Die Schönheit von Trennungen – oder auch: Warum ein Ende gut sein kann

7. Oktober 2020 von in

Als ich mit meinem Fuß die letzte Umzugskiste in Richtung Hausflur schob, nahm ich nochmal meine ganze Kraft zusammen. Nicht, um die Kiste mit Tshirts und Sportklamotten über die Schwelle zu hieven, so schwer waren die letzten Dinge nun wirklich nicht, sondern um das letzte Mal Tschüss zu sagen. Kein Wiedersehen, kein Happy-End. Als ich die Tür schloss, in meine leerere Wohnung blickte, brachen die Dämme. Ich weinte.

Trennungen sind immer scheiße. Eine Trennung nach drei Monaten raubt einem die Illusion, was hätte sein können. Eine Trennung nach ein paar Jahren die Zukunft. Und eine Trennung nach ein paar Tagen ein gutes Gefühl. Immer dann, wenn wir uns Menschen nähern, uns ihnen öffnen, Gefühle zulassen, schmerzt der Abschied. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber ein Piekser, der ist irgendwie immer drin.

Ich saß also im Flur, weinte, beweinte das Vergangene, das mir genommene, und auch ein bisschen mich. Wie sollte es nur weitergehen? Ein Blick in die Glaskugel, ich hätte alles dafür gegeben. Ich wusste nur eines: Es wird wieder gut. Nicht wann und wie, aber allein die Tatsache, dass, gab mir Kraft. Ich schniefte, bemerkte den kalten Boden unter mir und stand auf.

Irgendwann steht man eben auf.
Und wenn es nur erstmal vom Boden aufs Sofa ist.

Wer sich trennt – oder die noch schlimmere Version: verlassen wird – ist traurig. Der Verlust einer Liebe, egal, wie groß sie in den Augen anderer gewesen sein mag, ist erstmal nur eines: schrecklich. Das Herz zittert, die Muskeln spannen sich an und die Gefühle fahren Achterbahn. Aber eher die, vor der alle Parkmitarbeiter warnen. Wegen akuter Kotzgefahr. Dir ist schwindlig, das Aufstehen fällt schwer und das Glück so fern. Aber – und ich weiß, das möchte niemand hören, der gerade akuten Liebeskummer hat – Trennungen sind auch ein Grund zum Feiern. Sie können etwas Schönes haben – oder deuten wir es mal vorsichtig an – Schönheit entwickeln.

Keine Sorge, damals in meiner Wohnung am Boden, ich hätte jeden ausgelacht, der mir was von Schönheit in der Trennung gefaselt hätte. Ich hätte sofort nach einem Beweis gefragt – und demjenigen wahrscheinlich nur bei einem Blick in die Glaskugel und der Sicht auf eine bunte Zukunft geglaubt.

Wer eine Liebe verliert, muss sich auf sich besinnen. So sehr sich die liebsten Freund*innen bemühen, den Liebeskummer abnehmen kann einem keiner. Man geht also durch, durch den Schmerz, die Trauer, die vielen Tränen, die ersten lichten Momente, in denen der bleierne Vorhang sich hebt und man doch einen kleinen Blick auf das Leben danach erhascht. Irgendwann bleibt der Vorhang auf, zumindest für ein paar Tage, und man weiß: Das Gröbste ist geschafft. Dieser so wichtige Prozess, diese Bewältigung der Trauer, lässt einen stark werden. Man wächst – sicherlich nicht immer alleine, dank Familie und Freund*innen, aber zum größten Teil eben doch. Und diese Stärke ist ein Gewinn. Dieses Wissen, den schlimmsten Kummer überstanden zu haben, ja irgendwann loslassen zu können, begleitet einen und verlässt einen nie mehr. Bei jeder Trennung, jedem Verlust, wird man wissen: Ich schaffe das. Einmal, zweimal, tausendmal.

Es ist hart, es ist schwer, es ist schrecklich, aber es wird auch wieder gut.

Das wusste ich damals, als ich am Boden saß. Ich hatte schon eine Trennung durchlebt – und auch überlebt. Ich wusste, auch diese hier würde ich überleben, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlte. Ich fühlte mich allein und auch ein bisschen verloren. Was macht man, wenn plötzlich aus dem Er und Ich das Er gestrichen wird? Die größte Frage, die wohl über mir waberte: Was mache ich denn jetzt?

