All by myself: Warum Social Distancing als Single gar nicht so schlimm ist

16. April 2020 von in

Ich schlüpfe aus dem Kleid, werfe es auf den Klamottenstapel und rein ins nächste. Seit Ewigkeiten hatte ich keine Zeit mehr, all meine Kleidungsstücke einmal anzuziehen, mir neue Kombinationen zu überlegen und vor dem Spiegel rumzuhüpfen. Während ich mich ein bisschen wie das Klischee des Modemädchens fühle, wächst der Stapel neben mir. „Räume ich später auf“, denke ich mir nach fünf weiteren Outfit-Anprobier-Reihen, und springe im letzten Kleid in die Sonne im Garten. Hier schnappe ich mir mein liebsten Crime-Magazin, lese und genieße die Ruhe. Das Leben ist schön.

So entspannt und voller Wertschätzung meiner freien Zeit war ich vor vier Wochen noch nicht. Das Damoklesschwert der Ausgangsbeschränkung über mir schwebend, knabberten die Gedanken an mir. „Du als Single, bist dann ganz allein. Einsam. Ohne Menschen.“ Ein Artikel über die Vorzüge für Paare in der Quarantäne und den Horror für Singles später war ich überzeugt: Kommt die Ausgangsbeschränkung, gehe ich ein. Fahre einen Horrortrip sondersgleichen, ohne Aussicht auf ein Ende.

Vier Wochen später bin ich überzeugt: Der oder die AutorIn des Artikels würde ihre Zeilen heute anders schreiben. Denn wenn ich mich so umhöre: Von der Romantik und Heimeligkeit des gemeinsamen erzwungenen Zusammenseins ist bei vielen Pärchen nicht mehr 24/7 was zu spüren. Dafür fahren wir Singles aber auch keinen vierwöchigen Horrortrip, sondern haben uns arrangiert.

Mir fehlen natürlich meine FreundInnen, ich vermisse den Kontakt zu Menschen, ja auch Umarmungen oder das zufällige Berühren fehlt. Und selbst wenn ich kein Dating-Pro bin, der jede Woche eine neue Option für sich testet (was für ein Stress!) – gar keine Dates mehr zu vereinbaren ist eine andere Hausnummer.

Ich scherze schon: Sollte Corona länger als ein paar Monate dauern, wird das wohl nichts mehr mit Hochzeit & Kindern.

Denn die Dating-Apps haben mich seit langer, langer Zeit nicht mehr gesehen. Aber: Das alles ist wirklich kein Problem.

Denn bis auf das Treffen mit FreundInnen und ein bisschen mehr Social Life als sonst ist alles wie bisher. Schließlich arbeite ich schon immer von zu Hause aus und kann mich mehr als gut selbst beschäftigen.
In der einen Sekunde räume ich mein Wohnzimmer um, und das ganz ohne Absprachen mit meinem Partner, in der nächsten Sekunde mutiert meine Küche zur Backstube, das Mehl fliegt in alle Ritzen und das leckere Haferbrot gehört nur mir. Und wenn ich Abwechslung brauche, hüpfe ich ins Schlafzimmer und spiele eine Zeit lang Carrie Bradshaw in ihrem Kleiderschrank.

Arbeiten muss ich natürlich auch – und doch erscheint es mir, ist es als Single im Homeoffice auf jeden Fall einfacher. „Puh, wir wissen nicht so genau, wie wir das wuppen sollen, jetzt wo die Kitas und Schulen noch länger geschlossen bleiben“, sagt mir eine Nachbarin. Ich nicke. Mit Kindern im Haushalt zu Arbeiten ist hart. Sehr hart. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen Müttern und Vätern, die trotzdem produktiv sein können. Die es schaffen, trotzdem eine gleichberechtigte Beziehung zu führen und nicht in 1950er-Modelle verfallen.

„Wenn ich helfen kann, lasst es mich wissen“, sage ich – bewusst meines Privilegs, dass ich a) meinen Job so legen kann wie ich will, b) auf niemanden sonst aufpassen muss und c) mich auch mit niemanden absprechen muss. „Ich würde mich wirklich freuen, auf die Kinder aufzupassen“, füge ich hinzu. Sie sieht mich wie ein Alien an, dann nickt sie dankend.

