Wird 2020 das Jahrzehnt der Frauen?

17. Januar 2020 von in

Bis kurz vor Silvester hatte ich mir so gar keine Gedanken über 2020 gemacht. Halt ein neues Jahr. Doch in meinem Umfeld regte sich immer mehr ein Raunen, wenn ich das bevorstehende neue Jahr so lapidar abtat. „Nein, nein, Antonia, es beginnt nicht nur ein neues Jahr, eine ganze neue Dekade beginnt.“ Innerlich die Augen verdrehend erwartete ich schon fast eine Aufregung, wie zum 2000er-Jahreswechsel, als wir alle dachte, unsere Computer-Systeme brechen zusammen und damit auch unser ganzes Leben. Wie viel abhängiger jemals von der Technik noch werden würden, konnte damals ja noch keiner ahnen. Viel wichtiger jedoch: Es passierte nichts.

Nach und nach ploppte dann doch der Gedanke immer wieder auf. Eine neue Dekade also. Erst blickte ich auf meine vergangenen zehn Jahre zurück und musste schmunzeln. Hatte sich doch allerhand getan, nicht nur war ich erwachsen geworden, sondern einen Uni-Abschluss und mehrere Jobs reicher, ein paar gebrochene Herzen ärmer, dafür aber mit viel Glück und wunderbaren Freund*innen gesegnet. Die vergangenen zehn Jahre waren toll gewesen. Während ich mir also dachte, dass mich das letzte Jahrzehnt als Mensch geformt hatte, ist es nun an der Zeit, mein Ich zu leben, zu genießen, dass ich weiß, wer ich bin, was ich will und worauf ich so gut es geht verzichten möchte.

Und hier setzte dann der nächste Gedanke ein. Was wünsche ich mir von diesem neuen Jahrzehnt. Nicht nur persönlich, sondern allgemein. Natürlich: innovative, schnelle Ideen, um den Klimawandel zu stoppen. Frieden, Toleranz und Humanität in großen und kleinen Entscheidungen. Aber vor allem: Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann.

Meine Hoffnung ist groß, ich bin eine Optimistin, die sich sicher ist, wir sind auf einem guten Weg.

Zurückblickend hat sich in den 2010er-Jahren ja doch schon einiges getan. Zumindest eine Prise mehr als in den Jahrzehnten davor, auch dank der öffentlichen Wahrnehmung, was nicht zuletzt an den technischen Möglichkeiten und der digitalen Vernetzung liegt. Wir Frauen sind lauter, ein wenig unangenehmer geworden – und das ist gut so.

Skandale wie den um Harvey Weinstein und die darauffolgende #Metoo-Kampagne zeigen, wir Frauen trauen uns endlich, offen über Missstände zu reden. „Time’s up“, es ist an der Zeit, dass sich was tut. Wir haben ein überwiegend weibliches Politikerinnen-Gespann in Finnland, Frauen, die jung sind, die innovative Ideen anregen und gemeinsam an einem Strang ziehen – und das nicht nur im Töpferkurs, sondern an der Front, an der sie auch wirklich was bewegen können. Die Finninnen haben Vorbildcharakter, so wie Skandinavien per se. Denn nur oben im Norden haben wir Frauenministerien und Anti-Diskriminierungs-Kommissionen, die sich für die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern einsetzen.

Dass Deutschland hier noch einiges lernen kann, ist kein Geheimnis – und trotzdem möchte ich hervorheben: Wir haben als eines der wenigen Länder ein Frau als Kanzlerin. Ein Vorbildcharakter, der nicht zu unterschätzen ist. Sichtbarkeit ist wichtig, denn nur wenn wir Frauen die Chance bekommen, in der öffentlichen Wahrnehmung gesehen zu werden, wird es Mädchen geben, die es nicht mehr völlig abwegig finden, Astronautin, Politikerin oder Fußballerin zu werden.

15,1 % der Start-Up-Gründer*innen in Deutschland sind Frauen. Eine Quote, die nach wenig klingt, aber trotzdem positiv stimmt.

Denn es ist noch nicht allzu lange her, als Frauen noch nicht mal wählen durften oder der Mann eine Berufstätigkeit erlauben musste. Da freut es uns doch, dass gerade in den vergangenen zehn Jahren und der einhergehenden Digitalisierung immer mehr Frauen den Schritt ins Unternehmertum wagen.

Einziger Wermutstropfen: Der Grund ist oft ein trauriger. Denn viele Frauen, die sich selbstständig machen, tun das nicht nur wegen der guten Idee, sondern vor allem auch, um eine freiere und flexiblere Vereinbarkeit für Familie und Job zu erlangen. Denn trotz unserer modernen Welt tun sich Arbeitgeber*innen immer noch schwer, für Mütter und Väter Lösungen anzubieten, die eine gute Work-Life-Balance schaffen. Jeder dritte sorgt sich sogar, dass ein Kind der Karriere schadet. Momentan gilt das aber vor allem noch für die Frau.

Die gute Nachricht: immer mehr Väter nehmen Vaterschaftsurlaub, und so mancher Mann schafft es auch, mehr als zwei Monate in Betracht zu ziehen oder gemeinsam mit der Mutter seinen Job auf 30/h pro Woche  zu reduzieren, um ebenfalls für das Kind da zu sein. Geteilte Care-Arbeit, geteilte Elternschaft gelebt. Etwas, dass sich auch in den vergangenen zehn Jahren immer mehr etabliert hat.

