YOUR VOTE: Im Gespräch mit Katja Kipping (Die Linke) über Feminismus in Deutschland und Frauen in der Politik

28. August 2017 von in

Für uns war immer klar: Die Bundestagswahl wird und muss auf amazed stattfinden. Unsere Wahl-Serie Your Vote fasst jede Woche die wichtigsten Fakten zur Bundestagswahl zusammen, erklärt, wie und was man wählen kann und die Inhalte der Wahlprogramme. Mehr sein als ein hübsches Gesicht sein, beweisen, dass sich Intelligenz und die Leidenschaft für die schönen Dinge dieser Welt nicht ausschließen, den Einfluss verantwortlich nutzen, das ist seit Beginn die Message von amazed.
Modeblogger und Politik? Funktioniert das denn? Wir denken ja.
Auch weibliche Politikerinnen werden heute oft noch auf den ersten Blick über ihre Optik beurteilt, inhaltliche Kompetenz zählt erst im zweiten Schritt. Dass man Frau sein kann, Mutter und gleichzeitig auch Spitzenpolitikerin – das beweisen noch viel zu wenige Frauen an der Spitze der deutschen Politik. Im Rahmen der Bundestagswahl und unserer Serie Your Vote haben wir die Gelegenheit genutzt und uns mit Katja Kipping, der Parteivorsitzenden der Linken, über Feminismus in Deutschland, das Politiker-Dasein als Frau sowie Gleichberechtigung und Veränderungen in der Politik gesprochen. 

Feminismus ist ja mittlerweile im Mainstream angekommen. Modelabels machen T-Shirts mit feministischen Aussprüchen, wir Frauen haben bereits viel erreicht und manch einer würde vielleicht sogar behaupten: „Jetzt reichts dann aber auch schon wieder.“ Wie sieht es denn mit dem Feminismus in Deutschland aus?
Kipping: Einerseits haben die Frauenbewegung und die Feministinnen bereits viel erkämpft. Zum Beispiel: Für junge Eltern ist es wenigstens in der Theorie ganz klar, dass sich beide um die Erziehung der Kinder kümmern. Die Berufstätigkeit der Frau ist mittlerweile selbstverständlich. Wir haben zumindest eine Quote light in den größten Unternehmen. Da ist schon deutlich was passiert. Ebenso im Bereich des Schutzes der Frau bei sexueller Belästigung. Doch im Vergleich gibt es immer noch viel zu erkämpfen. Zum einen haben wir immer noch einen Lohnunterschied von 21 Prozent, welcher wiederum zu einem großen Unterschied bei der Rente führt. Die Verteilung der Tätigkeiten ist immer noch sehr ungerecht, Frauen leisten im Durchschnitt doppelt so viel unbezahlte Pflege- und Erziehungsarbeit, und drittens gibt es in den einflussreichen Bereichen wie Politik und Wirtschaft immer noch subtile Diskriminierung.

„Wir erleben gerade eine Konterrevolution – durch konservative und rechtspopulistische Parteien.“

Haben Sie hierfür ein Beispiel?
Ja, wenn ein Mann und eine Frau sich streiten. Er hat eine tiefe, sie sehr wahrscheinlich eine höhere Stimme. Es wird dann, ohne das die Leute wirklich reflektieren, dem Mann unterstellt, dass er wisse, wovon er rede. Meistens aus dem einfachen Grund, weil er breitbeinig dasteht und eine tiefe Stimme hat. Da kann die Frau dreimal so gründlich die Studie gelesen haben. Das ist leider genauso oberflächlich in der Wahrnehmung, wie es klingt.
Auch bei den Professorenstellen sind Frauen immer noch eine eklatante Minderheit. Da kann man noch lange nicht davon reden, dass es mit dem Feminismus jetzt reiche. Außerdem kommt noch hinzu, dass wir gerade eine Konterrevolution erleben – durch konservative und rechtspopulistische Parteien wie die AfD, deren Mitglieder sich tatsächlich bedroht fühlen, durch das, was die Frauenbewegung erkämpft hat. Deshalb bin ich der Meinung, dass es unter Männern und Frauen deutlich mehr Feminismus geben sollte.

