#BTW21: Da wo ich herkomme, will man mich gar nicht – oder: Mein ganz persönlicher Ost-West-Konflikt

6. Oktober 2021 von in

„Geh dahin zurück, wo du herkommst“. Pöbeln Fremde, und wenn ich ihnen eine Antwort entgegenschreien würde, wäre es: „etwa nach Dresden?“ In den Osten Deutschlands. Pegida-Hochburg (seit 2014) und laut aktueller Wahlergebnisse so blau, dass mir übel wird. Die Bundestagswahl 2021 ist vergangen. Doch die Gefühle kochen weiter. Der Linksrutsch war eine Utopie, die Realität wirkt enttäuschend und beängstigend – vor allem, wenn man sich die Zahlen aus dem Osten ansieht. Und sich fragt, was dieses Ergebnis für unsere Gesellschaft und für all die marginalisierten Gruppen bedeutet? Dorthin soll ich also zurück gehen? In eine Region, die so sehr gegen mich und alles, wofür ich stehe, ist? Die Redundanz dieser Gleichung liegt auf der Hand. Sowieso sorgt die allgemeine Irritation über meinen Geburtsort immer wieder für Gesprächsbedarf – in der Schule, Uni und bei der „Wo kommst du wirklich her“-Frage. Für mich ist der Ost-West-Konflikt also nicht nur kartografisch und statistisch, sondern ein kompliziertes Verhältnis zu meinem Gefühl von Heimat. Denn die liegt für mich auf beiden Seiten, der ewig überdauernden alten Grenze.

 

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Osten gegen Westen – ein ewiges Ringen

Eine Grenze, die bis heute noch vornehmlich im Kopf existiert und über Generationen weitergesponnen wird. Es ist eine Art Misstrauen-Konflikt. Zu dem jeder seinen Teil beiträgt: Die Medien schreiben, Parteien propagieren und niemand möchte Dinge ändern, die seit jeher so gewesen sind. Doppelpunkt, Diesel und Dialogbereitschaft. Es sind Muster, die sich entwickeln, weitergegeben werden und auch irgendwie Stabilität und Kontrolle gewährleisten. Wieso sollten die neuen Bundesländer den alten vertrauen, wenn aktuelle Studien immer noch von einer Lücke berichten – Bildung, Einkommen und Zukunft. Letzteres ein Thema, was alle brennend beschäftigt. Auf ihre Art und Weise. Ganz unabhängig von Politik, denn es geht mehr um Rhetorik und Menschen. Menschen und ihre Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte. Und vielleicht sollte uns aus dem Westen dieses blaue Sachsen nicht ausschließlich defensiv stimmen. Eher eine dringliche Erinnerung daran sein, nach dem Warum zu fragen. Nach empirischer und emotionaler Motivation. Wieso konnte das Blaue, von dem wir sagen, dass es (auf einer Vernunftebene) absolut unzeitgemäß ist, so viele Fürsprecher generieren? Denn das Ergebnis ist ja nicht aus der Zeit gegriffen. Tatsächlich so real, dass es einem Unbehagen bereitet.

Die westdeutsche Arroganz und mein Hadern mit dem Osten

Die Ostrealität lässt sich nicht Wegleugnen – weder persönlich noch politisch. Das ist keine Generationsfrage oder ein Bildungsproblem. Das ist eine Wahrheit, die alles durchdringt und die mich meine eigene Beziehung zu dieser Seite von „Heimat“ infrage stellen lässt: Wie lange kann ich noch unbefangen in einen Zug steigen und einen unbeschwerten Sommer bei den Großeltern verbringen? Wenn ich mich bei jedem Besuch fremd und auf dem Präsentierteller fühle. Wie gefährlich ist dieses Ergebnis für mich als nicht weiß gelesener Mensch? Denn auch wenn ich Dresden und die Umgebung liebe und dort verwurzelt bin, bin ich zwiegespalten und hadere mit mir selbst bei dem Gedanken.

Kann man einen Ort Heimat nennen, an dem eine große Mehrheit mit den eigenen Grundsätzen bricht?