Und dann durften wir uns auch über kleine Aufmerksamkeiten freuen: In der medialen Berichterstattung finden Frauen immer mehr Platz, in Talkrunden achten zumindest manche Veranstalter*innen immer öfter auf eine Frauenquote, viele Speakerinnen sagen auch erst zu, wenn es keine reine Männerrunden sind. Ein wichtiger Schritt für die Präsenz der Frauen.

Framing ist nicht mehr nur ein Fremdwort, sondern wird in Redaktionen langsam aber sicher ernst genommen. Und dass die schreckliche Tatsache, dass jeden 3. Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner in Deutschland getötet wird, ist längst nicht mehr nur eine Bild-Schlagzeile nach dem Motto „Sie hatte einen Neuen, da stach er zu.“, sondern wird glücklicherweise in hochwertigen Medien kritisch beleuchtet und als erschreckend empfunden.

Die Tamponsteuer wurde gesenkt, eine Frauenquote wird zumindest noch immer diskutiert, Frauen sind längst nicht mehr nur Beiwerk, sondern werden vor allem in der Retrospektive als Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuelle wahrgenommen. Künstler*innen widmen sich immer öfter der Frau in anderer Anlehnung als die der Muse. Alice Schwarzer ist nicht mehr nur das Aushängeschild des Feminismus‘, sondern nur mehr eine Nebenfigur des modernen Feminismus, und selbst Uli Wickert bezeichnet sich als Feminist (wenn auch erst nach deutlicher Nachfrage).

Frauen haben in den 2010er-Jahren an Platz und Macht gewonnen. Der Zusammenhalt unter Frauen ist gewachsen, ihre Sichtbarkeit auch. Frauen sind lauter geworden, unangenehmer und offener.
Doch es gibt noch viel zu tun.

Beginnt mit 2020 das Jahrzehnt der Frauen?, habe ich mich in den vergangen Tagen immer wieder gefragt.

Ich wünsche mir, dass unsere Sichtbarkeit nicht mehr nur an Orten stattfindet, an denen wir für eine Quote erwünscht sind, sondern wir immer öfter die Chance bekommen, die gläserne Decke zu durchbrechen. Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland und anderen Nationen junge Frauen die Chance bekommen, sich politisch zu engagieren und Entscheidungen zu treffen. Dass eine Politikerin sich nicht mehr optisch ihren Kollegen anpassen muss, sondern auch als gut aussehende Frau ernst genommen wird und unsere Gesellschaft mitbestimmen darf.

Dass wir Frauen nicht mehr unter dem Mental-Load zusammenbrechen zu drohen, sondern Partner*innen an unserer Seite haben, die sich genauso für die Care-Arbeit verantwortlich fühlen. Dass Väter nicht mehr nur zwei Monate Vaterschaftsurlaub nehmen, um gemeinsam mit der Familie Urlaub zu machen, sondern mehrere Wochen die Arbeit der Kinderbetreuung kennenlernen. Dass noch mehr Väter zu Hause bleiben, wenn ihr Kind krank ist, oder zumindest einen Rentenausgleich an die Frau zahlen, die ihre Kinder zu Hause betreut, während sie Karriere machen.

Ich wünsche mir, dass Sexismus irgendwann der Vergangenheit angehört, dass Männer irgendwann aus ihrer privilegierten Haltung heraustreten und nachvollziehen können, warum wir bis heute nachts ungern alleine nach Hause gehen.

Dass Verständnis aufkommt, statt unsere Sorgen
und Nöte als Hysterie abzutun.

Dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen und Männer mit dem Erstarken des anderen Geschlechts keine Panik verspüren, sondern Erleichterung. Es ist ja schließlich schöner, gemeinsam kraftvoll durchs Leben zu gehen, als in jeder Frau eine potentielle Konkurrentin zu sehen.

Ich wünsche mir Arbeitgeber*innen, die Frauen fördern und in ihnen weniger eine Gefahr als potentielle Mutter sehen. Die flexible Lösungen für Eltern finden und verhindern, dass wir – egal ob Mann oder Frau – unter dem vorherrschenden Druck der Gesellschaft zusammenbrechen, weil wir immer wieder daran scheitern, 100% perfekte Arbeitnehmer*innen, Eltern und Liebhaber*innen sind. Dass wir Frauen nicht mehr nur starke Frauen sind, wenn wir uns innerlich zerreissen, sondern dass jedes Lebensmodell, selbstgewählt, als mutig und großartig erachtet wird.

Es ist noch viel Arbeit. Aber ich sehe gute Chancen, dass die 2020er-Jahre das Jahrzehnt der Frauen werden. In den 2010er-Jahren haben wir uns vom ungeliebten Wort der Emanzipation gelöst, modernen Feminismus gelebt, erstmals lauter und stärker bemerkbar gemacht, haben uns vernetzt und gemeinsam mobilisiert. In den 2020er-Jahren heißt es, weitermachen, weitersprechen mit Frauen und Männern. Missstände aufzeigen, sich engagieren, die Politik fordern und vor allem Frauen beistehen, statt gegeneinander zu sein.

Dann haben wir die Chance, dass wir ohne Zweifel
zu allen jungen Mädchen sagen können:

„Du kannst alles werden, was du willst.“

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