#Megxit: Meghan & Harry machen ihr Ding – und alle hassen die Frau

14. Januar 2020 von in

Ich habe eine ziemlich enge Verbindung zu den britischen Royals. Nein, wir sind nicht verwandt, aber dadurch, dass meine Oma schon immer sämtliche Klatschzeitungen in den 90er-Jahren gelesen hat, kenne ich den Stammbaum der europäischen Königshäuser fast in-und auswendig. Ich war gefühlt live dabei, als Prinz Charles seine alte Flamme Camilla wieder traf, Diana sich mit ihrem Liebhaber auf einer Yacht tummelte und ihr tragischer Tod in Paris wochenlang alle Schlagzeilen dominierte. Prinz William und Harry hatten mein tiefstes Mitgefühl, schließlich waren sie fast so alt wie ich. Ich hörte stundenlang Elton Johns Candle in the wind und liebe es bis heute, royale Hochzeiten im Fernsehen anzusehen. Zuletzt natürlich die wunderbare Hochzeit zwischen dem jüngsten Spross von Prinz Charles mit der Hollywood-Schauspielerin Meghan Markle. Nennt mich also Adelsexpertin.

Na gut, ganz so weit möchte ich dann doch nicht gehen, trotzdem verfolgte ich in den vergangenen Wochen die Diskussion um Prinz Harry und Herzogin Meghan, die – fast als würde sich die tragische Geschichte wiederholen – unter der britischen Boulevard-Presse und deren distanzloser Berichterstattung leidet. In einem Interview war sie den Tränen nahe und ich sah wirklich nur eines: eine Frau, die mit ihrer neuen, anderen Rolle in der Öffentlichkeit und dem engen Korsett des britischen Königshauses kämpft. Sie wäre nicht die erste, die daran zu zerbrechen droht – und das weiß auch ihr Mann, Prinz Harry. Dieser ergriff immer wieder Partei, aber sagen wir’s mal so: Der Sun & Co. war das herzlich egal.

 

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Also machten die beiden das einzig richtige: die Reißleine ziehen. So ist es manchmal im Leben. Um das Glück zu finden, musst du loslassen. Loslassen von Konventionen, von Erwartungen, von Dingen, die dich nicht glücklich machen. Ich vermute sehr stark, dass diese Entscheidung für beide keine einfache war. Dass das Paar stundenlang, wahrscheinlich über Monate gesprochen hat. Diskussionen führte, mit Freund*innen sprach, die Pros und Contras abwog und am Ende eine Entscheidung traf. Die, sich den royalen Verpflichtungen zu entziehen, es auf eigene Faust zu versuchen, in einem Land, in dem sich nicht unter ständiger, medialer Beobachtung, immer auf der Suche nach dem nächsten Fehler, stehen. Oder zumindest unter anderer Beobachtung. Man möge vermuten, dass ihnen diese Entscheidung nicht leicht fiel. Dass sie schwer war. Und dass sie wussten, sie würden Menschen enttäuschen. Aber wieder gilt: Nur du allein kannst für dein Glück sorgen.

Da sind sie also, Harry und Meghan. Ein junges Elternpaar, das eine Entscheidung für sich trifft. Einen neuen Weg beschreitet, der die Briten – ja sogar Europa – erstaunt.
Wer die treibende Kraft hinter der Entscheidung war, wissen wir nicht. Und doch vermute ich stark, dass es eine gemeinsame war. So ist das doch unter Eheleuten und Liebespaaren. Man entscheidet gemeinsam, für das gemeinsame Glück, oder?

Und da wären wir bei dem Problem, das mir seit Tagen Bauchschmerzen bereitet. Nicht, dass ich meine Gemütslage zu sehr an das britische Königshaus koppeln würde, aber wir haben hier zwei erwachsene Menschen, die sich für etwas entscheiden – und in der öffentlichen Wahrnehmung ist nur eine schuld: die Frau.

„Me-Me-Meghan“, „Sie haut immer ab, wenn es ernst wird“, „Seit er sie kennt, ist er nicht mehr der alte“,  „Egozentrisch und stur: Meghans Freunde enthüllen ihr wahres Gesicht“ oder „Der typische Fall einer schwierigen Schwiegertochter“.

