Alles ist politisch: Warum ich auf Social Media nicht ständig eine „Botschafterin“ sein möchte

25. Februar 2021 von in
Die in Berlin lebende Journalistin Kemi Fatoba beschäftigt sich mit den Themen Identität und Repräsentation – vor allem aus der Perspektive Schwarzer Menschen. „Schwarz mit großem S“ ist eine Kolumne über die Lebensrealität Schwarzer Menschen. Es ist außerdem eine politische Selbstbezeichnung, die verdeutlichen soll, dass es sich um kollektive Erfahrungen von Menschen afrikanischer und afro-diasporischer Herkunft handelt. In diesem Text geht es um die Politisierung jedes Lebensbereichs – und um Selfcare. Der Artikel von Kemi Fatoba erschien zuerst auf Vogue.de.

“Der Lockdown dauert einfach schon zu lange”. Diesen Satz habe ich in letzter Zeit ständig gehört. Ich habe ihn auch ständig gesagt, denn ich vermisse das, was gerade alle vermissen: meine FreundInnen zu sehen, Menschen zu umarmen, spontan zu verreisen, auszugehen und neue Bekanntschaften zu machen. Stattdessen habe ich in den letzten Wochen mehr Zeit damit verbracht, auf Screens zu starren, als ich zugeben möchte.

Meine Social-Media-Feeds waren so voll mit Diskussionen über Politik, Rassismus, Identität und Mental-Health-Struggles, dass ich fast schon begann, seichte “Inspirations“-Zitate à la “Live Love Laugh” zu vermissen. Aber nur fast. Für jemanden, der so internetsüchtig ist wie ich, war es schwer, sich den Diskussionen völlig zu entziehen. Manchmal waren sie inspirierend und dann fühlten sie sich wieder an wie persönliche Angriffe. Mal angenehm banal und dann wieder so abgründig, dass sie faszinierend waren. Privilegien, Colorism, Safe Spaces, ”Präferenzen” beim Dating, PoC-Solidarität, Codes und Code-Switching und die alte Frage “Was darf man denn überhaupt noch sagen?” wurden Tag und Nacht auf Twitter, Instagram und Clubhouse ungefiltert diskutiert. Ich war eindeutig nicht die einzige, die mehr Zeit online verbrachte, als ihr gut tat.

Es heißt oft, dass die letzten Monate einen Scheinwerfer auf die unterschiedlichen (Start-)Positionen geworfen haben, die wir im Leben haben: Welche Berufe und Tätigkeiten essentiell sind, welche Menschenleben wirklich zählen, wem Raum gegeben wird, welche Stimmen gehört und wessen Bedürfnisse ignoriert werden. Das Frustrierende ist, dass sich trotzdem nichts zu ändern scheint. Das Licht wird nur immer stärker und unangenehmer.

Von Frisur bis Instagram-Feed: Alles ist politisch

Früher sagte man, dass das Private politisch ist. Dieses Statement ist aber längst überholt, denn mittlerweile ist alles politisch. Sogar die Dinge, die nicht politisch sind, werden politisiert. Die Entscheidung, wem wir unsere Zeit, Aufmerksamkeit oder unser Geld geben, ist politisch. Unser Aussehen, unsere PartnerInnenwahl, die Entscheidung, sich zu bestimmten Themen zu äußern und zu anderen nicht, wird politisiert.

Wenn ich ein Beret trage, bekomme ich dazu “Black Panther”-Kommentare. Meine lockigen Haare werden als Zeichen der Rebellion interpretiert. Glätte ich sie, ist es ein Zeichen mangelnder Selbstliebe. Ein weißer Freund kritisierte einmal sogar meinen Instagram-Feed – eine Mischung aus Fotos von FreundInnen, Arbeitsupdates, Urlaubsfotos und Dingen, die ich einfach nur schön oder empowernd finde – weil darin seiner Meinung nach zu viele Schwarze Menschen vorkamen. Als ich wissen wollte, ob es ihn auch störte, wenn er in den Feeds unserer weißen FreundInnen ausschließlich weiße Menschen sah, fühlte er sich ertappt, denn natürlich störte es ihn nicht. Es fiel ihm nicht mal auf. So absurd die Kritik auch war, seine Anmerkung blieb hängen.

„Sobald Schwarze Menschen involviert sind, ist auch Literatur, Kunst oder Musik nicht mehr neutral, sondern ebenfalls Schwarz.“

Für Menschen, die Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen machen, ist es nichts Neues, wenn alle Bereiche unseres Lebens politisiert und wir ständig auf unsere Identität reduziert werden. Sobald Schwarze Menschen involviert sind, ist auch Literatur, Kunst oder Musik nicht mehr neutral, sondern ebenfalls Schwarz. Der Künstler Jayson Musson, aka Hennessy Youngman, erklärte einst, dass wenn ein weißer Künstler eine Blume male, es nur um das Bild einer schönen Blume gehe. Wenn aber ein Schwarzer Künstler eine Blume male, so würde diese zu einer Sklavenblume, einer flower de Amistad.

Das Problematische an dieser ständigen Politisierung ist, dass einige wenige zu “BotschafterInnen” für uns alle gemacht werden. Es führt dazu, dass denjenigen, die ihre Plattform nicht politisch nutzen wollen, Oberflächlichkeit vorgeworfen wird, während von denen, die sich äußern, behauptet wird, dass sie Antirassismus-Arbeit als Geschäftsmodell betreiben. AktivistInnen und BotschafterInnen, die nicht sofort auf jede aktuelle Diskussion reagieren, werden beschuldigt, voreingenommen zu sein, Themen absichtlich zu ignorieren oder auf der “falschen Seite” zu stehen, während diejenigen, die sich äußern, regelmäßig in der Luft zerrissen werden, weil sie zu viel Raum einnehmen. So oder so kann, wie es scheint, niemand gewinnen – vor allem im Internet. (…)

Die ganze Kolumne von Kemi Fatoba findet ihr hier. 

Foto via Unsplash 

Sharing is caring

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.