Das Gemeine an Trennungen ist ja eben nicht nur, dass einen der Entschluss für die getrennten Wege in ein tiefes Loch jagt, aus dem man nur sehr langsam wieder rausgekrabbelt kommt, man ist da plötzlich auch allein. Hilfe, aus dem Wir ist wieder ein komplettes Ich geworden – und dieses Ich irrt hilflos durch die Gegend – orientierungslos und ohne Plan. Aber – und das ist das Schöne an der Sache – ist dieser Moment nicht auch der Moment, in dem man merkt: Es steht einem alles wieder offen.

Ich weiß, in der größten Trauer scheint dieser Gedanken weit weg, doch er wird sich durchsetzen. Wer vorher 90 Prozent seiner freien Zeit mit dem einen Partner – oder zumindest im Doppelpack – verbracht hat, hat plötzlich 90 Prozent mehr Zeit für sich. Trennungen sind die Chance, seine Zeit wieder neu zu gestalten. Neue Dinge auszuprobieren, vielleicht spontan zu verreisen oder Freund*innen treffen, die man viel zu lange nicht gesehen hat. Vielleicht findet man auch ein neues Hobby – oder mutig wie ich bin – eine neue Liebe.

Ich erinnere mich, wie ich diese Schönheit der Trennung ein paar Tage später erstmal spürte. Schneller als gedacht. Immer noch schwer im Herzen kam ich an einem Freitagabend in meine leere Wohnung. Es war 22.34 Uhr, das Abendessen mit einer Freundin war schön gewesen, es hatte mich abgelenkt und dafür gesorgt, dass ich irgendwas in meinem Liebeskummer geplagten Magen hatte. Um 22.45 Uhr schrieb ein Freund: „Was machst du?“ „Bin zu Hause.“ „Komm mit, wir gehen noch in die Bar.“ Ohne nachzudenken tippte ich: „Okay. Bin in 10 Minuten da.“ Ich schmiss mir meine Jacke über, schnappte mir meinen Schlüssel und hielt inne. Ich war frei. Ich musste mich mit niemanden absprechen, ich konnte einfach spontan sein, losgehen, ohne dass irgendwer zu Hause auf mich wartet. Mein Herz war für einen Moment leichter. Ich kostete das erste Mal bewusst die Schönheit meiner Trennung.

Trennungen krempeln das eigene Leben um.

Sie werfen Pläne über Bord, wie ein lang geplanter Entwurf auf Papier, der dann kurzerhand im Meeting vom schlecht-gelaunten Chef zerknüllt wird und im Müll landet. Doch – und das kann sich jemand, der gerade tief im Liebeskummer versinkt, nicht vorstellen – das ist nicht immer negativ. Eine Trennung zeigt auf, es gibt noch andere Wege. Eine Trennung zwingt einen, das eigene Leben zu reflektieren, bereits getätigte Entscheidungen nochmal zu prüfen und vielleicht einen ganz neuen Weg einzuschlagen. Vielleicht ist es nur ein neues Sofa oder ein neuer Mantel, vielleicht aber auch eine neue Stadt, ein neuer Job oder neue Freundschaften.

Eine Trennung zeigt auf, was einem viel bedeutet –
und was vielleicht gar nicht so wichtig war.

Ich stand damals vor meinem Kleiderschrank. All meine Taschen, meine Schuhe, all meine Liebe zur Mode, sie fühlte sich nichtig an. Ich hätte alles hergegeben, um wieder glücklich zu sein. Und ich lernte daraus, dass ich Mode zwar liebe, sie aber das erste ist, worauf ich verzichten könnte. Die Idee für mein Buch, der Wunsch nach mehr Tiefe, er keimte damals das erste Mal auf – und blieb.

Eine Liebe zu verlieren, ist ein harter Cut. Vielleicht der härteste, weil die Liebe, sie ist ja nicht weg. Nur der Empfänger, der will sie erstmal nicht mehr. Es ist vielleicht eine der größten Veränderung im Leben eines jeden von uns. Und doch sind Trennungen auch eine Chance. Sie erinnern uns – gut wahrlich mit dem Vorschlaghammer – daran, dass der Weg, den wir bislang beschritten haben, nicht der einzige ist. Dass wir immer wieder neue Wege einschlagen können, auch wenn sie uns erstmal Angst machen.