Glauben Sie denn bei der Konterbewegung, dass es nur die Männer sind, die Angst vor der emanzipierten Frau haben, oder gibt es hier vielleicht auch Frauen, die gar nicht so feministisch agieren wollen?
Schon Simone de Beauvoir schrieb von Frauen, die eine Komplizenschaft mit dem Patriarchat hegen. Das gilt leider bis heute. Ich würde aber sagen, dass die Federführung an aggressiven Reaktionen im Netz und im öffentlichen Raum, eindeutig Männer innehaben. Beispielsweise, wenn ich etwas zu Frauenrechten oder dem 8. März in den sozialen Netzwerken poste, gibt es extreme Aversion mit vielen persönlichen Angriffen und Grenzüberschreitungen. Genauso erzählen Satiriker, dass sie die größten Shitstorms erleben, wenn sie etwas zum Thema Feminismus zum Besten geben.

Wo kann hier die Politik ansetzen, um eine noch größere Akzeptanz in der gesamten Gesellschaft zu schaffen?
Wandel wird vorangebracht, indem man Vorbilder schafft und festgefahrene Muster durchbricht. Als ich zur Parteivorsitzenden gewählt wurde, habe ich deshalb damals ganz klar gesagt, dass ich nicht in die Defensive gehe und mich dafür entschuldige, Parteivorsitzende und Mutter zu sein. Im Gegenteil. Ich hab ganz bewusst gesagt, dass sich nicht Frauen wie ich, die aktive Elternschaft und Führungsposition verbinden wollen, entschuldigen müssen. Es müssen sich diejenigen erklären, die 24/7 oder 90 Stunden pro Woche zum Standard erheben. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass man jegliche Erziehungs- und Führsorgeaufgaben outsourcen müsste – oder sie – meistens dann eben auf die Partnerin – abwälzt. Aber gerade in Führungspositionen sollten doch auch Menschen sitzen, die um das alltägliche Leben wissen.

„Die Arbeitswoche der Zukunft sollte für beide aus 30 Stunden pro Woche bestehen.“

Was wäre hier eine Lösung?
Die beste Lösung finde ich immer noch die 4-in-1-Perspektive von Frigga HauG. Die sagt, dass im Leben von Männern wie Frauen gleichermaßen Zeit sein sollte für vier gleichwertige Tätigkeitsbereiche. 1. Erwerbsarbeit 2. Familienarbeit 3.gesellschaftliches und politisches Engagement und 4. auch Zeit für sich selbst, Muße oder Weiterbildung. Damit so etwas möglich wird, muss sich noch einiges gesellschaftlich ändern. Ein ganz wichtiger Schritt wäre aus der Sicht der Linken die radikale Arbeitszeitverkürzung. Die Arbeitswoche der Zukunft sollte für beide aus 30 Stunden pro Woche bestehen. Dann hätten auch die Männer mehr Zeit für Pflege und Familienarbeit. Es muss auch weiter die Möglichkeit der selbstbestimmten Arbeitszeitverkürzung bestehen. Deswegen fordert Die Linke das Recht auf zwei Sabbatical im Laufe eines Arbeitslebens. Eine Auszeit wahrnehmen, um sich neu zu orientieren, sich zu sammeln oder auch, um sich weiterzubilden.



In der Theorie können Männer Vaterschaftsurlaub nehmen, dennoch nehmen viele Väter nur maximal zwei Monate Elternzeit, andere wiederum trauen es sich nicht, aus Angst vor den Kollegen als „Weichei“ abgestempelt zu werden. Da muss sich noch viel tun – in anderen europäischen Ländern wie Island gibt es aber mittlerweile verpflichtende Elternzeit für beide Geschlechter. Ist das eine Lösung als Weg zur Gleichstellung?