Meghan hat seit Anbeginn als nicht-royale, PoC schon immer einen schweren Stand. Während Herzogin Kate alles richtig machte, wurden Meghan die selben Sachen negativ ausgelegt. Mit dem Verkünden des royalen Rückzug erreicht die negative, mediale Stimmung gegenüber Meghan nun ihren Höhepunkt:
Meghan ist an der Misere schuld. Meghan hat den armen, wehrlosen Harry dazu gezwungen, sich von seiner Familie loszusagen und in ein anderes, weit entferntes Land zu ziehen. Meghan ist das Biest, das alles tut, um die britische Familie zu entzweien. Es ist eindeutig der Megxit – nicht der Harryxit!

Was wir hier erleben, nennt sich Framing. Eine moralische Wertung wird durch die Macht der Worte impliziert. Bestimmte Perspektiven und Informationen werden aufgrund des Framings hervorgehoben, andere in den Hintergrund gerückt. Dadurch entsteht ein Bild – und im Fall des #Megxit bedeutet das: Der oder die Leser*in ergreift unterbewusst Partei. Denn der oder die Leser*in liest vor allem eines: die starke, selbstbewusste Frau ordnet sich nicht unter. Nein, sie sagt offen, wie es ihr geht, und ist – na klar – die Schuldige, wenn es darum geht, dass Harry nicht für immer in Großbritannien leben will und seinen royalen Pflichten nachkommen will. Die arrogante US-Amerikanerin zerstört die Familie.

Dass wir es hier mit einem erwachsenen Mann zu tun haben, der – wovon ich stark ausgehe – nicht von seiner Ehefrau gefesselt und geknebelt wurde, um mit nach Kanada zu gehen, wird vergessen.

Dass in der britischen Königsfamilie vielleicht mehr im Argen liegt, als diese neue Frau an Harrys Seite, wird ebenfalls unter den Tisch gekehrt. Und dass vielleicht Harry derjenige ist, der aufmüpfig genug von royalen Pflichten und Konventionen hat, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Schließlich könnte ja die Schlagzeile auch heissen: Harry, du mieser Verräter.

Alle Artikel suggerieren nur eines: die Frau ist schuld. Frauen sind gefährlich. Mütter und Väter, hütet euch vor den Schwiegertöchtern dieser Welt. Oder einfach gesagt: Frauenfeindlichkeit at its best.

Doch damit noch lange nicht genug. Manche Zeitung stellt mittlerweile die Frage: „Sind Sie Team Meghan oder Team Queen?“ Na klar, bringen wir noch eine Prise Konkurrenzkampf unter Frauen in den Ring. Was unterschwellig und unterbewusst in den Köpfen der Leser*innen ankommt: Die Queen hasst Meghan Markle, Meghan Markle macht der Queen das Leben schwer und klaut ihr ihren liebsten Enkel. Frauen können sich gegenseitig nicht ausstehen, Zusammenhalt unter Frauen ist ein Märchen.

Framing ist wichtig, um Fakten zuzuspitzen, aber auch gefährlich.
Unsere Worte haben Macht.

Was bei Meghan noch milde anfängt, wird bei Terrorismus und Femiziden weitergeführt. Wer bei einem Mord, den ein Ex-Partner an einer Frau begeht, von Familiendrama spricht, mildert den Fakt gehörig ab. Noch schlimmer wird es mit Sätzen wie „Tötete er sie, weil sie ihn verlassen wollte?“ – oder umgekehrt unterbewusst gefragt: Hatte sie vielleicht einfach Mit-Schuld, dass er sie umgebracht hat?
Ihr seht, Framing beeinflusst die öffentliche Wahrnehmung von Geschehnissen in unserer Gesellschaft. Gerade bei den Themen Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung ist es wichtig, bei den Fakten und der neutralen Deutung zu bleiben und sich mehrmals zu fragen, ob man hier nicht ein strukturelles Problem befeuert.