Trennungen zwingen uns dazu, wieder etwas zu riskieren. Aus der Komfortzone raus ins Leben. Und das ist wahrlich was Schönes.

Für mich hieß das: Mich neu kennenzulernen. An meinen Gefühlen zu wachsen und zu merken: Ich vertraue auf das Leben und die Liebe – trotz all der blöden Erfahrungen. Ich habe mich selten sicherer, ja gewisser meines Glücks gefühlt, als in den Jahren nach der Trennung. Ich lernte mein Leben als Single zu lieben. Das Wissen, alles alleine mit meinen wunderbaren Freund*innen zu stemmen, gab mir Kraft und Flügel. Ich flog los, ganz ohne Angst. In ein neues, anderes Leben. In ein wunderschönes Leben.

Trennungen bleiben erstmal schrecklich. Der Verlust einer Liebe tut immer weh und ist wahrlich niemals einfach. Aber eine Trennung kann auch der Beginn eines neuen Lebens sein. Eine neue Richtung, ein neuer Weg. An dessen Ende vielleicht sogar jemand steht, der auf das neue Ich gewartet hat. Ganz nach dem Motto: Ende gut, alles gut. Und das ist doch wirklich schön.

Fotocredit: Pexels.com

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4 Antworten zu “Die Schönheit von Trennungen – oder auch: Warum ein Ende gut sein kann”

  1. Ich bin sehr gerührt und begeistert, wie Du die Trennung nicht nur überstanden und gemeistert hast, sondern auch die Chancen darin gesehen hast, etwas Gutes daraus zu machen. Deshalb habe ich meinen Job als Paartherapeutin an den Nagel gehängt und bin Conscious Uncoupling Coach geworden, um mutigen Menschen wie Dich auf dem steinigen Weg der Trennung zu begleiten. ❤️-lichst, Dorothea

  2. Toller Text, kann ich für mich persönlich total unterschreiben.

    Ich habe eine Freundin, die begräbt gerade mit dem Beziehungsende nun auch Ihren Kinderwunsch. Weil es dafür vermutlich zu spät sein wird, bis sie wieder bereit für eine neue Liebe sein wird. Und weil sie weiß, dass Sie sich nur sehr selten und sehr schwer verliebt.

    Im ersten Moment dachte ich, der Text wäre genau das Richtige für Sie. Im zweiten Moment bin ich mir da nicht mehr so sicher… Die Message trifft auf jeden Fall bei einer Mittzwanzigerin voll ins Schwarze. Alles ist noch offen. Zeit genug, sich mit sich selbst zu beschäftigen und später wieder zu zweit glücklich zu sein… Oder langfristig alleine…Bei einer Enddreißigerin sieht das irgendwie so anders aus. Macht mich gerade sehr traurig, weil ich zwar weiß, wie man einer Freundin über den Verlust eines Mannes „hinweg helfen“ kann… Das „Kinderlosthema“ hat aber nochmal eine andere Dimension.

    • Liebe Carla,
      danke dir!

      Und ja – das Thema Kinderwunsch ist nochmal ein schwierigeres Thema. Wenn eine solche Trennung eintritt und man diesen Wunsch begraben muss, dauert es sicherlich, bis man die Akzeptanz dafür hat. Das ist ein so großer Schmerz, den niemand nachvollziehen mag, der nicht schon in dieser Situation war. Ich glaube, da muss man – wie du schon sagst – differenzieren. Das Thema „Eine Trennung überwinden“ trifft der Text definitiv, das Thema „Wie gehe ich mit unfreiwilliger Kinderlosigkeit um?“ ist ein so viel größeres, und hallt sicherlich auch nach dem Überwinden einer Trennung nach. Hachja, da hilft wahrscheinlich nur viel Liebe, Verarbeitung und Akzeptanz. Das macht mich auch sehr traurig – und ist etwas, was ich tatsächlich beim Schreiben so nicht bedacht habe.

      Danke dir für deinen Input. <3

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