Über so etwas sollte man auf jeden Fall diskutieren. Ich persönlich finde eine andere Reformalternative fast noch besser: Wir unterstützen besonders wenn beide Eltern auf Teilzeit in den ersten Lebensjahren des Kindes gehen. Dafür habe ich lange Zeit geworben. Beide Eltern haben weiterhin den Fuß im Berufsleben, beide haben aber auch Zeit für ihr Kind. Das ist wichtig, denn gerade in den ersten Monaten nach der Geburt etablieren sich oft Gewohnheiten, wer sich wann und wie oft um das Kind kümmert. Ich finde auch hier sind junge Väter gefragt, die mit guten Beispielen vorangehen. Ich sage: die wahren Helden sind diejenigen, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, dass sie jede zweite Windel wechseln. Die gibt es glücklicherweise auch – und die muss man auch würdigen.

„Ein Gesetz für Gleichberechtigung wird nicht ausreichen“

Oftmals sind diese bisher nicht so sichtbar, richtig?
Ja, aber ich habe auch eine ermutigende Beobachtung gemacht. Ich spreche ja im Wahlkampf viel auf Marktplätzen – und ich sage immer, Leute, wir müssen die Arbeit umverteilen, auch die Arbeit zwischen Männern und Frauen. Als Mutter kann ich sagen, die Erziehungsarbeit ist eine so wunderschöne Arbeit, die dürfen wir den Männern nicht vorenthalten. Wir müssen hier mehr abgeben. Es ist also auch eine Bereicherung für Männer – und hier merke ich dann immer im Gespräch: Es gibt eine Art „Aha“-Effekt. Neulich im Baden-Württemberg klatschten ältere Männer sogar als erste. Da ist auf jeden Fall etwas im Gange, das wir jetzt bestärken müssen.

Wie könnte denn in Ihren Augen das perfekte Gleichstellungsgesetz aussehen?
Ein Gesetz wird da leider nicht ausreichen. Die Wurzel aller Ungerechtigkeit ist die ungerechte Verteilung der Tätigkeiten. Also müssen wir hier umverteilen. Beispielsweise bei der Elternzeit einen deutlichen finanziellen Anreiz beim Elterngeld schaffen. Die Familien, in denen beide Eltern in Teilzeit gehen, müssen deutlich besser gestellt sein, als diejenigen, wo nur eine(r) die Erziehungsarbeit übernimmt. Das Quoten müssen verpflichtend gemacht werden – und nicht nur für die 100 DAX-Unternehmen. Es sind aber auch die Gewerkschaften in der Pflicht. Also gerade auch in Berufen, wo viele Frauen arbeiten – Pflege oder Erziehung. All diese Berufe müssen langfristig besser bezahlt werden, und hier müssen auch die Gewerkschaften noch mehr kämpfen. Die Streiks für Kita-Erziehung müssen genauso erfolgsorientiert geführt werden, wie die aus der IG-Metallbranche. Das finde ich ganz wichtig.

Gerade in Berufen in der Pflege, in Kindergärten oder Kliniken arbeiten viele Frauen, während Männer im technischen Bereich zu Hause sind. Gibt es hierzu in der Politik auch Gedanken, das Ganze mehr aufzulösen oder auch Anreize zu schaffen, dass beide Geschlechter sich auch beides (zu-)trauen?
Wir haben hier das Problem, dass gerade in Berufen mit und am Menschen immer noch der Gedanke vorherrscht, das haben die Frauen ja früher ohne Bezahlung gemacht, das geht heute auch noch so. Die patriarchale Hierarchie bewertet Arbeit am Menschen niedriger als die Arbeit an Autos. Das muss sich ändern. Deshalb sollten alle Berufe um und am Menschen deutlich aufgewertet werden, genauso wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden müssen.

„Frauen an der Spitze müssen ihren Einfluss nutzen, um die Situation der Frauen generell zu verbessern“

Damit so ein Wandel stattfinden kann, ist es umso wichtiger, dass Frauen in den höheren Etagen der Unternehmen genauso sitzen, wie in der Politik. Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?
Wenn ich über geschlechtsspezifische Unterschiede in meiner Arbeit rede, ist das immer Kritik auf hohem Niveau. Zumindest im Vergleich zu einer Alleinerziehenden, die sich und ihre Kinder mit drei Mini-Jobs über Wasser halten muss. Aber ja, in der Tat gibt es das. Noch vor ein paar Jahren war es völlig normal, dass Männer sexistische Witze reißen und sich allesamt auf die Schenkel klopfen. Inzwischen ist es eher so, dass es dann ein kollektives Augenrollen gibt. Das ärgert viele, weil die es ja gewohnt waren, einen zotigen Spruch zu machen und alle waren begeistert. Das hat sich definitiv geändert. Es kommt aber nicht nur darauf an, dass einzelne Frauen an die Spitze kommen und für sich mit den gängigen Rollenmustern brechen, sondern dass sie ihren Einfluss nutzen, um die Situation der Frauen generell zu verbessern.

