Da wird der Tochter ein Kompliment gemacht und dann zeigt man auf eine fremde Frau und sagt: Naja, ob die sich das Stück Kuchen leisten kann. Kinder sollen schon hören dürfen, dass man sie süß/hübsch findet. Das Maß finde ich ist entscheidend und das man es bedingungslos meint und nicht, weil das Kind gerade abgenommen hat oder so was. Die Sache mit dem Lob oder den Komplimenten ist ja eine heikle Debatte, aber ich weiß gar nicht, ob es auf diese Weise zu einem besseren Bewusstsein für den eigenen Körper führt- Ich sehe allerdings auch ein, das andere Dinge zu loben, die etwas mit der Persönlichkeit oder Fähigkeiten zu tun haben, viel viel bedeutender sind. Aber gerade, wenn man sich (auch so als Teenie-Mädel, weiß ich noch sehr gut) mal nicht so hübsch findet, it happens, ist es nicht schlimm, wenn Mama mal sagt, dass sie einen hübsch findet.
    Sehr gut ausgewählte Thema!

    • Absolut – ich denke, hier ist das Maß der Dinge entscheidet.
      Es ist einfach oft sehr auffällig, dass Mädchen über ihr Äußeres gelobt werden, bei Jungen es aber die Fähigkeiten sind. Da sind wir aber ebenso in der Feminismus-Debatte, sprich: Ich stimme dir zu, dass man hier nicht komplett darauf verzichten muss – und die Teenagermama auch gerne dem Teenie gut zureden soll. Aber es darf nicht das einzige sein, worüber man sich definiert. Aber ich denke, da sind wir sowieso einer Meinung(und Lea sicher auch :))

      Schön, dass es dir gefallen hat – in Zukunft kommt noch mehr zu der Thematik!
      Liebe Grüße!

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