„Ich sitze den ganzen Tag im Schlafzimmer, mein Partner in der Küche“, verrät mir ein Freund, der langsam aber sicher durchzudrehen scheint. „Mir fehlt mein Büro, der Abstand.“ Ich schmunzle, sich Abstand zu seinen Liebsten in Zeiten von Corona zu wünschen grenzt schon fast an Ironie. Aber ich verstehe ihn. Ich selbst bin auch ein Freigeist und liebe es, selbstbestimmt über meine Zeit und Gesellschaft zu verfügen. Plötzlich eingesperrt mit meinem Partner, so sehr ich ihn lieben würde, wäre tatsächlich, sagen wirs mal so, schwierig. Selbst meine Katze geht mir momentan manchmal auf den Keks. „Du hast es gut, du kannst dich frei bewegen, musst nicht tagsüber durch die Wohnung schleichen, niemanden stören oder verhindern, aus Versehen in ein Zoom-Meeting zu tapsen.“ Ich nicke stumm am Telefon. Das stimmt.

Aber: Ich habe nach Feierabend auch niemanden physisch bei mir am Tisch sitzen, mit dem ich in der Mittagspause schon überlege, was wir abends kochen. Ich streite mich nicht über die Fernbedienung, mampfe gemeinsam die Gummibären auf und muss für Nachschub jedes Mal selbst in den Supermarkt, aka in die Gefahrenzone. Ich liege abends allein im Bett und wache morgens auch alleine auf.

Ich bin seit vier Wochen so gut wie immer allein.

Und das ist nur okay, weil ich gut klarkomme. Mit mir, meinen Gedanken. Ich kann mich gut mit mir selbst beschäftigen und habe tolle FreundInnen, die sich gerne mit mir digital austauschen und eben keine Pärchen-Quarantäne-Auszeit für sich machen. Denn die gibt es auch, die „Wir verschwinden in der Quarantäne“-Pärchen. Die, die man wohl erst nach Corona wieder hört oder sieht. Oder: Wenn die Quarantäne schief geht.

Ich habe gelernt, allein zu sein. Ich genieße es. Mir wird nicht langweilig. Ich mache Sport, wann immer ich will. Ich koche und backe, was ich will. Ich lese, nappe und räume auf. Und ich bin froh, keine ständigen Mini-Streits über Lautstärke im Homeoffice, Aufräumen und Netflix zu führen.

Trotzdem gibt es die Momente, in denen ich das Social Distancing verfluche. In denen ich mir einen Partner wünsche und gemeinsam entscheiden will.
Aber hey: Die gab’s auch davor.

Krisen sind auch immer nur so schlimm wie ihre Perspektive. Vor vier Wochen dachte ich noch, ich werde das Social Distancing nicht überleben. Die Gedanken übermannten mich, bis ich sagte: Stop, jetzt erstmal Tag für Tag. Und schwups: Vier Wochen später stehe ich hier und denke mir: Geht auch noch ein bisschen, wenns sein muss. Wann immer mich doch die Panik oder Einsamkeit packt, versuche ich, die Vorteile zu sehen, höre mir die unnötigen, aber verständlichen Streits meiner Freunde in Beziehungen über FaceTime an, gebe schlaue und nicht so schlaue Tipps, und kuschele mich mit Polly anschließend ins Bett. Und wenn gar nichts hilft: Auch auf Kinder einen Tag lang aufzupassen, rückt alles ins rechte Licht. Denn die wahren Helden der Quarantäne sind am Ende all jene, die jetzt eine gehörige Doppelbelastungen haben.

Was wir in all dem nicht vergessen dürfen: Jedes Gefühl ist erlaubt. Ob als Single, als Eltern, als Paar oder als Wohngemeinschaft. Man kann die Situation super finden, aber auch mal richtig kacke. Man darf sich über das Alleinsein freuen und am nächsten Tag eine Runde heulen. Das ist völlig okay.

Und mit diesem Wissen singe ich jetzt durch die ganze Wohnung
Celine Dion’s „All by myself“.
Weil ich’s kann und niemand motzt.

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Eine Antwort zu “All by myself: Warum Social Distancing als Single gar nicht so schlimm ist”

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