Beispielsweise?
Ich habe mich um einen öffentlichen Kita-Platz für meine Tochter beworben – und das war verdammt anstrengend. Die Wahl zur Parteivorsitzenden war aufreibend, aber die Suche nach einem Kita-Platz hat mir wirklich schlaflose Nächte bereitet. Und das erlebt zu haben, hat sich tief bei mir verankert. Das bedeutet jetzt: Ich werde mich immer dafür einsetzen, noch mehr Geld für Kita-Plätze freizumachen.

Und wie sieht es mit dem Frau-Sein in der Politik aus? Viele weibliche Politikerinnen werden ja immer noch oft auf ihr Äußeres reduziert, obwohl es nichts mit der inhaltlichen Kompetenz zu tun hat.
Das passiert natürlich immer noch. Ich hatte einmal ein Erlebnis, da fragte mich ein Redakteur: Frau Kipping, Sie bekommen oft Fragen zu Ihrem Erscheinungsbild gestellt, wie gehen Sie damit um? Ich meinte darauf: Ich freue mich über gut gemeinte Komplimente, sie müssen aber zur Situation passen. Wer man sich auf mein Äußeres bezieht, um beispielsweise meine Argumente in einer inhaltlichen Debatte abzuschwächen, muss mit entsprechenden Konter rechnen. Ernstgemeinte Komplimente hingegen sind eine feine Sache – auch gegenüber Feminist*innen.

„Wir müssen aufpassen, dass es kein Roll-Back gibt“

Viele skandinavische Länder sind so weit voraus im Bereich der Gleichstellung – warum hinken wir hierzulande da noch so weit hinterher?
Das hat einfach auch mit den politischen Verhältnissen zu tun und dem Einfluss der konservativen Parteien. Viele scheuen es, die Gleichstellung der Frauen und die Gleichberechtigung als eine Top-Priorität wahrzunehmen.  Tatsächlich sind wir ja mittlerweile innerhalb der Gesellschaft auf einem guten Weg.
Ja, aber auch hier muss man aufpassen, dass es kein Roll-Back gibt. Ich habe beobachtet, dass es im Zuge der ganzen anti-feministischen Bewegung auch die Einstellung „Man darf es jetzt aber auch nicht übertreiben“ breit macht. Hier müssen wir aufpassen!

Wie sehen Sie denn die Solidarität unter Frauen?
Ich glaube, sobald sich Frauen für eine gemeinsame Sache einsetzen, ist die Solidarität sehr groß. Heißt: Nicht des Frau-Seins wegen zusammen kommen, sondern wegen der Mission. Netzwerke sind immens wichtig heutzutage.

Wenn Sie eine Sache für Frauen konkret sofort umsetzen könnten, was wäre das?
Definitiv die allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Stunden und die klare Forderung an die Männer, dass sie die viele Zeit, die sie jetzt haben, für die wunderbare Erziehungs- und Pflegearbeit nutzen. Im Gegenzug würden wir ihnen die Hälfte der Verantwortung bei den hochdotierten und einflussreichen Spitzenpositionen abnehmen.

Photocredit: Fotos Katja Kipping: Mark Mü̊hlhaus – attenzione photographers

2 Antworten zu “YOUR VOTE: Im Gespräch mit Katja Kipping (Die Linke) über Feminismus in Deutschland und Frauen in der Politik”

  1. Eine großartige Idee, diese Serie zur Bundestagswahl ins Leben zu rufen! Und ein interessantes Interview. Ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen noch kommt. Liebe Grüße!

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