Wie bei Meghan und Harry. Unterschwellig wird hier Frauenfeindlichkeit betrieben. Niemand – nicht mal gut informierte Journalist*innen wissen, was im royalen Clan vor sich geht. Es geht uns auch nichts an. Vielleicht ist Meghan das Biest, von dem alle sprechen, aber ist Harry wirklich der wehrlose Mann, der dem Charme seiner Frau verfallen ist? Vielleicht ist die Queen auch im Alter einfach unausstehlich geworden, Prinz Charles sowieso ein Idiot und Prinz William der Spießer, der seinem Bruder kein Glück gönnt. Vielleicht lieben sich aber auch alle heiß und innig, sprechen offene Worte und Meghan und Harry haben einfach Lust auf etwas Neues. Wer weiß.

Nach all den Me-Me-Meghan-Artikel könnte ich die Herzogin allerdings verstehen, wenn sie endgültig die Nase voll hat. Denn eine Frau, die sich in der Vergangenheit so viel für Frauenrechte eingesetzt hat und authentisch wie selten ein royales Mitglied aufgetreten ist, hat – wie viele Frauen unter uns in der unendlichen Geschichte unseres Daseins – vor allem eines nicht mehr verdient: der Sündenbock zu sein.

Photocredit: Wikimedia Common License

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7 Antworten zu “#Megxit: Meghan & Harry machen ihr Ding – und alle hassen die Frau”

  1. Liebe Antonia, Danke für Deinen tollen Artikel! Es erinnert mich ein wenig an meinen Lieblingsfilm „Notting Hill“ – wo Julia Roberts sagt, ‚ich bin auch nur ein Mädchen und will von meinem Jungen geliebt werden‘. Und dann erwacht diese Meghan wie im falschen Film in einem antiquierten Korsett aus Do’s und Don’t’s und jeder Schritt unter strengster Beobachtung von Queen-Argus-Augen. Mal ehrlich, wer will das ernsthaft in Erwägung ziehen? Und dann die ganze Lügenpresse, die jede Bewegung und jede Geste nach Belieben interpretiert und hier eine Freundschaft, da eine Feindschaft zu Kate & Co. zu entziffern glaubt – vom ständigen Vergleichen der beiden mal ganz abgesehen. Nein, ich glaube a) Du hast recht, Frauenfeindlichkeit wird z.B. in diesen Interpretationen sichtbar und b) der Versuch, einen neuen „Königsweg“ zu finden kann für Harry der Befreiungsschlag sein und somit c) die Monarchie in England auf eine neue Stufe heben. In diesem ganzen „Spiel“ scheint nur Meghan wirklich zu verlieren- schade! Als Frau kann ich nur mitfühlen und ihr wünschen, dass sie das zusammen mit Harry durchsteht.

    • Liebe Mimita,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich stimme dir absolut zu. Die Boulevardpresse in Großbritannien ist wahrlich ein Höllenschlund, wenn gleich ich auch die deutsche Boulevardpresse oft unerträglich finde. Ich fühle da auch sehr mit.
      Ein einziger kleiner Hinweis in eigener Sache: Lügenpresse sollte man (gerade in der heutigen Zeit) als Wort nicht benutzen, da es ein AfD-Instrumentarium ist. Lieber benennen wir die Medienberichterstattung im Rahmen der Boulevardpresse – dann ist genauso klar, was gemeint ist. :)
      Liebe Grüße!

  2. Liebe Antonia,
    ein wahnsinnig guter und wichtiger Text mit Haltung, der Framing präzise und anschaulich erklärt. Wird ab sofort mein Standard-Verweis bei Gesprächen und Diskussionen. Dankeschön & liebe Grüße aus Köln!

  3. […] Framing ist nicht mehr nur ein Fremdwort, sondern wird in Redaktionen langsam aber sicher ernst genommen. Und dass die schreckliche Tatsache, dass jeden 3. Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner in Deutschland getötet wird, ist längst nicht mehr nur eine Bild-Schlagzeile nach dem Motto „Sie hatte einen Neuen, da stach er zu.“, sondern wird glücklicherweise in hochwertigen Medien kritisch beleuchtet und als erschreckend empfunden. […]

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