Denn die politische Gesinnung und vor allem die Wertvorstellungen, die mit dem blauen Osten einhergehen, stehen dafür, dass bestimmte Dinge nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand stattfinden. Sie sind salonfähig geworden. Schleichen sich immer weiter in die Mitte der Gesellschaft und verbreiten Angst. Auch wenn es Lichtblicke in Leipzig, Chemnitz und Dresden I gibt, löst das Wahlergebnis einen Gefühlskonflikt in mir aus – mit dem Ost-Teil meiner Herkunft. Möchte ich diese Heimat und alles was damit (besonders aktuell) assoziiert wird, überhaupt als Teil meiner Identität tragen? Und kann man sich von dieser gewollten oder ungewollten Verbundenheit überhaupt distanzieren?

Heimat ist ein Plural – klar und unklar zugleich

Heimat, das ist ein ambivalenter und fragiler Begriff. Der selbst in seiner Definition mehrere Nuancen aufweist. Man wird dort geboren und oder wächst dort auf. Kann sich ihm aber auch nur verbunden fühlen. Wie etwas, das man sucht und findet, aber auch verliert und nicht halten kann. Da wo ich herkomme, ist so multipel wie meine Identität.

Denn Heimat ist für mich Dresden. Mein Geburtsort. Der sich nach Abenteuern und schwerelosen Sommern anfühlt. Nach Marmelade, Buchteln und Eierschecke schmeckt. Die erste Stadt, von der ich das Gefühl hatte, nirgendwo anders glücklich zu sein – aber mittlerweile einen bitteren Beigeschmack hat. Heimat ist für mich auch Mannheim. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin und bisher die längste Zeit meines Lebens verbracht habe. Mannheim fühlt sich nach Weltoffenheit an, nach „weißt du noch damals“ und vertrauter Sicherheit. Schmeckt nach Köz und Sonnenblumenkernen. Es ist die Stadt, die so schön und hässlich zugleich ist und mit der ich irgendwie alles und gleichzeitig nichts verbinde. Der Ort mit den Quadraten, der sich für mich nie wie Heimat angefühlt und aus dem ich immer wegwollte. Und dann ist da noch Hamburg – meine Wahlheimat. Die ich mir selbst ausgesucht habe und die sich vom ersten Augenblick wie ankommen angefühlt hat. Rau und herzlich und irgendwie gerade richtig. Die nach Salz riecht und an der ich gewachsen bin.

Heimat liegt für mich demnach zwischen Ost und West oder aktuell in keiner der beiden Richtungen – allgemein irgendwo dazwischen.

Heimat bedeutet für mich gemischte Gefühle

Das Wort Heimat ist also nicht linear, sondern immer Interpretations- und Ansichtssache. Kompliziert und doch so einfach. Und auch ich komme bei meinem ganz persönlichen Ost-West-Konflikt zu keiner Lösung. Dresden war lange das, was ich mit diesem Wort assoziiert habe. Semmeln, Elbe, Eierkuchen. Habe es meinen Eltern in meiner jugendlichen Ignoranz auch ein wenig übel genommen, dass wir von dort weggezogen sind. Nach Süddeutschland. Da hat sich nichts magisch angefühlt und war grau und quadratisch. Ich wollte also immer wieder dorthin zurück – am liebsten so schnell wie möglich. Aber solange man noch keine 18 ist, die Schule nicht beendet hat und seine Füße unter dem Tisch von jemand anderem, gestalte sich so eine geografische Umorientierung etwas schwierig. Ich bin erwachsen geworden und irgendwann wollte ich dann nicht mehr dorthin zurück. Weil ich verstanden habe, wieso wir dort weg sind. Job, Familie, aber auch die Frage nach einer sicheren Umgebung – waren einige der entscheidenden Faktoren. Und mittlerweile bin ich auch froh darüber. Denn die multikulturelle Stadt, in der ich aufgewachsen bin, hat mich im Endeffekt sehr viel über Kulturen und Offenheit gelehrt.

Und trotzdem ist da diese Liebe für die Stadt, aus der ich herkomme. Die Stadt im Osten, die mich offensichtlich gar nicht will. In der eine große Mehrheit blau wählt und die ich daher immer infrage stellen werde. In der ich mich wohl und unwohl zugleich fühle. Trotz all der schönen Erinnerungen bin ich doch jedes Mal froh, ihr den Rücken zukehren zu können. Immer dann, wenn ich in den Zug steige und heimfahre – mit ganz schön gemischten Gefühlen.

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